E-Book, Deutsch, Band 1, 926 Seiten
Reihe: Im 21. Jahrhundert
Dellwig Im 21. Jahrhundert
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7549-8733-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Den Frieden verspielt (Band 1)
E-Book, Deutsch, Band 1, 926 Seiten
Reihe: Im 21. Jahrhundert
ISBN: 978-3-7549-8733-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magnus Dellwig, Dr. phil., Historiker und Sozialwissenschaftler, Jg. 1965, Leiter des Stadtarchivs Oberhausen, Veröffentlichugen zur Geschichte und zum Strukturwandel Oberhausens und des Ruhrgebiets, Veröffentlichung von historisch-politischen Romanen: 1989 Führergeburtstag (2007), Die China-Krise (2010), Ost und West (2014), 1918 Wilhelm und Wilson (2017), Im 21. Jahrhundert (2023, Romanepos in 4 Bänden)
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2. Misses Ellen Mae
Doch wie fing das alles an, mein Sprung über den großen Teich? Dafür muss ich mich zurück erinnern an den sonnigen Herbst 2047. Wunderbar war das Wetter und ich radelte wenige Tage nach der Frankfurter Buchmesse durch die Isarauen nördlich meiner geliebten bayerischen Landeshauptstadt, als ich bei einer ausgiebigen Radler- und Zigarettenpause eine knappe Mail las. Eine Mitarbeiterin der Bill-Gates-Stiftung für Frieden und gesellschaftlichen Fortschritt schrieb mir, dass sie meinen Roman 1946 gelesen habe. Das Direktorium der Stiftung habe auf Grundlage ihrer Expertise beraten und sich entschlossen, mir eine Zusammenarbeit zum Zweck der Veröffentlichung von 1946 in den Vereinigten Statten anzubieten. Man sei von der visionären Kraft der Friedensbotschaft tief beeindruckt und fest davon überzeugt, dass noch niemals ein belletristisches Werk erschienen sei, dass den Menschen derart eindringlich und realistisch nahebringen könne, was zur Sicherung des Weltfriedens gerade auch in unserer Zeit in den Herzen und Köpfen der Öffentlichkeit von Nöten sei. 1946 berge die Chance in sich, in Amerika den erneut bedenklich aufkeimenden Geist des Populismus und des Isolationismus zu bannen. - Falls ich mit dem Ziel übereinstimme, meine Botschaft in die tief aufgewühlte Gesellschaft der USA zu tragen, so wünsche man sich die Aufnahme eines Gespräches zur Vorbereitung einer Publikation in Amerika, verbunden mit einer breiten Kampagne zur Einbeziehung der Medien in die Vermittlung eben jener meiner Botschaft.
Ich fühlte mich richtig verstanden, natürlich war ich ebenfalls nicht wenig geschmeichelt. Spontan sandte ich per Smart-Phone die knappe Botschaft zurück, mit den Intentionen der Stiftung im Allgemeinen und in Bezug auf mein Buch im speziellen völlig überein zu stimmen. Ich sei gerne gerne bereit, eine Vertreterin, einen Vertreter das Gates-Stiftung zu empfangen und weitere Aspekte der Zusammenarbeit eingehend zu erörtern. Gegenüber meinem deutschen Verlag bestünden derzeit noch keine Verpflichtungen zur Veröffentlichung im englischsprachigen Ausland. Wir seien somit frei in Entscheidungen zur Auswahl verlegerischer Partner. Als ich sodann am Abend nach einer herrlich ermüdenden, langen Fahrt den Fluss hinaus und wieder nach München zurück mich in der Badewanne entspannt hatte, ging schon eine Antwort ein. Ich wunderte mich über die kurze Reaktionszeit und damit über die Handlungsfähigkeit der Gates-Stiftung, offenbar ohne weitere Gremienberatungen die Zusammenarbeit in die Tat umzusetzen. Mir wurde angekündigt, dass Misses Ellen Mae nach Deutschland reisen und für das Direktorium zu sprechen bevollmächtigt sei. Die Verfasserin der Mail Ellen Mae erläuterte kurz, während eines Studiums in Berlin unsere Sprache erlernt und darüber zur Einführung meines Romans in die Entscheidungsgremien der Stiftung berufen gewesen zu sein. Ich dürfe ihrer Kompetenz in der Sache und in Bezug auf die Geltung ihres Urteils für die Stiftung uneingeschränktes Vertrauen schenken. Nur vier Tage später traf Mrs. Mae am Franz-Josef-Strauß-Airport in München ein. Wir trafen uns bei mir zu Hause. Ich wohnte in einem unscheinbaren Reihenhaus in Garching vor den nördlichen Toren München in einer Siedlung nahe der Isar. Von hier aus brach ich häufig zu entspannenden ebenerdigen Radtouren entlang des Flusses in das nur 16 Kilometer entfernte Freising und darüber hinaus nach Nordosten auf. In die Gegenrichtung erreichte ich mein Büro im Wirtschaftsministerium an schönen Tagen ohne weiter entfernte Außentermine ebenfalls gerne per Rad.
