Buch, Deutsch, Band 1, 400 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 200 mm, Gewicht: 360 g
Reihe: Der Totengräbersohn
Buch, Deutsch, Band 1, 400 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 200 mm, Gewicht: 360 g
Reihe: Der Totengräbersohn
ISBN: 978-3-947515-00-4
Verlag: bene Bücher
Im mittelalterlichen Dorf Haufen lebt der 18-jährige Farin. Der Junge ist ein Außenseiter, denn als Sohn des Totengräbers wird er von den anderen Dorfbewohnern geächtet und geprügelt. Dennoch hat er keine andere Wahl, als den Beruf des Vaters zu übernehmen, der zunehmend dem Alkohol verfällt. Die Dinge ändern sich für Farin schlagartig, als die Dorfhexe stirbt und er die Giftmischerin für die Beerdigung vorbereitet. Denn die Hexe trägt ein geheimnisvolles Amulett um den Hals, und Farin kann nicht widerstehen, das Schmuckstück anzulegen ...
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Die Giftmischerin
Mit zwei Fingern stopfte Farin die Zunge der Frau in den weit aufgerissenen Rachen zurück. Ein Fleischlappen, zerklüftet und blaugrau, dessen Anblick empfindliche Seelen durchaus verstören könnte. Der linke der beiden verbliebenen braunen Zähne im Oberkiefer wackelte, im Unterkiefer lugte nur noch einer einsam hervor. Neben dem erbärmlichen Zustand der Kauwerkzeuge gab es einen weiteren Grund, weshalb Farin sorglos im Mund der Alten herumfuhrwerkte: Tote beißen nicht.
Mit einer Hanfschnur band er ihr Kinn hoch. Zum letzten Mal in ihrem Leben machte die Alte den Mund zu. Die Schnur half auch, ihn zu halten. Ihre blassen Augen starrten ihn vorwurfsvoll an, dabei hatte er wahrlich nichts mit ihrem Ableben zu schaffen. Jedenfalls bis zum heutigen Nachmittag, als der Dorfschulze mit der Toten auf seinem Pferdekarren aufgekreuzt war und ihn geheißen hatte, die Frau abzuladen und sie bis zum morgigen Abend für die Beerdigung herzurichten. Ein wundersamer Vorgang – aus welchem Grund kümmerte sich der Dorfoberste um das Begräbnis der Alten, zumal er nicht mit ihr verwandt war? Das wider-sprach ganz und gar seiner unersättlich geizigen Natur.
Farin spreizte Daumen und Zeigefinger, streifte ihre Lider über die Augäpfel und verklebte sie mit einigen Tropfen Zuckerwasser aus einer kleinen Schüssel. Zum letzten Mal in ihrem Leben schloss die Alte ihre Augen. Er kannte sie nur flüchtig, hatte sie nur ein paar Mal aus der Ferne gesehen, meistens in wilder Flucht das Weite suchend. Dunkle Geschichten rankten sich um die Frau, sie hatte ein geheimnisumwittertes Leben geführt. Ja, geheimnisumwittert, so hieß es immer, wenn Menschen nicht den Weg des bürgerlich-konventionellen bestritten, sondern ein wenig sonderlich daherkamen. Egal, auf welcher Irrfahrt sich die Alte befunden hatte, es spielte keine Rolle mehr – der Tod ist das Ziel; zuverlässig bringt er alles zu Ende. Wie war noch mal ihr Name? Vergeblich kramte er in seinem Gedächtnis, aber es wollte ihm einfach nicht einfallen.
Mit festem Griff nahm er ihr Kinn in die Hand und drehte den Kopf erst zur einen und dann zur anderen Seite. Er durfte nicht vergessen, die dunklen Flecken an ihrem Hals, einen links und mehrere rechts, zu überschminken.
