Dostojewski | Der ewige Gatte | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Dostojewski Der ewige Gatte

Erzählung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-944621-96-8
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Erzählung

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-944621-96-8
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Vor vielen Jahren hatte der verarmte Adlige Alexej Weltschaninow eine Affäre mit der verstorbenen ersten Frau seines früheren Bekannten Pawel Pawlowitsch. Dieser hat nach dem Tod seiner Frau davon erfahren und so taucht er überraschend mit seiner Tochter Lisa bei Weltschaninow auf. Pawlowitschs merkwürdiges Verhalten deutet darauf hin, dass er sich rächen will und Weltschaninow bekommt es mit der Angst zu tun. Tatsächlich. Anfangs weiß Pawlowitsch nur noch nicht, 'womit er das Ganze abschließen soll: mit einer Umarmung oder mit einem Mord. Natürlich kam er zu dem Schluss, dass es am besten sei, das eine und das andere zu tun, und zwar zusammen.' Die geniale Erzählung Der ewige Gatte ist ein Klassiker der Spannungsliteratur.

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Weltschaninow
    Der Sommer war herangekommen, und Weltschaninow war gegen alle Erwartung in Petersburg geblieben. Aus seiner Reise nach Südrußland war nichts geworden, und von seinem Prozesse war noch immer kein Ende abzusehen. Dieser Prozeß, bei dem es sich um Vermögensangelegenheiten handelte, hatte eine sehr üble Wendung genommen. Noch vor drei Monaten hatte es so ausgesehen, als wenn die Sache höchst einfach läge und gar kein Streit darüber möglich wäre; aber plötzlich hatte alles eine andere Gestalt angenommen. »Es verändert sich jetzt überhaupt alles zum Schlechteren!« Diese Redensart hatte Weltschaninow angefangen mit einer Art von Schadenfreude häufig im stillen für sich zu wiederholen. Er hatte einen geschickten, teuren, renommierten Rechtsanwalt angenommen und ließ sich das Geld nicht leid sein; aber in seiner Ungeduld und in seinem Mißtrauen hatte er es sich angewöhnt, sich auch selbst mit seinem Prozesse zu beschäftigen: Er las Akten und verfaßte selbst Schriftsätze, die sein Rechtsanwalt sämtlich in den Papierkorb warf, lief bei den Gerichtsbehörden umher, stellte Nachforschungen an und störte dadurch wahrscheinlich nur den ganzen Gang der Sache; wenigstens beklagte sich der Rechtsanwalt über ihn und wollte ihn mit Gewalt in die Sommerfrische treiben. Aber nicht einmal in die Sommerfrische zu ziehen konnte er sich entschließen. Staub, drückende Schwüle und die den Nerven so schädlichen hellen Nächte, das waren in Petersburg die Genüsse, in denen er schwelgte. Er hatte irgendwo in der Nähe des Großen Theaters eine Wohnung inne, die er erst kürzlich gemietet hatte; aber auch damit hatte er Pech gehabt; es glückte ihm eben nichts, wie er sagte. Seine Hypochondrie wuchs von Tag zu Tage; zur Hypochondrie hatte er aber von jeher inkliniert. Er war ein Mensch, der bisher sein Leben gründlich genossen hatte und nun nicht mehr der jugendlichste war: Er mochte achtunddreißig oder gar neununddreißig Jahre zählen, und dieses ganze »Greisenalter«, wie er selbst sich ausdrückte, war ihm »fast ganz unerwartet« über den Hals gekommen; aber er war sich selbst darüber klar, daß er nicht sowohl durch die Zahl als sozusagen durch die Qualität seiner Jahre gealtert war, und daß, wenn sich schon mancherlei Schwächen eingestellt hatten, dies mehr innerliche als äußerliche Schwächen waren. Wenn man ihn so ansah, machte er immer noch den Eindruck eines kräftigen Mannes. Er war hochgewachsen und breitschulterig, hatte hellblondes, dichtes