E-Book, Deutsch, 496 Seiten
Davis Das Echo vergessener Bücher
24001. Auflage 2024
ISBN: 978-3-492-60786-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Für alle Fans von "Der verschwundene Buchladen" - ein ergreifender Frauenroman auf zwei Zeitebenen
E-Book, Deutsch, 496 Seiten
ISBN: 978-3-492-60786-5
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Davis war mehr als ein Jahrzehnt lang Führungskraft in der Schmuckbranche, bevor sie beschloss, ihrer lebenslangen Leidenschaft für das Schreiben nachzugehen. Sie stammt aus New Jersey, ist aber im Süden der USA aufgewachsen und lebt jetzt in Rochester, New Hampshire, mit ihrem Mann Tom und ihrem geliebten rot getigerten Kater Simon.
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EINS
23. September 1984
Portsmouth, New Hampshire
Wie so oft war Ashlyn Greer auch an diesem Sonntagnachmittag auf Jagd, dieses Mal in dem vollgestellten Hinterzimmer einer Vintage-Boutique, die nur zwei Straßen von Die Unwahrscheinliche Geschichte entfernt lag, dem Buchladen für seltene Bücher, der ihr gehörte und den sie seit fast vier Jahren führte.
Gestern hatte Kevin Petri sie angerufen, der Besitzer der Boutique, um ihr mitzuteilen, dass ein Mann aus Rye mehrere Kisten mit Büchern vorbeigebracht hatte und Kevin der Platz fehlte, um sie zu lagern. Wollte sie sich die Bücher ansehen?
Nicht zum ersten Mal verbrachte sie ihren einzigen freien Tag damit, sich durch Kartons zu wühlen und nach verlorenen Schätzen zu suchen – meistens erfolglos, aber eben nicht immer. Sie hatte schon einen Erstdruck von Der Doktor und das liebe Vieh entdeckt, der, soweit sie es erkennen konnte, noch ungelesen war, und eine Erstausgabe von Der verlorene Horizont aus einem Karton voller alter Kochbücher gerettet. Das Buch war stark in Mitleidenschaft gezogen worden, aber nach einer aufwendigen Restaurierung hatte es ihr einen hübschen Profit eingebracht. Solche Fundstücke gab es nur selten – im Grunde fast nie –, aber wenn sie dieses Glück erlebte, dann war es jede Mühe wert.
Die heutigen Kartons wirkten jedoch nicht gerade vielversprechend. Die meisten Bücher waren Hardcover, neue Bestseller von Danielle Steel, Diane Chamberlain und dem viel gepriesenen König der Herzschmerzromane Hugh Garret. Angesehene Autoren, keine Frage, aber nicht unbedingt selten. In der zweiten Kiste fand sie eine größere Auswahl, darunter auch ein paar Bücher zu Gesundheit und Ernährung, von denen eines einen flachen Bauch in dreißig Tagen versprach und ein anderes die Vorzüge einer makrobiotischen Diät anpries.
Sie arbeitete zügig und achtete darauf, keines der Bücher zu lange in der Hand zu halten. Es fiel ihr allerdings schwer, die subtilen Schwingungen zu ignorieren, wenn sie die Bücher in den Karton zurücklegte. Sie hatten einer Person gehört, die krank gewesen war und sich gefürchtet hatte. Jemandem, dem die Zeit davonlief. Einer Frau, da war sie sich fast sicher.
Es war eine Gabe, die sie hatte, eine Art absolutes Gehör oder wie die feine Nase einer Parfümherstellerin. Die Fähigkeit, jene Echos wahrzunehmen, die sich auf bestimmte unbelebte Objekte übertrugen. Auf Bücher, um genau zu sein. Sie hatte keine Ahnung, wie es funktionierte, sie wusste nur, dass es angefangen hatte, als sie zwölf Jahre alt gewesen war.
Ihre Eltern hatten sich mal wieder in den Haaren gelegen, und sie hatte sich zur Hintertür hinausgeschlichen und war auf ihr Fahrrad gesprungen. Sie hatte wild in die Pedale getreten, bis sie den kleinen Buchladen auf der Market Street erreicht hatte. Damals war das ihr Zufluchtsort gewesen – und er war es noch heute.
Der Ladenbesitzer Frank Atwater hatte sie wie stets mit einem wortlosen Nicken begrüßt. Er hatte gewusst, wie es bei ihr zu Hause zuging – alle in der Stadt hatten es gewusst –, aber er hatte das Thema nie angesprochen und ihr stattdessen eine Zufluchtsstätte angeboten, wenn die Streitereien ihrer Eltern unerträglich wurden. Diese freundliche Geste hatte sie nie vergessen.
An jenem schicksalhaften Tag war sie schnurstracks in ihre Lieblingsecke mit den Kinderbüchern gelaufen. Sie kannte jeden Titel und jeden Namen auswendig, ebenso die Reihenfolge, in der die Bücher im Regal standen. Jedes der Bücher hatte sie mindestens einmal gelesen, aber an jenem Tag hatten drei neue Bücher im Regal gewartet. Mit dem Finger hatte sie über die unvertrauten Buchrücken gestrichen. Doktor Dolittle und seine Tiere, ein Band aus der Nancy-Drew-Reihe und Die Wasserkinder. Sie hatte die Wasserkinder aus dem Regal gezogen.
