E-Book, Deutsch, 531 Seiten
Edmondson Das Château in Frankreich
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-897-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 531 Seiten
ISBN: 978-3-98952-897-0
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elizabeth Edmondson (1948 - 2016) wurde in Chile geboren und begann ihre Ausbildung in Kalkutta und London, bevor sie an der Universität Oxford studierte. Ihre Romane, die sie selbst gerne als »Vintage Mysteries« bezeichnete, wurden in mehrere Sprachen übersetzt und erfreuen sich weltweit größter Beliebtheit. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin ihre Romane »Das Geheimnis der italienischen Villa«, »Die Gärten von Landrake Hall« und »Das Château in Frankreich«.
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Kapitel 1
»Aber wenn ich nicht Polly Smith bin, wer bin ich dann?«
»Eine äußerst tiefsinnige Frage«, sagte Oliver Fraddon.
Sie standen auf einer Empore des Somerset House in London, welches das Archiv der Geburten, Eheschließungen und Todesfälle sämtlicher Grafschaften Englands beherbergte.
»Im Grunde ist hier die Welt im Kleinen versammelt«, fuhr Oliver fort, während er den Blick über die raumhohen Regale mit den tausend und abertausend großformatigen, rotgebundenen Büchern schweifen ließ, die die wichtigsten Daten aus Millionen vergangener und gegenwärtiger Leben verzeichneten. »Hier steht alles über uns, festgehalten für die Ewigkeit. Bände voller Namen und Personen, von A bis Z, das ganz Alltägliche und das Außergewöhnliche. Wir werden geboren, wir heiraten – manche zumindest –, und schließlich sterben wir. Und jedes Mal wird das hier auf einer Buchseite verewigt. Ein erschreckender Gedanke.«
»Mich schreckt dieser Gedanke nicht sonderlich«, sagte Polly. »Mich interessiert viel mehr, warum ich hier nicht verewigt wurde.«
»In der Tat. Ich schlage vor, wir gehen noch einmal zur Auskunftsstelle zurück und fragen die charmante Dame dort um Rat.«
Er stieg die eiserne Wendeltreppe wieder hinunter und bat Polly, vorsichtig zu sein. »Sonst endest du mir noch als Neueintrag bei den Todesfällen.«
Die Dame, die am Eingang hinter einem langen Holztisch saß, hatte allerdings so gar nichts Charmantes an sich. Sie trug einen Kneifer auf der Nase, der an einer dünnen Kette befestigt war, und machte einen recht gehetzten Eindruck. Oliver sprach sie an. »Die junge Dame hier ist offenbar verloren gegangen.«
Die Archivarin musterte Polly aus betrübten, glanzlos grauen Augen, die jedoch freundlicher blickten, als ihr verkniffener Mund vermuten ließ. »Ach herrje. Sie können sich nicht finden? Sind Sie nicht da, wo Sie sein sollten? Sie sagten, Sie heißen Smith, nicht wahr? Nun, Smiths gibt es natürlich in rauen Mengen, aber Sie gibt es am Ende doch nur ein Mal. Vor allem brauchen wir die korrekten Daten und die korrekte Anschrift. Wenn wir uns da ganz sicher sind, werden wir Sie auch finden. Es sei denn ...« Ihr Ton wurde plötzlich schärfer. »Es sei denn, Sie sind Ausländerin.«
»Sehe ich etwa so aus?«, fragte Polly gekränkt – nicht, weil sie grundsätzlich etwas dagegen gehabt hätte, für eine Ausländerin gehalten zu werden, sondern weil ihr wichtig war, hier in diesen großen roten Büchern neben ihren Mitbürgern ihren rechtmäßigen Platz einzunehmen.
»Keineswegs. Aber falls Sie im Ausland zur Welt gekommen sind, dann können Sie so englisch sein wie ich oder Mr Grier dort drüben, Sie wären trotzdem nicht im Hauptarchiv verzeichnet, sondern in den Büchern, die wir andernorts aufbewahren.«
»Vermutlich in den tiefsten Tiefen der Unterwelt«, raunte Oliver Polly ins Ohr. »Inmitten von Schwefeldünsten.«
»Aber ich bin doch in England geboren«, sagte Polly. »In Highgate, in der Bingley Street Nummer 11, nahe Archway, meine Mutter wohnt dort noch. Am 1. Mai 1908.«
»Aber im entsprechenden Band ist kein Eintrag für sie«, fügte Oliver hinzu.
