Fellini / Costantini | Ich bin fellinesk | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Kampa Salon

Fellini / Costantini Ich bin fellinesk

Gespräche mit Costanzo Costantini
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-311-70107-1
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Gespräche mit Costanzo Costantini

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Kampa Salon

ISBN: 978-3-311-70107-1
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Erzählen, sagt Federico Fellini, sei für ihn das einzige Spiel, das sich zu spielen lohne. Und so »erzählt« Fellini, der geborene raconteur, in diesen Gesprächen sein Leben - leidenschaftlich, tiefgründig, amüsant, filmreif, eben »fellinesk«: von seiner Kindheit in Rimini, von den Inspirationen zu seinen Filmen, von seiner Zusammenarbeit mit Filmgrößen wie Anita Ekberg, Marcello Mastroianni oder Pier Paolo Pasolini bis zu seiner Dankesrede für den Ehrenoscar, als er seine Frau Giulietta Masina bat, mit dem Weinen aufzuhören, obwohl er ihre Tränen von der Bühne aus nicht sehen konnte. Fellini spricht über Neorealismus und Katholizismus, Psychoanalyse und Fieber am Set - und über Filmangebote aus dem arabischen Raum: »Vielleicht wollten die, dass ich einen Film mache über die religiösen und mystischen Gefühle, die Erdöl hervorruft.« Dass der Journalist Costanzo Costantini, der Fellini über dreißig Jahre immer wieder interviewt hat, längst ein Freund geworden war, merkt man dem entspannten Charakter der Gespräche an, die das intime Porträt eines der großen Filmemacher des 20. Jahrhunderts zeichnen.

Federico Fellini, geboren 1920 in Rimini, arbeitete erfolgreich als Journalist und Karikaturist, bevor er mit dem Drehbuchschreiben und später der Regiearbeit begann. Er gilt als Maestro des italienischen Nachkriegskinos und als einer der wichtigsten Autorenfilmer des 20. Jahrhunderts. Für seine Filme wie La strada, La dolce vita, 8 1/2 und Amarcord erhielt er unzählige internationale Preise, zwölf Mal war er für den Oscar nominiert, vier Mal gewann er ihn in der Kategorie »Bester fremdsprachiger Film«. Fellini starb 1993 in Rom, nur wenige Monate, nachdem er mit dem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden war.
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Vorwort


Federico Fellini begegnete ich zum ersten Mal in den Fünfzigerjahren. Ich interviewte ihn für die römische Tageszeitung , deren Redaktion in der Via di Tritone lag. Ihr damaliger Chefredakteur war Vincenzo Spasiano, ein Neapolitaner, der als Magier des Journalismus galt. Er harrte bis in die frühen Morgenstunden im Büro aus und ging nur ab und zu auf einen Kaffee in die Nachtbar Settebello am Largo Tritone. In diesem Lokal, wo die Nacht alle möglichen Gestalten anspülte, lernte er den Regisseur aus Rimini kennen, und die beiden waren einander sofort sympathisch. Als ehemaliger Reporter mochte Fellini Zeitungen sehr und begleitete Spasiano deshalb gern in die Redaktion, wo er sich am liebsten in der Setzerei oder in den unterirdischen Räumen mit den Druckmaschinen aufhielt. So kannte man ihn bei der Zeitung, und auch wir beide verstanden uns von unserer ersten Begegnung an gut.

Ab Mitte der Fünfzigerjahre interviewte ich Federico jährlich zweimal oder öfter, meist wenn er einen Film anfing sowie nach Abschluss der Dreharbeiten. Wir trafen uns mal hier, mal dort: am Set in der Cinecittà, in seinen Büros in der Via della Croce, der Via Sistina und am Corso d’Italia; in Restaurants, in seinen Häusern in Rom oder seiner Villa in Fregene, dem nahe Rom gelegenen Badeort, wo er 1951 seinen ersten Film (dt. oder ) gedreht hatte. Wir trafen uns aber auch sonst, unabhängig von der Arbeit.

Im April 1975, gleich nachdem bekannt geworden war, dass er den Oscar für (dt. , 1973) erhalten hatte, rief ich ihn an und bat ihn um ein Interview.

»Was soll ich dir schon sagen können? Ich habe nichts zu sagen, ich weiß nicht, was sagen, das musst du mir glauben, ehrlich.«

»Ich bitte dich, Federico.«

»Das ist der vierte Oscar, den ich unverdienterweise bekommen habe, ich kann doch nicht immer das Gleiche wiederholen.«

»Mir reichen zehn Minuten, auch fünf.«

»Dann komm halt morgen früh um neun in die Via Sistina. Aber ich sage dir noch einmal: Ich habe nichts zu sagen.«

Kurz vor neun war ich in seinem Büro.

