Down | Körper aus Licht | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 560 Seiten

Down Körper aus Licht

Roman | So dringlich und überwältigend wie»Ein wenig Leben«
25001. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3292-5
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | So dringlich und überwältigend wie»Ein wenig Leben«

E-Book, Deutsch, 560 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3292-5
Verlag: Ullstein Taschenbuchvlg.
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Körper aus Licht ist ein Wunderwerk: Episch und voller Details, hart und zart, immer herzzerreißend. Wie viel kann ein Mensch aushalten, ohne die Hoffnung zu verlieren? Maggies Stimme hat mich nicht mehr losgelassen.« ELENA FISCHER Maggie ist vier, als sie in die Obhut des Staates kommt. Nichts in den Heimen, Wohngruppen, Pflegefamilien ist von Bestand; sie sehnt sich nach Verbundenheit, erfährt große menschliche Güte - und was es heißt, ausgeliefert zu sein. Als sie erwachsen ist und dieses zerrüttete Leben hinter sich gelassen hat, wirft eine unerwartete Nachricht sie zurück in ihre Vergangenheit: Erinnerungen an dunkle Nächte kehren wieder, Klopfzeichen an der Schlafzimmerwand, die erste Liebe und unbegreiflicher Verlust. Können wir den Geschichten, die wir tief ins uns vergraben, jemals entkommen? »Ein bemerkenswert einfühlsames Buch - ein Leben, das man nicht leugnen kann.« The Guardian »Die Geschichte eines prallen Lebens, empathisch, aufwühlend, mitreißend. Es geht um Trauma und Schmerz, um Erinnerung und Verlust, um die Weigerung, etwas anderes zu tun als zu überleben, gegen alle Widerstände. Episch und doch bis ins Detail genau.«Australian Book Review

Jennifer Down ist Schriftstellerin und Lektorin. Ihr Debütroman Our Magic Hour stand 2014 auf der Shortlist für den Victorian Premier's Literary Award. Bodies of Light, ihr zweiter Roman, wurde 2022 mit dem größten Literaturpreis Australiens ausgezeichnet, dem Miles Franklin Literary Award ausgezeichnet. Sie lebt in Naarm/Melbourne.
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Southern Aurora Hotel, Dandenong, 1978


Dad nannte das Southern Aurora den Schweinepferch. Die drei P, hat er immer gesagt – Pils, Pfeifen und Prügeleien. Es lag direkt am Bahnhof. Man kannte uns dort schon, bevor wir überhaupt für sechs Monate oder so in eins der Motelzimmer hinter dem Pub gezogen sind. Unter der Woche saß ich nachmittags neben Dad an der Bar, er mit seinem Bier, das im Plastikglas schwitzte, und ich mit einer Pink Lemonade. An ruhigen Tagen durfte ich allein am Billardtisch spielen. Ich war kaum groß genug, um über den Rand zu gucken, und viel zu klein, um ein Queue zu halten. Ich konnte die Halben von den Vollen unterscheiden, aber das war’s dann auch schon. Ich erfand eigene Spiele, indem ich die Billardkugeln wie beim Bowling herumrollte. Ich ordnete sie als Dreieck an, das ich über den Filz schob. Mir gefiel das leise Klackern, das die leuchtenden Kugeln machten. Oder ich schmierte mir Billardkreide ins Gesicht und tat, als wäre ich ein wildes Tier.

Der Teppich unter den Füßen war klebrig; jede Oberfläche stank nach altem Bier und Rauch. Ein Krug Bier war billig. Abendessen gab’s für einen Dollar fünfzig. Wir kannten die Bardamen und die Rausschmeißer. Sie nannten mich . An den Abenden ging es rauer zu, und Donnerstag- und Freitagnacht brachte mich Dad zurück in unser Zimmer, deckte mich zu und ging wieder in den Pub. Kein guter Ort für ein kleines Mädchen, pflegte er zu sagen. Ich hatte immer das Gefühl, etwas verführerisch Erwachsenes zu verpassen. Ein- oder zweimal habe ich mich barfuß im Schlafanzug zurückgeschlichen, und der Rausschmeißer hat mich zum Barpersonal gebracht, und die wiederum haben Dad gefunden. Ich kann mich nicht erinnern, dort mal etwas richtig Schlimmes gesehen zu haben. Ein Nacktfilm auf der großen Leinwand, ein Fenster, das bei einer Schlägerei zerbrach, jede Menge besoffenes Gekotze. Ein Haufen Schlägereien. Im Schweinepferch habe ich zum ersten Mal Gewalt gesehen. Fließendes Blut und lose Zähne im Eingang, auf Motorhauben knallende Gesichter, auf dem Asphalt brechende Knochen. Vor dem Gebäude war eine schräge Betonfläche, fast wie eine Veranda, mit einer Treppe an einem Ende, die vom Club zum Parkplatz führte. Mehr als einmal habe ich beobachtet, wie ein Rausschmeißer einen Typen einfach übers Geländer geworfen hat. Klar, ich war damals ein Kind, und die Welt kam mir groß vor, aber ich bin mir sicher, dass es ein Stockwerk weit in die Tiefe ging.