Der Geruch, der Zustand der Haut und die nachlassende Leichenstarre verrieten ihm, dass die Alte seit etwa zwei Tagen tot war. Farin stöhnte – er stellte sich auf einen langen Abend ein. Vater würde toben, wenn er die Leiche bis zum nächsten Morgen nicht mustergültig für die Beerdigung hergerichtet hätte, somit galt es, keine Zeit zu verlieren. Entschlossen ergriff er den Saum des groben Leinenkleides in Höhe der Unterschenkel und zog es ihr mühsam über die Hüften, über den Brustkorb, über den Kopf. Der Stoff strotzte nur so vor Dreck, vor allem im unteren Drittel aufgrund der Ausflüsse des Unterleibes. Obwohl der Geruch des Todes wie Pech an dem Kleidungsstück haftete, durfte er es nicht einfach in die Feuerstelle werfen, denn mangels Alternativen würde er das Leinenkleid waschen und der Frau wieder anziehen müssen. Er faltete es einmal und legte es ans Fußende.
Über ihm begann der Regen auf die Schindeln des kleinen Vordaches zu klopfen. Vater und er hatten es im Sommer in weiser Voraussicht repariert. So stand er nun trocken in einem Schuppen mit drei Wänden – vor ihm an der Stirnseite lag die alte Frau auf der langen Werkbank. Er trat zurück und betrachtete sie. Um was handelte es sich hier? Einfach nur um eine Leiche, um einen Haufen totes Fleisch, den die Natur gegeben und wieder genommen hatte? Es könnte sich auch um einen leeren Körper handeln, von Gott gegeben und wieder genommen, den die Seele verlassen hatte, um in eine bessere Welt hinüberzugleiten. Gleichgültig, ob mit oder ohne Körper, der Herr sollte einen gestrengen Maßstab anlegen, ansonsten gäbe es dort ein ziemliches Gedrängel. Vor sieben Jahren hatte allein die Pest drei Viertel der Dorfbewohner dahingerafft. Auch seine Mutter hatte zu den Opfern gezählt. Zuerst kam das Fieber, dann die schrecklichen Beulen am ganzen Körper und zwei Tage später der schwarze Tod. Alles ging so schnell, nicht einmal Zeit zum Abschiednehmen verblieb. Mutters Körper wurde auf einem Stapel mit zwanzig anderen Pestopfern verbrannt. Obwohl sein Vater und er damals tagtäglich mit den Leichen zu tun hatten, steckten sie sich nicht an.
»Sogar die Pest macht einen Bogen um den Totengräber und seinen Sohn«, schlossen die Menschen im Dorf daraus.
Wie sollte Farin es nennen? Glück? Das passte nicht, denn der Verlust der Mutter war seine schlimmste Erfahrung gewesen. Keine der vielen Maßnahmen des Heilers hatte gewirkt. Ganz im Gegenteil – Farin hatte beobachtet, dass vor allem das exzessive Zur-Ader-Lassen die Menschen nur noch zusätzlich geschwächt hatte. Alles Hoffen und Bangen auf Gesundung war vergebens.
Seit einigen Jahren schon lauschte er den sonntäglichen Predigten des Dorfpriesters nicht mehr. Schleichend hatte ihn ein Pragmatismus heimgesucht, eine bitterere, sachliche Orientierung, die nur schwer mit den religiösen Ausschweifungen über Himmel und Hölle in Einklang zu bringen war. Geriet er in Gefahr, ungläubig zu werden? Sicherheitshalber bekreuzigte er sich schnell. Wie auch immer – eines wusste er genau: Jede Geburt schafft eine Leiche. Alles eine Frage der Zeit.
Farin presste die Lippen aufeinander. Nie würde er vergessen, wie er zum ersten Mal den Körper eines Kindes hatte aufbereiten müssen. Ein dreijähriges Mädchen, ein so kleines, zartes, unschuldiges Ding, elendig an einem merkwürdigen Fieber verreckt. Während er die Kleine gewaschen hatte, waren ihm die Tränen über die Wangen gelaufen. Und erst den Angehörigen, die für ihr Kind gebetet und gebetet und gebetet hatten. Glücklicherweise hatte der Priester während der Totenandacht tröstenderweise eine Erklärung parat: 'Die Wege des Herrn sind unergründlich'.
Ach so!
