Doyle / Schäfer | Die Welt ist eine Bandscheibe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Doyle / Schäfer Die Welt ist eine Bandscheibe


1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-10-402523-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-10-402523-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Von der Fehldiagnose bis zur Therapie: Wie man trotz ständiger Rückenschmerzen und einem Dutzend anderer altersbedingter Verfallserscheinungen das Lachen nicht verlernt! »Hat der Orthopäde keine Zeit, geh ich zum Urologen. Oder Proktologen. Egal, helfen tut eh nix und niemand, am Ende gewinnt immer die Bandscheibe.« Jetzt kann John Doyle endlich mitreden, wenn es um körperliche Beschwerden geht. Denn er hat jetzt auch »Rücken«, genauer: »Bandscheibe«. Mit viel (Galgen-) Humor erzählt er von seinem Leidensweg, den er mit Millionen von Deutschen teilt: Von der Fehldiagnose (»Was? Das ist ein Tumor?«) über Akupunktursitzungen bis hin zum Handauflegen. John Doyle will seine Rückenschmerzen endlich wieder loswerden - koste es, was es wolle!

John Doyle, geboren 1963 in New Jersey/USA, tourt mit seinen Bühnenshows seit Jahren erfolgreich durch Deutschland. Doyle ist u.a. häufiger Gast bei »Nightwash«, »TV Total« und »Quatsch Comedy Club«. Die mehrteilige TV-Sendung »I love Deutschland«, die der WDR 2006 ausstrahlte, zeigt Doyles Spurensuche nach dem »echten Deutschen«. Sein erstes Buch »Don´t worry, be German« erschien 2010. Er lebt mit seiner Familie in Köln.
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Wie man durch Sitzen zu Rückenschmerzen kommt


Ein neuer Schmerz ist da. Irgendwo hinten ist er. Dauerhaft, mit kleinen Stichen zwischendurch. Inzwischen kenne ich meine Schmerzen. Jeden einzelnen. Manche sind örtlich begrenzt. Ein eingeklemmter Nerv hier, ein verrutschtes Bandscheibchen da. Mal schmerzt die Hüfte rechts, mal links, dann macht sich wieder der Nacken bemerkbar.

Meine Schmerzen sind alles Individuen mit eigenem Charakter. Manche pieksen und stechen spontan, andere wiederum verteilen sich großflächig, sind nicht so stark wie die Piekser und Stecher, dafür aber konstanter in ihrem Wirken.

Ich hab meinen Schmerzen sogar Namen gegeben. Zum Beispiel heißt mein Nackenschmerz, also der spontan stechende, nicht der permanente, wie meine ehemalige Geographie-Lehrerin Brenda Lee Jones. Sie hatte die Eigenart, träumende Schüler mit einem kurzen, aber heftigen Griff in den Nacken in die Realität des Schulalltags zurückzuholen. Diesen Karategriff verstärkte sie mit einem markerschütternden Schrei: »WAKE UP, DOYLE

Wie jede vernünftige Lehrerin war Brenda Lee Jones eine Sadistin. Ihr machte es sichtlich Freude, den etwas ungelenken rothaarigen Burschen zu kneifen, und ich gab ihr auch immer wieder Anlass, den Nackenkneifer anzuwenden. Ich bin mir sicher, dass ich ihr Lieblingsschüler war, so viel Freude hatte sie mit mir beziehungsweise meinem Nacken. Nachdem sie mich allerdings einige hundert Male auf diese Weise traktiert hatte, bat ich sie, mich beim nächsten Mal doch bitte woanders zu kneifen. Das Angebot nahm Brenda Lee gerne an, und zum »Nackenkneifer« kamen dann noch der »Unterarm-Hautzwirbler«, der »Zweifach-Rippenstoß« und schließlich als Krönung die von »unten nach oben durchgezogene Kopfnuss«. Aber ganz ehrlich: An den spontanen Schmerz des »Nackenkneifers« kamen ihre anderen Foltermethoden nicht heran. Er war in seiner Intensität unvergleichlich. Deshalb trägt mein spontaner Nackenschmerz nun den Namen »Brenda Lee«.

Aber heute fühlt sich der Schmerz anders an. Er ist zwar permanent da, traktiert mich aber auch immer wieder mit kleinen Spitzen oberhalb des vierten oder fünften Rückenwirbels, also irgendwo zwischen Schultern und Becken.

Das ist neu, diese Mischform aus Spontanität und Kontinuität. Ich weiß noch nicht, wie ich diesen neuen Schmerz nennen soll. Auf jeden Fall hat er einen großen Namen verdient. »Vlad Dracul« vielleicht oder »Vera int Veen«. Irgendetwas Großes und Böses auf jeden Fall. Unabhängig davon verdient ein so neuer und intensiver Schmerz auch einen neuen Orthopäden. Einen, mit dem ich noch nicht per Du bin.