Als ich nach einem selbstbewusst langen Klingeln die Haustüre öffnete, blickte ich in das strahlende, sympathische Gesicht einer ausgesprochen attraktiven Enddreißigerin. Ich hatte mir zwar auf der Homepage der Gates-Foundation gründlich die Ziele und Programme ergoogelt, es jedoch versäumt, nach Personen zu recherchieren. Das lag wohl auch daran, dass ich nicht die Erwartung hegte, eine Projekt-Managerin, und als solche hatte sie ihre Mails gezeichnet, aufzufinden. So kam es, dass ich gar keine Vorstellung von der Dame hatte, die mir in München gegenübertreten würde. In meinem Unterbewusstsein musste sich offenkundig ein Fehlschluss ereignet haben: Wer in den USA Deutsch studiert, nach Berlin zum Studium kommt und zurück in New York außerhalb der dienstlichen Aufgaben einen 600 Seiten Roman las und anschließend für dessen Platzierung in Amerika warb, bei derjenigen müsse es sich um eine Workoholic handeln. Und eine wissenschaftlich und friedenspolitisch getriebene Workoholic wiederum könne wohl kaum den Auftritt, die Eigenschaften und Handlungsweisen einer solchen Klassefrau haben.
Während ich Ellen Mae freundlich anlächelte, schossen mir all diese Schlussfolgerungen in Bruchteilen von Sekunden durch den Kopf. Ich hatte Glück und brauchte auch gar nicht gleich die Initiative des Gastgebers zu ergreifen. Ellen Mae hielt ein wenig verschämt ihre Arbeitstasche mit Notebook in beiden Händen vor ihre Hüfte und wedelte damit unmerklich. Vor allem begann sie sogleich zu sprechen:
“Es ist mir ein großes Vergnügen und eine Ehre, sie persönlich kennen lernen zu dürfen. Vielen Dank, dass Sie sich so kurzfristig Zeit nehmen, um mich zu empfangen. Sie müssen doch nach dem Erfolg der Buchmesse in Frankfurt unzählbar viele Terminanfragen vorliegen haben! Mein Dank verbindet sich mit der festen Gewissheit, dass die Bill-Gates-Foundation ihnen eine attraktive Zusammenarbeit anbieten kann.”
Spätestens an dieser Stelle drängt sich eine zentrale Frage des Lebens auf: Wie hielt es Ludwig Fischer eigentlich mit den Frauen? Ich war unverheiratet - und seit einer langen Reihe von Jahren ohne feste Beziehung. Meine Einstellung, mein emotionaler Haushalt gegenüber Frauen hatte sich im Laufe meines inzwischen 47 Jahre währenden Lebens grundlegend verändert. In meiner Jugend gab es die eine oder andere Liebelei und bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr lediglich eine über ein halbes Jahr dauernde Beziehung. Das bedeutete aber keineswegs, dass ich nicht wie eintypischer Teenager gelitten, mich nach Mädchen verzehrt und manches Mal an nichts Anderes gedacht hätte. Nur war ich kein Draufgänger. Es fiel mir im Alltag nicht schwer, mit Mädchen unbeschwert umzugehen, die mir sympathisch waren. Das
galt sogar noch, wenn ich mich verknallt hatte. Wenn aber der Entschluss hinzutrat, jetzt etwas unternehmen zu müssen, der Dame meines Herzens unmissverständliche Signale der Zuneigung zuzusenden, dann wurde ich all zu oft unbeholfen und ungeschickt. So kam es, dass sich bis zum Abitur mehr Herzenswünsche nicht erfüllten als erwidert zu werden.
