E-Book, Deutsch, 188 Seiten
Fletcher Die Kavalier-G.m.b.H.
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-944621-21-0
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 188 Seiten
ISBN: 978-3-944621-21-0
Verlag: Reese Verlag
Format: EPUB
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Dem Marquis von Scraye wird ein diamantbesetztes Kreuz aus der Zarenzeit gestohlen. Er trifft sich mit dem Schriftsteller Nicholson Packe, dem er von seinem Verdacht erzählt, einer seiner Gäste hätte ihn bestohlen. Es gab ähnliche Diebstähle in den letzten Jahren auf den englischen und schottischen Landsitzen, ohne das Scotland Yard eingeschaltet wurde. Packe bittet seinen Freund Jimmie Trickett, sich der Sache anzunehmen. Eine spannende Spurensuche beginnt, die von London schnell nach Paris führt, von einer ausgestopften Gans zu einem geheimnisvollen Haus. Ein vertauschtes Paket, eine Geiselnahme, ein brennendes Gebäude, ein Mord. Wer ist der Kopf hinter der Diebesbande? Entdecken Sie den Kriminalschriftsteller J. S. Fletcher. Er steht in einer Reihe mit Sir Arthur Conan Doyle und Edgar Wallace.
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DAS KREUZ DES ZAREN
Als der Marquis von Scraye an einem Oktobermorgen die Augen aufschlug, schaute er in das Gesicht seines Kammerdieners, der ihm wie gewöhnlich um sieben Uhr eine Tasse Tee und ein paar Keks brachte. Aber heute sah der Mann aus, als ob er etwas auf dem Herzen hätte.
„Was ist los, Beevers?“
Der Diener räusperte sich und sah nach der Tür hinüber.
„Mr. Viner möchte Mylord sobald als möglich sprechen. Er wartet draußen.“
Der Marquis erhob sich langsam und schlüpfte in seinen Morgenrock, den ihm der Kammerdiener bereitwillig hinhielt.
„Es scheint also in der Nacht etwas Unangenehmes passiert zu sein?“
„Ich kann es nicht sagen. Ich habe von nichts gehört. Aber ...“
„Nun?“
„Mr. Viner sieht verstört aus.“ Beevers zog die Vorhänge zurück und wandte sich wieder zur Tür. „Soll ich ihn hereinlassen, Mylord?“
Der Marquis schlüpfte in seine Pantoffeln, nahm einen Keks und nickte. Dann ging er zum Fenster, um nach dem Wetter zu sehen, drehte sich aber sofort um, als der Hausmeister eintrat.
Viner war ein großer, starker Mann von mittleren Jahren mit ernsten, fast feierlichen Zügen, der jetzt aber einen ängstlichen, verwirrten Eindruck machte.
Beevers entfernte sich, aber der Hausmeister sah noch nach, ob die Türe wirklich geschlossen war.
„Nun, Viner, was gibt es?“ fragte der Marquis, nachdem er etwas Tee getrunken hatte. „Hat es im Schloß gebrannt, oder sind wir von Einbrechern beehrt worden?“
Der Hausmeister trat dicht an ihn heran und schüttelte den Kopf.
„Mylord“, sagte er dann mit aufgeregter, zitternder Stimme, „haben Sie in der vorigen Nacht aus dem Zimmer der Königin etwas herausgenommen?“
„Nein - wie sollte ich denn dazu kommen?“
Der Hausmeister seufzte tief auf; er schien ganz verzweifelt zu sein.
„Dann fürchte ich, Mylord - ja, ich weiß es sogar sicher, daß das Kreuz des Zaren verschwunden ist!“
Der Marquis setzte die Tasse hin und sah Viner an, als ob er ihm gesagt hätte, das Ende der Welt sei da.
„Das Kreuz des Zaren - aber ich habe es doch gestern nachmittag selbst noch gesehen!“
„Ich auch, sogar am Abend noch. Ebenso Peters. Sie wissen vielleicht nicht, Mylord, daß wir beide jeden Abend vor dem Schlafengehen einen Rundgang durch die Staatszimmer machen. Gestern abend um halb elf war noch alles in Ordnung, aber jetzt ist das Kreuz des Zaren fort.“
„Ist denn eingebrochen worden?“
„Das glaube ich nicht, Mylord. Einbrecher hätten wahrscheinlich auch noch andere Wertgegenstände mitgenommen. Im Zimmer der Königin befinden sich doch noch so viele Kostbarkeiten. Aber außer dem Kreuz fehlt nichts.“
Der Marquis nickte und dachte dann über dieses sonderbare Ereignis nach.
