E-Book, Deutsch, Band 2, 262 Seiten
Fischer Salongeschichten Paris 1755 Band 2/2
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-1546-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Amusemens de la Toilette (Paris 1759)
E-Book, Deutsch, Band 2, 262 Seiten
Reihe: Pariser Salongeschichten 1755
ISBN: 978-3-6951-1546-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Horst Fischer ist Autor, Übersetzer und Herausgeber mehrerer Buchreihen, die historische und literarische Werke neu erlebbar machen. In seinen Projekten verbindet er kulturelles Erbe mit moderner Lesbarkeit, von französischen Gesellschaftserzählungen des 18. Jahrhunderts bis zu naturgetreuen Kinderbüchern über das Leben der Biber. Mit großer Sorgfalt überträgt er alte Texte in ein heutiges Deutsch, ohne ihren ursprünglichen Geist zu verlieren. So entstehen einzigartige Ausgaben, die Geschichte, Sprache und Kunst vereinen
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Schule des Geschmacks
Paris, ein später Vormittag im Jahr 1759.
Ein sanfter Duft von Lavendel und Puder lag in der Luft. Durch das geöffnete Fenster drang das Rattern der Kutschen, das Klirren der Hufe auf dem Pflaster, das ferne Lachen von Spaziergängern, die den Boulevard entlangflanierten. In einem der eleganten Stadtpalais, dessen Spiegel in goldenem Rahmen das Licht der Morgensonne fingen, saß Madame de Lys vor ihrer Toilette.
Ein junges Mädchen, kaum zwanzig, reichte ihr ein Tuch, das mit feiner Stickerei versehen war. Eine andere schüttete ein wenig Rosenwasser über einen Schwamm, während ein Dritter mit übertriebenem Ernst eine Locke ihres Haares in Form brachte, als hinge von dieser einen Bewegung das Schicksal der ganzen Modewelt ab.
Madame lächelte. „Man nennt dies die , meine Liebe“, sagte sie zu ihrer Besucherin, einer Freundin aus der Provinz, die staunend in der Tür stand. „Doch in Wahrheit ist es weit mehr als das. Hier entscheidet sich, wer Geist besitzt – und wer bloß Rouge.“
Ihre Freundin, Mademoiselle d’Alençon, nahm vorsichtig auf einem kleinen Sessel Platz. „Ihr meint, Madame, es geht hier nicht nur um Schönheit?“
„Schönheit“, entgegnete Madame de Lys, „ist bloß die Eintrittskarte. Der wahre Preis ist die Konversation. In Paris ist die Toilette kein Ort der Eitelkeit, sondern eine Akademie des Geschmacks.“
Während die Kammerfrau eine Nadel in das Haar ihrer Herrin steckte, öffnete sich die Tür – der Abbé Poupin, ein schmaler, höflich lächelnder Geistlicher, trat ein, gefolgt von dem jungen Marquis de Fléron. Beide verbeugten sich, als hätten sie vor einem Altar gestanden.
„Ah, meine Freunde!“, rief Madame. „Ihr kommt wie bestellt. Wir sprechen gerade über die Kunst der Toilette, jene hohe Wissenschaft, die man an keiner Universität lehrt, die aber die Geschicke Frankreichs bestimmt.“
Der Abbé legte den Kopf schief. „Ich wage zu behaupten, Madame, dass Eure Toilette mehr Einfluss auf den Frieden Europas hat, als alle Kanzleien des Königs.“
Der Marquis lachte leise. „Und gewiss mehr Verstand zeigt, als mancher Rat in Versailles.“
Madame winkte ab. „Ach, ihr seid Schmeichler. Doch sagt mir – was sieht man heute in den Salons? Ist die Mode der Konversation noch dieselbe?“
Der Abbé setzte sich, zog sorgfältig seine Manschetten zurecht und antwortete: „Man spricht heute weniger mit dem Herzen, Madame, und mehr mit der Zunge. Jeder will gefallen, niemand will überzeugen. Es ist, als sei der Witz eine Ware geworden, die man feilschend tauscht.“
„Das ist treffend gesagt“, entgegnete sie. „Einst sprach man, um ein Gefühl zu teilen; heute spricht man, um es zu verbergen.“
Mademoiselle d’Alençon lauschte gebannt. Sie war neu in der Stadt, erzogen in der stillen Ordnung der Provinz. Die Eleganz der Worte, die doppelte Bedeutung jeder Bemerkung, die spielerische Mischung aus Spott und Bewunderung – alles schien ihr wie ein Tanz auf glattem Parkett.
„Und was tun die Damen in den Theatern?“ fragte sie schüchtern. „Man hört, dass man dort nicht nur Stücke, sondern auch Gesichter studiert.“
Madame lächelte verschmitzt. „In der Oper, meine Liebe, sieht man mehr Herzen auf der Bühne als im Zuschauerraum. Jeder Auftritt ist eine Beichte, jeder Applaus ein Urteil. Man geht hin, um gesehen zu werden, nicht um zu sehen.“
Der Marquis nickte. „Ich war gestern dort – eine Aufführung von . Mehr Seide als Talent, mehr Schminke als Stimme. Aber was tut’s? Die wahre Musik spielte in den Logen.“
Madame de Lys lachte. „Ach, Marquis, Ihr habt das Wesen unserer Zeit in einem Satz beschrieben: Wir lieben den Schein, weil er bequemer ist als das Sein.“
Die Kammerfrau zog sich dezent zurück. Auf dem Tisch glänzten Spiegel, Dosen und kleine Fläschchen in Silberfassung – Symbole eines Lebens, das sich zwischen Puder und Philosophie bewegte.
