E-Book, Deutsch, 439 Seiten
Desrosières Die Politik der großen Zahlen
1. Auflage 2005
ISBN: 978-3-540-27011-9
Verlag: Springer-Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Eine Geschichte der statistischen Denkweise
E-Book, Deutsch, 439 Seiten
ISBN: 978-3-540-27011-9
Verlag: Springer-Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Statistik ('Staatenkunde'), Wahrscheinlichkeitsrechnung und die Philosophie der Wahrscheinlichkeit sind auch als 'siamesische Drillinge' bekannt. Das Buch analysiert den Werdegang der Statistik und zeigt Verbindungen zwischen der internalistischen Geschichte der Formalismen und Werkzeuge sowie der externalistisch orientierten Geschichte der Institutionen auf. Der Spannungsbogen erstreckt sich vom Vorabend der Französischen Revolution bis hin zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wobei Frankreich, Deutschland, England und die USA ausführlich behandelt werden. Was haben Richter und Astronomen gemeinsam? Wer waren die 'politischen Arithmetiker'? Was ist ein 'Durchschnittsmensch'? Wie ändert sich im Laufe der Zeit das, was man 'Realismus' nennt? Kann man vom Teil auf das Ganze schließen? Und wenn ja, warum? Welche Rolle spielt der Franziskanerorden? Wir begegnen Adolphe Quetelet, Karl Pearson, Egon Pearson, Francis Galton, Emile Durkheim und vielen anderen. Glücksspiele, Zufall, Bayesscher Ansatz, das St. Petersburger Paradoxon, der Choleravibrio, Erblichkeit, das Galtonsche Brett, Taxonomie, Wahlprognosen, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit, die Entstehung der Arten, die Ordnung der Dinge und die Dinge des Lebens - das sind die Themen des Buches.
Weitere Infos & Material
1;Vorwort des Übersetzers;7
2;Inhaltsverzeichnis;10
3;Einleitung: Soziale Tatbestände als Dinge;13
3.1;Eine anthropologische Sicht auf die Wissenschaften;16
3.2;Beschreibung und Entscheidung;19
3.3;Wie man dauerhafte Dinge macht;22
3.4;Zwei Arten der historischen Forschung;26
4;1 Präfekten und Vermessungsingenieure;31
4.1;Deutsche Statistik: Identifizierung der Staaten;34
4.2;Englische politische Arithmetik:Entstehung der Expertise;38
4.3;Franz¨osische Statistik des Ancien R´egime:Intendanten und Gelehrte;42
4.4;Revolution und Erstes Kaiserreich:Die”Adunation“ Frankreichs;48
4.5;Peuchet und Duvillard: schreiben oder rechnen?;52
4.6;Wie man Diversität durchdenkt;58
5;2 Richter und Astronomen;63
5.1;Aleatorische Verträge und faire Abmachungen;64
5.2;Konstruktiver Skeptizismus und Überzeugungsgrad;70
5.3;Der Bayessche Ansatz;76
5.4;Der "goldene Mittelweg" :Mittelwerte und kleinste Quadrate;82
5.5;Messungsanpassungen als Grundlage für Übereinkünfte;87
6;3 Mittelwerte und Aggregatrealismus;89
6.1;Nominalismus, Realismus und statistische Magie;91
6.2;Das Ganze und seine Trugbilder;93
6.3;Quetelet und der ”Durchschnittsmensch“;96
6.4;Konstante Ursache und freier Wille;100
6.5;Zwei kontroverse F¨alle aus der medizinischen Statistik;105
6.6;Eine Urne oder mehrere Urnen?;111
6.7;Der angefochtene Realismus: Cournot und Lexis;115
6.8;Durchschnittstyp und Kollektivtyp bei Durkheim;120
6.9;Der Realismus der Aggregate;126
7;4 Korrelation und Ursachenrealismus;129
7.1;Karl Pearson: Kausalität, Kontingenz und Korrelation;132
7.2;Francis Galton: Vererbung und Statistik;139
7.3;Schwer zu widerlegende Berechnungen;150
7.4;Fünf Engländer und der neue Kontinent;156
7.5;Kontroversen über den Realismus der Modelle;164
7.6;Yule und der Realismus der administrativen Kategorien;168
7.7;Epilog zur Psychometrie:Spearman und die allgemeine Intelligenz;174
