Dury | Der Chor der Zwölf | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

Dury Der Chor der Zwölf


1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-95602-144-2
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 380 Seiten

ISBN: 978-3-95602-144-2
Verlag: CONTE-VERLAG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Informatiker Ludwig Pfahl hat in jahrzehntelanger Eigenbrötelei ein hochkomplexes System entwickelt, das jede Sprache versteht - die gesprochene und die geschriebene, die Sprache der Gesichter und das binäre Flüstern in den Datenwolken. Das Sterben seines Vaters ruft ihn zurück in das Haus seiner Kindheit. In seiner alten Heimat entdeckt er seine Vertrautheit mit der Natur und seine Sehnsucht nach Liebe und familiärer Geborgenheit wieder. Doch KAIRA, der Prototyp seines Computersystems, spielt bereits eine entscheidende Rolle in den Planungen einer geheimen Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission. In einer packenden Erzählung wird dem Leser klar, dass die Maschine, je konkreter sie wird, umso gebieterischer nach der Symbiose mit einer realen Existenz verlangt. Ohne es zu wollen, aber auch ohne sich zu wehren, wird Pfahl in die Rolle eines Priesters gedrängt, der sich der KAIRA opfert und ein Tor aufstößt, durch das eine neue, mächtige und verstörende Wesensart in das Leben der Menschen dringt.

Andreas Dury, geboren 1961, wuchs im pfälzischen Dahn auf. Er studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Tübingen, München und Berlin und absolvierte eine Ausbildung als Programmierer. Heute arbeitet er selbstständig als Autor, in der Erwachsenenbildung und als Softwareentwickler und lebt in Saarbrücken.
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Zwei

Die Nachricht vom Tod ihres Schwiegervaters hatte Annette Pfahl nicht überrascht. Sie hatte ihn schon im Gesicht ihres Mannes gesehen, als der am Donnerstag früh ins Auto gestiegen und losgefahren war. Kopflos ist er gewesen, dachte Annette, und verunsichert wie ein Flüchtling.

Linda war noch in der Nachmittagsbetreuung in der Schule und Philipp in seinem Zimmer, wahrscheinlich lag er auf dem Bett, hatte den Kopfhörer aufgesetzt und hing seinen düsteren Gedanken nach.

Nach dem Telefonat verließ sie die Wohnung und ging hinauf in den 5. Stock, der eigentlich der Dachstuhl war, und wo es für manche Wohnungen im Haus jeweils ein Mansardenzimmer gab. Früher hatten darin die Mädchen gewohnt, die den Familien in den eigentlichen Wohnungen zu Diensten waren. Die Pfahls hatten Philipp mehrmals angeboten, sich dieses Zimmer einzurichten und auszubauen, aber er hatte bisher noch nicht angebissen und zog es vor, weiterhin in seinem kleinen Zimmer unten in der Hauptwohnung zu bleiben.

Sie ging gerne auf den Dachboden. Ihr gefiel der Klang ihrer Schritte auf den rohen Dielen, das Dämmerlicht, das aus den kleinen Fenstern in den Giebelwänden in den Gang fiel, auch der große, altertümliche Schlüssel gefiel ihr, mit dem sie die Tür zu ihrer Mansarde aufschloss und dann durch das staubige Fenster aus 15 m Höhe hinunter auf die Straße sehen konnte. Aber sonst hatte es mit diesem Zimmer nicht viel auf sich. Sie verwahrte dort die Kleider, die gerade nicht gebraucht wurden. Im Sommer die Wintermäntel und im Winter die Badesachen. Auch der Weihnachtsschmuck und die Faschingskostüme der Kinder und die Spielzeuge, die sie nicht mehr benutzten, waren in dieser Kammer aufbewahrt.

Sie holte die große lederne Reisetasche von einem der Schränke herunter und stellte sie auf den Boden. Sie plante zwei Übernachtungen im Haus ihrer Schwiegermutter und für ihre und Lindas Sachen würde diese eine Tasche ausreichen. Philipp würde wohl wie immer alles in seinen Rucksack stopfen.

Sie wollte noch nicht gleich wieder hinuntergehen, wollte noch eine Weile die entrückte Stille in dem Mansardenzimmer spüren. Sie versuchte, sich über ihre Gefühle klarzuwerden. Trauer war es nicht, was sie empfand. Zwar hatte sie den alten Pfahl gemocht, aber ihre Leben hatten sich nur selten berührt, und ebenso selten werden die Momente sein, dachte sie, in denen ich ihn wirklich vermisse.