Oliver machte Eindruck auf die Archivarin, das sah Polly sofort. Hätte sie allein vor diesem Tisch gestanden, in ihrem abgetragenen Regenmantel, mit der bordeauxroten Baskenmütze, sie würde vermutlich immer noch darauf warten, dass die Archivarin auch nur von ihren Karteikarten und Unterlagen aufblickte. Oliver hingegen, in seinem Maßanzug jeder Zoll ein Gentleman, hatte ihre Aufmerksamkeit auf der Stelle auf sich gezogen, einfach nur, indem er dort stand. Gerecht war das nicht. Aber nützlich, dachte Polly. Und sobald er den Mund aufmachte, tat sein Akzent noch ein Übriges. Er kündete von seiner vornehmen Herkunft und verlieh ihm die natürliche Autorität, die Eton und Oxford den Olivers dieser Welt mitgaben.
Deshalb zeigte sich die Dame mit dem Kneifer nun auch äußerst hilfsbereit, kehrte mit ihnen zu den roten Büchern zurück und suchte den Band heraus, der Pollys Eintrag enthalten sollte. »Polly ist die Abkürzung für Pauline«, erklärte Polly ihr noch. Aber es gab kein weibliches Wesen namens Smith, dessen Vorname mit P begann und das in der Bingley Street in Highgate zur Welt gekommen wäre, weder am 1. Mai noch an irgendeinem anderen Datum zwischen Ende April und Mitte Mai. Sie fanden nur einen gewissen Thomas Smith, der am 2. Mai in Priory Gardens geboren worden war.
Die Archivarin klappte das Buch wieder zu. Oliver nahm es ihr zuvorkommend ab und stellte es in das Regal zurück.
»Da müssen Sie Ihre Eltern wohl noch einmal nach den korrekten Daten fragen«, sagte die Archivarin zu Polly. »Vielleicht sind Sie ja in einer Entbindungsklinik irgendwo auf dem Land zur Welt gekommen und dort gemeldet worden. Ihr Vater wird das wohl übernommen haben ... möglicherweise wusste er ja nicht, dass Sie dort gemeldet werden müssen, wo Sie wohnen, und nicht dort, wo Sie geboren sind. Fragen Sie ihn.«
»Das geht nicht. Er ist tot.«
»Im Krieg gefallen?«, fragte die Dame. Ihre Stimme klang mit einem Mal sanfter. »Das tut mir leid. Aber Ihre Mutter wird es doch wissen. Hat sie denn die Originalurkunde nicht mehr?«
»Keine ganz unberechtigte Frage«, sagte Oliver, als sie aus der stillen Würde des Somerset House wieder auf den belebten, lärmenden Strand hinaustraten. »Das würde doch alle Probleme lösen.«
Polly musste lächeln. »In einem hochherrschaftlichen Elternhaus wie deinem befindet sich natürlich alles an seinem Platz, aber Ma ist leider nicht ganz so ordentlich mit ihren Papieren. Sie hat sie alle in verschiedenen Kisten verstaut, es ist unmöglich, etwas auf Anhieb zu finden. Mit ihren Noten ist sie dagegen geradezu penibel, da findet sie immer gleich, was sie sucht. Aber mit anderen Unterlagen klappt das nicht. Und es ist ja nun auch über zwanzig Jahre her. Natürlich habe ich sie nach der Urkunde gefragt, aber das hat sie nur fürchterlich aufgeregt, und als ich ihr anbot, ich könnte ihre Unterlagen selbst durchsehen, war sie geradezu entsetzt. Da schien es mir einfacher, hierherzukommen und mir eine Abschrift anfertigen zu lassen. Man braucht doch sicher kein Original für einen Pass, oder?«
»Eine Abschrift aus dem Somerset House ist über jeden Zweifel erhaben.« Oliver machte einen Schritt zur Seite, um ein paar Passanten vorbeizulassen. »Und was nun? Sind die Flitterwochen abgeblasen? Wenn nicht gleich die ganze Hochzeit? Zum Heiraten braucht man doch sicher auch eine Geburtsurkunde.«
