E-Book, Deutsch, 0 Seiten
Ellison Ein Junge und sein Hund
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-16074-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-16074-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vic tut alles, um in seiner postapokalyptischen, nuklear verseuchten Welt zu überleben. Ihm zur Seite steht sein treuer Gefährte Blood, ein telepathisch begabter Hund. Als sie auf eine junge Frau namens Quilla June treffen, verliebt Vic sich in sie und folgt ihr in die Unterwelt, dem letzten Refugium der Zivilisation. Hunde sind dort jedoch nicht erlaubt …
Die Kurzgeschichte „Ein Junge und sein Hund“ erscheint als exklusives E-Book Only bei Heyne und ist zusammen mit weiteren Stories von Harlan Ellison auch in dem Sammelband „Ich muss schreien und habe keinen Mund“ enthalten. Sie umfasst ca. 60 Buchseiten.
Harlan Ellison, geboren 1934 in Cleveland, Ohio, kam in den 1950er Jahren nach New York, nachdem er von zu Hause ausgerissen war und sich mit kuriosen Jobs – etwa als Holzfäller, Fischer, Kaufhausdetektiv und Mitglied einer Kirmestruppe – über Wasser gehalten hatte. Er veröffentlichte ab 1955 Kurzgeschichten in den Pulp-Magazinen, später auch Romane, Comics und Film- und Musikkritiken. In den frühen 60er Jahren zog er nach Los Angeles und schrieb Drehbücher für Hollywoodfilme und TV-Serien, darunter „Star Trek“ und „Twilight Zone“. Als Herausgeber setzte er sich immer wieder für (noch) unbekannte Autoren wie etwa Dan Simmons ein und warb beständig für seiner Meinung nach unterschätzte und in Vergessenheit geratene Schriftsteller wie A. E. van Vogt oder Fritz Leiber. Für seine Stories wurde er unter anderem achteinhalb Mal mit dem Hugo Gernsback Award und vier Mal mit dem Nebula Award ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau Susan in Los Angeles.
Weitere Infos & Material
EIN JUNGE UND SEIN HUND
1
Ich war draußen mit Blood, meinem Hund. In dieser Woche legte er es darauf an, mich zu ärgern. Er nannte mich andauernd Albert. Er fand das verdammt komisch. Payson Terhune: haha. Ich fing ihm ein paar Wasserratten, große grüne und ockergelbe und einen manikürten Pudel, der sich irgendwo in den Unterregionen von der Leine losgerissen hatte. Er hatte verflucht gut gegessen, aber er war stinkig. »Komm schon, du Hurensohn«, befahl ich, »such mir ein schönes Stück Arsch!«
Blood kicherte nur, tief unten in seinem Hundehals. »Du bist wirklich komisch, wenn du spitz wirst«, sagte er.
Vielleicht komisch genug, ihn in den Arschschließmuskel zu treten, diesen Flüchtling eines räudigen Dingo-Rudels.
»Los, such! Ich mache keine Witze!«
»Schäm dich, Albert! Nach allem, was ich dir beigebracht habe …«
Er wusste, dass ich am Ende meiner Geduld angelangt war. Mürrisch begann er, nach einer Fährte zu suchen. Er setzte sich auf die zerbröckelten Reste des Bordsteins, seine Lider zuckten und schlossen sich, sein behaarter Körper spannte sich an. Nach einer Weile ließ er sich langsam auf die Vorderläufe nieder und schob sie nach vorn, bis er ganz flach auf dem Bauch lag und sein zottiger Kopf auf den Vorderpfoten ruhte. Seine Verkrampfung lockerte sich, und er begann zu zittern, fast genauso, als wollte er seine Flohbisse kratzen. So ging das weiter, eine knappe Viertelstunde lang. Schließlich rollte er sich auf den Rücken und reckte seinen nackten Bauch in den Nachthimmel, die Vorderläufe wie eine Gottesanbeterin gekreuzt, die Hinterläufe ausgestreckt und gespreizt. »Tut mir leid«, sagte er. »Da ist nichts.«
Ich wäre fast verrückt geworden und trat nach ihm, aber ich wusste, dass er es zumindest versucht hatte. Ich war keineswegs glücklich darüber, denn ich wollte mich unbedingt flachlegen lassen, aber was sollte ich tun? »Okay«, sagte ich resigniert. »Vergiss es.«
Er rollte sich auf die Seite und sprang rasch auf. »Was willst du jetzt tun?«, fragte er.