Meine Wahl fiel auf Dr. med. H.H. Schröder. Ich kannte ihn nicht, und er wurde mir nicht als »der beste Orthopäde von allen« empfohlen. Da mir aber auch die »besten von allen Orthopäden« nicht helfen können, war es sowieso schnurz, wem ich von meinen Schmerzen erzählte. Warum also nicht Dr. med. H.H. Schröder?

Weil ich Privatpatient und damit auspressbar bin, bekam ich sofort einen Termin. Ich musste auch nicht im Wartezimmer sitzen und die »Bunte« lesen, sondern wurde gleich in einen Behandlungsraum geführt, um dann dort eine Stunde auf Dr. med. H.H. Schröder zu warten. Um die Wartezeit zu überbrücken, las ich ein wenig im »Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch«, das Gesundheitslexikon der Ärzte.

Für einen Hypochonder, der ich zweifelsohne bin, ist dieses Buch so eine Art Bibel. Mehr Informationen über Krankheiten, die man alle noch bekommen kann, erhält man nirgendwo sonst. Leider betrat Dr. med. H.H. Schröder, gerade als ich mich mit dem Gedanken an eine »Perianalthrombose«, zu deutsch: Arschgeschwür, angefreundet hatte, den Raum. Typ Tennisspieler mit Kleinfamilie, also eher als

Bevor er etwas zu mir sagen konnte wie: »Was kann ich für Sie tun, Herr Dolly?«, war ich auch schon komplett ausgezogen.

»Herr Dolly, es reicht, wenn Sie sich obenrum freimachen. Oder schmerzt es auch im Schritt?«

Er lachte, ich wurde rot und zog die Hose wieder an. Dann begann das übliche Abtasten mit kurzen Foltereinlagen – also drücken, wo es besonders weh tut –, und es folgte das übliche Statement: »Herr Dolly, Ihr Schmerz ist undefinierbar.«

»Undefinierbar« ist für einen Orthopäden das, was »Mutter« für einen Psychologen ist oder die »Spannungen im Gewebe« für den Osteopathen. Er könnte auch sagen:

»Herr Dolly, ich habe keinen blassen Schimmer, was das für Schmerzen sind und wo die herkommen könnten! Ich hab zwar Medizin studiert und behandele seit Jahren Patienten wegen solcher Schmerzen, aber fragen Sie mich nicht, warum!«

Stattdessen sagte er: »Der Schmerz ist undefinierbar.«

Und im Anschluss wurde dann wie immer eine Therapie verschrieben. Egal, um was für einen Schmerz es sich handelt und wo auch immer die Ursache sitzt: Zuerst gibt es eine Spritze, dann Krankengymnastik und was sonst noch von der Kasse bezahlt wird. Und das ist bei einer Privatkasse viel.

Aber diesmal will ich nicht »undefinierbar« bleiben.

Ich verwickelte Dr. med. H.H. Schröder in ein Gespräch über die mögliche Ursache für meinen neuen Schmerz. Er nickte interessiert und erzählte mir daraufhin von seinem neuen Speedboat. Nein, quatsch, natürlich hörte er mir aufmerksam zu.

»Vielleicht kommt das vom zu langen Sitzen. Ich hab in den letzten Wochen fast jeden Tag auf einem weichen Sessel in einer Ami-Kaffeebude gesessen und mich ohne Unterbrechung über mein Notebook gebeugt.«

Eigentlich ist es ja eher peinlich, sich nur durch pures Sitzen zu verletzen. Ich meine im Vergleich zu Bungeejumping oder Fallschirmspringen, aber ich wollte bei der Wahrheit bleiben. Und die hieß nun einmal: Durch Sitzen verletzt.

Er fand das mit dem Sitzen nicht außergewöhnlich, vielmehr hörte er mir gar nicht zu und antwortete mit einem typischen Orthopäden-Satz: »Herr Dolly, Sie müssen ein wenig kürzertreten.«

Wie konnte ich » Ich hatte doch nur gesessen! Was kam als Nächstes: »Passen Sie höllisch auf beim Rumliegen!«?

