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E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Erben Mich hat man vergessen

Erinnerungen eines jüdischen Mädchens
3. Auflage 2025
ISBN: 978-3-407-74129-5
Verlag: Beltz Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erinnerungen eines jüdischen Mädchens

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-407-74129-5
Verlag: Beltz Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eva Erben überlebte als Kind sowohl die Konzentrationslager Theresienstadt und Auschwitz, als auch den Todesmarsch. Sie erzählt leise und verhalten von diesen Jahren; was ihre autobiografischen Schilderungen des Grauens umso eindrücklicher macht. Im Interview in dieser Neuausgabe spricht Eva Erben mit der Autorin Anna Praßler über das Leben nach dem Krieg, Alltäglichkeiten und ihre heutige Sicht auf Deutschland, Israel und die Welt.

Eva Erben, geboren 1930 in D??ín/Tschechien, lebte ab 1936 in Prag. Im Dezember 1941 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert, später nach Auschwitz. Nach dem Krieg kehrte Eva Erben nach Prag zurück, ließ sich zur Krankenschwester ausbilden und wanderte 1949 nach Israel aus. Heute lebt sie in Ashkelon, Israel. Eva Erben berichtet bis heute in zahlreichen Veranstaltungen, in Schulen, Zeitungsartikeln, Interviews und in Filmen als Zeitzeugin, besonders für Kinder und Jugendliche, über ihre Leidensgeschichte, die Shoa, ihre Rettung und wie sie neue Kraft fürs Leben fand. 2025 wurde sie mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.
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Mich hat man vergessen


Zur Welt gekommen bin ich in Prag, der Hauptstadt der Tschechoslowakei. Es war an einem Herbsttag im Oktober 1930.

Natürlich reichen meine Erinnerungen nicht so weit zurück. Das Erste, woran ich mich erinnere, sind die Reisen zu meiner Großmutter. Wir besuchten sie zweimal im Jahr, in den großen Sommerferien und im Winter zu Chanukka, dem jüdischen Lichterfest, das im Dezember gefeiert wird.

Sie wohnte in einem Dorf, das etwa vier Eisenbahnstunden von Prag entfernt lag. Im Winter war es schon dunkel, wenn wir dort eintrafen, und der weiße Schnee glänzte im Licht der Laternen.

Neben dem Bahnhof des Dorfes wartete Josef, der Kutscher, mit seinem Zweispänner auf uns. Er nahm mich in seine starken Arme und deckte mich gut mit einer Decke aus Pelz zu, die mich vor der starken Winterkälte schützte. Nachdem wir es uns in der Kutsche gemütlich gemacht hatten, trieb Josef die Pferde an, die mit einem heftigen Ruck anzogen, der uns alle beinahe von den Sitzen warf.

Das Geklingel der Pferdeglocken begleitete uns bis zum Haus der Großmutter, dem wir uns durch eine Allee mit hohen Bäumen näherten. Großmutter, Onkel Ernst, die Köchin Maria und das Hausmädchen Stella kamen uns an der Tür entgegen, sobald sie die Glocken hörten, und empfingen uns mit Umarmungen und Küssen.

Weil es schon spät war, wurde ich sofort schlafen gelegt. Ich bekam ein breites Bett in einem großen Zimmer, das angenehm nach Äpfeln roch. Großmutter lagerte die Äpfel während des Winters auf den Schränken. Nach dem langen Reisetag war ich müde, aber auch zufrieden, und bald schlief ich ein.

Bei einem der Besuche im Sommer ereignete sich etwas Lustiges mit einem Raben. Das Haus der Großmutter lag in einem schönen Garten mit hohen Bäumen. Gleich vor dem Schlafzimmerfenster stand ein großer Kastanienbaum, auf dem ein prächtiger schwarzer Rabe sein Nest hatte. Dieser Rabe fürchtete sich nicht vor uns und saß oft vor dem Fenster. Stand es offen, wagte er sich sogar ins Zimmer hinein. Dann hüpfte er vorsichtig zu dem großen Spiegel in der Zimmerecke. Glänzende Gegenstände zogen ihn an und der Spiegel fand seine ganz besondere Aufmerksamkeit. Ich sah ihm gerne dabei zu, wenn er sein Spiegelbild betrachtete, den Kopf von Seite zu Seite drehte und ein merkwürdiges Gekrächze von sich gab. Diesen Raben hatte ich in mein Herz geschlossen.

Eines Tages passierte es, dass Großmutter ein paar Ohrringe auf dem Tisch vor dem Spiegel liegen ließ. Als unser täglicher Besucher ins Zimmer hüpfte, fiel sein Blick natürlich sofort auf die glänzenden Dinger, und ehe ich mich versah, stand er auch schon neben den Ohrringen und betrachtete sie neugierig.

Plötzlich schnappte er einen der Ohrringe mit seinem langen Schnabel und flatterte aus dem Fenster. Großmutter und ich waren noch sprachlos vor Überraschung, als er schon hoch oben auf dem Baum saß, wo er sein neues Spielzeug ins Nest legte und es aufmerksam untersuchte. Als Großmutter ihre Sprache wiedergefunden hatte, ließ sie eine lange Leiter herbeiholen und an den Baum lehnen. Die Jagd auf den Raben – eigentlich auf unseren Ohrring – hatte begonnen.

Die Leiter reichte bis an das Nest des Raben, und man glaubte, ihm dort seine Beute abjagen zu können. Doch der Rabe war klüger. So schnell wollte er sich von seinem neuen Spielzeug nicht trennen. Sobald er merkte, was um ihn herum vorging, flog er mit seiner Beute davon.

