E-Book, Deutsch, Band 131, 64 Seiten
Reihe: Das Haus Zamis
Dee Das Haus Zamis 131
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8954-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Das Dorf der Fliegen
E-Book, Deutsch, Band 131, 64 Seiten
Reihe: Das Haus Zamis
ISBN: 978-3-7517-8954-7
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als sich Skarabäus Toth umwandte, stand seine tote Assistentin hinter ihm. Als verkohlte Leiche. »Ein Herr Baalthasar Zebub möchte Sie sprechen«, sagte die Untote. »Was ist? Ich ...«, begann Toth, doch jemand schob die Assistentin beiseite, und ein eher mickriger Dämon stand mit einem Mal vor ihm. Er war höchstens ein Meter sechzig groß, in einen schwarzen Umhang gehüllt und trug schwere schwarz glänzende Stiefel mit hohen Absätzen. Statt einem Kopf staken gleich drei aus dem Umhang heraus. Der mittlere war menschlich, der linke der eines schwarzen Katers und der rechte der einer warzigen Kröte. Ein summender Fliegenschwarm umschwirrte die Gestalt. »Herr Toth, darf ich eintreten?«, fragte der Menschenkopf mit süffisantem Lächeln. »Mein Name ist Zebub. Baalthasar Zebub ...«
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2. Kapitel
Gegenwart
Mir kam es vor, als führen wir schon seit Stunden durch den Wald. Warum mein Vater ausgerechnet wieder diese Route gewählt hatte, erschloss sich mir nicht. Wir waren bereits auf der Hinfahrt von den dämonischen Bewohnern des Hoia Baciu angegriffen worden. Aber offensichtlich liebte ein Michael Zamis die Herausforderung. Wollte er es einfach allen nur zeigen, dass er sich von nichts und niemandem ins Bockshorn jagen ließ? Oder hatte ihn unser Sieg – wenn man es denn so nennen wollte – auf der Temeschburg erst so richtig in Kampfstimmung versetzt?
Weil ich zusammen mit Juna und meiner Mutter auf der Rückbank saß, konnte ich nur den Hinterkopf meines Vaters sehen. Er fuhr schnell, viel schneller, als es die schmale, holprige Schotterstraße erlaubte. Und eigentlich fuhren wir auch nicht, sondern wir schwebten dahin. Natürlich, mein Vater bediente sich nicht nur seiner herausragenden Fahrereigenschaften, sondern auch seiner magischen Fähigkeiten, um möglichst schnell den Wald hinter sich zu lassen.
Es war noch immer Nacht, und wenn ich den Kopf wandte und aus dem Fenster schaute, war da nur Schwärze, in der sich mein müdes Gesicht spiegelte. Hätte nicht ab und zu ein Zweig über das Fenster gekratzt, so hätte ich gar nicht das Gefühl gehabt, dass wir uns von der Stelle bewegten.
Neben meinem Vater, auf dem Beifahrersitz, saß Skarabäus Toth und schnarchte leicht. Obwohl ich nach wie vor sicher war, dass er mit der Fürstin Bredica viel mehr unter der Decke gesteckt hatte, als er zugab, konnten wir ihm nichts beweisen. Als Schiedsrichter der Schwarzen Familie war ihm vordergründig nichts vorzuwerfen, dass ihn die Fürstin mit der Eröffnung ihres Testaments betraut hatte. Doch dass er nichts davon gewusst haben wollte, dass die meisten der Erbberechtigen sterben sollten, das kaufte ich ihm nicht ab. Zuletzt hatte sich die Gräfin als durchaus rabiater Geist präsentiert und auch Toth als Mitwisser ausschalten wollen. So gesehen verdankte er mir sein Leben, weil ich rechtzeitig einen Heilzauber eingeleitet hatte.
Ich seufzte unwillkürlich über die Ungerechtigkeit der Welt, vielleicht auch über meine eigene Barmherzigkeit. Niemand würde Toth für das Massaker auf der Temeschburg zur Verantwortung ziehen. Es waren alle umgekommen, und meine Eltern, Juna, Toth und ich waren die Überlebenden dieser grauenvollen Nacht.