8;5 Statistik und Staat:Frankreich und Großbritannien;177
8.1;Französische Statistik – eine diskrete Legitimität;181
8.2;Entwurf und Scheitern eines Einflußnetzwerks;187
8.3;Statistik und Wirtschaftstheorie – eine späte Verbindung;194
8.4;Britische Statistik und öffentliche Gesundheit;198
8.5;Sozialenqueten und wissenschaftliche Gesellschaften;205
9;6 Statistik und Staat:Deutschland und die Vereinigten Staaten;211
9.1;Deutsche Statistik und Staatenbildung;212
9.2;Historische Schule und philosophische Tradition;218
9.3;Volkszählungen in der amerikanischen politischen Geschichte;223
9.4;Das Census Bureau: Aufbau einer Institution;230
9.5;Arbeitslosigkeit und Ungleichheit: Die Konstruktion neuer Objekte;234
10;7 Pars pro toto: Monographien oder Umfragen;247
10.1;Die Rhetorik des Beispiels;250
10.2;Halbwachs: Die soziale Gruppe und ihre Mitglieder;255
10.3;Die Armen: Wie beschreibt man sie und was macht man mit ihnen?;258
10.4;Von Monographien zu systematischen Stichprobenerhebungen;263
10.5;Wie verbindet man ”was man schon weiß“ mit dem Zufall?;269
10.6;Wohlfahrtsstaat, Inlandsmarkt und Wahlprognosen;270
11;8 Klassifizierung und Kodierung;275
11.1;Statistik und Klassifikation;276
11.2;Die Taxonomien der Lebewesen;278
11.3;Die Durkheimsche Tradition:sozio-logische Klassifizierungen;282
11.4;Die Zirkularität von Wissen und Handeln;286
11.5;Gewerbliche Tätigkeiten: instabile Verbindungen;289
11.6;Vom Armen zum Arbeitslosen:Die Entstehung einer Variablen;295
11.7;Ein hierarchischer, eindimensionaler und stetiger sozialer Raum;300
11.8;Vom Gewerbe zur qualifizierten T¨atigkeit;305
11.9;Vier Spuren der Französischen Revolution;309
11.10;Eine Urne oder mehrere Urnen: Taxonomie und Wahrscheinlichkeit;314
11.11;Wie man einer Sache Zusammenhalt verleiht;318
12;9 Modellbildung und Anpassung;323
12.1;Wirtschaftstheorie und statistische Beschreibung;326
12.2;Glaubensgrad oder Langzeithäufigkeit;329
12.3;Zufälligkeiten und Regelmäßigkeiten: Frisch und der Schaukelstuhl;335
12.4;Mittel gegen die Krise: Das Modell von Tinbergen;340
12.5;Ingenieure und Logiker;345
12.6;¨Uber den richtigen Gebrauch der Anpassung;348
12.7;Autonomie und Realismus von Strukturen;355
12.8;Drei Methoden zur Berechnung des Nationaleinkommens;359
12.9;Theorien testen oder Diversität beschreiben?;363
13;Schlußfolgerung: Das Unbestreitbare in Zweifel ziehen;371
13.1;Ein zu praktischen Zwecken konstruierter kognitiver Raum;372
13.2;Mittelwerte und Regelmäßigkeiten, Skalen und Verteilungen;375
13.3;Ein Raum für Verhandlungen und Berechnungen;380
13.4;Statistische Argumentation und soziale Debatten;384
14;Nachwort: Wie schreibt man Bücher, die Bestand haben?;387
14.1;Einige zwischen 1993 und 2000 veröffentlichte Arbeiten;387
14.2;Wie verbindet man die Aspekte der Geschichte der Statistik?;390
14.3;Wie bedienen sich die Sozialwissenschaften dieser Aspekte?;392
14.4;Kritiken und Diskussionsthemen;397
15;Anhang: Abkürzungen;401
16;Literaturverzeichnis;405
17;Namensverzeichnis;425
18;Stichwortverzeichnis;433
5 Statistik und Staat: Frankreich und Großbritannien (S. 165-166)
Der Begriff der Statistik im ältesten Sinne des Wortes geht ins 18. Jahrhundert zurück und beinhaltet eine Beschreibung des Staates durch ihn und für ihn (vgl. Kapitel 1). Zu Anfang des 19. Jahrhunderts kristallisierte sich in Frankreich, England und Preußen um das Wort "Statistik" eine Verwaltungspraxis heraus und man entwickelte Formalisierungstechniken, bei denen die Zahlen im Mittelpunkt standen.