„Wisst Ihr“, fuhr Madame fort, „die Leute nennen uns leichtfertig, weil wir über Parfüm und Farben sprechen. Aber was sind denn Mode und Geschmack anderes als die sichtbaren Zeichen der Seele? Jede Dame trägt ihre Moral am Ärmel – oder im Fächer.“
Der Abbé hob den Finger, halb spöttisch, halb bewundernd. „Eine schöne Predigt, Madame. Ich werde sie mir merken für den Sonntag.“
„Tut das“, sagte sie, „aber ersetzt das Wort durch . Ihr werdet sehen, wie viel leichter Eure Zuhörer bekehrt werden.“
Alle lachten. Der Marquis ließ den Blick über die Gesellschaft schweifen, dann über das große Gemälde an der Wand, das Diana beim Bade zeigte. „Und dennoch, Madame,“ sagte er, „Euer Kreis ist eine Kirche. Nur dass Euer Altar aus Spiegeln besteht, und Eure Messe in Komplimenten gelesen wird.“
„Und Ihr“, erwiderte sie scharf, „seid einer jener Gläubigen, die den Priester beneiden.“
Ein Moment Stille. Dann wieder Lachen, diesmal lauter, befreiender.
„Ihr habt Witz, Madame“, sagte der Abbé. „Und Ihr habt die gefährlichste Waffe der Welt – das Lächeln. Es ist höflich wie ein Gebet, aber schneidend wie eine Klinge.“
Sie neigte den Kopf. „Ein Lächeln ist die höflichste Art, nein zu sagen. Manchmal auch die einzige.“
Mademoiselle d’Alençon blickte zwischen den Redenden hin und her. Sie spürte, wie in diesem Raum jedes Wort zugleich Tanz und Degenstich war.
„Ich verstehe“, flüsterte sie. „Hier spricht man nicht, um gehört zu werden, sondern um zu glänzen.“
„Falsch, mein Kind“, sagte Madame sanft. „Man glänzt, um nicht zu verblassen.“
Sie erhob sich. Die Toilette war beendet. Die Diener brachten den Mantel, und als Madame durch den Spiegel blickte, schien sie sich selbst zu mustern wie eine Schauspielerin vor dem Auftritt.
„Komm“, sagte sie zu ihrer jungen Freundin. „Heute zeige ich dir Paris. Aber vergiss nie, was du hier gesehen hast: Schönheit vergeht – Stil bleibt. Und Stil, meine Liebe, ist nichts anderes als die Kunst, zu leben, ohne sich zu entschuldigen.“
Dann rauschte sie davon, begleitet vom Rascheln der Seide, vom Klang ihrer Absätze und vom leisen Kichern der Kammerfrauen, die hinter vorgehaltener Hand tuschelten: „Madame hat heute wieder triumphiert – mit Worten, nicht mit Rouge.“
Am Abend jenes Tages, nachdem Madame de Lys ihre Toilette beendet hatte, fand in einem der mondänen Pariser Häuser ein kleiner Empfang statt. Der Saal war hell erleuchtet; Spiegel vervielfachten das Licht der Kerzen, und die Luft war erfüllt von dem Duft nach Jasmin, Vanille und dem leisen Rascheln seidener Röcke.
Die Gesellschaft war fein ausgewählt: ein paar Schriftsteller, zwei Hofdamen, ein Musikant, der für Gesprächsstoff sorgte, und natürlich die unvermeidlichen Geister der Konversation – jene Herren, die jedes Wort auf die Goldwaage legen, nur um selbst zu glänzen.
Madame de Lys trat ein wie eine Königin, die weiß, dass ihre Krone unsichtbar ist. Ihre Augen funkelten, ihr Schritt war ruhig, ihr Lächeln berechnet. In der Nähe des Fensters stand der Marquis de Fléron, in nachlässiger Eleganz, als wolle er sagen:
„Ah, Madame,“ rief er, „Ihr kommt zu spät. Die Gespräche sind bereits in Mode.“
„Dann ist es Zeit, sie wieder zu entkleiden“, entgegnete sie. „Denn Mode ist nur interessant, solange sie sich noch schämt.“
Die Umstehenden lächelten; niemand wusste recht, ob sie scherzte oder philosophierte.
Ein Dichter, jung und ehrgeizig, trat näher. „Man sagt, Madame, Ihr hättet heute früh an Eurer Toilette über den Geschmack gesprochen. Darf man erfahren, was Ihr darunter versteht?“
„Gewiss“, sagte sie. „Geschmack ist die Fähigkeit, die Welt zu genießen, ohne sich an ihr zu verschlucken.“
Der Abbé Poupin nickte zustimmend. „Und Tugend, meine Liebe?“
„Tugend“, antwortete sie trocken, „ist Geschmack ohne Gelegenheit.“
Gelächter. Der Dichter verneigte sich. „Ihr seid gefährlich, Madame. Eure Worte duften – und stechen.“
„Wie Rosen“, sagte sie sanft. „Und was ist eine Rose ohne Dorn? Ein Parfüm ohne Erinnerung.“
Der Marquis trat näher. „Man sagt, Madame, Ihr liebt es, Euch in Widersprüchen zu kleiden.“
„Ich kleide mich nur in Wahrheit“, entgegnete sie. „Aber die Wahrheit hat die Unart, jedem anders zu stehen.“
Wieder Lachen. Doch hinter dem Lächeln lag eine leise Schärfe, die niemand übersah.
In einem der Nebenzimmer begann die Musik. Zwei...




