E-Book, Deutsch, 126 Seiten
Eichhorn Die neuen Klassenregeln
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-608-12505-4
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der Leitfaden für einen besseren Unterricht
E-Book, Deutsch, 126 Seiten
ISBN: 978-3-608-12505-4
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Christoph Eichhorn ist Diplom-Psychologe und arbeitete am Schulpsychlogischen Dienst Graubünden mit dem Schwerpunkt Classroom-Management. Er ist. bzw. war Lehrbeauftragter für Classroom-Management an über 20 Universitäten und Pädagogischen Hochschulen, war Referent an Psychologen-Akademien und bei Schulpsychologen-Kongressen in der Schweiz, Deutschland und Österreich und ist Autor zahlreicher Bücher zu Classroom-Management.
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Bei jüngeren Schüler:innen: Rituale erfolgreich einführen und langfristig festigen
Wie gut, dass es mehr gibt als nur Klassenregeln
Bei jüngeren Schüler:innen sind das Rituale und Abmachungen für schwierige Unterrichtssituationen wie z. B. Betreten des Klassenzimmers, alleine arbeiten, Wechsel vom Sitzkreis an den Platz, Kleingruppenarbeit, usw. Wenn es dabei bei unseren Vorgänger:innen oft zu Störungen kam, gleich zu Beginn des neuen Schuljahres Abmachungen oder Rituale dafür einführen.
In der ersten Klasse auch besprechen:
Wo man seine Kleider hinhängt: Dort ein Blatt ankleben, auf das die Schüler:innen etwas gemalt haben. Ziel: Jeder Schüler hat einen festen Haken, an dem er seine Kleider aufhängt. Das Kleider-Aufhängen üben, wenn es noch nicht klappt.
Was tun, wenn man auf die Toilette muss, etwas nicht verstanden hat, Unterrichtsmaterial vergessen hat: Auch wenn man sich schlecht fühlt, schlecht geschlafen hat und noch sehr müde ist usw. Wenn möglich im Klassenzimmer einen Ruheort einrichten, wohin sich das Kind zurückziehen kann. Da wünsche ich Ihnen ein entsprechend großes Klassenzimmer, weil es unsere Tätigkeit deutlich erleichtert.
Das folgende Fallbeispiel zeigt Ihnen, dass wir sogar in schwierigen Situationen hilfreiche Optionen haben. Deshalb ist es sehr differenziert. Sehr gerne können Sie dazu eigene Ideen umsetzen.
Wechsel vom Sitzkreis an den Platz
Fallbeispiel
Frau Gabriel erklärt ihren Drittklässlerinnen eine Aufgabe im Sitzkreis. Sie ist fertig, als ein Schüler eine Frage stellt. Während sie darauf antwortet, stehen einige schon auf. Sie gehen aber nicht direkt an ihren Platz, sondern laufen herum. Noah nimmt Jan etwas von dessen Pult weg. Jan hat aber nicht gesehen, wer das war. Er hat es Frau Gabriel gesagt und wollte den weggenommenen Gegenstand zurückhaben. Frau Gabriel wusste auch nicht, wer es getan hatte. Klar ist: Wir können angesichts der hohen Komplexität in unseren Klassen nicht alles beobachten, was geschieht (Scarlett, 2015).
Jans Eltern haben Frau Gabriel am nächsten Tag verärgert angerufen und kritisiert. Das hat sie deutlich belastet. Der folgende Abschnitt erläutert, was Frau Gabriel im Vorfeld hätte tun können, um das einzugrenzen.
Präventiv vorgehen – eine große Erleichterung für Ihren Unterricht
Eigene Erwartungen klären: Beispiel: Der Wechsel vom Sitzkreis an den Platz verlief bei unseren Vorgänger:innen immer wieder chaotisch. Jetzt wie folgt vorgehen:
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Ich überprüfe, noch während alle Schüler:innen im Sitzkreis sind, ob alle meinen Auftrag genau verstanden haben.
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Die Schüler:innen verlassen den Sitzkreis erst, nachdem ich einen Signalton gegeben habe.
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Jeder soll auf direktem Weg an seinen Platz gehen
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und sich setzen und mit der Aufgabe beginnen.
An der Tafel bzw. Whiteboard etc. notieren:
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Ich verlasse den Sitzkreis erst, wenn die Lehrerin das Signal dazu gegeben hat.
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Ich gehe auf direktem Weg an meinen Platz. Dort setze ich mich gleich hin. Und beginne mit der Aufgabe.
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Wenn ich spreche, dann nur leise.
Das Leise-Sprechen bei jüngeren Schüler:innen üben. Z. B. fragen, ob es jemand vormachen möchte. Wenn nicht, es selbst vormachen. Dann nochmal fragen, wer es auch zeigen möchte. Oder ein paar Schüler:innen dazu drannehmen. Dann mit der ganzen Klasse üben. Wenn es nicht gut klappt, dann z. B. nach zehn Minuten nochmal üben. Wenn es immer noch nicht klappt, weiter üben.
Wechsel vom Sitzkreis an den Platz üben. Sich vorher darauf einstellen, dass es bei so komplexen Ritualen mehrere nicht schaffen und sie Unterstützung brauchen. Es vormachen, bzw. fragen, wer das vormachen möchte. Gleich Anerkennung geben, bei gutem Vormachen.
Den Wechsel vom Sitzkreis an den Platz unterstützen: Nähe herstellen. Vor allem bei den Schüler:innen, denen das noch schwerfällt. Die Vorteile:
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Ihnen Anerkennung zuflüstern, wenn sie etwas korrekt machen, z. B. »Carlo, prima. Du bist auf direktem Weg an deinen Platz gegangen!« Oder, »Maria, schön, dass du schon mit der ersten Aufgabe beginnst,« usw. Das ermöglicht, innerhalb kurzer Zeit vielen Anerkennung zu geben.