»Was können wir denn schon tun?«, stieß ich sarkastisch hervor, und er setzte sich wieder zu meinen Füßen und sah unverschämt unterwürfig aus.
Ich lehnte mich an den verbogenen Stumpen eines Laternenpfahls und dachte an Mädchen. Es tat richtig weh. »Wir können ja ins Kino gehen«, schlug ich vor. Blood blickte die Straße hinab, auf die Schattenteiche, die in den von Unkraut überwucherten Kratern lagen, und sagte nichts. Der Welpe wartete darauf, mich »Okay, gehen wir« sagen zu hören. Er war ebenso versessen auf Filme wie ich.
»Okay, gehen wir.«
Er stand auf und folgte mir, mit hängender Zunge, keuchend vor Glück. Lauf nur los und lach dich krank, du Eierlutscher. Popcorn kriegst du jedenfalls nicht.
Unsere Gang war eine Diebesbande, die sich nie damit zufriedengegeben hatte, auf Futtersuche zu gehen. Ein bisschen Luxus gehörte auch dazu, und sie hatte eine raffinierte Methode entwickelt, sich mit Luxus zu umgeben. Es waren kinoorientierte Jungs, und sie hatten den Jagdgrund okkupiert, wo das Metropole Theater lag. Niemand versuchte ihr Gebiet kaputt zu machen, denn wir alle brauchten die Filme, und solange Unsere Gang Zugang zu Filmen hatte und sie auch abspulte, vollbrachte sie eine echte Dienstleistung, auch für Solos wie Blood und mich. Ganz besonders für Solos wie uns.
An der Tür musste ich meine .45er und meine Browning .22-long abgeben. Da war ein kleiner Alkoven rechts neben dem Eintrittskartenschalter. Zuerst kaufte ich die Karten. Das kostete mich eine Dose Oscar-Meyer-Philadelphia-Schweinefleisch und Blood eine Sardinenbüchse. Dann bedeuteten mir die Wachtposten von Unserer Gang mit ihren Maschinengewehren, in den Alkoven zu gehen, und ich gab meine Waffen ab. Ich sah Wasser aus einer zerbrochenen Röhre an der Decke tropfen, und ich sagte dem Checker, einem Jungen mit großen, lederartigen Warzen im ganzen Gesicht und auf den Lippen, dass er meine Schießeisen an einer Stelle aufbewahren sollte, wo es trocken war. Er ignorierte mich. »He, du verwarzte Scheißkröte, bring meine Waffen dort rüber auf die andere Seite! Das Zeug rostet so schnell. Und wenn es irgendwo Flecken kriegt, zerschlag ich dir alle Knochen.«
Er hob die Faust, um mir einen Kinnhaken zu versetzen, und blickte zu den Wachtposten mit den MGs hinüber. Er wusste, wenn sie mich jetzt rauswarfen, durfte ich das Kino nie mehr betreten. Aber die Wachtposten waren nicht scharf auf ein Gerangel, wahrscheinlich waren sie zu schwach dazu. Sie bedeuteten ihm, mir das durchgehen zu lassen und zu tun, was ich wollte. Und so trug die Kröte meine Browning zum anderen Ende des Waffengestells und schob die .45er darunter.
Blood und ich gingen zum Zuschauerraum.
»Ich will Popcorn.«
»Vergiss es.«
»Komm schon, Albert! Kauf mir Popcorn!«
»Ich bin pleite. Du kannst auch ohne Popcorn leben.«
»Du bist ein Scheißkerl.«
Ich zuckte mit den Schultern und dachte: Verklag mich doch.
Wir gingen hinein. Der Raum war gerammelt voll. Ich war froh, dass die Wachen nicht versucht hatten, mir noch was anderes als meine Schießeisen abzunehmen. Mein Stachel und mein Messer steckten in ihren geölten Scheiden an meinem Nacken und fühlten sich sehr tröstlich und ermutigend an. Blood entdeckte zwei freie Plätze nebeneinander, und wir gingen in die Reihe und traten auf mehrere Füße. Irgendjemand fluchte, ich ignorierte ihn. Ein Dobermann knurrte. Bloods Haare sträubten sich, aber er unternahm nichts. Man traf überall auf hartgesottene Burschen, sogar auf so neutralem Boden wie im Metropole.
