E-Book, Deutsch, Band 2, 1000 Seiten
Reihe: Im 21. Jahrhundert
Dellwig Im 21. Jahrhundert
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7549-8910-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
2054. Krieg! (Band 2)
E-Book, Deutsch, Band 2, 1000 Seiten
Reihe: Im 21. Jahrhundert
ISBN: 978-3-7549-8910-4
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magnus Dellwig, Dr. phil., Historiker und Sozialwissenschaftler, Jg. 1965, Leiter des Stadtarchivs Oberhausen, Veröffentlichugen zur Geschichte und zum Strukturwandel Oberhausens und des Ruhrgebiets, Veröffentlichung von historisch-politischen Romanen: 1989 Führergeburtstag (2007), Die China-Krise (2010), Ost und West (2014), 1918 Wilhelm und Wilson (2017), Im 21. Jahrhundert (2023, Romanepos in 4 Bänden)
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Warum Hitler den Krieg verlor
Mein erstes Seminar in West Point fand in der letzten Woche des Septembers 2053 statt. Ich hatte nur deshalb so viel Zeit im Vorfeld, meine Nervosität ganz langsam und allmählich zu steigern, weil die Sommerzeit gerade in der hohen Generalität auch die bevorzugte Zeit der Fronturlaube bildete. General Henry Blame höchst persönlich hatte seit dem Amtsantritt von Michael Cane seinen Sommerurlaub von bescheidenen zwei Wochen in der ersten Septemberhälfte terminiert. So ergab es sich, dass ich auf Henrys Wunschtermin gerne einging. Denn der Termin signalisierte eine gewisse Rücksichtnahme auf unseren hoch gestellten Adressatenkreis und er bot mir so ganz nebenbei die hervorragende Gnadenfrist von rund sechs Wochen, die ich zur gründlichen Vorbereitung auf meine Auftaktveranstaltung nutzen konnte und wollte. - Was hatte ich dazu schon bis in den August hinein unternommen?
Unmittelbar nach meiner Ernennung zum Geschäftsführenden Direktor von New West Point erhielt ich nach eingehender Diskussion mit Henry Blame einen Stellenplan für meinen Laden genehmigt. Dieser enthielt neben der Verwaltung, meinen beiden Stellvertretern und einem Dutzend Dozenten auch einen persönlichen Referenten. Das fand ich durchaus angemessen angesichts meiner Aufgabe. Doch ich hatte keine Vorstellung davon, wie man innerhalb der Streitkräfte eine solche Stelle kompetent besetzte. Ich nutzte die nächste Gelegenheit eines Treffens mit General Blame dazu, ihn um praktischen Rat zu fragen. Henry lächelte mich wissend und überlegen an.
„Ludwig, du hast nicht die geringste Chance, eine Spitzenbesetzung für die Funktion deines Adjutanten – denn das ist es in Militärkreisen, was außerhalb der Forces sich Referent schimpft – zu erreichen. Denn du kennst keine erstklassigen und ehrgeizigen jungen Offiziere. Und umgekehrt erfahren die jungen Leute nicht von dir, weil wir nicht die Zeit für eine Ausschreibung haben. Du brauchst eine Empfehlung von jemandem, der sich auskennt. Ich mache das für dich. Ich besorge mir Empfehlungen. - Wofür habe ich schließlich einen eigenen Adjutanten, der den Kontakt zur Jugend ja noch nicht ganz verloren hat. Ich könnte auch Den Direktor von West Point, Kamerad Forsythe, fragen, aber der ist vielleicht zu neidisch und missgünstig, um die beste Empfehlung zu geben, die er geben könnte.