„Hoffentlich haben Sie noch niemand etwas darüber gesagt?“ fragte er schließlich.
„Kein Wort, Mylord. Ich kam direkt zu Ihnen. Nicht einmal Peters weiß etwas.“
„Gut. Schweigen Sie auch weiter darüber“, erwiderte der Marquis nachdrücklich. „Und kommen Sie jetzt mit, wir wollen uns den Schrank einmal genau ansehen.“
Er deutete dem Mann mit einer Handbewegung an, daß er vorausgehen sollte. Vor der Tür winkte er dem Kammerdiener, der im Gang wartete.
„Beevers, sprechen Sie zu niemand darüber, daß Viner mich“ heute schon so früh aufsuchte. Verstehen Sie?“
„Vollkommen, Mylord.“
Der Marquis und der Hausmeister gingen schweigend den Gang entlang, bis sie an eine Tür kamen, die in eine außergewöhnlich tiefe Nische eingelassen war. Viner nahm einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete sie. Eine altertümliche, nur spärlich beleuchtete Steintreppe lag nun vor ihnen.
Der Marquis stieg die zwanzig Stufen als erster hinunter, stieß eine Pendeltür auf, die mit einer verblichenen Brokattapete bespannt war, und befand sich dann in dem Vorraum zu den berühmten Staatszimmern, in denen seine Vorfahren zu verschiedenen Zeiten Könige und Königinnen, Gesandte und Fürstlichkeiten als Gäste beherbergt hatten. Es war eine Reihe glänzender Räume aus dem sechzehnten Jahrhundert, die den einen Flügel des Schlosses bildeten. Von den Fenstern sah man auf die alten, holländischen Gartenanlagen hinunter, die das Schloß Scraye ebenfalls bekannt und berühmt gemacht hatten. Diese Staatszimmer gehörten zu den bedeutenden englischen Sehenswürdigkeiten und wurden an gewissen Tagen der Woche gezeigt. Die Leute kamen von nah und fern, um sich die alten, prachtvollen Möbel, die wunderbar gewebten Goldtapeten und Gobelins, die Gemälde und die vielen wertvollen Schmucksachen und Kostbarkeiten anzusehen, die die Scraye seit den Tagen der Tudor gesammelt hatten. Am berühmtesten war das Zimmer der Königin, in dem Königin Elisabeth I. einstmals gewohnt hatte. Das alte Bett mit den Originalbettüchern und Decken stand noch darin, und alles war so geblieben, wie sie es verlassen hatte.
Der Marquis und Viner gingen schnell durch die Räume, bis sie vor einem Glasschrank standen, der neben dem großen, mit Skulpturen geschmückten Kamin in die Holzvertäfelung der Wand eingelassen war. Auf vier mit verblichenem Samt ausgeschlagenen Fächern waren hier kostbare und interessante Gegenstände ausgestellt. In früheren Zeiten hatten die Scraye eine große Rolle in politischen und diplomatischen Kreisen gespielt, und mehrere von ihnen waren Gesandte und Botschafter an den größten europäischen Höfen gewesen. Dieser kleine Schrank enthielt die Geschenke, die ihnen von verschiedenen Monarchen und Potentaten gemacht worden waren. Hier lagen ein juwelengeschmücktes Reliquiar aus dem zwölften Jahrhundert, ein Miniaturporträt von Louis Philippe, Ringe, Kämme, Armbänder, Elfenbeinschnitzereien, kleine Gemälde auf Gold, seltene Tabatieren. Und hier hatte bisher auch ein wertvolles, diamantenbesetztes Kreuz geruht, das der Zar aller Reußen einem Marquis von Scraye verehrt hatte. Jener Vorfahr hatte sich bei diplomatischen Verhandlungen ausgezeichnet, die mit dem Friedensschluß von Paris im Jahre 1814 zusammenhingen.