(Ich hörte mal von einer Keilerei im alten Loew’s Granada auf der Südseite. Danach waren zehn oder zwölf Räuber und ihre Hunde tot, das Kino war niedergebrannt, und das Feuer hatte ein paar gute Cagney-Filme ruiniert. Damals hatten sich die Räuberbanden darauf geeinigt, dass Kinos in Zukunft tabu sein müssten. Jetzt war es besser, aber es gab immer noch Kerle, die zu verdreht im Kopf waren, um mit der weichen Welle zu schwimmen.)
Die Vorführung bestand aus drei Filmen. Flucht ohne Ausweg mit Dennis O’Keefe, Claire Trevor, Raymond Burr und Marsha Hunt war der älteste. Er war 1948 gedreht worden, vor achtundsechzig Jahren. Gott allein weiß, wieso das verdammte Ding die ganze Zeit über gehalten hat. Der Film rutschte andauernd von der Führungsrolle, und sie mussten ihn mehrmals stoppen, um ihn wieder einzuspannen. Aber es war ein guter Film. Er handelte von diesem Solo, der von seiner Bande reingelegt wird und dann Rache übt. Gangster, Mob und viel Gerangel. Echt gut.
Der mittlere Film stammte aus dem Dritten Weltkrieg und war 1992 gedreht worden, siebenundzwanzig Jahre vor meiner Geburt, ein Streifen namens Ein stinkendes Schlitzauge. Zum größten Teil sah man hervorquellende Eingeweide und hübsche Kämpfe. Eine besonders schöne Szene zeigte ein Vorpostengefecht von Windhunden, die mit Napalmwerfern bewaffnet waren und eine chinesische Stadt einschmolzen. Blood war fasziniert, obwohl wir den Film schon mal gesehen hatten. Er pflegte die verrückte Idee, dass die Windhunde seine Ahnen wären. Aber das war natürlich nur Einbildung, und er wusste auch, dass ich das wusste.
»He, willst du ein Baby verbrennen, du Held?«, flüsterte ich ihm zu. Die spöttische Spitze saß, und er rutschte nur auf seinem Sitz herum, sagte nichts und sah zufrieden zu, wie die Hunde durch die Stadt stürmten. Ich langweilte mich zu Tode.
Ich wartete auf den Hauptfilm.
Endlich fing er an. Er war sehr schön, ein Porno aus den späten 1970er-Jahren mit dem Titel Tiefe schwarze Lederspalten. Schon der Anfang war Klasse. Diese zwei Blondinen in schwarzen Lederkorsetts und Stiefeln bis zu den Oberschenkeln, mit Peitschen und Masken, schlugen diesen dürren Burschen nieder. Dann setzte sich eine der Schnecken auf sein Gesicht, während die andere über ihn herfiel. Danach wurde es wirklich haarig.
Die Solos neben, vor und hinter mir spielten alle an sich herum. Ich wollte gerade auch anfangen, als sich Blood zu mir rüberbeugte und mit einer ganz sanften Stimme sagte, wie immer, wenn er was Ungewöhnliches wittert: »Hier drin ist eine Schnecke.«
»Du bist verrückt.«
»Ich sage dir, ich kann sie riechen. Die ist hier drin, Mann.«
Unauffällig blickte ich mich um. Fast alle Sitze waren von Solos mit ihren Hunden okkupiert. Wenn ein Mädchen reingeschlichen wäre, hätte es einen Aufstand gegeben. Man hätte sie in Stücke gerissen, bevor es einem der Jungs gelungen wäre, in sie einzudringen. »Wo?«, fragte ich leise. Die Solos ringsum beschleunigten ihr Tempo und stöhnten, während die Blondinen die Masken abnahmen und die eine den dürren Burschen mit einem Holzstab bearbeitete, den sie sich um die Hüften gebunden hatte.
»Gib mir eine Minute«, sagte Blood. Er konzentrierte sich. Sein Körper war straff wie ein Stück Draht. Die Augen waren geschlossen, die Schnauze bebte. Ich ließ ihn arbeiten.
Es war möglich. Vielleicht war es möglich. Ich wusste, dass sie wirklich dämliche Filme in den Unterregionen gemacht hatten, so ähnlich wie der Schrott aus den 1930er- und 1940er-Jahren, lauter saubere Sachen, wo sogar Ehepaare in getrennten Betten schliefen. Im Stil von Myrna Loy und George Brent. Ich wusste außerdem, dass manchmal eine Schnecke aus den sittenstrengen unteren Mittelklasseregionen hier heraufkam, um einen wirklich guten Film zu sehen. Ich hatte davon gehört, aber in den Kinos, die ich besuchte, hatte ich noch kein einziges Mädchen...