Vier Tage später erhielt ich vom Adjutanten des Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs eine knappe Mail, Lieutenant Allister Carthy wolle sich auf sein Geheiß bei mir vorstellen. Ich sagte freudig zu und packte den Termin in meinen Kalender am nächsten Tag, an dem ich wieder in Washington weilte und nicht den gesamten Tag für Mike reserviert hatte. Ich lernte im Büro des obersten Stabschefs einen bemerkenswerten jungen Mann kennen. Als Absolvent des letzten Jahrgangs in West Point wurde der Luftwaffen-Fähnrich zum Leutnant befördert. Aus hunderten von Bewerbern wurden zwei ausgewählt, um dem großen Generalstab der Air Force zugewiesen zu werden. Carthy war einer der beiden. Seine Masterarbeit in West Point hatte er in Militärgeschichte geschrieben. Dabei untersuchte er die Wirkung alliierter Luftangriffe auf industrielle Ziele in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs. Auf der Grundlage des Forschungsstandes führte Carthy Simulationsrechnungen durch. Welche Effekte auf die Beeinträchtigung der deutschen Kriegswirtschaft wäre erzielt worden, falls die Strategie der Alliierten weniger die Massenindustrien sowie die Wohngebiete in den Siedlungszentren ins Zentrum der Zielobjekte gerückt hätte, sondern vielmehr strategische Schlüsselindustrien für große Teile der Rüstungsproduktion? So hatte zum Beispiel Reichsrüstungsminister Albert Speer in seinen Erinnerungen herausgestellt, dass die Produktion von Kugellagern in der fränkischen Region Schweinfurt eine solche gewesen sei. Als weiter kamen die Herstellung von Getrieben für alle möglichen Arten von Fahrzeugen oder die Herstellung von Lokomotiven und Güterwaggons für die Reichsbahn als Zielobjekte in Betracht. Fähnrich Carthy arbeitete methodisch gründlich und prognostizierte konservativ. Selbst unter diesen Prämissen waren die Ergebnisse beeindruckend. Bei einer Ausschaltung der Produktion von Kugellagern und Getrieben um 50 % wären die Produktion von Panzern und LKW stark vermindert worden. - Die Schlacht um Frankreich im Sommer 1944 wäre voraussichtlich weniger verlustreich verlaufen.
Lieutenant Carthy präsentierte sich mir als zugleich aufgeweckter und höflich-zurückhaltender junger Mann von 21 Jahren, dem allerdings trotz seiner Leidenschaft für die Militärgeschichte die rechte Vorstellung fehlte, ob New West Point eine Bedeutung für die Kriegführung erlangen mochte. Henry Blames Adjutant stellte mir den Lieutenant vor. Ich erkundigte mich nach seinen Informationen über die Funktion von NWP und meine darüber hinaus gehenden Aufgaben. Das zweite war ihm nicht bekannt; wie sollte es auch? Ich legt kurz dar, dass meine Beratungstätigkeit für den Präsidenten regelmäßige Treffen beinhalte, für die ich ebenfalls Vorbereitungen benötigte. Lieutenant Cathys Aufmerksamkeit schnellte in die Höhe. Dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass er sich die ganze Zeit über fragte: Und was habe ich davon? Was wird mir dieser Job als Adjutant eines Seiteneinsteigers im nur mäßig eindrucksvollen Range eines Brigadier Generals für meine persönliche Karriere nutzen.
In diesem Augenblick flog die Türe auf und der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs stand bester Laune in der Türe seines Büros. Damit hatten weder Lieutenant Carthy noch ich gerechnet. Während mich Henry Blames Besuch erfreute und ich dadurch die Gelegenheit erhielt, mich für seine Hilfe bei der Suche eines Adjutanten zu bedanken, reagierte der Lieutenant doch arg nervös. Ich fragte mich natürlich sofort, ob Carthys dem obersten Militär der Vereinigten Staaten wohl jemals zuvor so persönlich begegnet sei, dass der General den jungen Mann überhaupt habe zur Kenntnis nehmen können. Jetzt war ich gespannt. Würde Lieutenant Carthy Geistesgegenwart und Nervenstärke beweisen? - Zwei Eigenschaften, die ihn erheblich für den Job bei mir qualifizieren konnten.