»Wir haben für die Hochzeit ja noch keinen Tag festgelegt. Nur den Januar.« Bis dahin waren es allerdings nur noch wenige Wochen. »Roger fand, ich soll mich jetzt schon um den Pass kümmern, damit es später keine Verzögerungen gibt. Er denkt immer gern ein paar Schritte voraus. Und ich«, fügte Polly mit plötzlicher Entschlossenheit hinzu, »nehme jetzt die Tram, fahre nach Hause und stelle meine Mutter zur Rede.«
»Dann begleite ich dich noch zur Haltestelle.«
Sie gingen den Strand entlang bis zur Straßenbahnhaltestelle Aldwych. Polly dachte nach, Oliver sah ihr dabei zu. Vor ihnen machte eine Taube eine kurze Zwischenlandung, um gleich darauf geräuschvoll wieder aufzuflattern. Form und Farbe ihrer grauen Flügel nahmen Pollys Blick für einen Augenblick gefangen. So viele Grautöne, von nahezu Weiß bis hin zu dunklem Lila. Und dazu die Energie der Bewegung: kraftvoll, und dann die unangestrengte Leichtigkeit des Fliegens.
Ein grauer Vogel an einem grauen Tag – doch der trübe Himmel über ihnen hatte weder Farbe, noch Form, noch Energie. Ein Hauch Schwefel in der Luft kündete vom nahen Nebel. Die herbstlich frischen Oktobertage waren vorüber: London verfiel in die dumpfe Trübsal eines kalten, feuchten Novembers.
»Diese dunklen Tage schlagen mir wirklich aufs Gemüt«, sagte Polly, als sie die Straße überquerten. »Ich sehne mich nach dem Frühling, danach, dass die Tage wieder länger werden. Ich kann nie ganz glücklich sein im Winter. Wahrscheinlich, weil es so kalt ist und nie richtig hell wird.«
Sie gingen die Stufen zur Haltestelle Aldwych hinunter. Oliver küsste Polly die Hand, so wie er es immer tat, dann begleitete er sie zur wartenden Tram. Er lüftete den Hut, als sie einstieg. Oliver trug stets breitkrempige Hüte in sanften Braun- und Grautönen. Polly eilte die Stufen zum Oberdeck hinaus und kam einem stämmigen Mann mit einem Paket in der Hand zuvor, der denselben Fensterplatz ansteuerte wie sie. Als die Straßenbahn sich ruckelnd in Bewegung setzte und auf den Kingsway hinausfuhr, sah sie Oliver davongehen. Zwischen den vielen Leuten, die in dunklen Mänteln und Anzügen mit gesenktem Kopf und rotgefrorenem Gesicht dahineilten, stach er durch seine Garderobe, Maßanzug und Hut, ebenso hervor wie durch seinen lässigen Gang.
Die Straßenbahn ratterte bergab, hinein in den Kingsway-Tunnel.
Polly liebte die Tram und verabscheute sie zugleich. Das Rattern, das Rütteln, das ständige Schaukeln machten sie nervös, und dennoch hatte es etwas Tröstliches, mit einem Gefährt unterwegs zu sein, das so zielsicher und unbeirrbar auf Schienen durch das Londoner Verkehrschaos rollte. Und die Tramlinie 35 war wie ein Teil ihres Lebens. Jahrelang war sie Tag für Tag mit dieser Straßenbahn zur Schule und wieder zurück nach Hause gefahren, und später dann, als sie ihr Stipendium für das Kunststudium hatte, brachte die Tram sie zur Akademie, mitten im Herzen von London.
Die Fahrt zu ihrem alten Zuhause dauerte eine Dreiviertelstunde und führte durch die Nordlondoner Straßen bis nach Highgate hinaus. Polly stieg am Archway aus, wie früher. Selbst mit verbundenen Augen hätte sie den Weg von der...