Ein Blick auf den Schrank genügte dem Marquis. Er sah, daß sein Hausmeister die Wahrheit gesprochen hatte, und schaute ihn erstaunt und verblüfft an.
„Nein, das Kreuz ist tatsächlich nicht mehr da!“ rief er. Dann öffnete er die Glastür. „Wir haben das Schränkchen noch niemals verschlossen gehalten.“
„Ich habe allerdings oft geraten, ein gutes Schloß anbringen zu lassen, Mylord.“
„Mein Vater hatte es auch nicht verschlossen, und wenn Einbrecher die Wertsachen stehlen wollten, Viner, dann würde kein Sicherheitsschloß sie zurückhalten. Aber wer in aller Welt könnte denn das Kreuz entwendet haben? Ich kann mir nicht denken, daß es nur wegen seines Materialwertes genommen wurde, obgleich man das Gold und die Brillanten getrost auf mehrere tausend Pfund schätzen darf. Das Reliquiar hier hat mindestens den doppelten Wert. Haben Sie einmal die Fenster nachgesehen? Es dürfte nicht sehr schwer sein, vom Balkon aus hier einzudringen.“
Der Hausmeister ging von einem Fenster zum andern und untersuchte, ob sie geschlossen waren, während der Marquis die anderen Kostbarkeiten durchsah. Plötzlich hielt er den Atem an, als ob er einen ganz besonderen Duft wahrgenommen hätte. Er erschrak, trat einen Schritt zurück und schaute sich dann nach dem Hausmeister um, der ihm jedoch den Rücken zukehrte.
„Bei Gott, das hätte ich doch nie gedacht!“ sagte er zu sich selbst.
Viner trat wieder zu ihm.
„Die Fenster sind alle von innen geschlossen, Mylord. Und sie sind alle mit Patentschlössern versehen. Aber man kann ja auch auf andere Weise hier hereinkommen.“
„Ja, ja, natürlich“, erwiderte der Marquis zerstreut. „Natürlich gibt es noch viele andere Wege. Aber das hilft nun alles nichts, das Kreuz ist fort.“
Viner schüttelte den Kopf.
„Sie könnten die Sache der Polizei melden“, meinte er.
„Nein! Im Augenblick will ich das jedenfalls noch nicht tun. Ich sagte Ihnen ja schon vorher, daß Sie kein Wort darüber verlieren sollen. Ich wünsche nicht, daß jemand im Hause auch nur ein Sterbenswörtchen davon erfährt. Ist heute nicht einer der Besichtigungstage?“
„Jawohl, von zwölf bis halb vier sind die Räume geöffnet.“
„Nun gut. Machen Sie keine Ausnahme, lassen Sie die Besucher herein wie gewöhnlich. Zeigt übrigens jemand die Gegenstände?“
„Nein. Früher war das wohl der Fall, aber heutzutage kommen so viele Leute, daß das nicht mehr möglich ist. Die Fremden gehen einfach umher und betrachten alles selbst. Wir beschränken uns auf die Aufsicht.“
„So, so. Kommen Sie jetzt mit mir zurück in mein Zimmer. Ich habe mir schon überlegt, was ich machen werde.“
Der Marquis setzte sich an den kleinen Schreibtisch, der in seinem Schlafzimmer stand, nahm das Kursbuch vor und schrieb schließlich ein Telegramm.
„Viner, schicken Sie das selbst ab. Der Chauffeur soll Sie ins Dorf fahren. Auch über dieses Telegramm schweigen Sie zu allen Leuten. Lassen Sie es mich noch einmal durchsehen.“
Er las laut vor, was er geschrieben hatte:
Nicholson Packe, Esq.
123a, Charles Street, London, S.W. Treffen Sie mich heute nachmittag Punkt zwei Uhr im Salutation-Hotel, Brychester. Ich möchte Sie in einer wichtigen, interessanten Angelegenheit sprechen.
Scraye.
„Das genügt“, sagte er dann und reichte dem Hausmeister das Formular. „Vergessen Sie nicht: kein Wort, keine Andeutung über diese Sache....




