Feist Die Midkemia-Chronik 2
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18592-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Des Königs Freibeuter
E-Book, Deutsch, Band 2
Reihe: Die Midkemia-Chronik
ISBN: 978-3-641-18592-3
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Raymond Feist wurde 1945 in Los Angeles geboren und lebt in San Diego im Süden Kaliforniens. Viele Jahre lang hat er Rollenspiele und Computerspiele entwickelt. Aus dieser Tätigkeit entstand auch die fantastische Welt seiner Romane: Midkemia. Die in den 80er-Jahren begonnene Saga ist ein Klassiker des Fantasy-Genres, und Feist gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Fantasy in der Tradition Tolkiens.
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Prolog – Besuch
Ghuda reckte sich.
Durch die Tür hörte man die Stimme einer Frau: »Los, hau hier ab!«
Der frühere Söldner lehnte sich auf der Veranda seines Wirtshauses im Stuhl zurück und legte die Füße auf das Geländer. Hinter ihm ging die gleiche Leier los wie jeden Abend. Während reiche Reisende in den großen Herbergen der Stadt oder palastartigen Gasthäusern entlang des silbrigglänzenden Strandes abstiegen, wurde das Gasthaus zum Verbeulten Helm, das Ghuda gehörte, von raueren Gästen besucht: Bauern, die ihre Ernte in die Stadt brachten, Fuhrleute, Söldner und Soldaten vom Lande.
»Muss ich erst die Stadtwache holen!«, rief die Frau in der Schankstube.
Ghuda war ein großer Mann, und im Gasthaus gab es genug Arbeit. Der Söldner hatte somit kein Fett angesetzt, und auch seine Waffen hatte er in Schuss gehalten; zu oft war er schon gezwungen gewesen, den einen oder anderen Gast unsanft hinauszuwerfen.
Der frühe Abend, kurz vorm Essen, war ihm die liebste Zeit des Tages. Er saß in seinem Stuhl und sah zu, wie die Sonne über der Bucht von Elarial unterging, wie sich das helle Licht des Tages in ein sanftes Rot verwandelte und die weißen Gebäude mit einer samtenen Patina aus Orange- und Goldtönen überzog. Das war eine der wenigen Freuden, die er sich in seinem sonst harten Leben hatte bewahren können. Ein lautes Krachen ertönte im Innern des Hauses, und Ghuda widerstand dem Drang, den Ursprung des Geräusches näher zu untersuchen. Seine Frau würde es ihn schon wissen lassen, wenn er einschreiten sollte.
»Los, raus hier! Macht eure Händel draußen ab!«
Ghuda zog einen Dolch, einen von zweien, die er gewöhnlich im Gürtel trug, und begann, ihn abwesend zu polieren. Aus der Schankstube hallte das Klirren von zerbrochenem Steingut nach draußen. Kurz darauf folgte das Kreischen eines Mädchens, dann hörte man den Lärm eines Faustkampfes.
Ghuda polierte seinen Dolch, während er weiterhin den Sonnenuntergang betrachtete. Seine fast sechzig Jahre hatten auf der ledernen Haut seines Gesichts tiefe Furchen eingegraben – man konnte die Arbeit als Karawanenwächter ablesen, die vielen Kämpfe, das häufig schlechte Wetter, das miserable Essen und den schlechten Wein – und gekrönt wurde es von der gebrochenen Nase. Die meisten Haare waren ausgefallen, nur ein Kranz, der knapp über den Ohren ansetzte, war ihm geblieben; diese Haare ließ er sich jedoch bis auf die Schultern wachsen. Auch wenn er nie ein wirklich stattlicher Mann gewesen war, die Leute mochten seine ruhige, offene Geradheit und vertrauten ihm.
