Fischer / Schäfer / Mohr | Wahrnehmungsförderung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

Fischer / Schäfer / Mohr Wahrnehmungsförderung

Sonderpädagogischer Schwerpunkt Geistige Entwicklung
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-17-040770-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Sonderpädagogischer Schwerpunkt Geistige Entwicklung

E-Book, Deutsch, 187 Seiten

ISBN: 978-3-17-040770-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wahrnehmung ist ein integraler Bestandteil menschlichen Handelns und kann als sinngebende Verarbeitung von Reizen verstanden werden. An Schulen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung bildet die Wahrnehmungsförderung einen zentralen Bereich, weil mit Recht davon ausgegangen werden kann, dass hier nicht nur die visuelle oder auditive Wahrnehmung, sondern auch basale sensorische, motorische und kognitive Prozesse beeinträchtigt sind. Auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse führt das Buch anschaulich in den Zusammenhang von Wahrnehmung und intellektueller Beeinträchtigung ein, stellt diagnostische Verfahren vor und zeigt praxisnah didaktische Maßnahmen für den Unterricht auf.

Prof. Dr. Erhard Fischer war Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Universität Würzburg.
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1 Wahrnehmungsförderung und intellektuelle Beeinträchtigung – einführende Überlegungen


Sich selbst und seine Umwelt wahrnehmen zu können ist für alle Menschen, besonders aber für Kinder und Jugendliche, in ihrer Entwicklung höchst bedeutsam. Wahrnehmung bildet eine Grundlage für viele andere Entwicklungsbereiche. Nur so gelingt der Erwerb von Kompetenzen in der Fortbewegung, der Handmotorik, in Handlungs- und Denkprozessen, in der zwischenmenschlichen Verständigung oder im Aufbau von Kontakten und Selbstvertrauen. Wahrnehmung stellt somit über alle Altersspannen hinweg eine notwendige Voraussetzung für die Lebensbewältigung in der sozialen und dinglichen Umwelt dar.

Wenn sich bspw. ein Kind fortbewegt, einen interessanten Gegenstand sieht oder hört und diesen haben möchte, im Greiffeld aber nicht unmittelbar erreicht und sich dann in dessen Richtung fortbewegt, bis es ihn mit der Hand greift, festhält und betastet – dann ist die Voraussetzung gegeben, dass es diesen auch in seinen Handlungs- und Verwendungsmöglichkeiten begreifen kann. Später im Kindergarten und vor allem in der Schule ist es darauf angewiesen, zu sehen oder zu fühlen, was Lehrpersonen zeigen oder zur Exploration anbieten, oder zu hören, was die Mitschülerinnen und Mitschüler sagen und in der Interaktion wollen.

Aber auch im späteren Leben sind wir immer darauf angewiesen, dass Wahrnehmung funktioniert, oder besser gesagt gelingt: wenn wir bspw. zu Hause etwas kochen oder backen, uns im Straßenverkehr sicher bewegen oder wenn wir uns über Sprache oder andere Kommunikationswege beim Einkaufen verständigen. Auch in jedem Beruf sind wir auf eine möglichst effektive Wahrnehmung angewiesen, wenn bspw. ein Jugendlicher im Praktikum im Supermarkt sensomotorisch, also mit den Händen und über eine visuelle Kontrolle ein Regal auffüllt, eine junge Frau sich mit dem Fahrrad orientiert und selbstständig den Weg zu ihrem Arbeitsplatz in der nahegelegenen Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) findet, der Bäckergehilfe einen Teig knetet oder eine Musikerin über ihr Gehör den richtigen, den guten Ton trifft. Auch für den Bereich des außerberuflichen Lebens wie Hobby und Familie sind diese adaptiven Kompetenzen von großer Bedeutung zur Orientierung und Bewältigung eines guten Lebens (Sarimski 2016).

Die Aufnahme und Verarbeitung von Reizen über die Sinnesmodalitäten erscheinen für uns Menschen unverzichtbar – dies wird im Besonderen dann deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, was passiert, wenn Menschen einen länger andauernden starken Entzug von Reizen erleben bzw. erleiden.

Exkurs

Experiment Wahrnehmung (McGill-Universität Kanada)
Unter der Fragestellung des Entzugs von Reizen wurde unter der Leitung des Psychologen Hebb zwischen 1951 und 1954 an der kanadischen McGill-Universität folgendes Experiment durchgeführt: College-Studenten hatten nichts weiter zu tun, als zwei bis drei Tage und Nächte auf einem bequemen Bett zu liegen, das sich in einem schallarmen, schwach beleuchteten Raum befand; sie trugen eine Spezialbrille aus Milchglas, so dass sie keinerlei Konturen erkennen konnten, sondern ein völlig gleichförmiges Gesichtsfeld hatten. Zur Verminderung von Berührungsreizen waren Hände und Arme bis zum Ellenbogen mit Spezialhandschuhen bedeckt. Jede Art von Umgebungsgeräusch wurde ausgeschaltet durch ein ständiges, vollkommen gleichförmiges weißes Rauschen, ein Gemisch aus allen Tönen, so wie Licht aus allen Farben besteht.

Der Reizentzug war damit noch keineswegs vollkommen; es handelte sich eigentlich nur um eine Reizsituation ohne Abwechslung für die Wahrnehmung. Dennoch hatte diese Situation für die an dem Experiment teilnehmenden Personen gravierende Folgen:

  • ?

    Zunächst versuchten sie, sich gedanklich mit irgendetwas zu beschäftigen, hatten mit der Zeit aber immer größere Schwierigkeiten, sich auf etwas zu konzentrieren, ließen ihre Gedanken treiben, fühlten sich dann aber zunehmend stimmungslabil und verwirrt.

