E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Reihe: Classics To Go
Eucken Mensch und Welt
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-574-3
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 270 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-574-3
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Interessant ist das zentrale Anliegen von Rodolf Christoph Euckens, was mit der ?Philosophie des Lebens? erreicht werden sollte: Sie sollte die Befreiung des Menschen aus einem Zustand der ?Flachheit und Zerstreuung? bringen. Und ohne das Lamento der traditionsorientierten intellektuellen Elite, die um 1900 vor allem in Deutschland den Verfall von Kultur und Gesellschaft beklagte, aufzuwärmen oder gar zu teilen, wünschte ich mir, dass in der aktuellen Zeit, der durch die Unterhaltungsindustrie in Sport, Film, Spiel und Freizeit auf den Gipfel getriebene Ablenkung, etwas ?innere Erhöhung? Einzug halten möge. Insofern gibt es beim ersten deutschen Nobelpreisträger für Literatur ein paar interessante Gedanken zu entdecken. (Amazon)
Autoren/Hrsg.
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I. Rechtfertigung der Hauptthese
1. Einführung des Problems
Wo immer die Philosophie eine Größe bei sich selbst und eine Bedeutung für die Menschheit gewann, da war sie kein bloßes Betrachten und Beleuchten, sondern ein Weiterbilden und Verwandeln des überkommenen Standes der Dinge, ja auf ihrer Höhe ward sie eine geistige Revolution. Denn nur da trieb es zwingend zu ihr, wo jener Stand einen Widerspruch aufwies, der weder zu ertragen noch innerhalb seiner zu lösen war. Mattere Seelen mochten sich willig solcher Zerklüftung ergeben, kräftigeren wurde sie zu einem geistigen Notstand; das Verlangen, ihm zu entrinnen, führte zwingend auf neue Bahnen und ließ auch ein kühnes Wagnis, eine schroffe Paradoxie nicht scheuen. »Der beste Ratgeber ist die Notwendigkeit« (Goethe). Bei solchem Unternehmen pflegte aber die Arbeit der Denker in folgender Weise zu verlaufen. Ihr Ausgangspunkt war eine Tatsache oder auch eine Forderung, die ihnen als unbestreitbar und unabweisbar galt; diese Tatsache aber fanden sie in schroffem Widerspruch, fanden sie völlig unvereinbar mit dem nächsten Stande des Lebens und dem nächsten Bilde der Welt; so war eine Entscheidung zu treffen, und wenn diese zugunsten der mit unbeugsamer Energie behaupteten Grundtatsache ausfiel, so war die ihr feindliche Welt bis dahin umzugestalten, daß sie ihrer Entwicklung freie Bahn ließ, ja aus der Hemmung zu einer Förderung wurde. So zeigen es mit besonderer Klarheit die Denker zu Beginn der Neuzeit. Der Begriff der Innerlichkeit und des Innengeschehens hatte sich in Zusammenhang mit großen Wandlungen des Menschheitslebens ihnen so sehr gesteigert, daß ihn festzuhalten und durchzusetzen ihnen die Hauptsorge war. Das aber zwang sie zu einer entschiedenen Ablehnung einer Wechselwirkung der Dinge, wie der unmittelbare Eindruck sie nahelegt und die Überlieferung sie befestigt hatte. Da sie aber zugleich eine Verbindung der Mannigfaltigkeit nicht aufgeben konnten und wollten, so war das auf Wechselwirkung beruhende Weltbild aufs gründlichste umzuwandeln und ein neues Verhältnis des Menschen zur Wirklichkeit herzustellen. So taten es Spinoza und Leibniz, jeder in seiner Weise, jeder unter Belebung neuer Tiefen. Hinter beider Arbeit stand aber eine gemeinsame Forderung, eine innere Nötigung. Mochte die Zeit diese Forderung entgegenbringen, erst ihr kräftigeres Herausheben und Erleben durch die Denker gab ihr die Kraft zu bewegen und das Leben umzubilden. Daß die Philosophie in dem, was dem Alltage als