Anstatt zu arbeiten, machte er sich hier schon wieder Gedanken um Gott und die Welt – so würde er bis Mitternacht nicht mehr fertig werden. Er nahm ein Tuch vom Haken, tauchte es in die große Schüssel mit Wasser neben sich und wrang es aus. 'Das Waschen der Leichen beginnt mit den Armen', so hatte Vater es ihm beigebracht. Farin nahm die rechte Hand der Frau. Langsam fuhr er die welke Haut des Unterarms hinauf und hielt inne. Ungläubig glotzte er auf den Brustkorb der Alten. Erst jetzt sah er es: Ein blutverkrusteter, senkrechter Strich zog sich vom Bauchnabel bis zum Halsansatz, ein Querbalken lief unter ihren Brüsten entlang. Das Gebilde ergab ein großes Kreuz aus Narbenwülsten, verursacht durch unzählige Schnitte und Wunden. Die meisten alt, einige frisch. Mit den Fingerkuppen fuhr er die Höcker und Krater entlang. Das mit dem Bekreuzigen hatte sie wohl allzu wörtlich genommen. Seit Jahren musste sie sich regelmäßig das Zeichen des Herrn mit einem groben Messer in den Oberkörper geritzt haben.
'Mach dir bei der Arbeit niemals Gedanken über den Verstorbenen!' Auch dies hatte Vater ihn gelehrt. Mit leichtem Kopfschütteln setzte Farin sein Werk fort. Er würde dafür sorgen, dass sie sauber im Jenseits ankam und die Angehörigen den letzten Anblick der Verstorbenen in guter Erinnerung behielten. Den letzten Anblick vergaßen die Menschen niemals.
Nach den Armen und Beinen rieb er sorgfältig ihren Oberkörper und Unterleib ab. Mehrfach säuberte er das Tuch in der Schüssel, deren Wasser grau wie der Himmel geworden war. Es regnete immer noch, dennoch musste er dringend frisches Wasser aus dem Bach holen, denn der verrottete Boden des Regenfasses hielt nicht mehr dicht. Sein Vater und er wohnten am Ende der Welt, wie die Menschen den kleinen Hof, auf dem Farin seine Arbeit verrichtete, bezeichneten. Das passte – am Ende des Baches, am Ende des Dorfes, am Ende der Welt. Wer es sich in diesem offenen Schuppen auf der Werkbank bequem gemacht hatte, hatte schließlich das Ende erreicht. Ab hier gab es nichts mehr – außer trüber Stimmung im Herzen, ungenießbarem Wasser bachabwärts und verpesteter Luft rundherum.
Im letzten Tageslicht jagte der Herbstwind die tiefen Wolken vor sich her; es sah nicht danach aus, als würde der Regen vor Einbruch der Nacht aufhören. Also nahm Farin die Waschschüssel, verließ das schützende Vordach und stapfte einige Meter auf den kleinen Hof hinaus. Dabei schwappte ein Teil der stinkenden Brühe über seine Hose.
»Och nee, Bockmist!«, fluchte Farin, denn das passierte ihm nicht zum ersten Mal. Wie so oft hatte er sich vorgenommen, die Schüssel nicht ganz voll zu machen. Ein Eimer wäre wesentlich praktischer, nur könnte Vater den nicht in Rechnung stellen, im Gegensatz zur traditionellen Waschschüssel. Er schüttete das Schmutzwasser einige Meter von seiner Arbeitsstätte entfernt ins Gebüsch, so wie immer. Dem Rotdorn schien dies nichts auszumachen, ganz im Gegenteil: Die Pflanze sprießte und gedieh wie keine andere in der Umgebung – längst waren ihm die Zweige über den Kopf gewachsen. Mit der leeren Schüssel rannte Farin zum Bach. Immer noch ärgerte er sich, dass er nun auch noch seine Hose waschen und über dem Feuer trocknen musste, denn er besaß nur die eine. Was besaß er überhaupt? Nichts, wenn er länger darüber nachdachte. Nichts außer seinem Namen. Das hatte er Gott voraus.
»Farin!«, sagte er laut.
Immerhin.
Den Bach liebte Farin in vielerlei Hinsicht. Sein Gluckern klang freundlich und beruhigend, das kühle Wasser erfrischte stets, und auf den riesigen Felsbrocken, die kreuz und quer im Bachbett lagen, hatte er schon immer am besten nach-denken können. Sehnsüchtig schwammen seine Gedanken bachabwärts. In vielen Kurven ging es durch den Wald, einen plötzlichen Wasserfall hinunter, über eine Wiese, bis der Bach in einen großen Fluss mündete. Immer breiter wurde der Strom, unaufhaltsam bahnte er sich seinen Weg durch das Weltenreich, stets auf der Suche nach dem Meer.
