Fischer | Spot(t) auf Brüssel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Fischer Spot(t) auf Brüssel

Ein lustiges Polittheater
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95510-269-2
Verlag: Osburg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein lustiges Polittheater

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-95510-269-2
Verlag: Osburg Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Politik ist auch lustig. Das ist kein Scherz. Die lächerliche Seite der Macht, hier wird sie gezeigt. Europapolitik ohne Gähnen? Packen wir's an! Aus dem angeblich undurchsichtigen Dschungel wird hier ein idyllisches Gärtchen. In Brüssel wird unentwegt ein munteres Püppchentheater aufgeführt. Das beruhigt. Es macht keine Angst mehr. Keine der Personen ist erfunden. Was sie sagen, was sie tun, hier wird's nicht übertrieben. Das ist gar nicht nötig. Es ist auch so schon zum Schreien komisch. Der Autor kennt die Akteure alle persönlich. Es ist - bei allem Respekt - ein bedauernswertes Häufchen, das da in Brüssel Politik macht. Ludger Fischer bittet: »Seien Sie nachsichtig mit den Leuten, um die es hier geht. Ich bin es auch. Meistens.« Er berichtet darüber, dass Bauern nicht die Dümmsten sind, dass Tabakkonzerne in Brüssel eine fragwürdige Rolle spielen, dass einige Beamte den Überblick über ihren Alkoholkonsum verlieren und er glaubt, dass Lobbyisten meistens das Gute vertreten. Vorsicht! Ludger Fischer ist selbst Lobbyist. Es geht um angebliche Verbote für weichgekochte Eier, um krumme Gurken, um tiefe Dekolletees. »Und dann diese Treckersitzverordnung. Was sollte das denn?« Über so was können sich Europäer tierisch aufregen. Ludger Fischer kann sie aber beruhigen: »Bei der Treckersitzverordnung ging es gar nicht um den Sitz. Es ging um den Überrollbügel, der jährlich wenigstens zweihundert Bauern das Leben rettet.« »Ach so.« So wird EU-Politik leicht verständlich. Wer trotzdem darauf schimpfen will, findet auch dazu Anlass genug.

Ludger Fischer, geboren 1957 in Essen, lebt seit zwanzig Jahren in Brüssel. Er arbeitet da »in der Politik«. Das heißt, er vertritt die Interessen von Verbänden, die ihn dafür bezahlen. Er nennt sich »Auftragsargumentierer«. Daran findet er nichts Verwerfliches. Er hält es für einen Stützpfeiler der Demokratie. Er kennt die Akteure der EU-Politik persönlich. Auf allen Ebenen. Ein komisches Völkchen. Richtig wohl fühlt sich von denen kaum jemand. Außer Ludger Fischer.
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Autoren/Hrsg.


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Der Chauffeur, der als Drogenkurier arbeitet, weil sein Auto ein CD-Kennzeichen hat und nicht durchsucht werden darf


Ich betone es noch mal: Die Figur, von der ich hier berichte, ist nicht fiktiv, genauso wenig wie all die anderen. Solche Räuberpistolen könnte ich mir gar nicht ausdenken. In Brüssel aber muss man bloß Augen und Ohren offen halten und sie werden einem frei Haus geliefert. Der Knabe, um den es hier geht, heißt Adrian. Um Verleumdungsklagen aus dem Weg zu gehen, hat mir der Verlag empfohlen, ihn umzubenennen. Deswegen berichte ich ab sofort von »Raffael«. Raffael holt die Gäste der Vertretung vom Flughafen ab und fährt sie da wieder hin. Mit dem Taxi wär’s unkomplizierter, aber die Gäste der Vertretung haben Anspruch darauf, von einem Fahrdienst kutschiert zu werden. Manche, besonders die aus Südeuropa, bekommen sogar Polizeibegleitung mit Motorrädern und allem Pipapo. Raffael findet das übertrieben. Er muss dann immer besonders aufpassen, »sonst überfahre ich da noch mal einen von den Motorradbegleitbullen«.