Nein, so einfach, so ohne Fachbegriffe, kam er mir nicht davon. Schließlich bin ich Profi-Patient und habe alle Folgen von »Dr. House« gesehen. Dazu noch »Scrubs«, »Emergency Room«, »Grey’s Anatomy«, »Private Practice« und natürlich »Der Bergdoktor.«

»Also, ich tippe auf HWS«, schleuderte ich ihm entgegen, »oder vielleicht BWS?« Und endlich hatte ich ihn aus der Reserve gelockt: »Herr Dolly, das Problem könnte auch in der LWS, in der Lendenwirbelsäule liegen. Definitiv aber haben Sie eine Fehlhaltung, und die wird natürlich durch stundenlanges Herumsitzen nicht besser. Das Sitzen, Herr Dolly, ist sozusagen eine Kollektivstrafe der zivilisierten Menschheit. Der Mensch ist nicht fürs Sitzen gemacht! Eigentlich ist er seiner Entwicklungsgeschichte nach sogar eher ein Vierbeiner.«

Ach, was.

Dann gab er mir die üblichen Überweisungen für Krankengymnastik, Massage und Physiotherapie.

»Und, Herr Dolly, ganz wichtig: Nicht so viel sitzen! Nicht so viel sitzen! Sitzen ist Gift für den Rücken.«

Auf dem Weg nach Hause erwischte ich den letzten freien Platz in der Straßenbahn: »Okay, John, morgen fängst du mit dem Nichtsitzen an. Heute sitzt du noch mal und – leidest.«

Aber es stimmt schon: Laut Statistik verbringt der Durchschnittsdeutsche 11 bis 14 Stunden am Tag im Sitzen. Die anderen acht Stunden schläft er, und in den restlichen zwei sucht er nach einem Sitzplatz. Das muss man sich mal vorstellen: 14 STUNDEN SITZEN! Wir sitzen im Bus, in der Bahn, im Auto, im Gefängnis (in den USA jedenfalls). Wir sitzen im Stau, im Café, im Wartezimmer und – im Vergleich zu früher – viel zu viel auf dem Klo. Seit dem Verbot des »Im-Stehen-Pinkelns« sogar noch mehr.

Das mit dem Klo stimmt übrigens tatsächlich. Es gibt eine Studie (Wahnsinn, wofür es nicht alles Studien gibt), die besagt, dass ein heute achtzigjähriger Mann am Ende seines Lebens circa 300 Tage auf der Kloschüssel verbracht hat. Nicht am Stück, aber zusammengezählt 300 Tage. Aber hallo!

Und das gilt wie gesagt nur für die heute Achtzigjährigen. Wer heute 20 ist, wird in 60 Jahren bis zu 1200 Tage auf dem Klo gesessen haben. Nicht, weil das finale Prozedere des Verdauungsprozesses heute länger dauert als früher, nein. Es liegt daran, dass der moderne Mensch mit Smartphone oder Tablet-Computer auf die Toilette geht. Das verlängert die Sitzzeit um das Vierfache. Bekloppt!

Ich bin übrigens auch so ein Smartphone-User wie viele meiner Bekannten. Wir haben alle Rückenprobleme, nicht nur, weil wir zu viel Zeit vor dem Rechner verbringen, sondern weil wir auch noch auf der Toilette aufs Smartphone oder aufs Tablet starren: den Oberkörper vorgebeugt, die Ellenbogen auf den Oberschenkeln und das Smartphone auf Kniehöhe, damit der Rücken auch wirklich schön gekrümmt ist.

Tatsächlich gehe ich ohne technische Hilfsmittel nicht mehr aufs Klo. Früher war es die Tageszeitung, die dann auch irgendwann ausgelesen war, aber heute? Das World Wide Web kennt kein Ende: E-Mails checken und beantworten. SMS oder WhatsApp lesen, schreiben und dann weiter zu Facebook und/oder Twitter. Statusmeldung: »Bin gerade auf Klo. ?.« Und Facebook fragt: »Dürfen wir Ihren...


Doyle, John
John Doyle, geboren 1963 in New Jersey/USA, tourt mit seinen Bühnenshows seit Jahren erfolgreich durch Deutschland. Doyle ist u.a. häufiger Gast bei 'Nightwash', 'TV Total' und 'Quatsch Comedy Club'. Die mehrteilige TV-Sendung 'I love Deutschland', die der WDR 2006 ausstrahlte, zeigt Doyles Spurensuche nach dem 'echten Deutschen'. Sein erstes Buch 'Don´t worry, be German' erschien 2010. Er lebt mit seiner Familie in Köln.

John DoyleJohn Doyle, geboren 1963 in New Jersey/USA, tourt mit seinen Bühnenshows seit Jahren erfolgreich durch Deutschland. Doyle ist u.a. häufiger Gast bei 'Nightwash', 'TV Total' und 'Quatsch Comedy Club'. Die mehrteilige TV-Sendung 'I love Deutschland', die der WDR 2006 ausstrahlte, zeigt Doyles Spurensuche nach dem 'echten Deutschen'. Sein erstes Buch 'Don´t worry, be German' erschien 2010. Er lebt mit seiner Familie in Köln.



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