FitzGerald Außer Kontrolle
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-641-11107-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 0 Seiten
ISBN: 978-3-641-11107-6
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die sechzehnjährige Abigail hat es noch nie leicht gehabt. Sie wuchs bei verschiedenen Pflegefamilien auf, nachdem ihre Eltern sich trennten. Der unerwartete Tod ihrer Mutter trifft Abigail dennoch ins Herz. Das letzte Vermächtnis der Mutter: Abigail soll von Schottland in die USA ziehen, zu ihrem Vater und ihrer älteren Schwester Becky, die sie noch nie zuvor gesehen hat. Wider Erwarten lebt Abigail sich schnell ein – doch dann stirbt Becky, offenbar an der Überdosis einer unbekannten Droge. Abigails Misstrauen ist geweckt, und sie beginnt Nachforschungen über das Leben ihrer Schwester anzustellen. Sie ahnt nicht, in welche Gefahr sie sich begibt. Denn derjenige, der Becky auf dem Gewissen hat, steckt auch hinter dem Tod ihrer Mutter …
Helen FitzGerald, Jahrgang 1966, wurde als die Zweitjüngste von 13 Kindern in Melbourne geboren. In Glasgow arbeitete sie nach dem Studium als Bewährungshelferin - was sie noch heute tut, wenn sie nicht gerade schreibt. Mit ihren Erwachsenen-Thrillern hat sie sich bereits international einen Namen gemacht. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
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2
Abigail saß noch sehr lange am Fluss. Sie las den Brief einmal, zweimal – wieder und wieder. Jedes Mal reagierte sie anders.
Ihre Mutter liebte sie.
Ihre Mutter war ein Junkie oder eine Säuferin.
Ihre Mutter redete Unsinn.
Ihre Mutter war tot.
Ihre Mutter war verrückt.
Ihre Mutter war eine Lügnerin.
Ihre Mutter hatte sie offensichtlich NIE geliebt.
Das E-Ticket war für den American-Airlines-Flug Nummer 3846, Abflug 22:00 Uhr vom Flughafen Glasgow.
Morgen.
Abigail sah auf ihre Armbanduhr. 21:30 Uhr. Sie nahm die Tüte mit dem Geld mit der freien Hand, das Ticket und den Brief vorsichtig an die Brust gedrückt, und hastete das Flussufer hoch, durch den Wald, sprang über den Zaun und rannte den ganzen Weg zurück zum Wohnheim.
Der Erzieher sprach am Telefon mit einem Freund. »Oh, hi, Abi«, sagte er und wandte sich wieder seinem Gespräch zu. Seine Sorge um sie wegen des schmerzlichen Verlusts, den sie erlitten hatte, schien er bereits überwunden zu haben, oder er hatte es einfach vergessen. Sie hatte keine Zeit, ihn wegen ihres Namens zurechtzuweisen, stattdessen rannte sie in ihr Zimmer, schlug die Tür zu und setzte sich aufs Bett, um ihre Gedanken zu ordnen. Konnte sie ihrer Mutter trauen? Diesem Brief? Hatte sie wirklich einen Vater und eine Schwester in Los Angeles? Sie sah sich um. Das Schiebefenster ließ sich nicht mehr öffnen, weil die Fugen mit Farbe verstopft waren, und die Scheibe war so schmutzig, dass sie kaum hindurchsehen konnte. An den Wänden waren keine Bilder oder Poster, nur die Macken, wo die ehemaligen Bewohner ihren Wandschmuck platziert hatten. Camelias schmales Bett war ungemacht, die billigen Nylonlaken fleckig von jahrelangem Gott-weiß-was. Die Betreuer waren nicht ständig hinter den Bewohnern her, damit sie ihre Laken wuschen oder ihre Betten machten. Aber hinter Abigail musste man nicht her sein, sie wusch ihre Bettwäsche einmal die Woche und machte ihr Bett als Erstes jeden Morgen.
Routine war alles, was sie hatte. Dieses grottige Drecksloch war alles, was sie hatte.
