Feist Die Krondor-Saga 2
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18590-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Labyrinth der Schatten
E-Book, Deutsch, Band 2
Reihe: Die Krondor-Saga
ISBN: 978-3-641-18590-9
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Raymond Feist wurde 1945 in Los Angeles geboren und lebt in San Diego im Süden Kaliforniens. Viele Jahre lang hat er Rollenspiele und Computerspiele entwickelt. Aus dieser Tätigkeit entstand auch die fantastische Welt seiner Romane: Midkemia. Die in den 80er-Jahren begonnene Saga ist ein Klassiker des Fantasy-Genres, und Feist gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Fantasy in der Tradition Tolkiens.
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Prolog
Abschiede
Die Soldaten marschierten über den Bergkamm.
Arutha hatte den Versorgungstross geteilt; die erste Gruppe – Verwundete und Tote, die in Krondor in Ehren eingeäschert werden würden – setzte sich gerade in Bewegung. Die vielen Wagen und Stiefel wirbelten jede Menge Staub auf, und der feine Puder vermischte sich mit dem beißenden Rauch, der von den erlöschenden Feuerstellen aufstieg. Die aufgehende Sonne schickte ihre orangefarbenen und hellgoldenen Strahlen durch den Dunst, Pfeile aus Farben in einer ansonsten grauen Morgendämmerung. In der Ferne sangen Vögel; sie kümmerten sich nicht um den Nachhall der Schlacht.
Arutha, Prinz von Krondor und Herrscher über den westlichen Teil des Königreichs der Inseln, saß auf seinem Pferd und gestattete sich das Vergnügen, die Herrlichkeit des Sonnenaufgangs und die Serenade aus Vogelgezwitscher zu genießen, während er seinen Männern beim Aufbruch zusah. Die Kämpfe waren glücklicherweise kurz gewesen, aber trotzdem blutig. Zwar waren weniger Opfer zu beklagen gewesen, als er befürchtet hatte, aber er hatte es schon immer gehasst, auch nur einen einzigen Soldaten zu verlieren, der unter seinem Befehl stand. Jetzt ließ er es zu, dass die Schönheit der Landschaft ringsum seine Wut und Trauer eine Zeit lang besänftigten.
Äußerlich unterschied sich Arutha kaum von dem Mann, der zehn Jahre zuvor auf den Thron gekommen war, wenngleich Linien um seine Augen und ein paar graue Strähnen in seinen sonst schwarzen Haaren offenbarten, welchen Tribut das Herrschen von ihm forderte. Wer ihn gut kannte, wusste, dass er auch ansonsten noch immer der gleiche Mann war, ein kompetenter Verwalter, ein militärisches Genie und ein äußerst pflichtbewusster Mann, der sich auch dann unverzüglich opfern würde, wenn es galt, einem Soldaten der untersten Rangstufe das Leben zu retten.
Sein Blick wanderte von einem Wagen zum nächsten, als wollte er sich dazu zwingen, die darin verborgenen Verwundeten zu sehen, als könnte er ihnen so seine Dankbarkeit für die hervorragend ausgeführte Aufgabe übermitteln. Jene, die Arutha nahe standen, wussten, dass er tief in seinem Innern Schmerz über jede Verletzung empfand, die einem Mann zugefügt worden war, der Krondor und dem Königreich diente.
Arutha schob seinen Kummer beiseite und dachte über den Sieg nach. Der Feind – eine verhältnismäßig kleine Armee von Dunkelelben – hatte sich über einen Zeitraum von zwei Tagen zurückgezogen. Eine größere Streitmacht hatte daran gehindert werden können, den Düsterwald zu erreichen, als von den beiden Junkern James und Locklear eine Spaltmaschine zerstört worden war. Ein Magier namens Patrus hatte dabei sein Leben verloren, doch sein Opfer hatte dazu geführt, dass die Eindringlinge ihren eigenen, internen Konflikten anheim fielen. Delekhan, der Möchtegern-Eroberer, war beim Kampf um den Stein des Lebens gestorben, gemeinsam mit Gorath, einem Moredhel-Anführer, der sich als ebenso ehrenvoll und würdig erwiesen hatte wie jedes andere Wesen, dem Arutha bisher begegnet war. Arutha verfluchte die Existenz dieses geheimnisvollen und uralten Artefakts unterhalb der verlassenen Stadt Sethanon, und er fragte sich, ob er es wohl noch erleben würde, dass seine Geheimnisse ergründet und die Gefahren, die in ihm wohnten, beseitigt werden würden.
Delekhans Sohn Moraeulf war durch einen Dolchstoß gestorben, den Narab, einst Verbündeter Delekhans, ihm versetzt hatte. Wie mit Narab vereinbart worden war, verfolgten die Streitkräfte des Königreichs die sich zurückziehenden Moredhel so lange nicht, wie sie sich direkt nach Norden begaben. Es war der Befehl erteilt worden, den Moredhel einen sicheren Weg nach Hause zu gewähren – solange sie sich auf dem Weg dorthin befanden.
Die Streitkräfte des Königs im Düsterwald teilten sich jetzt wieder in ihre unterschiedlichen Garnisonen auf; der größte Teil kehrte nach Westen zurück, einige wandten sich nach Norden zu den Gebieten der Grenzbarone. Sie würden erst später im Laufe des Morgens aufbrechen. Die bisher geheim gehaltene Garnison nördlich von Sethanon würde an einen anderen Ort verlegt und mit frischem Proviant versehen werden.
Arutha begann zu schwitzen, als die Sonne den Morgennebel auflöste und nur noch Rauch und Staub in der Luft hingen. Es wurde bereits heiß, und die Kälte des vergangenen Winters verblasste zu einer fernen Erinnerung. Arutha verdrängte die Sorgen tief in seinem Innern, während er über den letzten Angriff auf den Frieden seines Königreichs nachdachte.
