Enquist Ein anderes Leben
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-446-24213-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-446-24213-5
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Per Olov Enquist, 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren, lebte in Stockholm und starb am 25. April 2020 in Vaxholm. Nach dem Studium arbeitete er als Theater- und Literaturkritiker. Er zählt heute zu den bedeutendsten Autoren Schwedens. Bei Hanser erschienen unter anderem Der Besuch des Leibarztes (Roman, 2001), Der fünfte Winter des Magnetiseurs (Roman, 2002), Hamsun (Eine Filmerzählung, 2004), Das Buch von Blanche und Marie (Roman, 2005), Kapitän Nemos Bibliothek (Neuausgabe, 2006), seine Autobiographie Ein anderes Leben (2009), für die er den renommiertesten schwedischen Literaturpreis, den August-Preis, erhielt, Die Ausgelieferten (Neuausgabe, 2011) sowie Das Buch der Gleichnisse (Roman, 2013). 2003 erschien sein erstes Kinderbuch Großvater und die Wölfe; 2011 folgte Großvater und die Schmuggler. 2017 erschienen diese beiden erfolgreichen Einzeltitel als Sammelband Abenteuer mit Großvater.
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Er war nicht der einzige, der sich die Frage stellte, warum es ging, wie es ging. Das Dorf erforschte auch sich selbst. Es musste doch ein Ganzes geben. Sonst wurde man ja verrückt.
Schweden ist in dieser ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Archipel von Tausenden im Waldmeer verborgenen kleinen Dörfern, Hjoggböle nicht ausgenommen. Das Dorf pflegt jedoch seine Geschichte, und die ist lang. Endlose Berichte über Armut, die besiegt wurde. Auf der Dorfversammlung am 1. Mai 1885 wurde beschlossen, dass die Witwe Lovisa Andersson zur Vermeidung von Mietkosten mit ihren Kindern im Dorf von Haus zu Haus geht. Einen Tag pro steuerpflichtige Hufe. Es sind Notjahre. Man tauscht die letzten Besitzgüter gegen Mehl. Einen Eimer, ein Fischnetz, einen Krug, ein Fell, vier Sensenstiele; bekommt dafür 12 Pfund Mehl. Kleine lustige Anekdoten, die er übergehen kann; das Protokoll der Dorfversammlung im Mai 1868 berichtet, dass der Bauer Erik Andersson in Hjoggböle zwei Jungen in den Wald schickte, um Baumrinde zum Brotbacken zu sammeln. Als die Jungen auf dem Heimweg waren, überquerten sie eine Kuhweide, die Kühe, die hungrig waren, sahen da die Jungen und ihre Baumrindenlast, stürmten auf sie zu und fraßen die Rinde auf. Die ausgehungerten Jungen konnten sich nicht verteidigen, und in den Wald zurückzugehen hatten sie nicht mehr die Kraft. Wurde Unterstützung zugesagt, 2 Pfund Mehl von der besseren Sorte, 2 Pfund von der schlechteren.
Glückliches Ende. Sie mussten jedoch ohne Rinde nach Hause gehen.
Wurde in Sjön, Hjoggböle, ein Armenhaus gebaut, bestehend aus einer Stube; wurde den Wohnungslosen übergeben. Anscheinend sind viele von ihnen Soldatenwitwen mit Kindern. Das Steinfundament des Armenhauses noch Mitte der fünfziger Jahre zu sehen. Er geht häufig dorthin, es liegt neben einer der Schutzwehren, die er als Siebenjähriger gegen die von deutschen Panzern unterstützten Infanterieangriffe plant. Das Steinfundament lag hinter dem Anwesen von Anselm Andersson; als der Fußballplatz Furuvallen dort angelegt wurde, verschwand dieses historische Denkmal.
Die lutherische Moral schon jetzt, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, hoch. Er kann sie wiedererkennen. Beschloss die Dorfversammlung auf ihrem Treffen am 1. Mai, gemäß Paragraph 8, eine Strafe von 25 Kronen festzulegen für denjenigen im Dorf, der sein Haus als Spielstube zur Verfügung stellt; die Bußzahlung soll den Armen im Dorf zukommen.
Spielstube bedeutet Tanzlokal.
