Dellwig | Im 21. Jahrhundert | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 450 Seiten

Reihe: Im 21. Jahrhundert

Dellwig Im 21. Jahrhundert

2055: Russland (Band3)
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7549-9583-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

2055: Russland (Band3)

E-Book, Deutsch, Band 3, 450 Seiten

Reihe: Im 21. Jahrhundert

ISBN: 978-3-7549-9583-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Band 3: 2055: Russland 2055. Ludwig Fischer gerät verletzt in russische Gefangenschaft. Um diese geheim zu halten und ihn zu isolieren, kommt er in Russlands größtes, geheimes Lager für politische Gefangene im nordwestsibirischen Seriotogorsk. Über Vier-Augen-Gespräche mit Kommandant Mansukow erreicht er die Bildung einer Gefangenenvertretung und einer Lagerzeitung. Die Häftlinge wählen Fischer zum Vorsitzenden des Gefangenen-Rates. Als Chefredakteur der Istwestja Sibiria für die Häftlinge initiiert Fischer die Untergrundzeitung Istwestja Nowa, die über das Internet in Russland und weltweit verbreitet wird. Unter dem Pseudonym 'Alexander Puschkin' wird Fischer der Führer der russischen Opposition. Silvester wird die Zeitung spektakulär enttarnt. Fischer nutzt das für einen öffentlichen Aufruf an Präsident Semjonow, Waffenstillstandsgespräche zu führen.

Magnus Dellwig, Dr. phil., Historiker und Sozialwissenschaftler, Jg. 1965, Leiter des Stadtarchivs Oberhausen, Veröffentlichugen zur Geschichte und zum Strukturwandel Oberhausens und des Ruhrgebiets, Veröffentlichung von historisch-politischen Romanen: 1989 Führergeburtstag (2007), Die China-Krise (2010), Ost und West (2014), 1918 Wilhelm und Wilson (2017), Im 21. Jahrhundert (2023, Romanepos in 4 Bänden)
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Sibirien


Als ich am Mittag des 30. Dezember erneut im Schukow-Klinikum eintraf, wartete eine Überraschung auf mich. Die kleine Kolonne aus drei Fahrzeugen steuerte nicht jenen mit einer Sichtschleuse ausgestatteten Nebeneingang des Hauptgebäudes an, der für Rettungsfahrzeuge ausgelegt war, und über welchen ich das Klinikum am Morgen auch anonym verlassen hatte. Stattdessen fuhren wir weit auf das Gelände. Am Rande einer großen Wiese stand ein kleines Gästehaus. Dieses wurde für den Jahreswechsel mein neues Domizil. Zwei Militärpolizisten und ein Pfleger leisteten mir Gesellschaft. Diese Bewachung empfand ich als etwas spärlich, beinahe schon als Beleidigung. Einen Gefangenen, dem man Verschlagenheit und ein hohes kriminelles Potenzial für einen Ausbruch zugetraut hätte, der wäre wohl von einer kleinen Privatarmee bewacht worden. Wie peinlich hätte es sich schließlich dargestellt, falls ich in den nächsten Tagen beim Flanieren über den Lenin-Prospekt von einem Handy gefilmt und der Spot darauf in YouTube eingestellt worden wäre? Nun gut, meine Gesundheit lud noch keineswegs zu Gewaltmärschen ein. Und ich spielte tatsächlich nur für einen einzigen gedanklichen Moment mit der Flucht. Dann wischte ich die Idee als absurd und völlig aussichtslos bei Seite. Des Russischen nicht mächtig, in meiner körperlichen Konstitution noch spürbar eingeschränkt machte ich mir klar, dass die sicher weit überwiegende Mehrheit der Russen mir im Falle einer Entdeckung nicht mit Sympathie begegnen werde. Ich galt als verantwortlich für zehntausende russischer Toter und Vermisster. Statt Hilfe beim Untertauchen durfte ich wohl eher Prügel und Lynchjustiz erwarten. Kaum würden mir die Durchschnittsrussen so begegnen wie etwa Frau Doktor Wjanelina.

Wo wir schon dabei sind. Ludmilla Wjanelina stattete mir am Vormittag des 31. Dezember einen kurzen Besuch ab. Dieser war getarnt als reguläre Visite. Doch die Chefärztin nahm sich die Zeit und nahm mit mir am Tisch bei einer Tasse heißen schwarzen Tees Platz.

