E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Duffey / Myers Wie im Himmel, so auf Erden
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-96122-034-2
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Gebet verändert das Leben vieler Menschen. Roman.
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-96122-034-2
Verlag: Gerth Medien
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Laurie Myers und Betsy Duffey sind Schwestern, die gemeinsam schon mehrere Bücher geschrieben haben. Besonders ihre Kinderbücher wurden mit vielen Preisen ausgezeichnet. Ihr erster gemeinsamer Roman 'Das Lied des Hirten' wurde zum Bestseller.
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Kapitel 2
Geheiligt werde dein Name
Bethany hielt Simons Hand ganz fest, als sie über die Dünen zum Strand hinunterrannten. Die salzige Luft traf auf ihr Gesicht, und die Meeresbrise war so frisch und kühl, dass Bethany froh war, dass sie ihre Jacke mitgenommen hatte. Weil Mond und Sterne so hell schienen, dass sie den Pfad durch die Dünen gut sehen konnten, brauchten sie keine Taschenlampe.
Hier draußen, weit weg vom Campus, weit weg von der Stadt Charleston, in der es eigentlich nie richtig dunkel wurde, war der Himmel unglaublich klar, und in dieser Nacht gab es nicht einmal einen Hauch von Nebel oder Dunst, der die Sterne hätte verdecken können. Jeder einzelne Stern funkelte hell und klar – die Plejaden, der Orion, der Große Bär. Als Bethany an all diese schönen exotischen Namen dachte und dabei zu den Sternen hinaufblickte, regte sich etwas in ihr – etwas, das sich wie Sehnsucht anfühlte.
Sie legte ihre Hand aufs Herz und fragte sich, was es wohl war, wonach sie sich sehnte. Das gleiche sehnsüchtige Gefühl hatte sie auch gehabt, als sie auf dem Weg zum Strand im Radio von Simons kleinem grünem Toyota das Gebet des eingeschlossenen Bergmanns gehört hatte. Der Ernst in seiner Stimme hatte sie so berührt, dass sie ihn immer noch im Ohr hatte. Was bedeuteten diese Worte „Geheiligt werde dein Name“ eigentlich?
„Was heißt eigentlich geheiligt?“, fragte sie Simon, der auf fast jede Frage eine Antwort wusste.
„Hmmm“, sagte er und schob seine Brille etwas höher auf die Nase. „Etwas als heilig zu betrachten heißt wohl, dass es etwas Besonderes, Verehrungswürdiges ist. Meist religiöse Dinge. Ich würde sagen, das Wort ‚heil‘ steckt da mit drin, das ja für etwas Unversehrtes, Ganzes steht. Etwas Komplettes.“
Bethany fühlte sich nicht komplett. Das wurde ihr gerade klar. Aber was fehlte ihr? Die vergangenen paar Monate auf dem College waren bis jetzt die beste Zeit ihres Lebens gewesen. Direkt nach ihrer Ankunft hatte sie ihre wenigen Habseligkeiten in ihrem Wohnheimzimmer abgestellt und hatte sich dann schnell wieder aus dem Staub gemacht – weg von den anderen Mädchen, die sich kreischend und lachend und jubelnd begrüßten. Die meisten waren von ihren Eltern hergebracht worden, die mit ihnen die Taschen und Koffer in die Zimmer geschleppt und Betten bezogen hatten. Bethany dagegen war allein.
Sie hatte auf dem Parkplatz gestanden, umgeben von leeren Autos – ihr altes Leben lag hinter ihr und ein neues fing an. Und dann hatte sie nach oben geschaut. Der Abendhimmel war klar gewesen, die Luft frisch und kühl, und beim Anblick der Sterne war ihr das Herz aufgegangen.
Am nächsten Tag hatte sie sich in einen Astronomiekurs eingeschrieben.
Jetzt blieb Bethany stehen und schüttelte ihre Flipflops ab. Simon folgte ihrem Beispiel. Sie sah, wie sich das Mondlicht in seinen Brillengläsern spiegelte und er ihr zulächelte.
