Ehmer | Der weiße Affe | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 280 Seiten

Reihe: Ein Fall für Spiro / Berlin in den Goldenen Zwanzigern

Ehmer Der weiße Affe


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86532-599-0
Verlag: Pendragon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, Band 1, 280 Seiten

Reihe: Ein Fall für Spiro / Berlin in den Goldenen Zwanzigern

ISBN: 978-3-86532-599-0
Verlag: Pendragon
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Berlin in den Goldenen Zwanzigern Ein jüdischer Bankier wird erschlagen im Hausflur seiner Geliebten aufgefunden. Kommissar Ariel Spiro ist gerade aus der Provinz nach Berlin gezogen und übernimmt direkt seinen ersten Fall. Zunächst deuten die Ermittlungen auf ein politisches Motiv hin. Doch auch die wohlhabende und exzentrische Familie des Toten gibt Spiro Rätsel auf. Schon bald gerät der junge Kommissar in den Sog der Metropole, getrieben vom schnellen Rhythmus und mitgerissen vom rauschenden Berliner Nachtleben. Als er sich von der faszinierenden Tochter des Toten magisch angezogen fühlt, muss Spiro aufpassen, dass ihm der Fall nicht entgleitet. Kerstin Ehmer zeigt das Berlin der Weimarer Republik in all seinen Facetten. Schillernde Bars und sexuelle Freiheit charakterisieren die Großstadt genauso wie Antisemitismus und die schwelenden Vorboten des Nationalsozialismus. Der Autorin gelingt es auf überzeugende Weise, die brodelnde Atmosphäre dieser widersprüchlichen Zeit spürbar zu machen. Dabei bedient sie sich einer Sprache, deren Schönheit das Flair der Goldenen Zwanziger lebendig einfängt und gleichzeitig modern daherkommt.

Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit sechzehn Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Der weiße Affe« ist ihr erster Kriminalroman.
Ehmer Der weiße Affe jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1

Als es hell wird und das Morgenlicht die stahlgenietete Hochbahn entlangfährt, schlurren die Hafenarbeiter zu den Spreeanlegern, schnaufen Kutschpferde in die Futtersäcke, wird in den Küchen krachend die Kaffeemühle gedreht, holpern Fahrräder und Handkarren übers Katzenkopfpflaster, schiebt die erste Lokomotive auf ihr Gleis im Görlitzer Bahnhof.

»Breslau einsteigen, Zug fährt ab«, brüllt der Bahnhofsvorsteher Wuhlke, wie immer ohne Bitte und Danke, die Reisenden zusammen. Um die Ecke hüpft seine Tochter Erika an der Hand ihres Bruders die Treppen zur Wrangelstraße runter.

»Fünf Pfennige, wenn du mir meine Zigaretten vom Dachboden im Hinterhaus holst.«

Erika nickt erfreut und verschwindet nach hinten über den ewig dunklen Hof, vorbei am Aschekasten, vorbei an der Teppichstange, an der sie manchmal Schweinebaumeln übt, vorbei an der Regentonne hinein ins Treppenhaus des Seitenflügels. Zwischen erstem und zweitem Stock ist die Tür zum Abort nur angelehnt und Erika hört den Morgenstrahl des Drahtziehers Moritz Winkhaus ins Klosett rauschen. Im Zweiten keift die Kaminke ihrem Mann hinterher, dass er sich bloß nicht unterstehen soll nach der Schicht wieder beim Bier … Dann ist die Stiege still, obwohl da einer gegen die Wand gelehnt sitzt und mit schwarzgewichsten Lederschuhen Erika den Weg versperrt. Mund steht offen, Augen starr geradeaus auf gar nichts.

Das Mädchen steigt vorsichtig über die Beine mit den Bügelfalten und klopft im Dritten. »Fräulein Hilde, Ihr Besuch …«

Lehrter Bahnhof. Die Berlin-Hamburger-Bahn spuckt im Rauch der ächzenden Lokomotive den jungen Kriminalkommissar Ariel Spiro mit 52 Minuten Verspätung auf den überfüllten Bahnsteig.

»Braucht der Herr Hilfe mit dem restlichen Gepäck?« Ein Riese in speckigem Anzug hat sich vor ihm aufgebaut.

»Nein danke, ich hab nichts weiter.« Er weist kurz auf den Lederkoffer in seiner Hand. Er hat es eilig. Sein erster Arbeitstag und schon spät dran.

Der Riese zuckt die Achseln. »Na, ob Se damit weit kommen?« Er trollt weg.