Vier Tage sahen wir ihn nicht wieder, nicht auf seinem Baum, nicht am Fenster und nicht im Garten. Großmutter war sehr traurig. Die Ohrringe waren noch ein Geschenk ihrer Mutter und sie konnte sich nur schwer mit dem Verlust abfinden.

Am fünften Tag, als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, saß der Rabe plötzlich wieder vor dem Fenster, ganz wie gewohnt – nur diesmal mit dem Ohrring im Schnabel. Er flatterte ins Zimmer, hüpfte auf den Tisch vor dem Spiegel und legte den Ohrring genau an der Stelle nieder, wo er ihn gefunden hatte. Ich war verblüfft und erleichtert.

Jeder kann sich vorstellen, was für einen Empfang ich dem Raben bereitete. Voll Freude eilte ich in den Garten und suchte zusammen mit dem Gärtner nach Ungeziefer und Würmern, von denen ich glaubte, dass der Rabe sie gerne fressen würde. Ich legte ihm diesen Festschmaus auf das Fensterbrett und er kam tatsächlich. Mit großem Appetit machte er sich über sein Fressen her. Diese Belohnung hatte er sich wirklich verdient.

Prag, wo meine Familie lebte, ist eine sehr große Stadt. Früher herrschten dort Könige und Kaiser, die zur Verschönerung ihrer Hauptstadt viele Burgen und Paläste bauen ließen. Durch die Stadt fließt die Moldau, über die sich zahlreiche Brücken spannen. Am Flussufer liegen wunderschöne Gärten und Parks und entlang der breiten Straßen stehen hohe und oft sehr alte, schöne Häuser.

Auch unser Haus war von einem herrlichen Garten umgeben. In einer Ecke stand eine Laube, die ganz von Wildrosen bedeckt war. Im Sommer spielte ich darin mit meiner Freundin Ilonka und meiner Puppe Hannah. Dann wurde die Laube zum Kinderzimmer: Hier konnten wir ungestört spielen und uns über alles unterhalten, was kleinen Mädchen wichtig ist. Nur der Winter mit seiner Kälte konnte uns ins Haus treiben, wo wir uns meist unterhalb der Treppe aufhielten, die ins obere Stockwerk führte.

Im Erdgeschoss lagen Küche, Esszimmer, Wohnzimmer und zwei glasüberdachte Terrassen, in denen Mutter Topfblumen abstellte, die sie sorgfältig pflegte. Oben gab es zwei Schlafzimmer und dort war auch das Laboratorium meines Vaters.

Mein Vater war Chemiker und hatte eine Fabrik, in der Gummi hergestellt wurde. In seinem Laboratorium zu Hause machte Vater seine Versuche. Sein Ehrgeiz war es, einen neuen Kunststoff zu entwickeln, der hart und zugleich durchsichtig wie Glas sein sollte, aber unzerbrechlich.

Einmal, als wir gerade unter der Treppe spielten, hörten wir plötzlich einen lauten Knall und all unsere Spielsachen fielen durcheinander. Unter der Labortür quoll schwarzer Rauch hervor und dann kam auch Vater zum Vorschein – mit rußgeschwärztem Gesicht. Mutter erschrak sehr, aber meine Freundin und ich mussten laut lachen. Wir wussten, dieses Bild würden wir nie vergessen.

Hinter unserem Haus lag ein Abhang, der im Winter meist schneebedeckt war. Das war unser Schlittenhang, an dem sich nach der Schule alle Kinder unserer Straße mit ihren Schlitten einfanden. Unzählige Male rodelten wir den Hang hinab und stiegen wieder hinauf. Gegen Abend kehrten wir mit windgeröteten Backen und hungrigem Magen nach Hause zurück.

Im Frühling und Sommer unternahmen wir oft Ausflüge. Manchmal fuhr ich mit Vater und Mutter in die Wälder vor Prag, wo wir Pilze und Beeren sammelten. Mein Vater kannte viele Pilze – essbare und giftige. Ich wollte immer die schönen Pilze pflücken, aber oft sind gerade das die giftigen. Immer wieder musste Vater mir erklären, wie gefährlich es ist, giftige Pilze zu essen. Doch bald lernte auch ich, zwischen essbaren und giftigen zu unterscheiden.

Von diesen Ausflügen kehrten wir meist mit vollen Körben nach Hause zurück. Boschka, die meiner Mutter im Haushalt half, reinigte die Pilze und legte sie zum Trocknen auf dem Ofen aus. Dort lagen sie meist einige Wochen, und immer wenn meine Freundin und ich uns dem Ofen näherten, erhob Boschka warnend ihre Stimme, da sie die Pilze in Gefahr glaubte.

Meine Schule lag nicht weit von unserem Haus entfernt. Der Unterricht fand auf Tschechisch statt, aber wie viele Kinder in Böhmen bin ich zweisprachig aufgewachsen. Bei uns zu Hause und mit meinen Freundinnen sprach ich mal tschechisch, mal deutsch. Ich ging gerne zur Schule und ganz besonders habe ich mich für Geschichte interessiert. Der Lehrer erzählte uns von der großen Vergangenheit der Tschechoslowakei, von berühmten Königen und Kaisern, aber auch von bösen Herrschern und Kriegen. Es hatte Könige gegeben, die ihr Volk ausbeuteten, und ich war froh, in einer Zeit zu leben, in der das Land nicht mehr von einem König regiert wurde, sondern – wie die Erwachsenen es nannten – von einem »demokratischen Parlament«.

Nichts ist wertvoller als die Freiheit des Menschen. Damals dachte ich nicht einmal im Traum daran, dass man mir die Freiheit nehmen könnte, dass man mich...



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