E-Book, Deutsch, 406 Seiten
Delinsky Das Weingut am Meer
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-678-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | »Barbara Delinsky schreibt meisterhaft über starke Frauen«, urteilt Booklist
E-Book, Deutsch, 406 Seiten
ISBN: 978-3-98690-678-8
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Delinsky wurde 1945 in Boston geboren und studierte dort Psychologie und Soziologie. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes arbeitete sie als Fotografin für den Belmont Herald, erkannte aber bald, dass sie viel lieber die Texte zu ihren Fotos schrieb. Ihr Debütroman wurde auf Anhieb zu einem großen Erfolg. Inzwischen hat Barbara Delinsky über 70 Romane veröffentlicht, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden und regelmäßig die New-York-Times-Bestsellerliste stürmen. Sie engagiert sich außerdem sehr stark für Wohltätigkeitsvereine und Aufklärung rund um das Thema Brustkrebs. Barbara Delinsky lebt mit ihrem Mann in New England und hat drei erwachsene Söhne. Die Website der Autorin: barbaradelinsky.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Barbara Delinsky ihre Romane: »Die Schwestern von Star's End« »Jennys Geheimnis« »Das Weingut am Meer« »Julias Entscheidung« »Lauras Hoffnung« »Die alte Mühle am Fluss« »Der alte Leuchtturm am Meer« »Das Haus auf Beacon Hill« »Sturm am Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 1 »Der Himmel über Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 2 »Heimkehr nach Norwich« »Das Leuchten der Silberweide« »Das Licht auf den Wellen« »Die Frauen Woodley« »Ein Neuanfang in Casco Bay« »Im Schatten meiner Schwester« »Rückkehr nach Monterey« »Drei Wünsche hast du frei« »Ein ganzes Leben zwischen uns« »Jedes Jahr auf Sutters Island« »Was wir nie vergessen können«
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Kapitel 2
»Hi, Süße«, begrüßte Olivia sie, um Munterkeit bemüht.
Ihre Umarmung wurde nur andeutungsweise erwidert, und als sie ihrer Tochter die ungebärdigen braunen Locken aus dem Gesicht strich, brachte ihr das einen ungeduldigen Blick ein.
»Du kommst zu spät«, konstatierte Tess.
»Ich weiß. Es tut mir Leid. Gerade, als ich gehen wollte, kam die Post, und ich wurde aufgehalten. Wie war dein Tag?«
Tess zuckte mit den Schultern und setzte sich in Bewegung. Sie legte ein solches Tempo vor, dass Olivia Mühe hatte, mit ihr Schritt zu halten, obwohl ihre Beine ein ganzes Stück länger waren.
»Tess?«, hakte sie nach.
Noch immer trotziges Schweigen.
»War der Tag schlimm?«
»Das ist gar kein Ausdruck! Ich bin dumm. Ich bin einfach dumm.«
»Nein, das bist du nicht.«
»Doch! Ich bin die Dümmste in der Klasse.«
»Du bist die Klügste in der Klasse. Dein IQ ist Schwindel erregend hoch. Du bist nur Legasthenikerin.«
»Nur?«, echote Tess aufgebracht und blieb stehen. Ihre Sommersprossen wirkten wie dunkle Tintenspritzer auf dem blassen Gesicht. Die großen braunen Augen hinter der randlosen Brille, deren dicke Gläser sie noch größer erscheinen ließen, schwammen plötzlich in Tränen. »Sie hat mich wieder nachsitzen lassen, Mom, weil meine Schulaufgabe so schrecklich aussah. Ich kann nicht richtig schreiben. Sie kann meine Schrift nicht lesen. Und ich kann nicht richtig buchstabieren. Und ich habe nicht gemacht, was wir machen sollten, weil ich sie nicht verstanden habe. Ich kann also auch nicht richtig hören!«
Olivia nahm das Gesicht ihrer Tochter in die Hände. »Du kannst hervorragend hören. Du hörst jedes Wort, das ich sage – sogar, wenn ich leise spreche, weil etwas nicht für deine Ohren bestimmt ist.«
Tess befreite sich mit einem Kopfschütteln und stürmte weiter. Olivia holte sie erst ein, als sie um die Ecke bog, und musste ihren Laufschritt noch einige Blocks weit beibehalten, bis Tess sich endlich abreagiert hatte und erneut stehen blieb. Sie nahm ihr kleines Mädchen in den Arm, und diesmal spürte sie keine Ablehnung. Nach einer Weile setzten sie ihren Weg fort, bogen rechts in eine Straße ein und kurz darauf links in eine andere.
