Engelmann Schluss mit lustig
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95824-335-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-95824-335-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Gabriella Engelmann, geboren 1966 in München, lebt in Hamburg. Sie arbeitete als Buchhändlerin, Lektorin und Verlagsleiterin, bevor sie sich ganz dem Schreiben zu widmen begann - und mit ihren Romanen nun regelmäßig auf den Bestsellerlisten steht. Die Autorin im Internet: gabriella-engelmann.de Die Autorin auf Facebook: facebook.com/AutorinGabriellaEngelmann Die Autorin auf Instagram: instagram.com/gabriellaengelmann Als eBook veröffentlichte Gabriella Engelmann bei dotbooks bereits die vier Kurzromane der Glücksglitzern-Serie - »Ein Kuss, der nach Lavendel schmeckt«, »Zeit der Apfelrosen«, »Inselglück und Friesenkekse« und »Der Duft von Glück und Friesentee« -, die auch als Sammelband unter dem Titel »Zwischen den Wellen glitzert das Glück« erschienen sind, die Romane »Nur Liebe ist schöner« und »Schluss mit lustig« sowie die Kurzromane »Eine Liebe für die Ewigkeit«, »Verträumt, verpeilt und voll verliebt«, »Te quiero heißt Ich liebe dich«, »Kuss au chocolat« und »Dafür ist man nie zu alt«. Als Hörbuch sind bei dotbooks die folgenden Titel von Gabriella Engelmann erschienen: »Ein Kuss, der nach Lavendel schmeckt«, »Zeit der Apfelrosen« und »Dafür ist man nie zu alt«
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KAPITEL 3
Amnestie, Amnesie, Ameisen
»Können Sie mir sagen, wie viele Finger das sind?«, vernehme ich eine männliche Stimme wie durch Watte und sehe verschwommen etwas, das nach menschlichem Ermessen eine Hand sein könnte. Mein Kopf fühlt sich an, als würde er jeden Moment explodieren. Meine Arme erwecken den Eindruck, als würden Ameisen auf ihnen Pogo tanzen.
»Mhhhm«, nuschle ich. Mein Mund ist trocken wie die Sahara, und ich habe Mühe, meine Lippen zu bewegen.
Was um Himmels willen ist los mit mir?
Ich versuche, mich aufzurichten, merke aber schnell, dass das keine gute Idee ist. Mein Nacken scheint die letzten Tage in einem Schraubstock gesteckt zu haben.
»Süße, du bist im Krankenhaus, weil du einen Unfall hattest«, klärt eine Frau mich auf, von der ich annehme, dass sie meine beste Freundin Mona ist. Sie steht am Rande meines Bettes, zusammen mit einem Herrn in blütenweißem Kittel. Oder vielmehr zwei Herren, die einander ziemlich ähnlich sehen.
Sind das etwa Zwillinge?
Ich kichere, zumindest, soweit ich dazu imstande bin. Mona und die beiden Ärzte sehen einander an.
»Geht's dir gut?«, fragt meine Freundin und streichelt liebevoll meine Stirn. »Deine Mutter kommt übrigens auch gleich, sie macht sich furchtbare Sorgen um dich.« Ach, wie lieb, wie tröstlich, wie wunderbar!
Mona ist hier, zwei freundlich lächelnde Ärzte, meine Mutter ist auf dem Weg. Ich bin gerührt von so viel Liebe und Zuwendung.
»Was war das denn für ein Unfall?«, will ich wissen, nachdem Mona mir ein Glas Wasser gereicht hat.
Sie antwortet nicht gleich, sondern wechselt einen Blick mit den Herren. Beide nicken.
»Okay, also gut ... «, beginnt sie stotternd. »Du hast eins mit der Flasche auf den Kopf bekommen.«
»Mit der Flasche?! Mit welcher Flasche?«
»Du kamst aus dem Kino, und Ecke Grindelallee hat es dich dann erwischt. Ein Passant hat dich auf dem Boden liegend gefunden und sofort den Krankenwagen gerufen. Die Polizei vermutet, dass du dem Typen in die Hände gefallen bist, der in den vergangenen Wochen in der Uni-Gegend mehrere Passanten attackiert hat. Du weißt schon, der Typ aus der Zeitung!«
Zeitung?!