Ein Olof Enqvist ist jedoch noch nicht unter den Hilfsbedürftigen – im Gegenteil: Als das Haus und die Mühle in Forsen im Mai 1883 mitsamt dem Inventar versteigert werden, ersteht er das Haus für vier Kronen und fünf Öre. Vielleicht reißt er es ab und behält das Holz?
Ein Onkel des Großvaters. Er schreibt den Namen mit qv.
Unterhalb des grünen Hauses lag das Hobelwerk.
Er kann sich nicht erinnern, als Kind das Hobelwerk je in Betrieb gesehen zu haben. Es wurde irgendwann gegen Ende der dreißiger Jahre stillgelegt. Er versucht sich zu erinnern, aber es gelingt ihm nicht.
Das kleine Haus, das Sägenhaus, stand ja noch die vierziger Jahre über unten am Bach. Ein sehr niedriges Haus mit durchhängendem First. War es nicht nach vorn, zur Straße und zum Milchbock hin, offen? Er kann sich an keine Tür erinnern.
Schwer vorstellbar, wie die Hobelwerkstatt betrieben wurde. War am Ausgang des Sees eine Art Wasserfall gewesen, gab es einen Niveauunterschied zum Bach hin, stand dort ein Schaufelrad? Er findet ein Archiv, das Auskunft gibt: Der Motor, der das Hobelwerk antrieb, war ein 7 PS Glühkopfmotor Baujahr 1920, Modell 15. Natürlich war Wasserkraft nicht notwendig. Aber warum stand es dann gerade dort?
Hat man vielleicht das Holz auf dem Wasserweg herantransportiert?
Das Hobelwerk lag am Abfluss des Sees, und nur hundert Meter vom grünen Haus entfernt. Er ist als Kind überzeugt davon, dass er auf diese Weise eigentlich im Zentrum von Schweden, benannt Sjön, Hjoggböle, geboren ist. Der Beweis dafür: Man legt das Bethaus und den Milchbock und den Bach und die Brücke über den Bach und vor allem das Hobelwerk, das also nur noch als historisches Denkmal existiert und deshalb auf der Karte mit einem eigenen Symbol bezeichnet werden muss, zusammen. Man durfte jedoch nicht hochmütig werden, weil man in der Mitte des Reichs geboren war, eher hatte man eine Verantwortung für die Menschen am Rand. Also die südlich von Jörn. Oder die Menschen in Schonen.
Es lagen noch massenweise Späne herum, obwohl das Hobelwerk nicht mehr da war. Es gab einen ziemlich großen platten Haufen von alten nassen Spänen. Dort konnte man Angelwürmer suchen.
Hatte das Sägenhaus nicht eine Luke im Fußboden? Direkt hinunter in den Bach? Er ist fest entschlossen, das Rätsel des Hobelwerks mittels Untersuchungen ein für allemal zu lösen. Er weiß nicht mehr, wem das Hobelwerk gehörte. Vielleicht Sehlstedts.
Einem von ihnen. Vielleicht dem, der unten am Fußend getraang hatte.
Das Dorf ist uralt, seit dem Mittelalter hat es existiert.
Als 1543 Gustav Vasas Grundbuch erstellt wurde, gab es im Dorf fünf steuerpflichtige Bauern. Sie bestellten fünfeinhalb Hektar Land. Beim Pflügen hatte man Beile und Pfeilspitzen aus Grünstein und einen Dolch aus Quarz gefunden, die als Beweis dienen konnten, dass es schon seit der Zeit um 3000 vor Christus eine Form von Besiedlung gegeben hatte.
Er versucht es sich vorzustellen, doch ohne Erfolg. Aber er liebt es, sich als Teil der Urbevölkerung zu betrachten.
In den Sommern kommt er zurück und versucht zu rekonstruieren. Der Bach war um die Mitte der vierziger Jahre noch nicht begradigt und immer noch schön, es gab Plötzen darin. Gleich unten beim Hobelwerk wusch man. Den Steg über den Bach gab es noch lange, nachdem das Hobelwerk, also die Maschinen, fortgebracht worden war.
Er notiert: Der Steg ist fort.