Der Herzog von Krondor war den tsuranischen Magiern nach dem Ende des Spaltkriegs offen und aufrichtig entgegengetreten. Beinahe zehn Jahre lang hatten sie die Freiheit besessen, sich mit Hilfe ihres magischen Spalts zwischen den beiden Welten hin und her zu bewegen. Jetzt hatte er das tiefe Gefühl, hintergangen worden zu sein. Er verstand voll und ganz, welche Gründe den tsuranischen Erhabenen Makala zu dem Versuch getrieben hatten, den Stein des Lebens von Sethanon in seine Gewalt zu bringen – die Überzeugung, dass das Königreich eine Waffe von größter Zerstörungsmacht besaß, eine Maschine mit einer solchen Macht, dass sie im Krieg genau der Person die Vorherrschaft sichern würde, in deren Besitz sie sich befand. Wäre er an Makalas Stelle gewesen und hätte die gleichen Vermutungen gehabt, hätte er möglicherweise ähnlich gehandelt. Aber selbst mit diesem Eingeständnis konnte er die Tsuranis nicht weiter frei nach Belieben im Königreich herumlaufen lassen, was wiederum bedeutete, dass sich ein Jahrzehnt des Handels und des kulturellen Austauschs dem Ende zuneigte. Arutha verdrängte die Sorge, wie er die notwendigen Veränderungen herbeiführen würde, doch er wusste, dass er sich irgendwann mit seinen Beratern zusammensetzen und einen Plan entwickeln musste, um die künftige Sicherheit des Königreichs zu gewährleisten. Und er wusste auch, dass kaum jemand über die Veränderungen, die er bewirken würde, glücklich sein würde.
Arutha warf einen Blick nach rechts und sah zwei sehr junge Männer rittlings auf ihren Pferden. Der Anblick entlockte ihm ein seltenes Lächeln, kaum mehr als ein schwaches Hochziehen der Mundwinkel, das dennoch genügte, den oft sehr ernsten Ausdruck seines noch jugendlichen Gesichts etwas zu mildern. »Müde, meine Herren?«
James, der rangältere Junker des Prinzen, schenkte seinem Herrscher einen Blick aus Augen, die von dunklen Ringen umrahmt waren. James und sein Kamerad, Junker Locklear, hatten einen atemberaubenden Ritt hinter sich, ermöglicht durch magische Kräuter, mit deren Hilfe sie sich tagelang im Sattel wach gehalten hatten. Die Nachwirkungen dieses Tranks – der plötzliche Ausbruch lang unterdrückter Müdigkeit und körperlicher Schmerzen – hatten die beiden jungen Männer unmittelbar danach ereilt. Beide hatten die ganze Nacht in Aruthas Zelt auf Kissen geschlafen, waren am nächsten Morgen aber trotzdem mit schweren Gliedern und trägem Geist erwacht. James kratzte seinen letzten Rest Humor zusammen. »Nein, wir sehen immer so aus, wenn wir wach werden. Nur seht Ihr uns gewöhnlich erst, wenn wir bereits eine Tasse Kaffee getrunken haben.«
Arutha lachte. »Ich sehe, du bist so charmant wie eh und je, James.«
Ein kleiner Mann mit dunklen Haaren und einem dunklen Bart trat zu ihnen.
»Guten Morgen, Hoheit«, sagte Pug und verneigte sich.
Arutha nickte höflich. »Pug, kehrt Ihr mit uns nach Krondor zurück?«
Besorgnis spiegelte sich auf Pugs Gesicht. »Nicht sofort, Hoheit. Ich muss einigen Dingen in Stardock nachgehen. Die Beteiligung der tsuranischen Erhabenen an diesem jüngsten Anschlag auf Sethanon bereitet mir große Sorgen. Ich muss sicherstellen, dass sie die einzigen Magier waren, die damit zu tun hatten, und dass jene, die noch in meiner Akademie leben, frei von jeder Schuld sind.«
Arutha blickte dem abfahrenden Wagen nach. »Wir müssen uns darüber unterhalten, welche Rolle die Tsuranis von Eurer Akademie bei der Sache gespielt haben, Pug. Aber nicht hier.«
Pug nickte zustimmend. Zwar waren alle, die sich in Hörweite befanden, in das Geheimnis des unter Sethanon ruhenden Steins des Lebens eingeweiht, aber es war trotzdem klüger, in Ruhe und Abgeschiedenheit darüber zu reden. Pug wusste außerdem, dass Arutha sich ernste Gedanken wegen des Verrats machte, den der tsuranische Magier Makala begangen hatte – ein Verrat, der zu dieser letzten Schlacht zwischen der Armee des Prinzen und einer eindringenden Armee von Moredhel-Kriegern geführt hatte. Er erwartete, dass Arutha weit einschneidendere Kontrollen darüber fordern würde, wer durch den Spalt – das magische Tor – zwischen Midkemia und Kelewan, der Heimatwelt der Tsuranis, reisen würde.
»Das werden wir, Hoheit. Doch zuerst einmal muss ich für die Sicherheit von Katala und Gamina sorgen.«
»Ich verstehe Euer Anliegen«, sagte der Prinz. Um Pug von Midkemia wegzulocken, war seine Tochter Gamina mittels Magie auf eine ferne Welt entführt worden – während der tsuranische Magier versucht hatte, sich des Steins des Lebens zu bemächtigen.
»Ich muss sicherstellen, dass ich nie wieder wegen eines Familienmitglieds so verletzbar bin.« Er blickte den Prinzen wissend an. »Was William angeht, so...