»Zigaretten, Zigarren?« Da ist die Nächste, die was von ihm will. Hübsch und jung und wie zu einem Ausflug ins Grüne. Spiro schüttelt bedauernd den Kopf. Ganz schön kurz, die Haare, denkt er und sieht sich um. Eilig haben es hier plötzlich alle und rennen zielstrebig der Haupthalle entgegen. Spiro rennt mit. Wer hier gehört werden will, muss schreien. Lachen, Satzfetzen.

»… heute Abend im Adlon

»Wir sind im Sportpalast. Sechs Tage jeht’s rund.«

»Fritz Lang macht wieder was in Babelsberg. Riesige Kulissen lässt er bauen.«

»Da ist die Massary. Ich fass es nicht.« Spiro erhascht einen Blick auf einen flaschengrünen, engtaillierten Mantel und das fliegende Ende einer dunkelbraunen Straußenboa.

»… er sitzt im Orchester, im Marmorhaus. Jeden Abend issa weg und ick alleene.« Ein dünnes Mädchen schmollt mit spitzem Mündchen einen deutlich älteren Herrn im Stresemann an. Der legt ihr nicht ganz väterlich einen mitfühlenden Arm um die Taille. »Schnürsenkel! Alle Farben! Valiern Se nicht den Halt!«

Streichhölzer, Würstchen, Extrablätter, alles lautstark angepriesen. Spiro muss raus aus diesem Lärm und auf dem schnellsten Weg ins Präsidium am Alexanderplatz. Er drängelt sich einen Weg durch die Leiber zum Hauptportal. Endlich draußen, liegt vor ihm ein leerer Platz und dahinter die Spree.

Wo sind die Droschken? Wo die Leute? Nur ein Einbeiniger sitzt hinter einem umgedrehten Hut und polkt etwas aus seinem Ohr.

»Entschuldigen Sie, aber wie komm ich weg von hier?«

Der Krüppel mustert den Kommissar aufreizend langsam von unten bis oben. »Da muss ick erst mal nachdenken.«

Spiro versteht und wirft ein Zehnpfennigstück in den Hut.

»Droschken sind um die Ecke am Osteingang, hier isses nur schön.«

Spiro wirft einen Blick zurück in das Gedränge der Haupthalle und beschließt außenrum zu gehen. Ein säulenbewehrter Vorbau ist zu umrunden, dann endlich der Vorplatz und mindesten 50 Reisende, die in eine Handvoll Droschken drängen. Aussichtslos. Er trabt den Humboldthafen entlang und fängt an zu schwitzen. Auf der Invalidenstraße rollen Pferde- und Autodroschken, alle voll besetzt, es rollen Handkarren, Fahrräder, es röhren Busse, aber wo sind die Haltestellen? Laut ist diese Stadt und schnell und sie stinkt und es gefällt ihm. Wenn es bloß nicht schon so spät wäre. Er kommt zu den roten Ziegelbauten der Charité und da, im Schatten, ist endlich ein Kutscher, der seinem Pferd den Futtersack umhängt.

»Ich muss zum Alex, schnell. Wenn Sie bitte Ihre Pause etwas nach hinten schieben könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.«

»Dat kostet aber extra.«

»Das ist es mir wert. Ich zahle den doppelten Preis. Aber machen Sie schnell.«

»Tempo, Tempo, das schrein se alle«, brummt der Alte und erklimmt ächzend den Bock. Müde zuckelt das Pferd voran. Spitz stehen ihm die Knochen aus dem Hintern. Es hätte die Pause brauchen können. Zu Fuß wäre er fast genauso schnell gewesen. Kurz vorm Alex hat sich der Verkehr verkeilt. Sie stehen.

»Wird wohl wieder demonstriert.« Spiro springt raus und hat nur zwei Mark klein, der Kutscher nichts zum Wechseln. Behauptet er jedenfalls.

»Halsabschneider«, presst Spiro heraus, bevor er losläuft und er hört noch, wie der Kutscher lacht und dem Pferd mit der Peitsche eins überzieht. Im Laufschritt weiter zum Präsidium, genannt die Burg.

Grau und mächtig ragt sie zwischen Rotem Rathaus und Bahntrasse auf. Drinnen liegt kühle Stille in endlos langen Gängen. Seine Abteilung, die Kriminalpolizei, residiert im dritten Stock. Zwei elegante Männer schlendern ihm entgegen.

»Guten Morgen, Spiro mein Name. Ich bin der neue Kollege. Wo finde ich bitte das Büro von Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow?«

Verschwitzt steht er vor ihnen mit seinem Koffer, Krawatte schief und Hast im Blick. Wortlos nestelt einer der beiden eine Zigarre aus dem Jackett und zündet sie umständlich über einem Streichholz an. Der andere schaut versonnen auf die Uhr und dann vorbei an Spiro, den Gang hinunter, als würde dort die Sonne aufgehen.