Spezialisierte Bureaus wurden damit beauftragt, Zählungen zu organisieren und die von den Verwaltungen gef¨uhrten Register zu kompilieren, um für den Staat und für die Gesellschaft Darstellungen zu erarbeiten, die den Handlungsweisen und dem Ineinandergreifen von Staat und Gesellschaft in angemessener Weise entsprachen. Die Formalisierungstechniken bestanden aus Zusammenfassungen, Kodierungen, Totalisierungen, Berechnungen und Konstruktionen von Tabellen und gra.schen Darstellungen. Diese Techniken ermöglichten es, die durch die Staatspraxis gescha.enen neuen Objekte mit einem einzigen Blick zu überschauen und miteinander zu vergleichen. Man konnte jedoch keine logische Trennung zwischen Staat, Gesellschaft und den Beschreibungen vornehmen, die von den statistischen Bureaus geliefert wurden.
Der Staat setzte sich aus besonderen – mehr oder weniger organisierten und kodiffizierten – Formen von Beziehungen zwischen den Individuen zusammen. Diese Formen ließen sich – vor allem mit Hilfe der Statistik – objektivieren. Aus dieser Sicht war der Staat keine abstrakte Entität, die außerhalb der Gesellschaft stand und in den verschiedenen Ländern identisch war. Es handelte sich vielmehr um eine singuläre Gesamtheit von sozialen Bindungen, die sich verfestigt hatten und von den Individuen in hinreichender Weise als Dinge behandelt wurden. Und zumindest für den Zeitraum, in dem der betreffende Staat existierte, waren diese sozialen Tatbestände tatsächlich Dinge.
Innerhalb der Grenzen, die durch diese historische Konsolidierung der staatlichen Zusammenhänge abgesteckt waren, stellen die statistischen Bureaus und ihre Tabellierungen Quellen für den Historiker dar. Aber der Historiker kann auch die Peripetien und Besonderheiten der allmählichen Errichtung dieser Bureaus als Momente der Bildung moderner Staaten betrachten, wie sie im Laufe des 19. Jahrhunderts entstanden sind. In den beiden vorhergehenden Kapiteln hatten wir – vom Standpunkt der wissenschaftlichen Rhetoriken und deren Darlegung – die Konsistenz der von der Statistik produzierten Dinge untersucht und unsere Untersuchung erstreckte sich von Quetelet bis hin zu Pearson. Aber diese Konsistenz hing auch mit der Konsistenz der staatlichen Einrichtungen und deren Solidität zusammen, und sie hing mit dem Umstand zusammen, der die Individuen veranlaßte, diese Institutionen als Dinge zu behandeln, ohne sie ständig infrage zu stellen. Diese Solidität kann ihrerseits das Ergebnis einer Willkürherrschaft oder einer konstruierten Legitimität sein, wie es in unterschiedlichen Formen in den Rechtsstaaten der Fall war, die gerade im 19. Jahrhundert aufgebaut wurden.
Diese Legitimität war nicht per Dekret vom Himmel gefallen. Vielmehr wurde sie Tag für Tag geformt und gewoben, vergessen, bedroht, infrage gestellt und unter erneuten Anstrengungen wiedererrichtet. Innerhalb dieser Legitimität der staatlichen Institutionen nahm die Statistik eine Sonderstellung ein: sie setzte einen allgemeinen Bezugsrahmen, der mit zwei Garantien ausgestattet war – der Garantie des Staates und der Garantie von Wissenschaft und Technik. Das subtile Ineinandergreifen von Staat, Wissenschaft und Technik verlieh der amtlichen Statistik eine besondere Originalität und Glaubwürdigkeit.