»Tut mir leid, dass du umsonst gekommen bist«, sagte er, drückte meine Hand und umarmte mich.

Nach kurzem Schweigen fügte er hinzu:

»Ich weiß wirklich nicht, was ich dir sagen soll.«

Nach einem weiteren kurzen Schweigen fläzte er sich auf das Sofa und wies auf einen daneben stehenden Stuhl.

Dann redete er ohne Punkt und Komma bis um 13:30 Uhr.

Plötzlich fiel ihm ein, dass er zum Essen verabredet und bereits verspätet war. Er stand auf und sagte: »Entschuldige, aber ich muss weg. Es tut mir leid, dass ich jetzt gehen muss. Mit dir fühle ich mich so wohl. Du gehörst zu den wenigen Menschen, mit denen man ein echtes Gespräch haben, Ideen austauschen, kommunizieren kann.«

Ich hatte während der ganzen Zeit nur sechs Wörter gesagt: »Entschuldige, aber ich muss mal kurz.« Ohne sich vom Fleck zu rühren, hatte er auf den gewünschten Ort gezeigt, und nach meiner Rückkehr redete er weiter.

Es war faszinierend, ihm zuzuhören: Außer ihm konnte vielleicht nur Jorge Luis Borges beim Reden so ungewohnte, leuchtende und verführerische Horizonte eröffnen. Auch Roberto Rossellini, der einzige Cineast, dem Fellini den Titel »Maestro« zugestand, konnte außerordentlich gut reden. Aber der Schöpfer von (dt. , 1945) und von (1946), Filmen, an denen Fellini als Co-Drehbuchautor und Regieassistent mitgewirkt hatte, sprach außer über seine Abenteuer und Missgeschicke auch über andere Menschen, wohingegen sein Schüler nur von sich redete, von seinem Innenleben und von dem berückenden imaginären Kosmos, dessen absoluter Herrscher er war.

»Er lügt auch dann, wenn er die Wahrheit sagt«, hieß es über ihn. Und er selbst sagte: »Viele sagen, ich sei ein Lügner, aber die anderen lügen auch. Die größten Lügen über mich habe ich von anderen gehört. Ich könnte sie entlarven, aber da ich ein Lügner bin, würde mir niemand glauben.« Er kultivierte das Lügen im Sinne von Oscar Wilde, der es als Ausdruck von Phantasie, Erfindungsreichtum und künstlerischer Schaffenskraft betrachtete.

Die australische Essayistin Germaine Greer schrieb, Fellini sei der italienischste aller Cineasten, wenn nicht gar der italienischste aller Italiener. Er vereinte in sich alle unsere Widersprüche: offen und verschlossen, extravertiert und introvertiert, ausufernd und zurückgezogen; mehrdeutig, ausweichend, ungreifbar. Je öfter man ihn sah, desto weniger kannte man ihn. Je mehr man mit ihm zu tun hatte, desto weniger verstand man ihn. Je näher man ihm kam, desto weniger konnte man ihn festnageln. Der Eindruck, den er auf einen machte, veränderte sich ständig, wie bei den verschiedenen Flächen eines Prismas. Hatte man das Gefühl, einen festen Punkt erreicht zu haben, geriet alles wieder in Bewegung, wurde nebulös, und man musste von vorn anfangen. Eine Sisyphusarbeit.

Seine Stimme war sanft und schmeichlerisch; um die Aufdringlichen abzuwehren, konnte sie leicht und fein werden wie die einer abgeschieden lebenden Nonne, eines Beichtvaters oder Psychoanalytikers; sie konnte ebenso gut den Ton eines Therapeuten wie den eines Patienten annehmen, er umgarnte seine Gesprächspartner mit der Sprache eines Magiers, konnte so Frauen wie Männer, Freunde wie Feinde, Produzenten wie Financiers verführen und verwirren, und all dies mit dem Ziel, seine Spuren zu verwischen.

Er war immer derjenige, der ein Gespräch bestimmte, auch wenn er zerstreut und geistesabwesend zu sein schien, verzagt, lustlos, nervös, verstimmt oder in seinen Hirngespinsten verloren: Er führte dich, wohin er wollte, auf verschlungene Wege, in undenkbare Diskurse und verblüffende Abschweifungen. Doch immer nur an den Rand seines Ichs, nie ins Zentrum seines Universums, ins Innerste des Labyrinths.

Von 1990 an wurde meine Beziehung zu Federico Fellini viel enger als zuvor. Ich wurde sein ständiger Begleiter, offiziell und halboffiziell, sein »persönlicher Reporter«. Er war der einzige Mensch der internationalen Szene, dem gegenüber ich die kritische Haltung, die für das Metier des Journalisten unabdingbar ist, sozusagen aufgab.