Haar und noch keine Spur von Grau auf dem Kopfe und in dem langen, beinah bis auf die halbe Brust hinabreichenden blonden Barte; auf den ersten Blick schien er einem etwas plump und schlaff zu sein; sah man aber genauer zu, so erkannte man in ihm sogleich einen Herrn, der einmal eine vorzügliche Kinderstube und eine durchaus weltmännische Erziehung genossen hatte. Weltschaninows Manieren waren auch jetzt ungezwungen, sicher und sogar anmutig, trotz des mürrischen, schwerfälligen Wesens, das er angenommen hatte. Er war sogar immer noch von einem unerschütterlichen, weltmännisch dreisten Selbstvertrauen erfüllt, vielleicht ohne daß er sich der ganzen Größe desselben recht bewußt gewesen wäre, obwohl er nicht nur ein kluger, sondern manchmal sogar ein scharfblickender, beinah ein gebildeter und zweifellos ein wohlbegabter Mensch war. Ehemals hatte sich die Farbe seines offenen, frischen Gesichtes durch eine weibliche Zartheit ausgezeichnet und die Aufmerksamkeit der Frauen auf sich gezogen, und auch jetzt noch sagte mancher, der ihn ansah: »Ist das mal ein kerngesunder Mensch; wie Milch und Blut!« Und doch wurde dieser »kerngesunde« Mensch in grausamer Weise von Hypochondrie geplagt. Seine großen, blauen Augen hatten vor zehn Jahren so etwas Sieghaftes gehabt; sie waren so glänzend, so heiler und so sorglos gewesen, daß sie unwillkürlich auf einen jeden, mit dem er in Berührung kam, eine starke Anziehungskraft ausübten. Jetzt, nahe an den Vierzigern, war die frühere Klarheit und Gutmütigkeit fast ganz aus diesen Augen verschwunden, die sich bereits mit kleinen Runzeln umgeben hatten, und es sprach aus ihnen vielmehr der Zynismus eines nicht ganz moralischen, müde gewordenen Menschen, ferner Schlauheit, besonders häufig Spottlust und noch ein neues Gefühl, das früher nicht vorhanden gewesen war: Traurigkeit und Schmerz, eine Art von zerstreuter, gleichsam gegenstandsloser, aber doch starker Traurigkeit. Diese Traurigkeit machte sich namentlich dann geltend, wenn er allein war. Und seltsam: Dieser Mensch, der noch vor zwei Jahren so munter, vergnügt und lustig gewesen war und so komische Geschichten in so prächtiger Weise erzählt hatte, der hatte jetzt nichts so gern, als wenn er vollständig allein sein konnte. Er hatte absichtlich eine Menge von Bekanntschaften aufgegeben, die er auch jetzt noch trotz seiner vollständig zerrütteten Finanzen hätte festhalten können. Allerdings wirkte hierbei auch sein Ehrgefühl mit: Bei seinem Mißtrauen und bei seinem Ehrgefühl war eine Fortsetzung der früheren Bekanntschaften unmöglich. Aber auch sein Ehrgefühl erlitt allmählich in der Vereinsamung eine Veränderung. Es wurde nicht geringer, ganz im Gegenteil; aber es entartete zu einer besonderen Sorte von Ehrgefühl, die er früher nicht besessen hatte: Es litt jetzt manchmal aus ganz anderen Ursachen als früher gewöhnlich, — aus überraschenden, früher ganz undenkbaren Ursachen, aus »höheren« Ursachen, als es die früheren gewesen waren, »wenn man sich überhaupt so ausdrücken kann und es tatsächlich höhere und niedrigere Ursachen gibt«. Dies pflegte er selbst hinzuzufügen. Ja, so weit war es mit ihm gekommen; er quälte sich jetzt mit irgendwelchen »höheren« Motiven herum, an die er früher mit keinem Gedanken gedacht hatte. Höhere nannte er aufgrund seiner Einsicht und seines Gewissens all diejenigen »Motive«, über die er (zu seiner eigenen Verwunderung) schlechterdings nicht imstande war, im stillen für sich zu spotten (etwas, was ihm bis dahin noch nicht vorgekommen war), selbstverständlich im stillen für sich; denn in Gesellschaft, oh, da war es eine andere Sache! Er wußte recht