»Es ist wie in einem Labyrinth«, meinte Olivia, als sie erneut die Richtung wechselten, in der Hoffnung auf ein Lächeln. Stattdessen erntete sie ein mürrisches »Ja – und wir sind Ratten.«
»Und welche Belohnung erwartet uns am Ende?«, ging Olivia auf die Bemerkung ihrer Tochter ein, aber sie erhielt keine Antwort.
Und dann waren sie endlich zu Hause. Sie wohnten in dem Anbau eines kleinen Ziegelhauses, das in seiner Hochzeit jemandem aus Cambridges Möchtegern-Society gehört hatte. Die Tatsache, dass der Abstand zu den Nachbarn auf beiden Seiten geringer war als allgemein ortsüblich, wurde durch dicht stehende Bäume kaschiert, die darüber hinaus einst verhindert hatten, dass die Nachbarn beobachten konnten, wie die Eigentümer auf der einen Seite ihre Veranda zumauerten und ein Schlafzimmer und ein Bad anbauten, um danach das Ganze als Wohnung zu vermieten. Olivia war das vorläufige Schlusslicht einer langen Reihe von Mietern dieser kleinen Wohnung. Die Kochnische stammte aus den Fünfzigern, und die Badezimmerausstattung hatte ebenfalls einige Jahrzehnte auf dem Buckel, aber Olivia hatte sich in das Apartment verliebt, noch bevor sie es von innen gesehen hatte, war der Romantik der efeubewachsenen Mauern und des von blühendem Bergahorn gesäumten Plattenweges verfallen, der zu ihm führte.
Erst nach dem Einzug wurde ihr klar, wie winzig ihr neues Reich war. Sicher hätte sie für den geforderten Preis etwas Größeres finden können, aber wahrscheinlich nichts mit diesem Charakter und Charme. Sie überließ Tess das kleine Schlafzimmer, strich die Decke himmelblau, malte an die Wände hohe Bäume, womit sie die Illusion einer Lichtung schuf. Sie selbst bezog das Wohnzimmer, stellte ein Schlafsofa hinein, dem sie zur Linken und Rechten eine Hummerfalle stellte, die als Beistelltisch und Lampenuntersatz diente. Eine alte Holztruhe auf einem Rollwagen – beides grün gestrichen wie die Hummerfallen – fungierte als Kommode, die sich dank der Räder abends leicht aus dem Weg rollen ließ. In der Ecke stand ein Polstersessel, in dem Olivia und Tess für die allabendliche Gutenachtlektüre mit Leichtigkeit zu zweit Platz fanden. In etwa einem Meter Abstand von der Küchenzeile scharten sich vier Stühle um einen Tisch, der wie die Stühle aus der frühamerikanischen Epoche herübergerettet worden war. Olivia hatte sich dieses antike Kleinod im vergangenen Jahr selbst zum Geburtstag geschenkt und brachte seitdem Stunden um Stunden damit zu, sich auszumalen, in welchen Häusern der Tisch früher wen zum Essen eingeladen hatte.
In dem Moment, in dem sie die Tür aufschloss, begann das Telefon zu klingeln. Mutter und Tochter wechselten einen wissenden und genervten Blick.
»Das ist Ted«, sagte Tess.
»Mmm.«
»Wir sind zehn Minuten später zu Hause als sonst. Ich wette, er versucht schon eine Weile, dich zu erreichen.« »Mmm.«
»Wahrscheinlich ist er wieder mal hektisch wegen irgendwas«, meinte Tess in einem verächtlichen Ton, für den ein Tadel wegen Respektlosigkeit fällig gewesen wäre, wenn Olivia ihre Vermutung nicht im Stillen geteilt hätte. Ted war häufig hektisch, ein Mann der immer auf Hochtouren lief. Olivia hatte ihn, einem Impuls folgend, an der Kasse einer Buchhandlung angesprochen. Dass er bei dieser ersten Unterhaltung kein einziges Mal gelächelt hatte, hätte ihr zu denken geben müssen, aber sie war beeindruckt, dass er ihr, während er mit ihr sprach, im Gegensatz zu den meisten anderen Männern in die Augen schaute, dass er im Gegensatz zu den meisten anderen Männern gesprächig war, und dass er sich, im Gegensatz zu allen anderen Männern dafür interessierte, was sie las und warum sie es tat.