Richtig. Selbst wenn der Brief erstunken und erlogen war, sie musste hier raus. In Amerika in der Scheiße zu stecken war immer noch besser, als hier in der Scheiße zu stecken. Und das Geld war real.
Was würde sie brauchen? Ihre dicke Jacke? Nein, nicht für L. A. Ihre Bücher? Seit ihrer Ankunft im No Life hatte sie jede Woche drei Bücher aus der Bibliothek ausgeliehen, damit ihr Hirn nicht verfaulte: zweimal ernste, einmal leichte Lektüre. Diese Woche waren es Die Grundlagen der Biochemie, Das Schweigen der Lämmer und Lustige Physikaufgaben. Sie stopfte sie in ihren Rucksack. (Eigentlich verachtete sie Leute, die stahlen, aber die Bibliothek konnte sie ersetzen; außerdem sahen die Angestellten sie immer so böse an, wenn sie zu lange dablieb.) Was sonst noch? Natürlich die Shining-DVD. Ihre schwarzen Fly-Stiefel? Die waren eigentlich nur was für den Winter. Aber sie liebte sie! Sie beschloss, sie während des Fluges zu tragen, obwohl es Hochsommer war. Und die enge dunkelgraue Cargohose, das »Scheiß auf die Monarchie«-T-Shirt und die kurze Lederjacke. Ihr Lieblingsoutfit.
Sie warf Unterwäsche und noch ein paar T-Shirts und Socken zum Wechseln in den Rucksack und schob dann das Geld, den Brief und das E-Ticket in die Seitentasche zu Nieves Foto. Dann sah sie noch einmal in die Schubladen der Kommode und auf die winzige durchhängende Stange in dem Kleiderschrank, den sie sich mit Camelia teilte. Da war nichts Wichtiges mehr. Keine persönlichen Sachen. Nichts, an dem sie hing. Was hatte es für einen Sinn, Dinge anzusammeln, wenn sie wusste, dass sie nirgendwo lange bleiben würde? Abigails Habseligkeiten, ihre ganze Welt, füllten noch nicht einmal einen Rucksack. Als Letztes ging sie ins Badezimmer, um ihre Zahnbürste, die Zahnpasta und ihre Haarcreme einzupacken.
Halt dich an die Routine. Erfinde eine neue. Abigail konnte sich sehen, als würde sie in einen Spiegel gucken. Unter Stress schaltete sie in eine Art Roboter-Modus: methodisch, ordentlich, sorgfältig. Die meisten Leute fanden das unheimlich, was ihr allerdings nur recht war. Dann ließen sie sie in Ruhe.
Jetzt stellte sie im Geiste eine Liste auf, um sicherzugehen, dass sie an alles gedacht hatte. Sie zog das E-Ticket aus der Rucksacktasche.
Zehn Uhr morgen Abend. Jepp, reichlich Zeit.
Der Flug dauerte elf Stunden. Die Bücher würden sie beschäftigen.
Hatte ihr Gepäck die richtige Größe und das richtige Gewicht? Der kleine Rucksack wog doch bestimmt nicht mehr als fünfunddreißig Pfund, selbst mit den Büchern.
Doch als ihr Blick den unteren Teil des Tickets erreichte, blieb ihr Herz stehen: GÜLTIGER PASS ERFORDERLICH.
Warum hatte ihre Mutter nicht daran gedacht? Woher, um alles in der Welt, sollte Abigail einen Pass haben? Als würden Kinder, die von ihren Müttern verlassen werden, in der Schweiz Ski laufen und Sommercamps in Frankreich besuchen! Als hätte sie jede Gelegenheit gehabt, aus diesem gottverlassenen Land herauszukommen! Das sonnigere, wohlhabendere, glücklichere Edinburgh war nur knapp achtzig Kilometer entfernt, und trotzdem hatte sie es nie dorthin geschafft. (Einmal hatten die Erzieher im Netherall House einen Ausflug zum Loch Lomond organisiert. Abigail war ganz aufgeregt gewesen. Es stellte sich heraus, dass es eine zwanzigminütige Fahrt war. In einem Minivan. Normale Schulkinder in richtigen Bussen hatten sie auf dem Weg ausgelacht. Der Minivan, voll mit »besonderen« Kindern, hatte schließlich auf einem menschenleeren Parkplatz geparkt. Die zehn Kinder waren ausgestiegen und hatten Steine in den See geworfen. Es hatte geregnet. Dann waren sie wieder nach Hause gefahren.)