Ah, ich erinnere mich dumpf und dunkel.
Ein Polizeipsychologe hatte gemutmaßt, dass der Täter durch die Schlagattacken seinen aufgestauten Frust kompensiert.
Der arme Mann hatte bestimmt eine schlimme Kindheit und müsste dringend zum Analytiker, um sie verarbeiten zu können, denke ich mitleidig.
Irgendwie bin ich ihm gar nicht böse.
Aber warum auch? Scheint ja nichts weiter passiert zu sein. Ich liege hier unter duftigen, kuscheligen Decken, und man kümmert sich rührend um mich. Was will ich mehr?
»Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?«, fragt einer der beiden Ärzte. Seltsamerweise sagt sein Zwillingskollege dies synchron.
»Und Sie sind?«, frage ich keck. Ich glaube, die beiden wollen mit mir flirten, wie nett!
»Ich bin Doktor Tobias Merten«, stellt er sich vor.
Sein Bruder sagt dasselbe.
Merkwürdig!
»Können Sie mir sagen, welchen Wochentag wir heute haben? Oder noch besser: das genaue Datum?«
Ich richte mich auf, um meinen Kalender aus der Handtasche zu nehmen. Ich würde Tobias Merten furchtbar gern helfen. Er scheint nämlich sympathisch zu sein! Und er hat so schöne Augen! Vielleicht kann ich bei der Gelegenheit auch gleich einen Blick auf meinen Personalausweis werfen, denn dummerweise ist mir gerade mein Name entfallen. Ich habe wohl zu viel geschlafen. Wer entspannt ist, neigt durchaus dazu, mal etwas zu vergessen, das ist bekannt.
»Haben Sie Kopfschmerzen?«, fragt der Arzt weiter. Sein Kollege ist auf einmal verschwunden, vielleicht musste er zu einem Notfall.
Meine Hand greift auf der Suche nach der Tasche ins Leere.
Nanu?
»Ist Ihnen schwindelig? Oder übel?«, bohrt der Doc weiter.
So viele Fragen auf einmal, denke ich und lasse mich erschöpft ins Kissen fallen. Ich bin sooo müde ...
Weit entfernt, wie in einem Traum, höre ich Mona und Tobias Merten flüstern. Dabei fallen Wort wie partielle Amnesie, schwere Gehirnerschütterung, vierundzwanzig Stunden zur Beobachtung und keine Sorgen machen.
Ich beschließe, mir vorerst mal keinen Kopf zu machen, denn ebendieser scheint ja gerade etwas in Mitleidenschaft gezogen zu sein. Also sollte ich ihn schonen und mich ein wenig ausruhen. Und wenn ich wieder wach bin, kann Mona mir bestimmt sagen, wo meine Handtasche ist. Oder – was mir fast noch lieber wäre – wie ich heiße ...
***
Als ich aufwache, sitzt meine Mutter am Bettrand. »Kind, was machst du nur für Sachen?«, fragt sie, und ich frage mich, weshalb sie so besorgt aussieht.
Ist doch alles gut.
»Wieso hast du denn nicht auf Mona gehört? Du bist doch sonst immer so vorsichtig?!«, jammert sie mit sorgenzerfurchter Stirn.
Ich streichle ihre Hand, die blass wie ihr Gesicht auf der Bettdecke liegt. Vermutlich denkt sie gerade daran, dass Papa kurz nach meiner Geburt gestorben ist ...
»Man kann sich doch nicht vor allem schützen, Mama. Wenn es danach ginge, dürfte ich keinen Schritt mehr aus dem Haus machen!«
Meine Mutter und Mona wechseln Blicke, deren Bedeutung ich mir nicht erklären kann. Wieso gucken die beiden, als sei ich ein Alien mit grünen Haaren und lila Kopftuch?
»Ja, äh, Liebes, da hast du wohl recht«, antwortet meine Mom und räuspert sich. »Zum Glück scheint alles gutgegangen zu sein. Gleich kommt Doktor Merten nochmal, und wenn du seine Fragen beantwortet hast, darfst du nach Hause.«
Genau in diesem Moment öffnet sich die Tür, und ich sehe, dass mein Doc nicht nur wunderschöne braune Augen hat, sondern auch das süßeste Lächeln der Welt. Hach!