selbstverständlich gilt und was auch die Zeitlage ohne Bedenken hinnimmt, ein schweres Problem, einen unerträglichen Widerspruch aufdeckt, das hat von altersher ihren Ausgangspunkt gebildet. Sie war aber nur dort im Recht, wo das Problem ein wahrhaftiges und der Widerspruch kein ersonnener war. Durch das Leben der Gegenwart geht nun zweifellos ein schroffer Widerspruch und stellt der Philosophie ein wahrhaftiges Problem. Der Widerspruch betrifft das Gesamtverhältnis des Menschen zur Welt und zugleich die Hauptrichtung seines Lebens. Tiefgehende Wandlungen sind hiergegen frühere Zeiten erfolgt, sie haben den Schwerpunkt des Lebens verschoben, sie bedrohen allen Sinn und Wert unseres Strebens. Früher war der Hauptstandort des menschlichen Lebens eine unsichtbare Welt, sei es der Religion, sei es einer Idealkultur; in ihrem Licht sah der Mensch die sichtbare Welt, und ihre Güter beherrschten auch sein Wirken in dieser. Nun aber haben die letzten Jahrhunderte eine überwältigende Wendung zur sichtbaren Welt vollzogen, uns immer enger mit ihr verkettet, uns immer mehr in sie aufgehen lassen. Die Natur befreite sich von der Deutung nach menschlichen Größen und Zwecken als von einer argen Verfälschung und gewann auch in unserem Denken eine volle Selbständigkeit; eben damit aber wurde sie uns zu einem unermeßlichen Arbeitsgebiet, unsere Begriffe brachten Klarheit und Ordnung in das sonst undurchsichtige Weltgetriebe, mit wachsender Einsicht aber verband sich eng die Technik und unterwarf die Kräfte der Natur immer mehr unseren Zwecken; alles zusammen machte unser Leben klarer und männlicher, machte es freier von Schmerz und reicher an Lust. Jeder Erfolg treibt dabei neue Fragen hervor, die Kraft wächst an den Problemen, ins Unermeßliche schweifen Phantasie und Hoffnung, gespannt und erwartungsvoll hangen wir an dem Vordringen dieser Arbeit, das immer mehr scheinbar Unmögliches möglich, ja leicht und alltäglich macht. Zugleich hat sich unser Verhältnis zu unserer menschlichen Umgebung, zum Stande der Gesellschaft verändert. Dieser Stand der Gesellschaft dünkte uns früher, als Ganzes angesehen, ein unwandelbares Geschick, unsere Hilfe und Förderung blieb auf einzelne Stellen beschränkt, eine Umgestaltung von der Wurzel her kam uns nicht in den Sinn, sie hätte damals leicht eine frevelhafte Auflehnung gegen höhere Ordnungen gedünkt. Jetzt dagegen ist unsere Kraft so gewachsen, daß wir uns auch an den Gesamtstand wagen und ihn nicht als ein Schicksal, sondern als ein Problem behandeln. Aus solcher Denkweise messen wir die Verhältnisse nach unseren Ideen und Zwecken, wir entwerfen Ideale und wollen sie in Wirklichkeit umgesetzt sehen. Über alle Mühen und Verwicklungen, die das bringt, hebt uns das stolze Bewußtsein hinaus, unser Los selbst in die Hand zu nehmen; auch hier steigern greifbare Erfolge die Kraft und die Zuversicht, und über alle Begrenzung der Gegenwart erhebt die Hoffnung einer besseren Zukunft. Indem so der Mensch an der sichtbaren Welt mehr und mehr zu tun und zu gewinnen findet, wird sie immer mehr seine Hauptwelt und der Hauptstandort seines Lebens; die Entfaltung der Kraft, die sich hier vollzieht, wird mit ihrem unablässigen Wachsen und Siegen mehr und mehr zum Ganzen des Lebens. So ergreift die Bewegung zur sichtbaren Welt den modernen Menschen mit Zaubergewalt und sucht ihn gänzlich in sich zu ziehen. Ob ihr das freilich gelingen kann, ist nicht so leicht zu entscheiden. Denn bei allen Erfolgen hat diese Bewegung innerlich starre Grenzen, und es fragt sich, ob der Mensch diese hinnehmen kann, ohne unabweisbaren Forderungen seiner Natur aufs schroffste zu