Die Blutegel waren das Interessanteste am Steg. Man konnte auf dem Bauch liegen und sie beobachten. Aber man musste aufpassen, wenn man badete, denn die Blutegel, die vielleicht Rossegel waren, doch das spielte keine Rolle, lagen zusammengerollt auf dem Grund, und dann rollten sie sich aus und schwammen mit schlingernden Bewegungen. Man sollte eigentlich Angst vor ihnen haben, denn es hieß, dass sie dem Menschen das Blut aussaugten, bis er fast unmächtig wurde und zu Boden sank, aber wenn man jeden Tag mit ihnen umging, wurden sie so etwas wie Spielkameraden, die man mit langen Stöcken überlistete und hochholte und auf den Steg legte.
Wenn man sie tötete, gab es Schmierkram. Er beschloss deshalb, sie nicht zu töten, sondern gut Freund mit ihnen zu sein. Dann brauchte man ja keine Angst zu haben.
Man konnte das Dorf auf unterschiedlichste Weise sehen, je nachdem, wo das Zentrum war.
Das Natürliche war, dass der Milchbock und das Hobelwerk und die Blutegel das Zentrum des Dorfs ausmachten, und das freute ihn, ohne dass er sich deshalb großartig vorkam.
Er befindet sich im Zentrum, behält aber seine Demut. Beim Milchbock kommt die Dorfversammlung manchmal zusammen, dann sind da unten an die zwanzig Männer, keine Frau, und es hat den Anschein, als würden erregte Diskussionen geführt, die fast immer mit irgendeiner Schweinerei zu tun haben, deren sich die Meierei in Bureå schuldig gemacht hat. Es geht um irgend etwas wegen der Rücksendung von Magermilch. Die Bonzen in der Meierei haben einen unverzeihlichen Rechtsbruch begangen. Schwer zu verstehen. Er fragt die Mutter, aber sie schnaubt nur.
Die Mutter ist ansonsten eine große Freundin von Versammlungen, zumindest solchen, die im Bethaus abgehalten werden. Über die hat sie die Kontrolle. Die Treffen am Milchbock ärgern sie, weil sie weltlich sind und weil keine Frauen dabei sind. Für sie ist das Bethaus das Zentrum; dass das Hobelwerk, der Milchbock und die Blutegel ein Zentrum wären, wird sie gewiss mit Bestimmtheit abstreiten.
Weil es die Frauen sind, die in allen Familien das Sagen haben, meint sie, die Treffen am Milchbock seien ein weltlicher Schein. Theater beinahe, weil die wirkliche Macht im Dorf bei den Frauen lag, die jedoch nicht beim Milchbock erumstehe un schreie tue.
Und diese Empörung beim Milchbock, wenn die Mannsleut’ schreie tue, dass es jetzt genug sei und dass ein Milchstreik nötig wäre – daraus wurde ja nie etwas. Am nächsten Tag war es wieder ruhig. Aber wenn diejenigen, die wirklich die Entscheidungen trafen, also in den Familien, wenn diese Frauen dabei sein dürften! Dann käme vielleicht etwas dabei heraus. Zumal diese ja wussten, wie die Wirklichkeit aussah. Und es gewöhnt waren zu schalten und zu walten.
Der Milchbock war auch fort.
Er stellt im August 2003 fest, dass der See sich zurückgezogen hat. Vom grünen Haus aus ist er fast nicht mehr zu sehen. Damals in den dreißiger Jahren fuhren sie Schlittschuh bis zum Hobelwerk. Einmal jedes Jahr tat man sich zusammen und dünnte das Unterholz aus, damit der von allen so geliebte und bewunderte Wasserspiegel klar schimmern konnte. Jetzt ist das Unterholz undurchdringlich. Es ist, als sei das Auge des Dorfs zugewachsen, als seien die Augenlider verklebt. Sonst ist es schön.
Man fährt jetzt in zwanzig Minuten in die Stadt. Die Gärten gepflegt.
Das Dorf ist uralt, er möchte es sich gern als moosbewachsenen Baumstumpf vorstellen.
Es atmet jedoch, sehr langsam, fast mühsam, wie eine sterbende Frau, ungefähr wie die Mutter in den Stunden, bevor sie im Oktober 1992 vom...