  • ?

    Viele hatten Trugwahrnehmungen und Halluzination und erhebliche Schwierigkeiten, sich nach Beendigung des Experiments in ihrer Umwelt wieder zu orientieren (vgl. Legewie & Ehlers 1977, 49?ff.).

Aus der Deprivationsforschung (bspw. im Kontext sozialer Benachteiligung bei Armut, Behinderung usf.) gibt es zahlreiche weitere Untersuchungen mit ähnlichen Ergebnissen (Langmeier & Matèjcek 1977), wobei solche Situationen allerdings stets individuell und unterschiedlich verarbeitet werden.

Insofern verwundert es nicht, dass Wahrnehmung als ein zentraler Bereich und nicht zu vernachlässigender Schwerpunkt von Fördermaßnahmen in Kindertagesstätten wie auch im schulischen Bereich verstanden werden muss, vor allem in heil- und sonderpädagogischen wie auch in inklusiven Settings, wo Kinder und Jugendliche mit intellektueller Beeinträchtigung gefördert und beschult werden.

In der Regel wird davon ausgegangen, dass diese nicht oder noch nicht gut oder nur eingeschränkt sehen, hören oder fühlen (können), oder dass basale, sensorische Prozesse im vestibulären oder kinästhetischen Bereich gestört sind (? Kap. 3). Im Verständnis von intellektueller Beeinträchtigung ist davon auszugehen, dass die Beeinträchtigungen umfänglich sowie dauerhaft ausgerichtet sind – in der Regel ist von einer Intelligenzminderung sowie einer erheblichen Einschränkung der adaptiven Kompetenzen auszugehen (Dworschak & Kölbl 2022, 175?ff.).

Auch in den aktualisierten Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) für den sonderpädagogischen Schwerpunkt Geistige Entwicklung (SGE) von 2021 wird darauf hingewiesen, dass für die Persönlichkeitsentwicklung von Schülerinnen und Schülern mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Schwerpunkt Geistige Entwicklung kognitive, kommunikative, emotionale, soziale und motorische Kompetenzen zu stärken sind, und weiter heißt es hier: »Hierzu gehört insbesondere die Fähigkeit, sich und die Umwelt wahrnehmen zu können« (KMK 2021, 6) (Infokasten KMK 2021).

Empfehlungen KMK (2021) (Auszug)

»Sich selbst und die Umwelt mit allen Sinnen bewusst wahrzunehmen und diese Eindrücke in das persönliche Erleben und Handeln zu integrieren, beeinflusst und erweitert die individuellen Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten und unterstützt die Entwicklung kognitiver Fähigkeiten. Die gezielte Ansprache einzelner Sinnesbereiche unterstützt gleichzeitig den Prozess der Differenzierung, Strukturierung und Integration von Wahrnehmungsleistungen. Besonders bedeutsam sind in diesem Zusammenhang die haptisch-taktile, die vestibuläre und die propriozeptive Wahrnehmung« (KMK 2021, 8?f.).

Wie aber soll und kann dies geschehen? Folgt daraus, dass die Einrichtungen zu dem ein und anderen auf dem Markt erhältlichen Programm zur Wahrnehmungsförderung greifen sollen, bspw. den Sinnesmaterialien von Maria Montessori, oder zu dem auf den visuellen Bereich ausgerichteten Programm von Marianne Frostig oder eher auf vestibuläre Stimulation zielende Angebote im Kontext einer sensorischen Integration nach Jean Ayres? Und was soll damit gefördert bzw. welche Sinne sollen geschult werden? Die Diskrimination von Farben und Formen im visuellen Bereich oder von Tonhöhen oder anderen akustischen Qualitäten im auditiven Bereich? Und sollten die Maßnahmen dann möglichst strukturiert und kleinschrittig durchgeführt werden, verbunden mit der Hoffnung, dass so vermeintliche Defizite abgebaut und die Wahrnehmung befördert und die Entwicklung beschleunigt werden kann?

In diesem Zusammenhang soll beispielhaft ein Katalogausschnitt gezeigt werden. Hier existiert in dem Materialangebot für »Therapie, Betreuung und Altenpflege«2 die Rubrik »Sinne, Wahrnehmung und Kognition«, in der auf den Seiten 83 bis 144 zahlreiche einzelne Medien angeboten werden, aber u.?a. auch umfängliche und übersichtlich in Boxen verpackte Sets, mit den Hinweisen, die sinnliche Wahrnehmung im visuellen, taktil-haptischen, auditiven, olfaktorischen und gustatorischen Bereich fördern sowie räumliches Vorstellungsvermögen und Tiefensensibilität aktivieren zu können.

Abb. 1.1:Katalog-Ausschnitt aus dem Angebot zur taktilen Wahrnehmungsförderung (https://catalog.haba-pro.com/de/care/haba-pro-care-23.pdf#84)
© HABA Sales GmbH & Co. KG

Allerdings stellt sich die Frage, ob bei solchen, sicherlich gut strukturierten und handwerklich solide konstruierten Materialien und Angeboten nicht die Gefahr besteht, dass sie an dem Kern dessen vorbeigehen, was eigentlich Wahrnehmung bezwecken will und soll. Im Sinne einer didaktischen Annäherung (also den Blick gerichtet auf den Gegenstand des Unterrichts und der Vermittlung) stellen sich hier insbesondere folgende Fragen:

  • ...


Prof. Dr. Erhard Fischer war Inhaber des Lehrstuhls für Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Universität Würzburg.



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