Hochsommer, nachmittags. Dad war stoned. Es war heiß, und mir war langweilig. Wir hatten den ganzen Tag drinnen verbracht. Dad in Unterhemd und Boxershorts auf dem Bett ausgestreckt; ich in meinem kurzen Pyjama. Ich spielte mit einer Anziehpuppe aus Papier, die er mir in der Woche zuvor im Zeitungsladen gekauft hatte. Meine Papierpuppen bewahrte ich in einem braunen Briefumschlag auf. Dad hat sie immer für mich ausgeschnitten, und meine Aufgabe war es, die Laschen an den Rändern der Kleidung umzuklappen und die Ständer zu basteln, die zu den Puppen gehörten. Zu der Zeit hatte ich eine recht ansehnliche Sammlung. Seit dem Umzug ins Southern Aurora kaufte er mir jedes Mal, wenn er sein Arbeitslosengeld bekam, ein neues Anziehpuppenset. Ich gab allen einen Namen. Die Woche zuvor hatte ich im Pub gehört, wie er einer der Bardamen erzählte, dass ich ihnen allen verschiedene Persönlichkeiten gegeben hatte – eine sei die Mami, sagte er, eine andere die Oma. Es gibt eine Krankenschwester und eine Babysitterin und wer weiß was noch alles, aber eigentlich sind sie alle gleich – und dann hatten die beiden gelacht.

Ich wollte ihnen erklären, dass ich mir die Namen und Eigenschaften nicht ausdachte, sondern dass sie sich mir so klar zeigten wie die Haarfarbe jeder einzelnen Puppe. Es gab zum Beispiel eine mit einem fröhlichen, verständnisvollen Gesicht, die etwas unverkennbar Großmütterliches hatte, obwohl alle Puppen mehr oder weniger im gleichen undefinierbaren Alter waren – attraktive junge Models mit unrealistischen Taillen. Es gab eine mit überheblicher Mimik, scharfkantigen Augenbrauen und Stupsnase, die ich Clarissa nannte, aber die anderen Puppen nannten sie Die Schlampe, weil sie ganz scheußlich war. Aus demselben Grund kleidete ich sie immer am nachlässigsten, was unweigerlich zu Spannungen und Beschwerden in meiner geflüsterten Bauchrednerei führte.

Als kleines Mädchen verbrachte ich so viel Zeit allein, dass ich aus so gut wie allem eine Geschichte oder ein Spiel machen konnte. Salzstreuer, Dominosteine, verbogene Haarnadeln, sie alle konnten eine Persönlichkeit bekommen, wenn mir nur langweilig genug war. Meistens ließ ich meine Puppen nicht einmal laut sprechen; ihre Unterhaltungen fanden fast ausschließlich in meinem Kopf statt, wo ich sie mit der Hybris einer Filmregisseurin mit hohen Ansprüchen wiederholen oder umformulieren konnte.

An diesem Tag in unserem abgedunkelten Zimmer im Southern Aurora, eingepfercht und verschwitzt und hungrig, Dad, der jedes Mal den Kopf hob und gereizt krächzte, wenn ich die Vorhänge öffnete, um einen Lichtstrahl reinzulassen, saß ich mit meinen Puppen nebeneinander aufgereiht auf den Fliesen im Bad, wo es kühler war. Draußen war gedämpfter Tumult zu hören, aber ich achtete nicht weiter darauf, bis jemand energisch an unsere Tür hämmerte. Ich hörte Laken rascheln und das Bett ächzen, als Dad sich umdrehte.

Ja, rief er mit dem Gesicht ins Kissen gedrückt. Das Geklopfe ging weiter. Jemand rief seinen Namen. Mit dem Bauch nach oben krabbelte ich auf allen vieren aus dem Bad zur Tür. Ich öffnete sie, ließ aber die silberne Sicherheitskette eingehakt, so wie Dad es mir gezeigt hatte. Mary, eine der Bardamen, stand draußen im grellen Licht. Ihr Haar war um den Kopf drapiert wie ein eingerolltes scheues Tier.