„Mit ihrer Gesundheit bin ich sehr zufrieden, Herr General Fischer.

Wenn wir bedenken, wie viel Blut sie verloren haben und wie lange ich sie operieren musste, dann kommen sie wieder sehr schnell zu Kräften. Und da andere Ärzte das natürlich nicht anders beurteilen, stand ihrer Verlegung von meiner kleinen, in vertrauliche Karantäne gehüllten Intensivstation nichts mehr im Wege.“

In Wjanelinas Mundwinkeln las ich eine Spur des Bedauerns.

„Diese an sich sehr erfreuliche Mitteilung von meiner leitenden und sehr fürsorglichen Ärztin bringt jedoch mindestens zwei Kollateralschäden mit sich, nicht wahr, Frau Doktor Wjanelina?“

Die Chirurgin stutzte. Dann lächelte sie vermeintlich unwissend.

„Verraten sie mir bitte, was sie damit meinen, Herr General.“

„Also, zum ersten werde ich mich hier nicht mehr der gleichen, ständigen Aufmerksamkeit durch sie erfreuen dürfen wie bisher. Das bedauere ich außerordentlich. Hier im Klinikum sind sie zu so etwas wie meiner Vertrauten geworden. Und ich mag sie, Frau Doktor.“

Ludmilla Wjanelina wurde kurz rot. Sie sah weg und hüstelte. Dann hatte sie sich wieder gefangen und blickte mich erneut freundlich und ausgeglichen an.

„Und zum zweiten wird mein kleiner Umzug in diese schnuckelige Datscha mit Gewissheit sehr bald den nächsten Umzug nach sich ziehen. Habe ich Recht, Frau Doktor Wjanelina?

Immerhin hat mir seine Excellenz, der Staatspräsident der Russischen Föderation, gestern höchstpersönlich eröffnet, was auf mich wartet.“

Ludmilla Wjanelinas Augen blitzten auf.

„Dann wissen sie mehr als wir alle hier, Herr General Fischer!

Ihr zukünftiger Aufenthaltsort wird gehütet wie das größte Staatsgeheimnis der Föderation.“

„Ganz so ist es nicht.

Präsident Semjonow wusste sich sehr wohl zu beherrschen! Er verriet mir meinen nächsten Aufenthaltsort nicht. Er vermittelte mir lediglich einen gewissen Eindruck, was mich dort erwarte.“

Wortlos forderten mich Ludmilla Wjanelinas Augen auf, es nicht so spannend zu machen, sondern gleich weiter zu sprechen. Ich tat ihr den Gefallen.

„Es handelt sich um einen einsamen Ort, viele hundert Kilometer von der nächsten regulären, sagen wir zivilen menschlichen Siedlung entfernt. Zugleich liege der Ort knapp unter dem Polarkreis. Daraus darf ich schon einmal schließen, dass ich mich im nächsten Jahr in Sibirien wiederfinden werde.

Sodann wurde mir eröffnet, dass ich auf eine größere Anzahl von Mitgefangenen träfe. Bei jenen handele es sich auch um Menschen, vor denen ich mich vorsehen solle. Denn meine Mitgefangenen bestünden aus zwei Gruppen: Kapitalverbrechern und politischen Häftlingen. Selbstverständlich drückten wir das gestern im Präsidentenpalast höflicher aus, aber im Ergebnis bedeutete es dasselbe! - Und vor den Kapitalverbrechern empfehle es sich für mich als dem prominentesten militärischen Feind ihres Landes, auf der Hut zu sein.“

Ich lächelte. Damit machte ich klar, diese Warnung nicht so ganz ernst zu nehmen.

Ludmilla Wjanelina lächelte ebenfalls. Folglich dachte sie über jene Drohung ähnlich wie ich. Sie zögerte, sah aus dem Fenster. Die Chefärztin schien mit sich zu ringen, ob sie ihren Gedanken wohl freien Lauf lassen dürfe.

„Herr General Fischer,

in Russland gibt es Gerüchte!

Diese besagen, in diesem Land existiere ein Gefangenenlager von enormen Ausmaßen. Dorthin seien tausende, nicht selten Prominente, verbracht worden, die sich seit Kriegsbeginn kritisch zur Außen- und Friedenspolitik der Russischen Föderation geäußert hätten.