Er ließ den Blick über die Bucht wandern, wo das silberne und rosafarbene Licht auf dem smaragdgrünen Wasser funkelte und Seevögel kreischten und nach ihrer Mahlzeit tauchten. Die Hitze des Tages war vorüber, und in der Bucht wehte eine sanfte, kühle Brise, mit der der salzige Geruch des Meeres herangetragen wurde, und einen Moment lang fragte er sich, ob das Leben für einen von seiner Herkunft überhaupt schöner sein konnte. Dann blinzelte er in die Sonne, die gerade den Horizont berührte; von Westen her kam eine Gestalt zielstrebig auf das kleine Gasthaus zu.
Zunächst war sie nicht viel mehr als ein schwarzer Punkt im grellen Licht der untergehenden Sonne, doch schließlich konnte man Einzelheiten erkennen. Irgendetwas an dieser Gestalt erzeugte einen Juckreiz an Ghudas Hinterkopf, und er ließ den Fremden nicht aus den Augen, bis er deutlich zu erkennen war. Es war ein schlanker, o-beiniger Mann, der eine staubige und zerschlissene blaue Robe trug, die über einer Schulter hing. Es war ein Isalani, ein Mann aus einem der Völker im Süden des Kaiserreichs von Groß-Kesh. Über der einen Schulter trug er einen alten schwarzen Rucksack, und ein langer Stab diente ihm als Wanderstock.
Als der Mann nahe genug heran war, dass Ghuda seine Gesichtszüge deutlich erkennen konnte, sandte der frühere Söldner ein Stoßgebet zum Himmel: »Götter, nicht er.«
Während Ghuda aufstand, hörte man aus dem Innern des Gasthauses einen jammernden Wutschrei.
Der Mann erreichte die Veranda und setzte seinen Rucksack ab. Ein Ring von Flaum säumte den ansonsten kahlen Schädel; und auf dem Geiergesicht stand ein feierlicher Ausdruck, der sich jedoch sofort in ein Lächeln verwandelte, als der Mann Ghuda ansah. Die schwarzen Augen zusammengekniffen, grinste er Ghuda an. Er öffnete den staubigen alten Rucksack und fragte mit vertrauter, knarrender Stimme: »Willst du eine Orange?« Er griff in den Rucksack und holte zwei große Orangen hervor.
Ghuda fing die Frucht auf, die er ihm zuwarf, und fragte: »Nakor, was, bei den Sieben Tiefsten Höllen, treibt dich zu mir?«
Nakor der Isalani, ein gelegentlicher Falschspieler und Betrüger, in gewisser Weise auch ein Zauberer und für Ghuda vor allem ein Verrückter, war ein einziges Mal mit dem früheren Söldner unterwegs gewesen. Vor neun Jahren hatten sie sich kennengelernt und waren mit einem jungen Herumtreiber gereist, der Ghuda überredet hatte – Nakor hatte der Kerl nicht beschwatzen müssen –, mit ihm in die Stadt Kesh zu gehen, in das Herz von Politik, Verrat und Mord. Der Herumtreiber hatte sich als Prinz Borric herausgestellt und war der Thronfolger des Königreichs der Inseln. Ghuda hatte bei dieser Gelegenheit eine Menge Gold verdient, war anschließend durch die Gegend gereist und hatte dieses Gasthaus gefunden, einschließlich der Witwe des früheren Besitzers und der prächtigsten Sonnenuntergänge, die er je gesehen hatte. So etwas wie diese Reise nach Kesh wollte er in seinem Leben nicht noch einmal mitmachen. Und jetzt sank ihm das Herz in die Hose, weil er ahnte, ihm könnte höchstwahrscheinlich gerade so etwas abermals bevorstehen.