Für seinen Fahrdienst stehen Raffael ein Dienstanzug pro Jahr und eine Dienstlimousine zur Verfügung. Er bedauert, dass ihm nicht auch eine neue Limousine pro Jahr zusteht, weil die, die er jetzt fährt, schon zehn Jahre alt ist. Damals war ihm das Vorgängermodell dieses Autos, gerade einmal zwei Monate alt, direkt vor der Nase weggeklaut worden, als er den Botschafter im Regen zur Haustür gebracht hatte. »Da muss irgendjemand diesen Dieben einen Tipp gegeben haben.« Raffael grinst. Seine Aufgabe ist es, seinen Chef und dessen Gäste in Brüssel von A nach B zu kutschieren, selbst wenn die zu Fuß schneller am Ziel wären. Mit diesem Dienstfahrzeug kann er überall parken, auch im Parkverbot. Er kann damit auch zu schnell fahren, selbst in der Innenstadt, wo er bloß dreißig Stundenkilometer fahren dürfte. Das liegt am CD-Kennzeichen. Das Corps Diplomatique ist weitgehend unantastbar. Außer den eigentlichen Diplomaten – etwa zweihundert Personen – haben auch viele Mitarbeiter von Botschaften und Vertretungen ein CD-Kennzeichen an ihrem Auto. Raffael schätzt, dass es etwa zweitausend Fahrzeuge sind.

Er findet so ein CD-Kennzeichen besonders deshalb praktisch, weil die Polizei sein Auto nicht einfach so durchsuchen darf. Dazu müssten ihm die Beamten einen richterlichen Beschluss zeigen, und so was hat Raffael in seiner gesamten Laufbahn noch nie gezeigt bekommen. »Die Bullen könnten mir so einen Wisch schon deshalb nicht zeigen, weil die mit ihren Wägelchen meinem Dreiliter-Geschoss einfach nicht folgen können. Mit 286 PS und 600 Nm Drehmoment bin ich in 6,3 Sekunden von 0 auf 100. Und bei 245 km/h Spitze sehen die bloß meine Rücklichter.«

Ich kann Raffael folgen. Deshalb sage ich ihm: »Ich kann dir folgen.«

Er staunt. Ich dagegen staune über Raffaels technisches Verständnis und auch über seine Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit. Dass sein Schwager mit Drogen handelt, weiß in seiner Dienststelle keiner, und wenn ihm das jemand zum Vorwurf machen würde, könnte er immer noch die Sippenhaft-Keule aus der Tasche ziehen. »Da bin ich dann ganz schnell aus dem Schneider, aber ganz schnell!« Dass er mit diesem Schwager einen lukrativen Nebenerwerb vereinbart hat, weiß schon gar keiner. Seine Dienstlimousine darf ja keiner durchsuchen. Raffael kommt in Brüssel prima zurecht.

»Schatzi«, flötet meine Frau, »das ist ja alles noch viel schlimmer, als du es hier aufschreibst. Ich hab soeben mit der ehemaligen Sekretärin des Botschafters telefoniert. Die hat sich köstlich über deine Geschichte amüsiert und mir gesagt, dass der Wagen des Botschafters gleich zweimal geklaut wurde. Das erste Mal, als der Raffael den Botschafter nach Hause gefahren hat, und weil es geregnet hat, hat er den Botschafter mit dem Regenschirm bis zum Haus begleitet. Dabei hat er den Motor laufen lassen, und als er zurückkam, war der Wagen weg.«

»Genau das habe ich doch geschrieben.«

»Ja. Pass auf. Jetzt kommt’s! Dann wurde ein neuer Wagen angeschafft. Das musste natürlich ein noch stärkerer und schnellerer sein. Darauf bestehen die Chauffeure immer. Diesen neuen Wagen hat der Raffael dann vor der Garage abgestellt und den Autoschlüssel zufälligerweise im Erdgeschoss seines Hauses auf ein Tischchen gelegt, und zufälligerweise hat er dabei vergessen, die Haustüre zuzumachen, und da wurde ihm der Wagen vor seiner eigenen Haustür weggeklaut.«

»Nein!«

»Doch!«

»Und dann?«

»Dann war der Botschafter echt sauer und hat gesagt, in spätestens vierzehn Tagen sei der Wagen wieder da, sonst werde ein billigerer gekauft.«

»Und?«

»Nach vierzehn Tagen war der geklaute Wagen wieder da. Er war bloß, na ja, er war etwas beschädigt. In Luxemburg war ein Juweliergeschäft ausgeraubt worden. Die luxemburgische Polizei hatte daraufhin alle Parkplätze genau untersucht und genau diesen Dienstwagen auf dem Parkplatz eines Einkaufscenters direkt hinter der belgischen Grenze entdeckt. Die hatten den Wagen nämlich verfolgt und, weil sie nicht hinterherkamen, auch geschossen. Einer der Diebe konnte fliehen, der andere wurde bei der Aktion erschossen.«