Der Ort sei so geheim, dass niemand von dort vor Kriegsende in sein ziviles Leben zurückkehren werde. Nur so lasse sich die Verschwiegenheit jenes Ortes vollständig wahren.“

Mein Interesse war bis auf das Äußerste geweckt.

„Frau Doktor Wjanelina,

und sie können sich tatsächlich vorstellen, die Regierung und der Generalstab der Russischen Föderation – die beiden höchsten Autoritäten der Nation – hielten ausgerechnet jenen Orten für den richtigen Ort, um meinen weiteren Aufenthalt auszumachen?“

„Herr General Fischer,

sie befragen mich da soeben nach meiner sehr persönlichen Meinung. Ich will ihnen ehrlich antworten. Ja, ich traue es der Führung meines Landes in all ihrer Machtvollkommenheit, in ihrer grenzenlosen Überzeugung von ihrer Fähigkeit, die Geschicke dieses Landes zu bestimmen, tatsächlich zu. Ich traue es Semjonow und Urbikow wahrlich zu, dass beide sie ausgerechnet an jenen Ort verbringen, an dem sich die absolut höchste Konzentration von systemkritischen Denkern ganz Russlands befindet. Weil von dort einfach niemand verschwinden kann, halten die hohen Herren ihren Aufenthalt dort einfach für absolut sicher – für tot sicher, sozusagen!

Aber ich – an ihrer Stelle – täte das auf gar keinen Fall, Herr General!“

Von Ludmilla Wjanelinas letztem Satz war ich nicht im Geringsten überrascht. So lächelte ich sie entspannt und zustimmend an.

„Falls ich das richtig interpretiere, schließen sie nur ein klein wenig von sich auf andere, ist es nicht so?

Sie hegen erhebliche Zweifel, dass die gesamte russische Nation in mir die persönliche Inkarnation des hassenswerten, verabscheuungswürdigen Feindes erblickt. Denn sie selbst haben zu meinem großen Glück auch nicht so empfunden, als ich ihnen das erste Mal als schwer Verwundeter begegnete und sie sich sofort entschieden, alles nur Erdenkliche für mein Überleben zu tun.

Sie vermuten, dass es eine für den Kreml unkalkulierbare menschliche Konstellation zu werden verspräche, falls man die Elite der intellektuellen Opposition Russlands und den Feind in Persona hinter verschlossenen Zäunen und Mauern zusammensperrte.

Bei Lichte betrachtet, Frau Doktor Wjanelina, die Vorstellung hat etwas Faszinierendes!

Entweder wird Russland mich wie einen Aussätzigen behandeln.

Oder aber Russland könnte erkennen, dass ich die wahre Hoffnung auf den Frieden bin!“

Ludmilla Wjanelina trank versonnen an ihrem Tee, indem sie die Tasse mit beiden Händen fest umschloss. Sie kniff mir plötzlich beide Augen zu.

„Herr General Fischer,

wäre ich nicht die Chefärztin der Schukow-Klinik für Chirurgie, sondern vielleicht ein Schriftsteller, ein Journalist, ein Wissenschaftler, ja dann zweifelte ich nicht eine Sekunde daran, dass sie genau jene Hoffnung auf Frieden verkörperten.

Es ist mir schier unbegreiflich, wie die Arroganz des Kremlss so vollkommen sein kann! Die Herren glauben, sie inmitten russischer Oppositioneller isolieren zu können. Ich bin recht sicher, dass die Geschichte ihres Aufenthaltes in der Russischen Föderation noch die eine oder andere interessante Wendung nehmen könnte.“

Ich gab meiner Hoffnung Ausdruck, sie möge Recht behalten. Selbstverständlich konnte ich es mir nicht versagen, noch einige bohrende Fragen nach jenem ominösen großen Lager zu stellen.

Wo könnte es liegen? Wie viele Gefangene hielten sich dort auf? Wer leitete jenes Lager, die Spezialeinheiten des Innenministeriums oder vielleicht doch die russische Armee?

Die Ärztin lachte herzhaft auf.

„Herr General Fischer,

sie scheinen recht verklärte Vorstellungen davon zu haben, wie frei Informationen über Russlands am besten gehütetes Staatsgeheimnis kursieren mögen.

Keine einzige ihrer Fragen vermag ich zu beantworten! Ich kenne nur ein einziges Gerücht über jene sagenumwobene Einrichtung: Es sollen sich dort mehr klassische Strafgefangene als politische Häftlinge befinden. Doch schon die...



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