Sie hatte Simon in der ersten Stunde des Astronomiekurses kennengelernt. Er hatte ein paar Plätze von ihr entfernt gesessen, als sie sich zurückgelehnt und zu den hellen Punkten an der Decke des Planetariums hinaufgeschaut hatten. Sie hatte gehört, wie er vor Staunen laut nach Luft geschnappt hatte, als die ersten vom Hubble-Teleskop übertragenen und jetzt an die Decke projizierten Bilder auftauchten – ein Wunder aus Licht und Farben. Da hatte sie sich vorgebeugt und ihn sich genauer angeschaut. Ein dünner Typ mit dunklen Locken und so unauffällig, dass man ihn kaum beschreiben konnte. Das einzig Faszinierende an ihm war wohl, dass er ein Mensch war, der beim Anblick einer Supernova ehrfürchtig nach Luft schnappte. Sein Gesicht wurde angestrahlt von dem Licht, das von den Bildern über ihnen reflektiert wurde, und dann hatte er sich umgedreht, ihre Blicke waren sich begegnet, und sie hatte gelächelt. Sie war wirklich nicht auf der Suche nach einem Freund gewesen, aber Simon war so anders als alle Jungs, die sie bisher kennengelernt hatte. Ihre größte Sorge war gewesen, ob er sie wohl auch mochte. Was die Liebe anging, war sie in ihrem bisherigen Leben nicht besonders gut weggekommen. Als ihre Mutter sie verlassen hatte, war sie noch so klein gewesen, dass sie sich nicht mehr an sie erinnern konnte. Dann war auch ihr Vater fortgegangen und hatte sie bei Verwandten zurückgelassen, die zwar freundlich, aber nicht liebevoll zu ihr gewesen waren.
Tief atmete Bethany jetzt die salzige Meerluft ein. Hinter den Dünen brachen sich die Wellen. Es war ein fast perfekter Abend. Sie rückte die Decke und das Stativ zurecht, die sie sich unter den Arm geklemmt hatte, und Simon zog die Schultern hoch, um den Gurt des Teleskopkoffers zurechtzurücken.
In dem Moment klingelte ihr Handy – ein tiefer, dumpfer Nebelhornton, mit dem Schiffe auf See vor Gefahren gewarnt werden. Das war der Klingelton, den sie für ihren Vater eingerichtet hatte. Dass es ein Warnsignal war, sagte eigentlich schon alles, und allein dieses Geräusch genügte, um die schöne Stimmung dieses Abends zu zerstören. Sofort ergriff wieder die alte Unsicherheit Besitz von ihr. Sie hatte beschlossen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, es anders anzugehen und an sich selbst zu glauben, genau wie es ihr die Studienberaterin nahegelegt hatte. Aber …
„Musst du da nicht drangehen?“, fragte Simon.
„Nein“, antwortete sie nur und drehte sich wieder zum Strand hin, der vor ihnen lag.
Noch einmal durchdrang der Nebelhornton die Nacht und forderte eine Reaktion.
„Willst du nicht doch lieber drangehen?“
„Nein“, sagte sie noch einmal, und ihre Stimme klang dabei fester und bestimmter, als sie es beabsichtigt hatte. Deshalb lächelte sie und erklärte: „Ich möchte heute Abend nicht gestört werden.“
Sie stellte das Handy auf Vibrationsalarm, das Nebelhorn verstummte, und sie atmete tief durch. Sie würde sich diesen wundervollen Abend auf gar keinen Fall von ihrem Vater verderben lassen. Die letzten paar Monate waren die besten und friedvollsten ihres Lebens gewesen, ohne Chaos, und weil sie wollte, dass es so blieb, nahm sie den Anruf nicht an.