Das Meer! Es soll aus endlosem Wasser bestehen mit Wellen, die nimmermüde ans Ufer schwappen.
Ob da auch jemand versucht, eine gigantische Schüssel zu tragen? Gerne möchte ich einmal das Meer sehen. Nur ein einziges Mal, träumte Farin.
Die randvolle Schüssel balancierte er zurück in den Schuppen.
Wieso hole ich das Wasser nicht in einem Eimer und gieße es dann in die Schüssel, fragte sich Farin nicht zum ersten Mal. Weil Vater es mir anders gezeigt hat, und er es genauso wollte, lautete die alles erklärende Antwort.
Mit dem frischen Wasser setzte er sein Werk fort. Nach dem Körper widmete er sich der Vorbereitung des Kopfes. Mit einer Mixtur aus Eigelb, Kamille, Brennnesselsaft, Klettenwurzelsud und viel Wasser wusch er ihre Haare und schnitt sie danach. Ein mühsames Unterfangen, was jedoch mehr an der klobigen Schere als an den dünnen Strähnen seiner Anvertrauten lag.
'Ganz wichtig sind die Hände', betonte Vater stets. Schließlich ruhten sie während der Zeremonie würdevoll gefaltet auf der Brust des Verstorbenen. Oder sollte er besser sagen: Vater hatte ihm diese Regeln mit der Gerte eingeprügelt, denn das bezeichnete seine Lehrmethodik treffender. Folglich kümmerte er sich als Nächstes um die Fingernägel. Hierzu musste er, gelobt sei der Herr, nicht die große Schere verwenden, sondern eine kleine Zange, mit der er die Nägel abknipsen konnte.
Die Zange hatte Vater vor etwa zwei Jahren gekauft, nachdem Farin ein Missgeschick passiert war. Damals hatte er mit der großen Schere einem Toten versehentlich den Ringfinger abgeschnitten. Den Verstorbenen hatte es nicht gestört, sehr wohl jedoch die Angehörigen, denen die friedlich auf der Brust gekreuzten neun Finger nebst einem blutigen Stumpf unangenehm aufgefallen waren. Unglücklicherweise meinten sich die Angehörigen allesamt genau daran zu erinnern, dass der Verblichene am fehlenden Finger einen teuren Ring getragen hatte, daher hieße jener schließlich auch Ringfinger. Das Schmuckstück war partout nicht mehr auffindbar. Die trauernden Verwandten hatten schwer geklagt, nicht vorm Grab, sondern vorm Dorfschulzen, und dann erhielt jeder, was er verdiente: sein Vater keine Bezah-lung für seine Arbeit und Farin den doppelten Lohn in Form einer deftigen Tracht Prügel.
Dank Zange blieben diesmal alle Finger dran, nun säuberte er die Nägel mit einem kleinen Messer. Neben den schwarzen Rändern entfernte er einige Hautfetzen, die unter den Fingernägeln der rechten Hand klebten.
'Auf die Füße guckt keiner', hatte sein Vater ihn gelehrt – unterstützt durch einige aufmunternde Backpfeifen. Dennoch gab sich Farin nun bei den Zehennägeln die gleiche Mühe.
Vielleicht schaut Gott auf die Füße.
Wie jeden Abend verschwand das Tageslicht langsam aber unaufhaltsam. Farin zündete eine Öllampe an und stellte sie auf ein über der Werkbank angebrachtes Brett. Jawohl, Werkbank hieß diese Vorrichtung. Als kleiner Junge hatte er sie einmal versehentlich als Tisch bezeichnet, was Vater zur Weißglut gebracht hatte.
»DAS IST DIE WERKBANK!«, hatte er gebrüllt. »Tote kommen nicht auf den Tisch!«
Überwältigt von so viel Pietät und unterstützt durch eine belehrende Tracht Prügel, hatte sich Farin dies fortan gemerkt.