widersprechen. Eine solche Grenze erscheint im besonderen bei der Frage nach der Stellung und Bedeutung des Menschen im All; hier ist ein schwerer Verlust gegen die ältere Überzeugung nicht zu bestreiten. Diese Überzeugung gab dem Menschen eine ausgezeichnete Stellung im All und seinem Handeln eine große Bedeutung für dessen Geschicke. So machte namentlich die Religion den Menschen als das freie und moralische Wesen zum Mittelpunkt des Ganzen, zum Haupthelden eines großen Weltdramas; auch was der Einzelne tut, schien hier das Ganze anzugehen und durch Ja oder Nein in es einzugreifen. Wohl veränderte die Idealkultur mit dem Weltanblick auch das menschliche Ziel, aber auch sie ließ dem Menschen eine hervorragende Stellung im All und seinem Handeln einen Wert für dasselbe. Hier erschien die sichtbare Welt als die Entfaltung einer unsichtbaren, diese Entfaltung fand ihre Vollendung aber im Menschen als dem vernünftigen und denkenden Wesen: in ihm erst erlangte das Ganze volle Bewußtheit, Klarheit und Freiheit, erst in ihm ward ein Beisichselbstsein der Wirklichkeit erreicht; jeder einzelne aber hatte diese Stufe aus eigener Kraft zu erklimmen und damit am Ganzen teilzugewinnen. So gaben beide Fassungen dem Menschen und seinem Handeln ein inneres Verhältnis zur Welt und zugleich eine große Bedeutung über das eigene Befinden hinaus. Die Wendung zur sichtbaren Welt hat das alles hinfällig gemacht. Undurchsichtig und rätselhaft liegt um uns diese Welt, ihre endlose Ausdehnung faßt sich nicht in ein Ganzes zusammen, das Geschehen verlegt sich unter Ausschaltung aller Innerlichkeit ganz in die Beziehungen der Elemente, ihr dunkles Getriebe läßt keinen Sinn und Zweck erkennen, es umfängt uns mit bloßer und blinder Tatsächlichkeit. Demgemäß behandelt diese Welt den Menschen als ein gleichgültiges Stück der großen Verkettung, als einen bloßen Tropfen am Eimer. Es erscheint hier keinerlei Sorge um ihn, auch keine Wertschätzung seines Handelns, je nachdem es gut oder böse, die Werte des Menschen haben hier keine Geltung. Das ganze Sein der Menschheit erscheint in diesem Zusammenhange als eine bloße Episode des rast- und sinnlosen Weltprozesses, einsam und verloren ist hier der einzelne Mensch, einsam und verloren auch das Ganze der Menschheit. Nun bietet für solche Verluste die Wendung zur sichtbaren Welt einen gewissen Ersatz in der kräftigeren Arbeit am menschlichen Kreise und in dem engeren Zusammenschluß der einzelnen bei dieser Arbeit. Aber so fruchtbar dies Zusammenwirken sein mag, ersetzen kann es das Verlorene nicht. Denn auch das gegenseitige Verhältnis der Menschen muß die dort dem Leben gesetzten Schranken teilen; kennt das Ganze der Welt keine Innerlichkeit, ist alles Geschehen eine bloße Entwicklung von Beziehungen der Elemente und damit nach außen gekehrt, so kommt auch der menschliche Kreis über solche Beziehungen nicht hinaus, so erreicht auch er kein selbständiges und selbstwertiges Innenleben, so kann was in der Seele des einzelnen vorgeht, keine Bedeutung für den andern haben, so kann der Mensch dem Menschen nur durch seine Leistung, nicht mit dem Ganzen seines Lebens, irgendwie wertvoll sein. Es ist ein sonderbarer Unverstand, an der einzelnen Stelle behaupten zu wollen, was im Ganzen aufgegeben ward, und dort als ein Gut zu preisen, was hier als Irrung verworfen ward. Auch mußten die Ziele des Zusammenseins nach Ablösung des Menschen von der Welt in kläglicher Weise sinken. Es bliebe dann nur als Ziel die Hebung des menschlichen Wohlseins als eines subjektiven Befindens, das Glück im Sinne von möglichst viel Lust und möglichst wenig Schmerz; damit aber würde...