»Vierte links«, lässt endlich der Erste verlauten, nachdem er ein paar Kringel in den Gang geschmökt hat.

Spiro also weiter, manche Türen stehen offen. Kommissare an ihren Schreibtischen. Er grüßt hinein. Nichts kommt zurück. Einer wendet ihm sogar ostentativ den Rücken zu.

Bin ich unsichtbar geworden, wundert sich Spiro, oder brauchen die hier einfach nur etwas länger?

Jetzt ist er drin und entschuldigt sich. Die Bahn, der Verkehr.

»Ja, ja«, sagt Kriminaloberkommissar Heinrich Schwenkow, blonder Schnauzbart, vollschlank, Gesichtsfarbe bluthochdruckrot, Zigarre, Ärmel hochgekrempelt, Schweißperlen. Vor ihm der neue Kommissar aus Wittenberge. In seinem Rücken ein Sofa und zwei grünsamtige Sessel, abgeschabt, an der Wand eine Flusslandschaft. Vielleicht die Spree, fragt sich der Neue, nicht die Elbe jedenfalls. Schmaler gewundener Flusslauf, hohe Schilfufer, Weiden, die sich vor einem großen Himmel zum Wasser neigen. Ob er da manchmal schläft, auf dem grünen Sofa oder nur liegt und den Fluss anschaut?

Er schreckt hoch. Da gab es eine Frage an ihn. Er hat sie nicht verstanden.

»Verzeihung, Herr Kriminaloberkommissar Schwenkow, was oder wer soll ich sein? Ich verstehe nicht.«

»Sie verstehen nicht, Kriminalkommissar Ariel Spiro, dass ihr Name Fragen aufwirft? Meine Männer heißen Konrad, Gustaf, Wilhelm oder Walther. Aber Ariel? Der Löwe Gottes? Zündet er am Freitagabend sieben Kerzen an und dann Shalom Shabbat?«

Wieder der Name also. Spiro hat das schon oft gehört. Die Antwort kommt automatisch.

»Meine Mutter verehrt Shakespeare, Lieblingsstück Der Sturm. Ariel ist ein Luftgeist, gefangen und versklavt auf einer Insel. Wenn Sie wüssten, was mir der Kerl schon an Hänselei und Spott gebracht hat.«

Schwenkows Misstrauen ist mit Händen zu greifen.

»Ausgefallene Namensgebung für Wittenberge.«

»Ausgefallene Frau für Wittenberge, Bankdirektorentochter aus Berlin, nicht ganz standesgemäß verheiratet, züchtet Rosen, spielt Klavier, studiert mit den Kindern der Familie Theaterstücke ein. Wenn Sie mal Schillers Räuber mit einem neunjährigen Franz Moor sehen wollen, der mit heller Stimme ruft ›Ich fühle eine Armee in meiner Faust – Tod oder Freiheit‹, dann müssen Sie zum Sommerfest der Spiros kommen.«

Schwenkow verzieht das Gesicht. Theater ist für ihn eine Pflicht, die er ab und zu an der Seite der Gattin absolviert, bevor ihn im Dunkel des Parketts regelmäßig der Schlaf übermannt.

Spiro hat wachgelegen in der letzten Nacht zu Hause. Die Dunkelheit voller Geräusche, die er kennt, seit er denken kann. Das Knacken der Türrahmen und Bodendielen, Pappelrascheln vor dem Fenster, Uhu auf Jagd und das helle Fiepen der Maus in seinen Krallen. Er hat sich losgerissen wie ein Boot, dessen Seile dem Drängen der Strömung nachgegeben haben, und das jetzt den Fluss hinabtreibt, weg von der Stadt unter dem hohen Fabrikturm, auf dem in großen Lettern »Veritas« steht. Kein moralisches Leitbild für die Bürger Wittenberges, sondern Name einer Nähmaschine, die sie dort herstellen.

»Vater Getreide- und Saatenhändler? Wär im Betrieb beim Vater nicht mehr für Sie drin gewesen?«

»Bin ja nicht alleine. Großer Bruder, kleine Schwester. War schon Platz am Tisch für mich, hat aber auch nicht richtig gepasst, der Stuhl.«

Seit jeher hat seine Familie gehandelt. Generationen von Spiros haben ihre Elbschiffe mit Gütern bestückt und flussauf...


Kerstin Ehmer arbeitete viele Jahre als Mode- und Porträtfotografin. Seit sechzehn Jahren betreibt sie mit ihrem Mann die legendäre Victoria Bar in Berlin. Sie verfasste das Buch »Die Schule der Trunkenheit«, das sich zu einem Longseller entwickelte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Der weiße Affe« ist ihr erster Kriminalroman.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.