Bockmist, er hätte eben, als er neues Wasser geholt hatte, direkt das schmuddelige Kleid mitnehmen und waschen sollen. Jetzt musste er mit dem Rest in der Schüssel vor-liebnehmen, denn er verspürte wenig Lust, im Dunkeln erneut zum Bach zu laufen. Noch sah der Stoff schmutziger aus als das Wasser, somit erwartete er zumindest einen kleinen Reinigungseffekt. Mit beiden Händen zog er das Leinen durch die Schüssel, verdrehte es mit beiden Händen und presste braunes Wasser heraus. Skeptisch betrachtete er sein Werk. Bescheidener Erfolg. Nein, so ging das nicht – er würde das Kleid am Morgen ein zweites Mal direkt im fließenden Wasser waschen. Seufzend wandte er sich wieder der Toten zu. Ein Blitz zuckte grell, und der unmittelbar folgende Donner ließ ihn zusammenzucken.
Erschreck dich nicht! Nur ein Gewitter, du Dummkopf!
Er hängte das Kleid über einen Querbalken und küm-merte sich nun um das Gesicht der Alten.
'Das Gesicht ist noch wichtiger als die Hände', hatte sein Vater ihm eingebläut. Das hätte Farin auch so gewusst. Tot oder nicht tot, natürlich suchten die Leute als Erstes die Augen ihrer Mitmenschen, und die lagen nun einmal auch bei Verstorbenen mitten im Gesicht. Er betrachtete Wangen und Nase der Frau. Das Blut war in den Hinterkopf gesackt, wodurch die Haut bleich wie Ziegenmilch aussah. Er wusste aus Gesprächen im Dorf, dass sie etwa fünfzig Jahre zählte, doch sie sah doppelt so alt aus. Die faltige Haut über Wangenknochen und Kinn hing in aufgefächerten Lappen herunter. Gram, Sorgen und Leid hatten eine Fratze tief in ihre Züge geschnitten. Wie gelähmt starrte Farin dieses Gesicht an. Was irritierte ihn bloß? In den Zügen der Toten lag noch mehr, etwas Unbegreifbares, etwas Böses, Zorniges. Er fröstelte.
Ein ungewohntes Geräusch ließ ihn herumfahren. In seinem Rücken war es inzwischen stockfinster geworden, seine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Bewegte sich dort ein Schatten? Die Haare auf seinen Armen richteten sich auf, er fühlte sich beobachtet.
»Ist da jemand?«, rief er und erschrak über seine eigene dünne Stimme.
Jemand antwortete nicht – was hatte er auch erwartet.
Er schalt sich für seine Hasenfüßigkeit, gleichwohl drehte er sich mit einem mulmigen Gefühl wieder zur Werkbank um.
Nicht ablenken lassen, Farin. Freiwillig kommt hier keiner vorbei, bleibt im Dunkeln stehen und sieht zu, wie du die Leiche wäschst.
Weit kam er nicht mit seinem neuen Mut. Es fühlte sich an, als würde ein Eimer mit Eiswasser über ihm ausgeschüttet. Ihre Augen – weit offen – stierten ihn an. Ein kurzer Schrei entfuhr ihm. Er hätte schwören können, dass die Augen lebten. Hatte er nicht eben ein kurzes Leuchten in den Pupillen gesehen, als rannte jemand mit einer Laterne an einem Fenster vorbei? Wie gebannt starrte er in das Gesicht der Toten.
Wenn sie jetzt mit den Wimpern schlägt, werde ich ohnmächtig.
Er hatte doch der Alten kurz zuvor sorgfältig die Augen geschlossen und verklebt. Mit hämmernder Brust wiederholte er den Vorgang. Es kann durchaus passieren, dass die Lider bei nachlassender Leichenstarre wieder aufklappen, beruhigte er sich.
Abrupt drehte er sich um – nur Dunkelheit hinter ihm, alles wie immer. Langsam verspürte er wieder Wärme in seinen Gliedern. Was war nur mit ihm los?
Ein Leichenwäscher, der sich gruselt, dachte er mit schiefem Grinsen, ist schlimmer als ein Schlachter, der kein Blut sehen kann. Also Farin, setze deine Arbeit fachmännisch fort.
»Nun meine liebe … äh, wie heißt du noch mal?«, fragte er die Tote, die jedoch nicht antwortete.
Irgendetwas mit 'G' oder 'K' am Anfang. Farins Blick fiel erneut auf den Körper der Leiche. Als hätte ihn jemand mit einem Seil und einem heftigen Ruck nach hinten gerissen, sprang er einen Meter zurück.