In dem Astronomiekurs hatte sie endlich verstanden, wie ihr Vater war und was er bei den Menschen in seinem Umfeld anrichtete: Er war ein Schwarzes Loch! Schwarze Löcher entstehen, wenn ein Objekt im Weltraum so groß wird, dass es seiner eigenen Gravitation nicht mehr standhalten kann und zu einem winzigen Gebilde zusammenschrumpft, an dessen Oberfläche eine unvorstellbare Anziehungskraft herrscht. Es verbiegt den Raum mit seiner Gravitation derart, dass ein Loch entsteht, das Materie aus seiner Umgebung aufnimmt und so immer größer wird. Wie „kosmische Staubsauger“ reißt es alle Materie im Umkreis von Millionen von Kilometern an sich. Sogar Licht wird von dem Schwarzen Loch verschluckt und kann sich nicht mehr daraus befreien.
Das Trinken ihres Vaters und sein chaotischer Lebensstil hatten dieselben Auswirkungen auf Bethany gehabt. Er hatte sie aufgesaugt und in die völlige Erschöpfung geführt. Alles Licht war aus ihrer Umgebung verschwunden.
Schon früh hatte sie gelernt, sich allein durchzuschlagen, indem sie Hilfe bei den Hausaufgaben gegen ein Pausenbrot eintauschte oder ihrer Nachbarin Mrs Henderson nach der Schule bei der Betreuung ihrer Kinder half, in der Hoffnung, dafür zum Abendessen bleiben zu dürfen. Bei den Hendersons war nämlich der Kühlschrank stets gut gefüllt.
Zu Hause dagegen war er immer leer, abgesehen von einer kalten Pizza hin und wieder oder einem Sechserpack Bier. Trotzdem hatte sie immer wieder hineingeschaut in der Hoffnung, vielleicht doch einmal richtiges Essen darin vorzufinden – etwas, das es in ihrem Leben eigentlich nie gegeben hatte. Und sie war immer enttäuscht worden.
Nein, sie würde jetzt nicht ans Handy gehen. Sie würde sich nicht wieder in seine Finsternis und Verzweiflung hineinziehen lassen. Aber die Sehnsucht nach der Liebe ihres Vaters war dennoch da, und die Versuchung, seinen Anruf zu beantworten, war sehr stark – genauso stark wie damals die Versuchung, doch den Kühlschrank zu öffnen und entgegen aller Vernunft auf etwas Gutes zu hoffen.
Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf eine kleine Gruppe von Studenten ein Stück weiter vorn am Strand, die die Vorderseiten ihrer Taschenlampen mit rotem Papier beklebt hatten, damit sie möglichst gute Nachtsicht hatten. Die roten Punkte tanzten wie riesige Glühwürmchen vor ihr in der Dunkelheit.
Der Wind trug Gelächter und Gespräche zu Bethany herüber, und sie spürte die gespannte Erregung der Gruppe beinahe körperlich. Sie hofften nämlich, an diesem Abend den Perseidenschwarm zu sehen zu bekommen. Auf der Nordhalbkugel sollte der Sternschnuppenregen angeblich nicht so gut zu sehen sein wie auf der Südhalbkugel, aber das tat der Vorfreude der jungen Leute am Strand absolut keinen Abbruch. Sie würden wahrscheinlich mehr als einen Meteoriten pro Minute zu sehen bekommen. Seit Wochen sprachen sie alle jetzt schon darüber.
An diesem Abend warteten sie nun gespannt wie Kinder vor der Bescherung am Heiligabend auf das, was sie erwartete. Auch Bethany empfand diese aufgeregte Vorfreude, und sie drückte Simons Hand noch fester, als sie jetzt nebeneinander durch den Sand rannten. Die frische Meeresbrise traf sie wie eine Stoffbahn und pustete ihnen durchs Haar, und für Bethany fühlte es sich an, als bliese der Wind die dunklen Erinnerungen an ihren Vater davon.
Als sie zu den anderen Studenten stießen, fingen sie gleich an, ihre Ausrüstung auszupacken.
„In fünf Minuten geht es los“, rief ihr Dozent Dr....