In dem Moment war es geschehen. Ein Stromschlag, der ihr den Arm hinauf und in die Brust fuhr. Trauer legte sich so schwer auf sie, dass sie kaum atmen konnte. Sie ließ das Buch fallen. Es landete vor ihren Füßen auf dem Teppich, die Seiten aufgeschlagen wie die Flügel eines gestürzten Vogels.
Hatte sie sich das nur eingebildet?
Nein. Sie hatte es gespürt! Körperlich. Ein Schmerz, der so real, so stechend gewesen war, dass er ihr Tränen in die Augen getrieben hatte. Wie war dergleichen möglich?
Vorsichtig hob sie das Buch auf und ließ sich auf die Gefühle ein: eine Kehle, rau vom Weinen, Schultern, die nach einem Verlust schmerzten. Eine Trauer, die keine Gnade kannte und kein Ende fand. Damals wusste sie nicht, womit sie diese Qual hätte vergleichen können – diese Qual, die sich in einen Körper grub und in eine Seele brannte. Sie saß nur da und versuchte, es zu verstehen – was auch immer es war.
Schließlich ließ der Schmerz nach, büßte seine schneidende Schärfe ein. Hatte sie sich bereits an ihn gewöhnt? Oder waren die Gefühle einfach versiegt? Auch dies wusste sie nicht. Selbst nach all den Jahren war sie dessen nicht sicher. Konnte sich das Echo eines Buches verändern, oder waren die Gefühle, die sie spürte, unauslöschlich und für immer fest in der Zeit verankert?
Am nächsten Tag hatte sie Frank gefragt, von wem die Bücher stammten. Er hatte ihr erzählt, die Tante eines jungen Mannes, der bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, habe sie vorbeigebracht. Da hatte sie es verstanden. Dieses erdrückende Gefühl in ihrem Brustkorb – das war die Trauer einer Mutter. Trotzdem blieb ihr unklar, wie das möglich sein sollte. Konnte sie wirklich die Gefühle einer anderen Person wahrnehmen, indem sie einen Gegenstand berührte, der einst ihr gehört hatte?
In den folgenden Wochen hatte sie versucht, das Erlebnis zu wiederholen: Sie zog wahllos Bücher aus den Regalen und wartete gespannt auf dieses seltsame Gefühl. Doch nichts. Bis sie dann eines Nachmittags eine abgenutzte Ausgabe von Charlotte Brontës Villette in die Hand nahm. Unbändige Freude strömte über ihre Finger in sie hinein, rauschte wie kühles Wasser, leicht und überschäumend, aber erschreckend intensiv …
Danach war sie auf ein drittes Buch gestoßen, den Gedichtband The Kingdom of Love von Ella Wheeler Wilcox. Die schale maskuline Energie, die von dem Buch ausging, stand in einem seltsamen Kontrast zu dem romantischen Titel, ein Beweis dafür, dass die Echos eines Buches wenig mit seinem Genre oder Thema zu tun haben. Die Energien der Bücher schienen eher von jenen zu stammen, denen sie einst gehört hatten.
Schließlich brachte sie den Mut auf, Frank von den Echos zu erzählen. Sie fürchtete, er würde ihr sagen, sie hätte zu viele Märchen gelesen, doch er hörte ihr aufmerksam zu und überraschte sie mit seiner Antwort.
»Bücher sind wie Menschen, Ashlyn. Sie nehmen das auf, was in der Luft liegt. Rauch. Fett. Schimmelsporen. Warum nicht auch Gefühle? Sie sind genauso echt wie alles andere. Es gibt nichts Persönlicheres als ein Buch, ganz besonders, wenn es ein wichtiger Teil des eigenen Lebens geworden ist.«
Sie riss die Augen auf. »Bücher haben Gefühle?«
»Bücher sind Gefühle«, erwiderte er schlicht. »Sie sollen uns etwas fühlen lassen. Uns mit dem verbinden, was in unserem Innern liegt, manchmal sogar mit Dingen, von denen wir gar nicht wissen, dass sie da sind. Deshalb ergibt es Sinn, dass das, was wir empfinden, wenn wir sie lesen, zum Teil auf sie abfärbt.«
»Können Sie das auch? Fühlen, was auf sie abgefärbt hat?«
»Nein. Aber vermutlich gibt es andere Menschen, die es können. Du bist gewiss nicht die Erste mit diesen Fähigkeiten. Oder die Letzte.«
»Dann brauch ich also keine Angst zu haben, wenn das passiert?«
»Ganz genau.« Er kratzte sich am Kinn. »Was du beschreibst, ist eine Art Gabe. Und Gaben sollten benutzt werden. Warum sollte man sie sonst haben? An deiner Stelle würde ich herausfinden, wie ich sie verbessern kann. Du solltest üben, damit du weißt, wie sie...