Mitte Oktober 1990 begleitete ich ihn nach Tokio, wo er den Praemium Imperiale entgegennehmen sollte, das asiatische Gegenstück zum Nobelpreis. »Ich würde lieber zwanzig Millionen im Canova annehmen als hundertfünfzig in Tokio«, sagte er vor der Reise und bestätigte einmal mehr seinen Widerwillen dagegen, Rom zu verlassen. (Canova ist das berühmte römische Café an der Piazza del Popolo, wo er gern Freunde und Bekannte traf.) Dies sollte die zweitlängste Reise sein, die er je unternommen hatte. Ein paar Jahre zuvor war er nach Tulum in Mexiko gereist mit der Absicht, einen Film auf Basis der Berichte von Carlos Castaneda zu drehen. Aus dem Projekt wurde nichts. Doch auf die Reise nach Tokio ließ er sich ohne größere Umstände ein.

»Es war die reinste Odyssee«, sagte er nach der Ankunft, während Fotoreporter und Fernsehkameras ihn und Giulietta Masina ins Visier nahmen. Doch gleich darauf, nach einer kurzen Ruhepause, zeigte er sich in Hochform. »Es tut mir leid, dass ich während des Flugs keine kleine Rede vorbereiten konnte, aber die Reise war dafür schlicht zu kurz«, sagte er in einem der Salons des Okura, des luxuriösesten Hotels von Tokio, zur Eröffnung der Pressekonferenz vor der Preisverleihung. Dann unterhielt er die Anwesenden mit allerlei Geschichten sowie seiner Lieblingstheorie über die Entstehung von Kunst: »Der Praemium Imperiale«, sagte er, »führt die glorreiche Tradition der katholischen Kirche fort, die begriffen hatte, dass ein Künstler ein ewig Pubertierender ist, den man mit Schmeicheleien und Drohungen dazu bringen muss, unsterbliche Meisterwerke zu schaffen.« Auf Fragen von Journalisten gestand er, das zeitgenössische japanische Kino nicht zu kennen, dasjenige seines Freundes Akira Kurosawa hingegen sehr gut. Er zitierte eine Sequenz aus (1950) als Beleg dafür, wie der große japanische Regisseur über die scheinbare Wirklichkeit hinausgehe, um zu tieferen und spirituelleren Wirklichkeiten vorzustoßen und dem Kino so sein zugleich abenteuerliches und sakrales, visionäres und geheimnisvolles Wesen zurückzugeben.

Am nächsten Tag plauderten Federico Fellini und Giulietta Masina mit dem Publikum, das zu einer Vorführung von (dt. , 1990) gekommen war, und lieferten sich ein unterhaltsames ehelich-professionelles Scharmützel.

»Giulietta ist meine ideale Darstellerin, meine Inspiration, eine geradezu magische Präsenz in meinem Werk«, sagte der Regisseur.

»Er lügt: Ich habe mich immer davor gehütet, einen Fuß an den Set eines Films zu setzen, an dem ich nicht mitwirkte, denn meine Anwesenheit hätte ihm nicht behagt«, entgegnete die Schauspielerin.

»Giulietta ist meine Beatrice1«, sagte der Regisseur und lächelte seiner Gattin süß und heuchlerisch zu.

»In Tat und Wahrheit haben wir die Aufgaben aufgeteilt«, sagte die Schauspielerin, »am Set ist Federico der uneingeschränkte Herrscher, zu Hause herrsche ich. Doch für meine Herrschaft im Haushalt hat Federico mich einen hohen Preis zahlen lassen. Ich habe mir nie gefallen: Ich bin winzig klein, habe ein rundes Gesicht und widerspenstiges Haar....


Costantini, Costanzo
Costanzo Costantini (1924–2014) war ein italienischer Schriftsteller, Literaturkritiker und Journalist. Er publizierte zahlreiche Interviews und Biographien und war über dreißig Jahre ein Wegbegleiter und Freund Fellinis.

Fellini, Federico
Federico Fellini, geboren 1920 in Rimini, arbeitete erfolgreich als Journalist und Karikaturist, bevor er mit dem Drehbuchschreiben und später der Regiearbeit begann. Er gilt als Maestro des italienischen Nachkriegskinos und als einer der wichtigsten Autorenfilmer des 20. Jahrhunderts. Für seine Filme wie La strada, La dolce vita, 8 1/2 und Amarcord erhielt er unzählige internationale Preise, zwölf Mal war er für den Oscar nominiert, vier Mal gewann er ihn in der Kategorie »Bester fremdsprachiger Film«. Fellini starb 1993 in Rom, nur wenige Monate, nachdem er mit dem Ehrenoscar für sein Lebenswerk ausgezeichnet worden war.



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