Mit der Aufnahme meines Studiums änderte sich mein Gefühlshaushalt radikal. Ich lernte gleich im ersten Semester eine Kommilitonin des Faches Volkswirtschaft kennen, die mich wortwörtlich umhaute. Denn bei der ersten Begegnung wurde mir tatsächlich schwindelig. Sie hieß Cornelia, war groß und schlank und hatte schulterlanges dunkles Haar, das sich um ein schmales, sehr hübsches Gesicht legte, in dem wiederum große, dunkelbraune Augen funkelten. Cornelia war eine Ausgeburt an Selbstbewusstsein und Agilität. Sie war ebenso intelligent wie von ihrem Studienfach beseelt, das sie für den Master studierte und nicht wie ich im Nebenfach. Wir begegneten uns im Proseminar und ich war absolut davon überzeugt, dass ich ihr nicht einmal als beachtenswertes Exemplar der Gattung Mann aufgefallen war. Aufgefallen war ich indes einer quirligen rothaarigen Erfurterin, die sich durch ungebremste Wortschwalle ebenso auszeichnete wie dadurch, dass sie sich an meine Fersen heftete, sich seit der zweiten Sitzung neben mich setzte - und mir ein wenig auf die Nerven ging. Es entflammten in mir keine Gefühle für die rothaarige Thüringerin, doch sie war abgesehen von ihrer Redewut nicht unsympathisch, und so verhielt ich mich höflich. Allerdings beinhaltete meine Höflichkeit eine gewisse Reserviertheit, weil ich keine Anstalten machte, mich über unser Proseminar hinaus mit ihr zu verabreden. Das galt jedoch nicht umgekehrt. Und so standen wir eines Abends nach dem Seminar im Ausgang des Hörsaalgebäudes, als zwei Dinge sich gleichzeitig ereigneten: Die Rothaarige lud mich zu einer Party ein und Cornelia ging an uns vorbei und sah mir stechend lange in die Augen. Mir wurde schlagartig heiß und der Puls raste. Meine Verwirrung legte sich mit eiserner Selbstdisziplin schnell und ich gab der Rothaarigen einen formvollendeten Korb. Meine Mutter feiere den fünfzigsten Geburtstag ganz groß und ich könne da nicht fehlen. Ich empfand den Drang, schnell von der Rothaarigen los zu kommen, um mich nicht in Rechtfertigungszwang zu begeben, verabschiedete mich hastig, schwang mich eilig auf mein Fahrrad und steuerte den Heimweg Richtung Schwabing an. Nach zweihundert Metern erreichte ich von einer Seitenstraße die Leopoldstraße. An der roten Fußgängerampel stand Cornelia. Sie blickte nicht auf die Ampel, sondern mit verschränkten Armen zu mir. Ihr Lächeln war eine einzige Herausforderung.
“Na Ludwig, da wartet ja wohl eine ereignisreiche Fete auf dich, und vielleicht eine noch ereignisreichere Nacht!”
Ich war überrumpelt, empfand Cornelias Worte als eine einzige unverschämte Provokation und fragte mich, was soll das, warum sagt sie so etwas?
“Ich habe nicht zugesagt. Nein, mehr als das. Ich habe abgesagt, und das auch noch mit einer nicht ganz stichhaltigen Entschuldigung. - Aber warum sage ich dir das eigentlich? Was geht dich das überhaupt an?
Jetzt hatte ich wohl eine Provokation begangen. Cornelias Augen glühten. Doch ihre Gesichtszüge entspannten sich sofort und verwandelten sich in ein sanftes,...