Sie öffnete das Fenster, beugte sich hinaus, die Hände flach auf das Sims gestützt und spürte den Wind in ihrem Gesicht.

Aber auch ein anderes Gefühl wollte sie sich nicht verhehlen, nämlich die Erwartung, dass eine Wendung in ihrem Leben eintreten könnte. Dabei erhoffte sie nichts Großes, nichts Radikales, nur eine Verschiebung der Gewichte, vielleicht nur eine kleine Veränderung in der Sicht auf die Dinge, sodass sich für ihr in die Enge getriebenes Leben ein neuer Horizont, eine größere Weite auftun mochte.

In diesem Zusammenhang war sie auch zufrieden, dass sie den Autokauf noch rechtzeitig zum Abschluss hatte bringen können. So würde sie mit den Kindern im neuen Auto zur Beerdigung fahren. Sie hoffte, Ludwig würde die Botschaft richtig verstehen: Dass sie sowohl die Kraft als auch die Mittel hatten, ihr Leben zu gestalten und ihre Wünsche und Ziele in die Wirklichkeit umzusetzen. Dass er nun seinem Vater nachgerückt und zum Familienältesten geworden war und vielleicht freier würde bei seinen Entscheidungen. Und er sollte auch sehen, dass sie eine Frau mit Ansprüchen war, die etwas anpacken und durchsetzen konnte.

Sie schloss das Fenster, nahm die Tasche und ging wieder hinunter in die Wohnung.

Kaum hatte sie die Tür hinter sich zugemacht, läutete das Telefon. Sie stellte die Tasche auf den Boden und nahm den Hörer aus der Ladestation.

»Hallo, Annette, da ist Bruno.«

»Bruno?«

»Bruno Lessmeister.«

»Der Bruno? Der große Bruno?«

»Na, ja. Groß. So groß bin ich nun auch wieder nicht.«

»Aber schon ziemlich groß.«

»Ja, groß schon. Aber nicht soo groß.«

»Aber größer als ich.«

»Das hängt von der Geschwindigkeit ab.«

»Von welcher Geschwindigkeit?«

»Na, ja, wenn ich mich jetzt mit annähernd Lichtgeschwindigkeit von dir wegbewege, dann bin ich ziemlich kurz.«

»Aber das tust du ja nicht.«

»Nein, im Moment nicht. Obwohl … Kann man das überhaupt feststellen?«

»Natürlich. Du wärst dann doch total rotverschoben.«

»Ja und? Das bin ich ja vielleicht. Das kannst du doch gar nicht sehen.«

»Aber deine Stimme wäre dann ja auch anders.«

»Bist du dir sicher?«

Es war in Annette ein Jauchzen, als sie Bruno plötzlich am Telefon hatte. Es riss sie sofort ganz und gar aus ihrer Gegenwart und sie befand sich in einem Raum, in dem es nur sie und Bruno gab, in dem sie ein Teenager war und Bruno ein junger Mann, den alle liebten und dem alles zugetraut wurde. Mit keinem konnte sie so einen Blödsinn sprechen, mit keinem so lachen.

»Bruno«, sagte sie, »warum rufst du an? Wo hast du meine Nummer her?«

»Ich hab gerade den Artikel über deinen Mann gelesen. Und da musste ich an dich denken. Und da hab ich dich einfach angerufen.«

»Ein Artikel über Ludwig?«

»Hast du nicht gelesen?«

»Nein, keine Ahnung, was für ein Artikel?«

»Er ist doch jetzt zu Brunner gegangen und die lassen seine STASEM patentieren. Das hat ihm ja nicht nur Freunde gemacht.«

»Ludwig ist ein bekannter Mann? Ich versteh nur Bahnhof. Bist du dir sicher, dass du über Ludwig sprichst? Ludwig Pfahl?«

»Aber sicher, Annette. Ich wusste nur nicht, dass es dein Mann ist. Ich hab dich auf dem Foto erkannt.«

»Jetzt aber mal langsam. Wo bist du? Was machst du?«

Bruno lachte.