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Narrating positive behavior – gleich weiter unten.
Wenn wir Schüler:innen mit ihrem Namen ansprechen, kommen Dinge besser bei ihnen an (Evertson und Weinstein, 2006).
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Wenn es Schüler:innen nicht korrekt machen, ihnen sogleich sachlich zuflüstern, was sie tun sollen.
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Allein durch das Herstellen von Nähe gelingt es, Störungen zu reduzieren.
Maximize proximity to minimize problems (Wong und Wong, 2018)
Angenommen wir haben mit den Schüler:innen den Wechsel vom Sitzkreis an den Platz bereits ein paar Mal geübt. Vielen gelingt es schon gut, einigen aber immer noch nicht. Jetzt nicht diejenigen kritisieren, die es immer noch falsch machen, sondern denen Anerkennung geben, die es schon gut machen. Detailliert erwähnen und z. B. in großer Schrift notieren, was sie gut gemacht haben. Sie freundlich anschauen, z. B. ihnen zulächeln und begeistert sprechen, z. B. »Echt toll! Vielen von euch ist es schon gelungen, auf direktem Weg an euren Platz zu gehen, sich gleich hinzusetzen und mit der Aufgabe zu beginnen. Und es ist vielen gelungen, leise zu sprechen. Prima, dass euch das gelungen ist!«
Starke Emotionen stecken an. Sowohl positive als auch negative (Traue, 1999). Freundlich und begeistert sprechen fördert gute Stimmung und motiviert diejenigen, die es gut gemacht haben, es weiterhin gut zu machen. Sie eventuell auch relativ früh mal belohnen. Wenn es dann alle besser machen, eventuell alle belohnen.
Feste Plätze im Sitzkreis einführen: Beim Wechsel vom Platz in den Sitzkreis sitzt ein Schüler schon auf einem Stuhl. Da kommt ein anderer, kräftiger und eher aggressiver und flüstert ihm aggressiv zu, »Los, verschwinde hier, sonst knallt’s.« So etwas geschieht nicht selten. Angesichts der enormen Komplexität in vielen Klassen kriegt man so etwas kaum mit. Es gibt sogar Videos deutscher Universitäten, die das zeigen, die aber in der Regel nicht öffentlich zugänglich sind, z. B. von der Universität Münster. Deshalb präventiv vorgehen: Feste Plätze im Sitzkreis einführen. Die Schüler ihre Namen auf schöne Karten schreiben lassen. Dann ihre Karten auf ihrem Sitzplatz befestigen.
Nicht zu eng im Sitzkreis sitzen lassen: Wenn Schüler:innen im Sitzkreis sehr eng nebeneinandersitzen, entsteht oft Unruhe, z. B. weil sie sich viel berühren usw.
Das zeigt, wie stark es beim Unterrichten auf Details ankommt. Ich wünsche Ihnen wirklich, dass Sie das an konkreten Beispielen lernen durften.
Schüler:innen mit herausforderndem Verhalten
Probleme dadurch eingrenzen, dass wir Schüler:innen mit besonders herausforderndem Verhalten einbeziehen (Plevin, 2018)
Einen Schüler mit herausforderndem Verhalten darum bitten, das Ritual des Sitzplatzwechsels seinen Mitschülern zu erklären. Der Vorteil: Der Schüler instruiert sich dadurch selbst und identifiziert sich somit stärker mit dem Ritual. Das vorher mit ihm besprechen und evtl. kurz mit ihm üben, damit er es korrekt schafft. Wenn er es dann gut macht, haben wir uns wichtige Chancen erarbeitet.
Was vermuten Sie, welche? Wenn Sie möchten, können Sie das hier notieren. Die Antwort finden Sie am Schluss des Buchs unter »Auflösung Frage 3«
Weitere Möglichkeiten:
Variante 1: Bei schwierigen Klassen jüngerer Schüler:innen in Kleingruppen von 4–5 Schüler:innen üben, statt mit der ganzen Klasse, was wieder zu größeren Störungen führen kann. So üben, dass die Schüler:innen nicht voraussehen können, wann sie dran sind, was ihre Aufmerksamkeit fördert. Z. B. sagen, »Bitte Gruppe 6 und 2 wechseln«. Dann »Gruppe 1 und 5«, dann »Gruppe 4 und 3«. Ein Vorgehen der Reihe nach, also von Gruppe 1 bis 6, kann zu Langweile führen, was das Risiko des Störens erhöht (Götz et al., 2017).
Falls das Üben einige Schüler:innen nervt, dann z. B.:
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Gleich eine Unterrichtseinheit anbieten, die allen Freude macht.
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Sich entschuldigen, »Bitte entschuldigt, dass das so schwierig war. Ich möchte euch da wirklich nicht verärgern. Mir ist wirklich wichtig, dass ihr euch in der Klasse wohlfühlt!«
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Massiv genervt wirkende Schüler:innen später, z. B. in einem Einzelgespräch, darauf ansprechen.
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Das nächste Üben so organisieren, dass möglichst viele erfolgreich sind. Komplexe Übungen in Zwischenschritte unterteilen. Beim Üben Präsenz zeigen. Dann strengen sich die Schüler:innen mehr an (Wong und Wong, 2018) und es ermöglicht uns, ihnen unkompliziert Hilfe anzubieten, also ihnen zu sagen, was sie tun sollen, damit sie erfolgreich...