»Du erzählst mir hier Räuberpistolen!«

»Genau! Danach wurde das Fahrzeug dem Botschafter zurückgegeben. Es waren mehrere Einschüsse in der Karosserie. Man hat das dann repariert, aber die Chauffeure haben sich geweigert, einen Wagen zu fahren, in dem einer erschossen worden ist. Also wurde wieder ein neues Auto gekauft. Im Nachhinein hat man festgestellt, dass der Wagen bis zu der Schießerei für mehrere Straftaten benutzt worden war, Tankstellenüberfälle, Zigarettenschmuggel, Drogentransporte, solche Sachen.«

»Die ganze Zeit mit CD-Kennzeichen?«

»Die ganze Zeit! Meine Gewährsfrau hat mir dann noch von einem Minister erzählt, dem wurden in zehn Jahren gleich drei Diplomatenwagen geklaut. Sie vermutet dahinter mafiöse Strukturen unter den Chauffeuren und Putzkommandos.«

»Werden da auch Leute erschossen?«

»Nicht ganz so schlimm, aber immer noch schlimm genug: Die Hilfskräfte sind auch für den Auf- und Abbau der Tische bei Veranstaltungen da. Das machen die während der Arbeitszeit, schreiben dann aber Extrarechnungen für diese Tätigkeit und lassen sich das schwarz bezahlen. Und das hast du doch sicher auch schon mal beobachtet: Wenn das Büfett ankommt, trifft man alle Chauffeure und Putzfrauen vor der Veranstaltung im Treppenhaus mit vollem Mund und Tupperdosen. Die zweigen sich da immer was ab.«

»Na ja, ich gönn’s ihnen.«

»Außerdem setzen die Chauffeure jeden neuen Mitarbeiter der Botschaft, der Nichtraucher ist, unter Druck, dass er ihnen das ganze Zigarettenkontingent überschreibt. Da hat der Raffael mal zigtausend Zigaretten über den steuerfreien Diplomateneinkauf bestellt.«

Ich frage nach: »Steuerfrei?«

»Ja doch. Diplomaten kaufen Schnaps, Champagner, Wein, Zigaretten, Parfüm und solche Sachen steuerfrei.«

»Aha! Warum?«

»Das ist eben so.«

»Aber die Steuer ist doch das Teuerste an diesen Sachen.«

»Eben. Die kriegen das praktisch umsonst. Und Autos und Fahrräder und Elektronikschnickschnack kriegen die auch steuerfrei.«

»Warum?«

»Das ist eben so. Und von diesem Privileg wollen die, die im Umfeld der Diplomaten arbeiten, natürlich auch profitieren.«

»Würde ich auch wollen. Deshalb gibt’s wohl auch niemanden, der diesen privilegierten Status jemals in Frage stellen würde, oder?«

»Das wagt keiner. Die politische Karriere wäre sofort beendet. Falls jemand, sagen wir mal durch einen Wechsel seiner Stellung, seinen Diplomatenpass verliert, empfinden diese Leute das wie eine Degradierung. Der ehemalige Chef der österreichischen Staatsholding und Kanzlervertrauter Thomas Schmid muss seit Mai 2021 bei seiner neuen Stelle mit einem Jahresgehalt zwischen 400 000 und 600 000 Euro auskommen. Was ihn aber am meisten schockiert, ist der mit dem Stellenwechsel verbundene Verlust seines Diplomatenpasses: ›Oh Gott, reisen wie der Pöbel.‹«

»Das hat der gesagt?«

»Das hat der sogar geschrieben. Zwar in einem Chat, aber öffentlich.«

»Aber die Karrieren von Drogenkurieren und Steuertricksern sind wahrscheinlich nicht gefährdet, oder?«

»Als man jetzt den Raffael darauf angesprochen hat, was er mit den ganzen Zigaretten macht, hat er behauptet, die würde er alle selbst rauchen. Das waren so ungefähr sechstausend am Tag.«

Ich sag’s ja: Raffael und seine Kollegen kommen in...


Ludger Fischer, geboren 1957 in Essen, lebt seit zwanzig Jahren in Brüssel. Er arbeitet da »in der Politik«. Das heißt, er vertritt die Interessen von Verbänden, die ihn dafür bezahlen. Er nennt sich »Auftragsargumentierer«. Daran findet er nichts Verwerfliches. Er hält es für einen Stützpfeiler der Demokratie. Er kennt die Akteure der EU-Politik persönlich. Auf allen Ebenen. Ein komisches Völkchen. Richtig wohl fühlt sich von denen kaum jemand. Außer Ludger Fischer.



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