Nachdem Henry und ich wenige Sätze über das aktuellste Thema im Weißen Haus gewechselt hatten, wandte sich der General meinem Gast zu. Er begrüßte ihn ohne jede hierarchische Distanz und merkte nur an, von seinem Adjutanten viel Gutes über Carthy gehört zu haben. Der Lieutenant hatte sich tatsächlich inzwischen gefangen und präsentierte sich selbstsicher. Er dankte dem General für das Privileg, sich bei mir als Adjutant vorstellen zu dürfen. Ihm seien sowohl die große Bedeutung von New West Point für die strategische Kompetenz der Generalität im weiteren Kriegsverlauf bewusst als auch die Ehre und Glück, von einem Mann wie mir lernen zu dürfen, der so wichtige Qualitäten miteinander verbinde wie Politik und Geschichte, Militärgeschichte im Besonderen und die profunde Erfahrung eines Präsidentenberaters. Was Lieutenant Allister Carthy selbstverständlich nicht sagte, war das Glück, durch diese Empfehlung von Blames Adjutanten in den Fokus der Aufmerksamkeit des Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs höchstselbst gerückt zu sein. Doch mir fiel es leicht, auch diesen Gedanken in den leuchtenden Augen, im von unterschwelliger Erregung leicht erhöhten Tonfall und in der gesamten Körpersprache zu lesen. Ich fand Carthys utilitaristische Geistesgegenwart ebenso legitim wie clever. - Er wurde mir ein sehr einsatzfreudiger, stets mitdenkender und auch persönlich sehr angenehmer Adjutant in den bemerkenswerten Zeiten, die mir im neuen Amt bevorstanden.
Anfang September hielt sich nicht nur Henry Blame im Urlaub auf und der Spätsommer beschenkte uns an der nördlichen Ostküste mit zwei für lange Zeit wetterbestimmenden Hochdruckgebieten. Ebenso machte ich zwei Wochen Urlaub, von denen ich eine in Garching und München verbrachte, die zweite mit Ellen auf Long Islands. In Europa herrschten gerade einmal 22 Grad. Ich fuhr Fahrrad an der Isar. Ich traf mich mit Christian und einem weiteren Studienfreund in der Münchener Altstadt. Seit Jahren hatte ich keinen Abend mehr erlebt, an dem jeder vertrauensvoll und ehrlich über sich erzählte, anstatt laut zu lamentieren und dabei zu viel Erdinger Weizenbier zu trinken. So landete ich erst nach zwei Uhr morgens im Bett. Ich flog ein wenig erholt, aber vor allem sehr gut gestimmt nach Washington D.C. zurück, packte meine Sachen um und traf Ellen am kommenden Morgen in der Stiftung. Sie hatte mich darum gebeten, Tom Maine von meinen Erlebnissen als Chef von NWP zu berichten. Das tat ich bei einem herrlichen Büro-Brunch. Um 14 Uhr saßen Ellen und ich im Auto und fuhren nach Norden aus der Stadt. Um 16 Uhr musste ich schon wieder essen, als uns die Hauswirtschafterin der Gates auf Long Island mit Kaffee und einem noch warmen Kirschstreusel begrüßte. Mein Bauch spannte sich und ich fühlte mich richtig im Urlaub.
Am ersten Abend unseres Urlaubs saßen Ellen und ich mit Tee statt Wein auf der Terrasse. Vor dem Sonnenuntergang um halb zehn war es noch 26 Grad warm und eine herrliche Atmosphäre. Bei einem lauen Lüftchen und sanfter Brandung konnte es uns nirgends auf der Welt besser ergehen. Wir schafften es tatsächlich, unserem Vorsatz treu zu bleiben und an diesem Tag nicht mehr über den Krieg oder die Politik in Amerika zu sprechen. Ellen erzählte von ihren Eltern und ihrer Freundin Herriette. Ich tat dasselbe über meine Deutschlandreise. Gemäß unserer Verabredung beschränkte ich mich dabei auf den eher allgemeinen Hinweis, wie viel größer die Enttäuschung bei den Europäern über den gescheiterten...




