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E-Book, Deutsch, 144 Seiten
Etzemüller Handgranate oder Zeichenstift
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-86854-890-7
Verlag: Hamburger Edition HIS
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zur Ambivalenz der Moderne
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Thomas Etzemüller ist Professor für Europäische Geschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts unter besonderer Berücksichtigung der Kulturgeschichte der Moderne an der Universität Oldenburg.
Autoren/Hrsg.
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»Ordnung schaffen«
Unsicherheit in der Industriegesellschaft
Moderne stand für ungebremsten Fortschritt, zumindest in der westlichen Welt.41 Die Industrialisierung bahnte sich ihren Weg, die Produktivität stieg, die Lebensbedingungen wurden für viele, aber nicht alle Menschen verbessert, die letzten Hungersnöte traten auf, Eisenbahn, Autos und Flugzeuge verkürzten die Reisezeiten, transatlantische Telegrafenkabel, Offsetdruck, Schreibmaschine und Telefon revolutionierten die Kommunikation, der internationale Handel weitete sich aus, Vernetzung wurde durch technische und organisatorische Systeme wie Fahrpläne, Weltzeit und Standardmaße stabilisiert. 1886 gilt als Geburtsjahr des Autos, bereits 1899 wurde ein Rekord von 105 Stundenkilometern aufgestellt; im Dezember 1903 fand der erste längere Motorflug statt, 1909 überquerte ein Pilot den Ärmelkanal, 1915 wurden Langstreckenbomber in Dienst gestellt. Die Epoche zeichnete sich durch Wachstum, Beschleunigung, Globalisierung und eine fundamental veränderte materielle Lebenswelt aus.
Zugleich war die Epoche grundiert durch Krisenszenarien, durch ein Gefühl der Ent-Sicherung des Menschen. Wir müssen uns nur vor Augen führen, wie grundsätzlich die Revolutionen von 1789, 1830 und 1848 die ständische Sozialordnung, die vermeintlich gottgegebene Herrschaft des Adels infrage stellten. Die »Massen« spielten eine ganz andere Rolle. Sie gewannen an politischem Einfluss, an Macht, und sie wurden zunehmend ernst genommen: durch Enqueten erforscht und durch Wahlrecht und Sozialpolitik gestärkt. Dieses Potenzial versuchten Sozialist:innen gegen die bürgerliche Gesellschaft zu mobilisieren. Zugleich weiteten Frauen ihre Möglichkeiten kontinuierlich aus. Sie stellten nicht unbedingt die Sozialordnung infrage, aber sie unterliefen die traditionalen Geschlechterhierarchien, selbst wenn sie sich selbst nicht als Feministinnen begriffen – allein durch ihren Kampf für das Wahlrecht und ihr Recht auf Studium und Berufstätigkeit.
In den Napoleonischen Kriegen bereinigten die Franzosen die politische Landkarte Mitteleuropas, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation verschwand, und mit den Befreiungskriegen sowie dem Krimkrieg wurden proto-totale Kriege geführt; der Amerikanische Bürgerkrieg war dank der Medien ebenfalls präsent – auf Fotografien konnte das Publikum aufgedunsene Leichen und niedergebrannte Städte betrachten. Im Russisch-japanischen Krieg besiegte 1905 ein asiatisches Land eine europäische Großmacht, was das rassische Überlegenheitsgefühl kränkte; im Ersten Weltkrieg dezimierten Artillerie und MGs die Soldaten gleich in den ersten Tagen zu Zehntausenden. Damit waren verklärende Vorstellungen vom Krieg als »ritterlichem Kampf« weitgehend obsolet, und die Herrschaft der Technik über den Menschen schien belegt.
Die Industrialisierung führte gleichzeitig zur Verelendung größerer Teile der Arbeiterschaft. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen blieben bis weit in die Zwischenkriegszeit hinein prekär: schlechte Löhne, lange Arbeitszeiten, hohes Unfallrisiko, schreckliche Wohnungen. Die Industriestädte waren auf den massenhaften Zuzug nicht vorbereitet. Sie mussten eine Infrastruktur schaffen, die mit so vielen Menschen fertig wurde. Der soziale Wohnungsbau steckte in den Anfängen, mit dem Bau von Mietskasernen konnte ein höherer Profit erzielt werden. Das zunehmende Elend vieler Menschen, aber auch deren Politisierung, ließ soziale Unruhen und das Auseinanderfallen der Sozialordnung befürchten.
Schließlich gab es Wirtschaftskrisen, die für viele nicht erklärlich waren und deutlich tiefgreifendere Folgen hatten als früher. In den frühen 1870er Jahren brach in Deutschland die Wirtschaft nach einer starken Wachstumsphase mit einer Börsenkrise ein. 1923 ruinierte die Hyperinflation zahllose Existenzen, ab 1929 die Weltwirtschaftskrise. Solche wirtschaftlichen Fehlentwicklungen schienen zyklisch aufzutreten, doch es gab nur rudimentäre wirtschaftspolitische Instrumente, damit umzugehen. Deshalb wurde der Fortschrittsglaube zunehmend mit Moderneskepsis unterfüttert. Nichts stand auf sicherem Grund. Säkularisierung, Krise des Liberalismus, Aufstieg des Sozialismus, Kriege, Wirtschaftskrisen, diese Erfahrungen akkumulierten sich. Heinz Dieter Kittsteiner formulierte treffend, dass die »schützende Teleologie« ihre Wirkung verloren habe: Der historische Prozess bewegte sich vorwärts, aber sein Ziel wurde »zunehmend unbestimmbarer«.42 Für Kulturkritiker wie Oswald Spengler hatte die Bewegung allerdings durchaus eine Richtung, sein »Untergang des Abendlandes« (1918) ist die düstere Morphologie einer abwärtstrudelnden Moderne. Das grundlegende Gefühl der Orientierungslosigkeit veranlasste zahlreiche weitere Autoren, die Gegenwart für ihren »Materialismus« und ihre »Verkrustung« zu tadeln.