Auf dem Brustkorb der Alten lag etwas. Etwas Glänzendes, etwas Rundes. Jedenfalls etwas, das eben noch nicht dort gelegen hatte. Mit tobendem Herzen sah er sich um. Niemand außer ihm hatte der Leiche nahekommen können. Wo kam dieses Ding also her? Langsam schlich er auf Zehenspitzen näher. Um nicht zu schreien, presste er die Lippen so fest es ging aufeinander. Unfähig zu blinzeln, starrte er auf die Brust der toten Frau, genau dorthin, wo ihr Herz einst geschlagen hatte. An jener Stelle lag nun ein Amulett oder ein Anhänger. Ganz vorsichtig, als fürchtete er, seine Hände könnten jeden Moment zu Staub zerfallen, griff er mit spitzen Fingern nach dem Kleinod. Warm fühlte es sich an und sah aus wie eine Münze ohne Prägung: rund, schlicht und glatt auf beiden Seiten. Lediglich ein Loch befand sich am Rand, offensichtlich, um es an einer Kette befestigen zu können. Im Licht der Öllampe glänzte das Amulett gelblich. Mit ausgestrecktem Arm wog er es in der Hand – zu leicht für Gold. Er biss vorsichtig hinein, seine Zähne hinterließen keine Spuren. Solch ein Metall hatte er noch nie gesehen. Bildete er sich das ein, oder hatte er jetzt einen leichten Knoblauchgeschmack im Mund? Wohin nun mit dem Fund? Mangels Behälter fädelte er eine Hanfschnur hindurch und streifte sich diese über den Kopf, wobei das Amulett wie an einer Kette unter seinem Leinenhemd verschwand. Er würde das Schmuckstück den Angehörigen vor der Beerdigung übergeben, doch dazu musste er es vor seinem Vater in Sicherheit bringen. Der würde es garantiert so lange behalten, bis ein wenig Gras über das Grab gewachsen war. Und dann würde er es in einem entfernten Dorf verkaufen und das Geld versaufen. Allzu oft hatte Vater den Tascheninhalt der Toten einkassiert und damit sowohl die Vorurteile als auch den schlechten Ruf der Zunft der Totengräber bestätigt. Sein alter Herr war gut – in der Pflege seines schlechten Rufs. Farin wollte nicht so sein wie sein Vater. Auf keinen Fall. Ob er deshalb ehrlich war? Wie wäre er wohl geworden, wenn sein Vater stets rechtschaffen und untadelig gehandelt hätte? Wäre Farin dann ein Gauner, der keine Gelegenheit ausließ, sich auf Kosten anderer zu bereichern?
Diese Gedanken brachten ihn zwar nicht weiter, halfen ihm jedoch, seinen Herzschlag zu normalisieren.
Wo kommt das Amulett bloß her? Wundere dich nicht, konzentriere dich auf deine Arbeit, Farin!
Das Gesicht der alten Frau sah unschuldig aus. Wieder stutzte er. Wirklich? Es wirkte tatsächlich entspannter, oder bildete er sich das nur ein? Er nahm einen halbwegs sau-beren Lappen vom Haken, tränkte ihn mit verdünntem Branntwein und rieb damit großzügig Stirn, Wangen, Kinn und Hals ein. Hierdurch verlangsamte er den Verwesungsprozess.
Bloß nicht zu viel verwenden. Oder verschwenden, wie Vater es nennen würde. Kein Wunder, der trank den billigen Fusel lieber.
Als Nächstes trug er ein wenig Farbe auf die Wangen der Toten auf. Hierzu bediente sich Farin eines dünnen Breis aus Ocker und Öl – ein altes, geheimes Familienrezept, um die Toten zu veredeln. Mit einem Stück Kohle schwärzte er Lider und Augenbrauen und verlieh diesen mit ein wenig Schafsfett zusätzlichen Glanz. Dann kämmte er der Leiche noch die Haare.
Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk. Wie durch ein Wunder wirkte die Alte direkt ein paar Jahre jünger, so um die achtzig. Lebendiger machte sie dies jedoch nicht. Verdammt noch eins, wie war nur ihr Name – er lag ihm auf der Zunge.