Es brennt, sagte sie. Ist dein Dad da? Wir müssen dich hier rausschaffen, und zwar schleunigst.

Meine Fresse, was ist denn los?, fragte Dad. Mary reckte den Hals, um ins Zimmer zu sehen.

Ronnie?, sagte sie. Bist du da? Vorne brennt’s. Sieh zu, dass du in die Gänge kommst.

In Windeseile waren wir draußen, ich in Dads Armen, beide barfuß und schweißgebadet. Er trug mich die Treppe von unserem Zimmer im zweiten Stock hinunter zum Parkplatz, wo wir mit den anderen Motelbewohnern, dem Barpersonal und den Stammgästen standen und wie betäubt den Flammen zusahen. Die Feuerwehrleute hatten auf dem Treppenabsatz des ersten Stocks eine Leiter aufgestellt, um aufs Dach zu gelangen.

Wie hat es angefangen?, fragte ein Mann, der vom Bahnhof herübergekommen war. Niemand antwortete.

Meine Anziehpuppen sind im Bad, sagte ich.

Schon okay, sagte Mary. Es ist im Billardzimmer. Sie haben es unter Kontrolle.

Dad musste von jemandem eine Kippe geschnorrt haben. Ich erinnere mich an sein Gesicht, verquollen und unrasiert, die Zigarette zwischen den Lippen, während er mit zusammengekniffenen Augen die Feuerwehrleute beobachtete.

Als wir wieder in unser Zimmer durften, wusch er erst sich das Gesicht, dann mir, und wir zogen uns an. Anschließend gingen wir bei Steve De George’s in der Lonsdale Street Hamburger essen. Ich pflückte die Ananas und Rote Bete aus meinem und verfütterte sie an Dad, der den Mund auf- und zuklappte wie ein Pelikan. Im Steve’s sprachen alle über das Feuer. Eine Frau, die mir vage bekannt vorkam, tätschelte mir den Kopf und sagte: Na, das war ganz schön aufregend, was? Ich sagte: Dad, ich hab Durst. Die Frau gab mir den Rest ihrer Dose Passiona. An der Metalllippe konnte ich sie schmecken, Salz und Revlon.

Die Sozialarbeiterin hieß Viv. Mit der Wolke aus hellem Haar um ihr Gesicht sah sie aus wie die Fee Seidenhaar aus . Noch nie hatte ich jemanden gesehen, der so schön war. Mir gefiel, dass sie nicht versuchte, übermäßig viel mit mir zu sprechen, sondern nur, wenn es nötig war. Kinder können spüren, wenn Erwachsene versuchen, eine Lücke mit Geschwätz zu füllen. Auf der Fahrt hörte sie eine Talkshow im Radio. Einmal lachte sie, und als ich fragte, Was, erklärte sie es mir. Es regnete. Ich malte mit dem Finger auf die beschlagene Scheibe.

Wir mussten den ganzen Weg bis zum Prince Henry’s fahren, um Fotos zu machen. Beim Parken erklärte mir Viv, was mich erwartete. Sie sagte, sie bleibe die ganze Zeit bei mir und es werde nicht lange dauern. Ob ich Angst vor Polizisten oder Krankenhäusern habe, wollte sie wissen. Ich verneinte. Sie sagte, ich sei nicht in Schwierigkeiten, es sei nur so, dass der Fotograf für die Polizei arbeite.

Drinnen musste ich mich ausziehen. Aber der Fotograf war noch nicht so weit. Viv entschuldigte sich bei mir. Wir setzten uns in den Flur und warteten. Ich war nackt. Um mich warm zu halten, verschränkte ich die Arme über der Brust, die Handflächen auf den Schultern, wie eine tote Prinzessin in einem Märchenbuch. Ich schlug die Beine übereinander und versuchte, meine Vulva zu bedecken. Viv legte ihre Strickjacke über mich. Immer wieder sagte sie, Tut mir leid, ich wusste nicht, dass das so lange dauert. Wenn wir hier fertig sind, gehen wir zu McDonald’s, was hältst du davon?

Nach einer Weile kam ein Mann vorbei und sah uns dort sitzen. Viv sagte, gerichtsmedizinische Fotos, und er zog sein Jackett aus und legte...



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