Sie war nirgendwo gewesen, hatte nichts erlebt. Und wenn sie keinen Pass hatte, würde sie im Nirgendwo festsitzen. Scheiße. Sie konnte nicht raus aus dem Roboter-Modus. Sie musste sich konzentrieren.
Abigail steckte den Kopf in den Flur. Camelia war im Fernsehzimmer. Mehrere Mädchen rekelten sich auf den zerschlissenen roten Sofas und guckten eine zwanzig Jahre alte Softporno-Show namens Eurotrash. Hier saßen die Teenager den ganzen Tag vor dem zehn Tonnen schweren Fernsehgerät – verkatert von Alkohol und Drogen, komatös, mit blutunterlaufenen Augen. Die Mitarbeiter sagten nie etwas. So waren sie wenigstens ruhig. Camelia hatte sich geschminkt und einen Mantel angezogen, seit Abigail sie das letzte Mal gesehen hatte, und stand jetzt vor dem Fenster.
»Camelia, kommst du mal her?«, rief Abigail.
Ihre Zimmergenossin zuckte zusammen, blinzelte und lief dann eilig zur Tür. Ihre Augen waren wach, im Gegensatz zu denen der anderen Bewohner. Sie war neu, Gott sei Dank, eine Jungfrau, was den Stoff und das Elend anging. Sie hatte noch Hoffnung.
»Hast du von Billy gehört?«, fragte Abigail.
»Billy kommt mich abholen.« Camelias Englisch war geziert, aber verständlich.
»Wann hat er das gesagt?«
Camelia sah auf die Uhr ihres Handys. »Vor fünf Stunden.«
»Weißt du, wo er ist?«
»In seiner SMS steht, ein Treffen in der Stadt hält ihn auf?«, antwortete sie, als würde sie eine Frage stellen. Wenn sie unsicher war, wurde ihr Akzent stärker.
»Ein Treffen, richtig. Er ist sicher in der Solid Bar.«
Camelias Augen begannen zu leuchten. »Bringst du mich zur Solid Bar? Weißt du, wo das ist?«
Abigail sagte nur: »Nein, ich bringe dich nicht zu ihm. Billy liebt dich nicht. Er ist nicht dein Freund.«
Sie blinzelte wieder und versuchte zu lächeln. »Was meinst du?«
»Genau das, was ich gesagt habe«, erklärte Abigail.
»Ich verstehe dich nicht. Billy und ich, wir sind zusammen, verstehst du? Er hat für mein Ticket hierher …«
»Komm mit mir«, unterbrach sie Abigail. »Komm, wir reden.«
Sie schloss die Tür hinter ihnen und setzte Camelia auf ihr Bett. Sie wollte ihr ein Lächeln zeigen, doch ihr Herz pochte. »Hör zu, ich habe nicht viel Zeit. Aber ich will, dass du weißt: Wenn ich dich ansehe, denke ich an Mädchen, die gestorben sind. Bitte hör mir zu, Camelia. Du bist nicht das erste Mädchen, mit dem Billy das macht. Er sucht sich immer Mädchen aus, die nichts zu verlieren haben. Die Mädchen, die hier enden. Er macht sie süchtig nach Heroin. Du weißt doch, was Heroin ist? Schnee? Und dann bringt er sie dazu, ihre Körper zu verkaufen.«
Camelias stark geschminktes Gesicht verdüsterte sich. »Ich weiß, was Heroin ist. Aber was du sagst, stimmt nicht. Billy hilft mir, Arbeit zu finden, und holt meine Familie her. Meine Mutter ist sehr krank.«
Abigail schüttelte so geduldig, wie sie konnte, den Kopf. »Nein, das tut er nicht. Er ist ein sehr, sehr böser...