Farin gähnte. Es war spät und er beschloss, schlafen zu gehen. Das Kleid würde er am nächsten Morgen noch ein zweites Mal waschen – somit bliebe genügend Zeit zum Trocknen. Das Parfümieren war ohnehin erst für morgen vorgesehen, der Duft würde sonst über Nacht verfliegen. Weglaufen würde die Alte nicht, also begab er sich in die Kate zu seinem Vater.
Wie sein Leben, so sein Heim. Einfach. Die kleine Hütte bestand zum großen Teil aus Lehm. Festgestampfter Lehmboden mit Wänden aus lehmverputztem Rutengeflecht, das Dach gedeckt mit flachen Lehmschindeln. Es gab nur einen Raum. Er roch und hörte seinen alten Herrn, bevor er ihn sah. Grunzend und furzend lag er in der Ecke hinter dem Ofen und schlief seinen Rausch aus. Dabei stand der Mund offen, die Lippen glänzten vom gelegentlichen Sabbern. Ein alter Mann, gebeugt vom Leben, zerfressen vom Hass und verbittert vom Neid auf alle, die es besser hatten als er. Also so ziemlich das ganze Dorf.
Farin zog sich die verdreckte Hose aus, legte sich gegen-über auf seine Strohmatte und schlief sofort ein.
»Fauler Hund!« Die liebliche Stimme, verstärkt durch einen aufmunternden Fußtritt des Vaters, weckte ihn.
»Der Hahn hat schon gekräht, und du schläfst noch.«
Diese Tradition hatte was. Vater behauptete stets, der Hahn habe schon gekräht. Da Farin zu dem Zeitpunkt noch schlief, konnte er diese Behauptung nicht widerlegen. Vielleicht sollte er einfach mal die Nacht über wach bleiben und lauschen.
»Was ist mit der hässlichen Gerlunda – die liegt noch nackt im Schuppen, mach sie gefälligst fertig, Sohn.«
Farin setzte sich auf. Es war noch dunkel draußen. »Gerlunda! Natürlich, so heißt sie. Wieso ist mir das nicht eingefallen?«
»Weil du dumm bist, Junge«, erklärte ihm sein Vater.
Ach so!
Wenige Augenblicke später stand er nur mit dem Hemd bekleidet vor der Leiche im Schuppen. Sie lag dort so, wie er sie verlassen hatte, und ihr Kleid hing über dem Balken. Bei Tageslicht betrachtet wunderte sich Farin über seine gestri-gen Ängste. Hatte er geträumt? Unwillkürlich griff er sich an die Brust und widerlegte damit seine Überlegung. An einer Hanfschnur baumelte ein Amulett um seinen Hals.
Wie war dieses merkwürdige Schmuckstück auf Gerlundas Körper gelangt, und was hatte es damit auf sich?
Mit einer Mischung aus Misstrauen und Verwunderung schielte er auf die Leiche. Gerlunda, die Giftmischerin – so war sie vom ganzen Dorf genannt worden. Nun schnappte er sich das Kleid, lief zurück ins Haus, hob seine Hose neben der Tür auf und lief zum Bach. Sorgfältig wusch er erst die beiden Kleidungsstücke und dann sich selbst. Mit dem Zeigefinger rieb Farin über beide Zahnreihen und spülte den Mund aus. Für die Reinigung der Zwischenräume nahm er eines der spitzen Stöckchen zur Hilfe, die er hier deponiert hatte. Sein Spiegelbild dankte ihm mit einem weißen Lächeln dafür. Mutter hatte es ihm so gezeigt, während sein Vater ihn dafür auslachte. Er betrachtete sein zerzaustes, dunkles Haar im Bach. Es gefiel ihm so, er würde sich kämmen, wenn er gestorben war.
Als er wieder zu Hause ankam, stand Papa mit beiden Armen in die Hüften gestemmt neben der Leiche.
»Wo treibst du dich rum?«, schnaufte er. Dann deutete er auf Gerlunda. »Wir werden Schüssel, Kamm, Faden und Schminke berechnen. Ist das klar?«
»Und was ist mit dem Waschwasser?«
»Nicht gierig werden, Junge. Das geben wir gratis.« Er lachte keuchend.