Der O-beinige kleine Mann sagte: »Ich wollte dich abholen.«
Ghuda lehnte sich in seinem Stuhl zurück, als ein Bierkrug durch die Tür der Schenke segelte. Nakor duckte sich und meinte: »Da ist aber ein schöner Kampf im Gange. Fuhrleute?«
Ghuda schüttelte den Kopf. »Heute sind es nicht die Gäste; nur die sieben Kinder meiner Frau, die wie gewöhnlich den Schankraum verwüsten.«
Nakor ließ seinen Rucksack fallen, setzte sich auf das Geländer der Veranda und sagte: »Also, gib mir etwas zu essen, und dann können wir gehen.«
Ghuda polierte seinen Dolch weiter und fragte: »Wohin sollen wir gehen?«
»Krondor.«
Ghuda schloss einen Moment lang die Augen. Die einzige Person, die sie beide in Krondor kannten, war Prinz Borric. »Das Leben hier ist vielleicht nicht das allerbeste, Nakor, aber ich bin zufrieden damit. Und jetzt geh weg.«
Der kleine Mann biss in seine Orange, zog ein großes Stück Schale ab und spuckte es aus. Er biss tief in die Frucht hinein und schlürfte dabei laut. Dann wischte er sich den Mund mit dem Handrücken ab und meinte: »Zufrieden mit dem hier?« Er zeigte auf die Tür, durch die man das Jammern eines Kindes hörte, welches das sonstige Geschrei noch übertönte.
Ghuda sagte: »Vielleicht ist das Leben manchmal ein bisschen hart, aber wenigstens versucht selten jemand, mich umzubringen; ich weiß jede Nacht, wo ich schlafe, und ich esse gut und nehme regelmäßig ein Bad. Meine Frau ist liebevoll, und die Kinder –« Das laute Kreischen eines anderen Kindes wurde durch das entrüstete Schreien des Ersten unterstützt. Ghuda sah Nakor an. »Es wird mir hinterher leidtun, weil ich gefragt habe, aber warum sollen wir nach Krondor gehen?«
»Wir müssen jemanden besuchen«, sagte Nakor, der einen Fuß hinter einem Pfosten des Geländers verhakte, um das Gleichgewicht zu halten.
»Das ist das Schöne an dir, Nakor, du langweilst einen nie mit überflüssigen Einzelheiten. Welchen jemand?«
»Weiß nicht. Werden wir aber herausfinden, wenn wir erst einmal dort sind.«
Ghuda seufzte. »Als ich dich das letzte Mal gesehen habe, bist du von Kesh aus Richtung Norden geritten und wolltest zur Insel der Magier, nach Stardock. Du hast einen großen Umhang und eine blaue Robe aus wunderbarem Stoff getragen, dein Pferd war ein schwarzer Wüstenhengst, der den Verdienst eines ganzen Jahres wert war, und dazu hattest du noch einen Rucksack voller Gold von der Kaiserin.«
Nakor zuckte mit den Schultern. »Das Pferd hat das falsche Gras gefressen, eine Kolik bekommen und ist gestorben.« Er befingerte die schmutzige, zerrissene blaue Robe, die er trug. »Mit dem großen Umhang bin ich immer überall hängen geblieben, also hab ich ihn weggeworfen. Die Robe habe ich noch an. Doch die Ärmel waren zu lang, da hab ich sie abgerissen. Und das Ding schleifte dauernd über den Boden, also hab ich es mit meinem Dolch kürzer gemacht.«
Ghuda betrachtete die zerlumpte Erscheinung seines früheren Gefährten und meinte: »Du hättest dir auch einen Schneider leisten können.«
»Hatte zu viel zu tun.« Er sah zum türkisgrünen Himmel, der mit rosafarbenen und grauen Wolken gesprenkelt war, und fuhr fort: »Ich habe mein ganzes Geld ausgegeben, und Stardock hat mich bald gelangweilt. Da hab ich mich entschlossen, nach Krondor zu gehen.«
Ghuda spürte, wie er langsam die Beherrschung verlor. »Als ich das letzte Mal auf eine Karte gesehen habe, hätte ich schwören können, es wäre ein Umweg, wenn man von Stardock über Elarial nach Krondor geht.«
Nakor zuckte mit den Schultern. »Ich musste dich doch finden. Also bin ich zurück nach Kesh gegangen. Du hattest gesagt, du würdest vielleicht nach Jandowae wollen, also bin ich dorthin. Da sagte man mir, du wärst nach...