wohl, daß er, wenn die richtigen Umstände zusammentrafen, auch jetzt noch trotz aller geheimen, frommen Mahnungen seines Gewissens mit aller Seelenruhe alle diese »höheren Motive« laut leugnen und selbst der erste sein würde, der sie lächerlich machte, selbstverständlich ohne seine neuere Anschauung zu gestehen. Und das war tatsächlich so, trotz einer gewissen sogar recht beträchtlichen Portion von Selbständigkeit des Denkens, die er sich in der letzten Zeit hinsichtlich der »niedrigeren Motive« erworben hatte, von denen er sich bis dahin hatte beherrschen lassen. Und wie oft hatte er selbst, wenn er sich am Morgen vom Bette erhob, sich der Gedanken und Gefühle geschämt, die ihn in der schlaflosen Nacht erfüllt hatten! (Er litt nämlich in der ganzen letzten Zeit häufig an Schlaflosigkeit.) Er hatte schon längst bemerkt, daß er in jeder Hinsicht, mochte es sich nun um Wichtiges oder um Kleinigkeiten handeln, außerordentlich mißtrauisch geworden war, und hatte sich daher vorgenommen, auch sich selbst möglichst wenig zu trauen. Indessen gab es doch Tatsachen, die man schlechterdings als existierend anerkennen mußte. In der letzten Zeit hatten seine Gedanken und Gefühle mitunter nachts sich im Vergleich mit den sonst immer vorhandenen fast vollständig geändert und ähnelten großenteils in keiner Weise denjenigen, die ihm in der ersten Hälfte des Tages kamen. Das befremdete ihn, und er befragte sogar einen berühmten Arzt, allerdings einen Bekannten von sich, und selbstverständlich redete er mit ihm in scherzendem Tone. Er erhielt zur Antwort, eine solche Veränderung und sogar Zweiteilung der Gedanken und Gefühle des Nachts bei Schlaflosigkeit, und überhaupt des Nachts, sei bei Menschen »mit starker Denk- und Gefühlstätigkeit« nichts Seltenes; die Anschauungen des ganzen bisherigen Lebens erfuhren mitunter ganz plötzlich durch die melancholische Einwirkung der Nacht und der Schlaflosigkeit eine Umgestaltung; es würden auf einmal ohne erkennbaren Grund die verhängnisvollsten Entschlüsse gefaßt; aber alles habe natürlich eine bestimmte Grenze, und wenn schließlich das betreffende Individuum diese Zweiteilung so stark empfinde, daß es wirklich darunter leide, so sei das unstreitig ein Symptom dafür, daß sich eine Krankheit herausbilde, und dann müsse man unverzüglich etwas dagegen unternehmen. Das beste sei eine radikale Veränderung der ganzen Lebensweise, eine Veränderung der Diät oder auch eine Reise. Auch ein Abführmittel sei natürlich nützlich. Weltschaninow mochte nichts weiter hören; aber die Krankheit erschien ihm als vollständig erwiesen. »Also ist das alles nur Krankheit; all dieses ›Höhere‹ ist nur Krankheit und weiter nichts!« rief er manchmal giftig im stillen für sich aus. Es widerstrebte ihm doch, dem zuzustimmen. Bald begann sich übrigens auch vormittags dasselbe zu wiederholen, was sich bis dahin ausschließlich in den Stunden der Nacht zugetragen hatte, nur daß es dann mit mehr Erbitterung verbunden war und Bosheit an die Stelle der Reue, Spott an die Stelle der Rührung trat. Im wesentlichen waren es allerlei Vorgänge aus seinem vergangenen, längst vergangenen Leben, die ihm immer öfter »plötzlich und Gott weiß woher« ins Gedächtnis kamen, und zwar in einer ganz merkwürdigen Weise. Weltschaninow klagte nämlich schon lange über das Schwinden seines Erinnerungsvermögens: Er vergaß die Gesichter von Bekannten, die ihm das dann bei Begegnungen übelnahmen; ein Buch, das er vor einem halben Jahr gelesen hatte, vergaß er innerhalb dieses Zeitraumes manchmal vollständig. Und sollte man es glauben: Trotz dieser...



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