Farin konnte einer solchen Geschäftstüchtigkeit wenig abgewinnen. Alle Gegenstände, die er für die Reinigung von Gerlunda benutzt hatte, galten nun als unrein und nicht wieder verwendbar – vor allem die Waschschüssel. Diese wurde traditionell nach der Prozedur zerstört und folglich den Trauernden in Rechnung gestellt. Mit gerunzelter Stirn betrachtete Farin die Schüssel. Ein echtes Wunderwerkzeug, denn sie war sicherlich schon dreißig Mal zerstört und berechnet worden. Gleiches galt für den Kamm.
»Die Beerdigung ist schon heute Nachmittag, also mach voran, Junge.«
»Was ist denn geschehen?«, fragte Farin.
Sein Vater warf ihm einen schrägen Blick zu, Fragen konnte er nicht leiden. Solche schon gar nicht. Er murrte: »Der Priester hat sie am Morgen tot in ihrer Hütte aufgefunden. Gestern Nachmittag kam er ins 'Warme Bier' und hat es mir erzählt. Danach hat er den Dorfschulzen mit der Alten hierhergeschickt.«
'Zum warmen Bier' hieß die Dorfschenke gegenüber der Kirche – ein Name voller Verlockung und Zugkraft. Vermutlich hätte der Wirt nicht einen Gast weniger, wenn er seine Wirtschaft 'Zur lauen Pisse' genannt hätte – was einfach daran lag, dass es sich um die einzige Schenke im Dorf handelte.
»Wie ist sie gestorben?«
Vater verzog das Gesicht. Seine Zungenspitze zuckte durch die Lücke in seinem Oberkiefer wie bei einer Schlange – es flutschte bestens, da ihm beide Schneidezähne ausgefallen waren.
Er äffte Farin nach: »Wie ist sie gestorben?« Diese Frage ging ihm ganz besonders gegen den Strich – dennoch stellte Farin sie immer wieder. »Herzhalt, was sonst, Sohn.«
»Ach so!«
Er wusste genau, dass sein Vater wesentlich mehr wusste, und er wusste, dass Farin es wusste. Doch das scherte den Herrn Papa einen Dreck. 'Tot ist tot', pflegte Vater stets zu sagen, und, wie fast alle seine Weisheiten, war das schwer zu widerlegen. 'Fragen schaden nur dem Geschäft'. Letztlich starben für ihn alle Menschen an Herzhalt. Basta! Auch wenn Farin in letzter Zeit gern nach Gründen suchte, die zumindest diese Ansicht seines Vaters ad absurdum führten, musste er der Aussage einen gewissen Wahrheitsgehalt einräumen. Irgendwann hielt jedes Herz halt an. Das traf sowohl auf den Siebzigjährigen zu, den die Bürden des Alters heimgesucht hatten, wie auf den Krieger, der vom Schwert des Feindes durchbohrt wurde, als auch auf den zehnjährigen Jungen, der vom Baum gefallen war und sich das Genick gebrochen hatte.
»Ich gehe graben, mach du die Alte fertig. Denk dran: Tot ist tot. Fragen schaden nur dem Geschäft.«
»Ach so!«
Mit schiefem Gesicht sah Vater ihn an. Ganz gerade konnte er den Kopf sowieso nicht mehr halten, vielleicht lag es daran. »Sag nicht ständig 'ach so'. Das klingt bei dir wie ein Widerspruch.«
Farin erwiderte nichts.
Vater schnappte Hacke und Schaufel und machte sich auf den Weg in Richtung Friedhof. Immerhin, es gab Tage, da überließ er auch diese Arbeit großzügig seinem Sohn.
Bis zum frühen Abend würde Farin seinen alten Herrn nicht wiedersehen. Nach dem Ausheben des Grabes würde er, genau wie gestern und vorgestern und die Tage davor, in die Dorfschenke gegenüber der Kirche einkehren und saufen. Um die Zeit trank er in der Regel mit dem Wirt allein, denn die anderen Gäste kamen erst deutlich später. Das war Vater ganz recht, musste er doch ohnehin an einem Tisch in der Ecke hinter der Tür sitzen, weit weg von den anderen Bürgern, die mit dem Totengräber so wenig wie möglich zu tun haben wollten. Das fiel kaum ins Gewicht, solange es keine anderen Gäste gab.
Farin sah seinem Herrn Papa nach. Er gähnte.
Nachher werde ich ein wenig Schlaf nachholen, dachte er.