»… und wie kommst du auf die Idee, mich anzurufen? 20 Jahre hab ich nichts von dir gehört.«

»Ich glaube, es sind sogar 22. Du wohnst in Berlin? Ich könnte in fünf Stunden da sein.«

»Geht leider nicht. Wir müssen auf eine Beerdigung. In einer halben Stunde geht’s los.«

»Wer ist denn gestorben?«

»Mein Schwiegervater.«

»Hast du ihn gemocht?«

»Ja, schon.«

»Und wo ist das?«

»Kennst du nicht, ist janz weit draußen in der Pfalz. Peterswinkel. Aber in drei Tagen sind wir wieder zurück.«

»Hast du Kinder?«

»Ja, hab ich. Philipp ist 19, dem haben sie gerade den Führerschein abgenommen, und Linda, unsere Prinzessin, die wird 10. Aber Bruno, es tut mir wirklich leid, ich hab jetzt keine Zeit. Ich muss noch packen und …«

»Aber ich kenne Peterswinkel. Ich hab ein Häuschen im Elsass. Da wollte ich sowieso mal wieder hin. Ich hab ein paar Tage frei.«

»Ja, dann komm doch zur Beerdigung. Du kennst ja auch meinen Mann. Ich weiß zwar nicht, woher ihr euch kennt, aber vielleicht freut er sich ja.«

Bruno dachte nach. »Na ja«, sagte er und dann: »Wäre jedenfalls mal so eine Idee. Katholisch oder evangelisch?«

»Was? Ach so. Katholisch, glaub ich. Ja klar, katholisch. Aber wieso?«

»Wieviel Uhr?«

»Das ist morgen, 14 Uhr.«

»Okay, dann vielleicht bis morgen.«

Nachdem sie aufgelegt hatte, ging ihr ein Lied im Kopf herum und sie versuchte, es zu pfeifen. Sie konnte überhaupt nicht mehr pfeifen. Keinen Ton brachte sie heraus. Sie leckte sich die Lippen und zog sie mit den Zeigefingern weit auseinander. Dann versuchte sie es noch einmal. Wann hatte sie zum letzten Mal gepfiffen? Wann hatte sie dieses Lied zum letzten Mal im Kopf gehabt? Sie brachte einzelne Töne heraus, leckte sich abermals über die Lippen und so langsam kam wieder das Gefühl fürs Pfeifen in ihren Mund.

Als sie sich dann aufgerappelt hatten / und sich besannen / dass sie noch das liebe Leben hatten / dass sie noch das liebe Leben hatten / sprangen sie von dannen.

Es war ein Kinderlied, das Lied von den zwei Hasen, die von einem Jäger niedergeschossen werden und dann aber doch noch am Leben sind. Bruno hatte es immer gepfiffen und gesungen. Als ob es Glück bringen würde. Und sie hatte es ebenfalls geliebt. Selbst als sie schon erwachsen war, wollte sie immer wieder, dass er es mit ihr zusammen sang. Alle drei Strophen, besonders die dritte.

Das hatte vor 22 Jahren aufgehört, als Bruno als einziger Überlebender von einer Bootsfahrt zurückgekehrt war, die er mit seinem Vater und seinem älteren Bruder unternommen hatte. Er wollte mit niemandem aus der Familie mehr etwas zu tun haben. Für Annette war es so gewesen, als sei der eine der Hasen nun doch getroffen worden und der andere müsse von nun an allein durch die Gegend hoppeln.

Sie klopfte an Philipps Zimmertür, worauf ein ungehaltenes »Ja?« ertönte. Sie drückte die Klinke und öffnete vorsichtig die Tür. Das Zimmer befand sich im Halbdunkel, weil die Stores vor das Fenster gezogen waren. Philipp lag in seinen Kleidern, die Hände hinter dem Kopf, auf dem Bett. Er richtete sich auf und nahm einen der Ohrhörer heraus und fragte: »Was gibt’s?«

»Du musst deine Sachen packen. Und bitte, nimm was Anständiges mit.«

»Ja, sicher. Aber wir fahren doch erst in zwei Stunden.«

»Willst du nicht mitkommen, das neue Auto abholen?«

»Ihr habt ein neues Auto?«

»Philipp! Du kriegst ja gar nichts mehr mit! Das wird ja immer schlimmer mit dir!«

Eine Zeit lang sahen sie sich an. Dann sagte...


Andreas Dury, geboren 1961, wuchs im pfälzischen Dahn auf. Er studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Tübingen, München und Berlin und absolvierte eine Ausbildung als Programmierer. Heute arbeitet er selbstständig als Autor, in der Erwachsenenbildung und als Softwareentwickler und lebt in Saarbrücken.



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