»Und?«, fragt er strahlend. »Können Sie mir jetzt sagen, wie Sie heißen?«
»July-Sadie Wonnemeyer«, entströmt der Name problemlos meinen Lippen. Auch ich bin erleichtert.
Weil mir mein Name wieder eingefallen ist und weil er so schön ist. Und so originell.
Der Doc guckt irritiert, aber daran bin ich gewöhnt.
Nicht jeder mag meinen Namen.
Nachdem ich einige Formulare ausgefüllt habe und mein Blutdruckwert ein Lächeln auf das Gesicht der Krankenschwester gezaubert hat, verabschiede ich mich von Doktor Tobias Merten.
In amerikanischen Filmen wird man an dieser Stelle in einen Rollstuhl gesetzt und nach draußen gebracht, was aber in Deutschland nicht üblich zu sein scheint.
Dafür schickt mir Doc Merten einen langen Blick hinterher, wie ich feststelle, als ich mich noch zweimal nach ihm umdrehe. Dafür verzichte ich doch gern auf den Eskort-Service!
Schade, dass mein Aufenthalt hier nur so kurz war, ich hätte ihn gern näher kennengelernt. Ihn und seinen Bruder.
***
»So, da wären wir«, sagt meine Mutter betont gut gelaunt, als wir zu Hause sind.
Irre ich mich, oder spricht sie einen Tick lauter als sonst? Auf dem Küchentisch steht ein Strauß Kornblumen, die mir ihre blauen Köpfchen entgegenrecken. Wie schön!
»Willst du dich gleich hinlegen, Liebes, oder wollen wir Tee trinken?«, ertönt es, erneut eine Spur zu laut für meinen Geschmack.
»Mama, ich hatte eine Gehirnerschütterung, keinen Hörsturz«, amüsiere ich mich darüber, dass meine Mutter komplett aus dem Häuschen ist.
Mona sortiert Briefe, die sie gerade aus dem Postkasten gefischt hat, und liest mit gerunzelter Stirn die Absenderadressen. Ich setze währenddessen Teewasser auf und schiebe meiner Mutter demonstrativ einen Stuhl hin. Schließlich ist sie unser Gast und darf sich als solcher ruhig von mir verwöhnen lassen.
»Etwas Wichtiges?«, frage ich, weil Mona irgendwie gestresst aussieht.
»Nööööö, nix!«, antwortet sie, und ich könnte schwören, dass sie einen der Briefe hinter ihrem Rücken versteckt.
»Los, gib schon her«, fordere ich und schnappe mir den Umschlag, dessen Absender BrillantArt ist.
»Willst du nicht erst einmal in Ruhe hier ankommen?«, fragt meine Mom, aber ich finde mich ziemlich ruhig.
Ich öffne den Brief mit einem Küchenmesser und überfliege den Inhalt. Er ist blumig formuliert, stammt von Verlagsleiter Markus Quante persönlich und informiert mich über den Verkauf des Magazins an ein Münchner Unternehmen. Ganz so, wie es seine Assistentin Emilia prognostiziert hat.
Der letzte Satz vor der krakeligen Unterschrift des Big Boss lautet: Für Ihren weiteren beruflichen Werdegang wünschen wir Ihnen alles Gute!
Okay, mein Auftraggeber ist ab sofort mein Ex-Auftraggeber, wenn ich diese Zeilen richtig interpretiere.
»Aha!«, ist alles, was ich momentan dazu zu sagen habe.
Mona und meine Mutter starren mich an, als wüsste ich die Antwort auf die Frage, warum Gott keine Frau ist.
»BrillantArt wurde verkauft und benötigt meine Rezensionen ab sofort nicht mehr. Die neue Programmstrategie lautet Promis, Pailletten und Prosecco. Und offensichtlich glaubt Markus Quante nicht, dass ich mich dazu hinreißen lasse«, informiere ich die beiden.
»Aber du hast doch dieses nachtblaue Paillettentop im Schrank, das ich dir zu Weihnachten geschenkt habe. Dann zieh doch das an, anstelle deiner ewigen schwarzen Rollis, Schatz«, schlägt Mom vor.
Mona grinst.
Doch anstatt meine Mutter darüber aufzuklären, dass es hier weniger um die Frage der richtigen...