Natürlich nahm sie zu Beginn an, dass sein Eifer aus Verliebtheit resultierte. Er schenkte ihr Blumen, er führte sie zum Essen aus, er besorgte Kinokarten. Er rief sie so oft an, dass sie ihn schließlich bat, sich damit auf den Feierabend zu beschränken. Zu dieser Zeit hatte sie längst begriffen, dass er ganz und gar nicht aus einem Überschwang der Gefühle heraus handelte, sondern ihre Beziehung genauso neurotisch handhabte wie sein restliches Leben. Sie gingen jetzt seit fünf Monaten miteinander aus, und das Ende war abzusehen.
Es überraschte Olivia nicht – sie hatte einfach kein Händchen für Männer. In einen verliebte sie sich wegen seiner schönen Augen, in einen anderen wegen seiner erotischen Stimme, und damals in Pete Fitzgerald, weil er kochen konnte. Er kochte irisch, italienisch, koscher und griechisch, und er backte die luftigsten russischen Blinis, die sie je gegessen hatte – aber abgesehen von diesem einen Vorzug war er, wie all die anderen auch, ein Blindgänger.
Als das Telefon nicht zu klingeln aufhörte, riss sie den Hörer von der Gabel und meldete sich gereizt mit einem knappen »Ja, bitte?«
»Hi«, sagte Ted. »Ich wollte mich nur mal melden. Hier war heute der Teufel los, eine Konferenz nach der anderen, als ginge es darum, die Welt für immer zu verändern, und nicht um einen Fünfjahresplan für eine mickrige Firma, die wahrscheinlich den Jahreswechsel nicht erleben wird. Warum bist du erst so spät zu Hause?«
»Ich wurde aufgehalten«, antwortete Olivia und sandte einen Blick gen Himmel, der Tess unterdrückt losprusten ließ.
»Und jetzt habe ich keine Zeit, mit dir zu telefonieren.« »Ich kenne das, ich bin seit heute früh auch noch nicht zum Durchatmen gekommen, musste ohne Unterbrechung reden und bin selbst total geschafft. Ich rufe in zehn Minuten noch mal an.«
»Das geht nicht – Tess und ich haben zu tun. Ich melde mich nachher bei dir.«
»Okay, auch gut. Lass mal sehen ... Ich bin noch eine Stunde hier und anschließend eine Stunde im Fitnesscenter – vorausgesetzt, die Geräte, die ich brauche, sind frei, was eine kühne Hoffnung ist, denn meistens belegen irgendwelche Muskelprotze die Gewichte mit Beschlag. Ich bin zwar kein Schwächling, aber wenn die eine drohende Miene aufsetzen, ziehe ich mich zurück. Falls ich also warten muss und länger als eine Stunde dort bin ... rufst du mich um acht zu Hause an?«
»Wenn ich dazu komme. Jetzt muss ich aber wirklich auflegen. Bis dann.« Erschöpft ließ sie den Hörer auf die Gabel sinken. Ted war anstrengender als ein Hundertmetersprint. »Mrs Wright hat mir einen Brief für dich mitgegeben«, eröffnete Tess ihrer Mutter übergangslos.
»Oje.« Ted war vergessen. Olivia atmete tief durch. Sie hoffte inständig, dass der Brief in einem verschlossenen Umschlag steckte.
»Ich habe ihn zerrissen.«
»Das ist nicht dein Ernst!«
»Zerrissen und weggeworfen.«
»Oh, Tess. Ich hätte ihn doch lesen müssen.«
»Nein. Mrs Wright ist nur eine Lehrerin. Die weiß auch nicht alles.«
Auch wenn der Brief in einem verschlossenen Umschlag gesteckt hatte – ihre Tochter kannte den Inhalt offensichtlich. »Wo ist der Brief?«
Tess senkte trotzig den Blick.
Olivia umfasste ihr Kinn und hob es an. »Wo ist der Brief?« Tess’ Blick floh zur Zimmerdecke hinauf. Seufzend gab Olivia sie frei und trat einen Schritt zurück, und dann entdeckte sie die zerfetzte Ecke eines Kuverts, die aus einer Tasche von Tess’ Jeans lugte. Sie zog einen Teil heraus, einen zweiten und schließlich einen dritten, trug ihre Beute zu der schmalen Arbeitsfläche zwischen Herd und Spüle und setzte das Puzzle zusammen.
»Liebe Mrs Jones«, stand da, »wir müssen dringend darüber sprechen, wie es mit Tess weitergehen soll. Ich...