Neben mir saß Juna, meine Halbschwester, und ich fragte mich, wie sich das alles entwickeln würde. Lange genug hatte meine Mutter Juna verleugnet. Ich hatte sie erst auf der Temeschburg kennengelernt und erfahren, dass wir verwandt waren. Ihren bisherigen Erzählungen nach hatte sie es bisher nicht gerade leicht gehabt im Leben. Das, was sie durchlitten hatte, konnte man nicht mehr rückgängig machen. Aber nun war sie offiziell in den Kreis unserer Familie aufgenommen worden, und ich hoffte, dass es ihr besser ergehen würde als in der Vergangenheit. Ich zumindest war entschlossen, alles dafür zu tun, und hatte sie eingeladen, mit uns nach Wien zu kommen.
Ich wurde aus meinen Gedanken gerissen, als mein Vater irgendetwas murmelte und leicht den Kopf schüttelte.
»Wie meinst du das?«, fragte meine Mutter. Ich hörte die leichte Besorgnis aus ihrer Stimme heraus, und erst jetzt fiel mir auf, dass sie die ganze Zeit über hellwach gewesen war.
»Wir hätten längst aus diesem verfluchten Wald raus sein sollen!«, fluchte mein Vater.
Als hätte Skarabäus Toth die ganze Zeit nur so getan, als schliefe er tief und fest, schaltete auch er sich nun in das Gespräch ein.
»Ich habe Ihnen davon abgeraten, durch diesen Wald zu fahren. Die Dämonen, die hier herrschen, sind älter als die Schwarze Familie, mein Lieber. Sollte Sie hier jemand angreifen, kann ich leider nicht das Geringste für Sie bewirken.«
»Das war mir klar«, schnaubte mein Vater. »Aber ist Ihnen klar, dass die hiesigen Dämonen auch Ihnen an den Kragen gehen könnten?«
Obwohl ich von hinten sein Gesicht nicht sehen konnte, stellte ich mir vor, wie er grimmig grinste.
»Aber seien Sie unbesorgt, es wird sich inzwischen herumgesprochen haben, dass mit uns nicht zu spaßen ist«
»Da wäre ich mir nicht so sicher«, widersprach ihm meine Mutter. »Allein, um die Schmach zu tilgen, die wir ihnen auf unserer Hinreise versetzt haben.«
»Wir sollten uns zusammenschließen«, sagte mein Vater, und damit meinte er, dass wir unsere Kräfte bündelten. Ich fühlte bereits, wie seine Gedanken nach meinen tasteten. Gleichzeitig spürte ich auch meine Mutter. Und einen ganz neuen Charakter, weich und fast zögerlich. Erst nach einigen Sekunden begriff ich, dass es Juna war. Ich tastete nach ihrer Hand und drückte sie.
Auch die anderen spürten mich nun... Dadurch, dass wir uns verbunden hatten, waren auch unsere Instinkte geschärft, während wir gleichzeitig einen magischen Schutzwall um uns schufen. Und sollte doch jemand von uns angegriffen werden, so würden die Kräfte von uns anderen ihn direkt unterstützen.
Ich fühlte die Anspannung der anderen, und auch meine Nervosität stieg. Wieder blickte ich hinaus, aber dort lauerte nur Finsternis. Ich beugte mich ein wenig vor, um über die Schulter meines Vaters durch die Windschutzscheibe nach vorn zu schauen. Die hellen Lichtkegel der Scheinwerfer bohrten sich in die Dunkelheit und verloren sich im Nirgendwo. Ebenso gut hätten wir zigtausend Meter unter der Meeresoberfläche dahintauchen können.
Kaum war mir der Vergleich durch den Kopf geschossen, als ich tatsächlich glaubte, in dem Bentley noch mehr als zuvor dahinzuschweben.
Mein Vater stieß einen Fluch aus. »Pass mit deinen Gedanken auf!«, warnte er mich.