Interessanterweise beobachten wir gerade nach dem Ersten Weltkrieg, in den 1920er und 1930er Jahren, eine regelrechte Euphorie, menschliche Beziehungen, Technik und Natur in einer harmonischen Sozialordnung wieder in Einklang bringen zu können. Wenn man die Organisationserfahrung aus der Kriegswirtschaft übertragen könnte, so nahmen einige Planer an, würden sich die Ressourcen frei von kapitalistischem Gewinnstreben verwalten und verteilen lassen. Stahl und Eisenbeton schienen Baustoffe, um den gesamten Lebensraum plastisch zu modellieren, ihn schnell und günstig mit modernen Wohnungen zu bestücken, in denen gesunde Kinder heranwüchsen. Offsetdruck und Fotografie versprachen ein dichtes Netz an Informationen; Informationen brachen Herrschaftsmonopole. Das Flugzeug: Den einen sollte es wie ein Stethoskop dienen; der Architekt Le Corbusier ließ sich 1929 über São Paulo fliegen, um die »klare Diagnose: Stadtmittelpunkt-Krankheit« zu stellen.43 Andere sahen die Möglichkeit, internationale Kooperationen durch schnelleres Reisen zu befördern.
Planwirtschaft, Beton, Flugzeug und Druckmaschine, das waren Instrumente, um eine neue Welt zu modellieren, zu organisieren, in ihr zu kooperieren und sie zu propagieren. Zu optimistisch gedacht, sicherlich (die meisten Diplomaten nutzten noch lange internationale Fernzüge und Dampfschiffe), doch das Gefühl, dass die Gesellschaft wie eine Maschine steuerbar gemacht werden könne, musste nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges beflügelnd wirken.
Ordnungsmodelle
»Ordnung schaffen« hat die Historikerin Ariane Leendertz als Credo der deutschen Raumplanung im 20. Jahrhundert ausgemacht.44 In diesem Sinne war die gesamte Moderne eine Zeit der Suche nach neuen, stabilen Ordnungsmodellen, die von eher rigiden Ständestaatsideen bis zu pluralistischen Modellen reichten. Sie setzten auf »Ordnung, Ausgleich, Harmonie«,45 das heißt auf Form, Balance und Stabilität. Dass sich die Verfechter einer bürgerlichen Sozialordnung am Sozialismus abarbeiteten, überrascht nicht, er propagierte ja den Sturz eben dieser Ordnung. Viele Zeitgenossen fühlten sich bis weit in die 1960er Jahre von der marxistischen Revolutionsrhetorik bedroht. Immerhin hatte es 1848 den Ansatz einer sozialen Revolution gegeben, nach dem Ersten Weltkrieg drohten die Bolschewiki, den Umsturz zu exportieren, und 1945 hatte sie die Grenzen ihres Einflussbereichs weit Richtung Westen verschoben. »Sozialismus« bezeichnete für viele eine existenzielle Angst vor der gesellschaftlichen Destruktion und diente zugleich als Totschlagargument, um missliebige politische Ansätze zu diskreditieren. Eigentümlicherweise war der Liberalismus bei gewichtigen bürgerlichen Ordnungsdenkern fast ebenso verhasst. In der Zwischenkriegszeit verdammten Akteure von weit rechts bis weit links einhellig ein formloses, epigonenhaftes und exzessiv individualistisches 19. Jahrhundert, ich nenne nur den österreichischen Historiker Otto Brunner, seinen Landsmann, den Statistiker Otto Neurath, den britischen Landschaftshistoriker W.G. Hoskins, den deutschen Nationalökonomen Wilhelm Röpke, den amerikanischen Techniksoziologen Lewis Mumford oder die schwedischen Sozialpolitiker Alva und Gunnar Myrdal. Der Architekt Adolf Loos und der Kunsthistoriker Sigfried Gideon haben das 19. Jahrhundert als »Herrschaft des Tapezierers« verunglimpft, als Sinnbild einer verlogenen Epoche der Imitation und Vorblendung.46 Sozialismus, Liberalismus und Kapitalismus waren die Feindbilder – zumindest als dominierende Systeme, denn faktisch vertraten rechte wie linke Dezisionisten im Einzelnen durchaus sozialistische beziehungsweise kapitalistische Ideen und Praktiken.
Marxismus und Liberalismus waren, darüber ist sich die Geschichtswissenschaft einig, die beherrschenden weltanschaulichen Ideen, ohne die man eine Geschichte der Moderne nicht schreiben kann (auch wenn sie in verschiedene Strömungen zerfielen und im Laufe der Geschichte ihre Gestalt änderten). Ihre Geschichte – und die des Konservatismus – ist sicherlich wichtig. Ich will an dieser Stelle jedoch nicht realhistorische Triebkräfte, sondern politische Imaginationen in den Blick nehmen. Feindbilder trieben das Denken voran, und sowohl »der« kapitalistische Liberalismus als auch »der« revolutionäre Marxismus eigneten sich, um unterschiedlichste Alternativen zu entwerfen. Ich skizziere deshalb zwei antagonistische Ordnungsvorstellungen, nämlich Ständestaatsdenken und Pluralismus, weil sie das Problem der sozialen Dynamik auf jeweils radikale Weise thematisierten.
Apologeten des Ständestaats waren auf stabile Strukturen fixiert. Sie wollten die Gesellschaft in klar umrissene, rechtlich und sozial abgeschlossene Gruppen...