Ich erschrak, versuchte mir den Vergleich aus dem Kopf zu schlagen, aber je mehr ich mich anstrengte, desto stärker verfestigte er sich.
Der Bentley schwankte.
»Haltet mich da gefälligst raus, ihr Narren!«, schrie Toth. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass er sich in unseren Gedankenverbund nicht eingeklinkt hatte.
Nicht einklinken hatte können. Denn er gehörte ja nicht zur Familie. Dennoch spürte er die Auswirkungen.
Der Wagen schwankte heftiger. Junas Hand verkrampfte immer mehr. Als ich erneut aus dem Fenster schaute, hatte sich die Umgebung verändert. Ein grünliches Leuchten erstrahlte draußen – wie unter Wasser, obwohl es dieses Leuchten in der Realität gar nicht gab, sondern nur in meiner Fantasie. Oder in einem Aquarium.
»Hör damit auf, Coco!«, schrie mein Vater erneut, aber dennoch konnte ich nicht verhindern, dass ich nach wie vor wie gebannt hinausstarrte. Ich wusste nicht mehr, ob ich es war, der diese Umgebung nur dachte – oder ob sich die Realität tatsächlich verändert hatte.
Noch während ich hinausblickte, glaubte ich in der Tiefe einen flatternden Schatten zu erkennen. Er schien gigantisch zu sein und sämtliches Licht zu absorbieren. Langsam schwebte der Schatten höher. Seine Ausmaße waren so riesig, dass ich seine Konturen kaum bestimmen konnte. Am ehesten verglich ich das, was ich sah, mit einem monströsen Rochen.
Einem Rochen mit Tentakeln, denn gleich mehrere dieser Auswüchse lösten sich aus der amorphen Masse und schossen zu uns empor.
Ich schrie auf, während ich gleichzeitig spürte, wie Juna meine Hand losließ. Fast panisch versuchte ich sie erneut zu ergreifen, aber ich fand sie nicht mehr.
In der nächsten Sekunde wurde es stockdunkel im Wageninneren.
»Löst euch von ihr!«, schrie Michael Zamis. »Coco stößt uns alle ins Verderben!«
»Wir dürfen sie nicht im Stich lassen!«, widersprach Thekla Zamis mit fester Stimme.
»Ich – will noch nicht sterben«, sagte Juna. Sie ließ die Hand ihrer Halbschwester los, und augenblicklich war sie – frei.
Erleichtert atmete sie auf. Der Wagen schwebte zwar noch immer, anstatt zu fahren, aber das hatte er auch zuvor getan. Ruhig glitt er dahin. Auch die grünlich schimmernde Umgebung draußen war wieder der Dunkelheit gewichen, die die Lichtfinger der Scheinwerfer in sich aufsog. Dennoch war es normaler als der Albtraum, den sie soeben erlebt hatte.
Sie wagte es, einen Blick zu ihrer Sitznachbarin zu werfen. Coco starrte noch immer hinaus, und sofort bedauerte es Juna, sich von ihr gelöst zu haben. Doch als sie erneut nach ihrer Hand griff, zuckte sie wie unter einem elektrischen Schlag zurück.
»Warum musstest du auch unbedingt durch diesen Wald fahren!«, zischte Thekla erneut, während Michael Zamis abermals laut fluchte.
»Fahren Sie sie über den Haufen!«, hörte Juna Skarabäus Toth schreien, und als Juna nach vorn blickte, sah auch sie das kleine Mädchen, das mitten auf der schmalen Straße stand. In der Hand hielt sie ein Plüschtier fest umklammert.
Der Wagen beschleunigte und raste direkt auf das Mädchen zu.
Es machte keinerlei Anstalten, dem schweren Bentley auszuweichen oder zu flüchten. Es stand regungslos da in seinem weißen Kleidchen und starrte ihnen entgegen. Dabei glaubte Juna, keinerlei Erschrecken in dem Blick zu erkennen. Eher...




