E-Book, Deutsch, Band 4, 512 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
Flynn The Third Option - Die Entscheidung
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-86552-666-3
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Mitch Rapp Thriller
E-Book, Deutsch, Band 4, 512 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
ISBN: 978-3-86552-666-3
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vince Flynn wird von Lesern und Kritikern als Meister des modernen Polit-Thrillers gefeiert. Dabei begann seine literarische Laufbahn eher holprig: Der Traum von einer Pilotenlaufbahn beim Marine Corps platzte aus gesundheitlichen Gründen. Stattdessen schlug er sich als Immobilienmakler, Marketingassistent und Barkeeper durch. Neben der Arbeit kämpfte er gegen seine Legasthenie und verschlang Bücher seiner Idole Hemingway, Ludlum, Clancy, Tolkien, Vidal und Irving, bevor er selbst mit dem Schreiben begann. Insgesamt 60 Verlage lehnten sein Roman-Debüt ab. Doch Flynn gab nicht auf und veröffentlichte es in Eigenregie. Der Auftakt einer einzigartigen Erfolgsgeschichte: ?Term Limits? wurde ein Verkaufsschlager, ein großer US-Verleger griff zu, die Folgebände waren fortan auf Spitzenpositionen in den Bestseller-Charts abonniert. Der Autor verstarb 2013 im Alter von 47 Jahren infolge einer Krebserkrankung. Der Anti-Terror-Kämpfer Mitch Rapp ist der Held in bisher 15 Romanen. Aufgrund des bahnbrechenden Erfolgs (Verkauf alleine in den USA schon über 20. Millionen Bücher) wird die Reihe in Absprache mit Flynns Erben inzwischen von Kyle Mills fortgesetzt.
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Der Mann huschte von Baum zu Baum durch die Dunkelheit und arbeitete sich zu einem großen Haus vor. Das Anwesen aus dem 19. Jahrhundert, rund 20 Kilometer südlich von Hamburg gelegen, umfasste 45 Hektar hügeliger Wald- und Wiesenfläche und war dem Grand Trianon, dem Lustschloss in den Gärten von Versailles, nachempfunden. Heinrich Hagenmüller hatte die Außenanlagen 1872 in Auftrag gegeben, um die Gunst des preußischen Königs Wilhelm I. zu erlangen, der gerade frisch zum deutschen Kaiser gekrönt worden war. Teile des Grundstücks hatten die Eigentümer im Laufe der Jahre verkauft, weil ihnen die Instandhaltung zu teuer wurde.
Der Mann glitt lautlos an den Stämmen vorbei. Er hatte sowohl seine Umgebung als auch ihren Besitzer auf Hunderten von Fotografien studiert. Einige stammten von Satelliten, die Tausende von Kilometern über der Erde kreisten, andere von dem Überwachungsteam, das sich seit einer Woche vor Ort aufhielt.
Der Killer war erst am heutigen Nachmittag aus den Vereinigten Staaten eingeflogen und wollte sich selbst einen Eindruck verschaffen, womit er es zu tun bekam. Fotos waren ein guter Anfang, aber kein Ersatz dafür, etwas mit eigenen Augen zu sehen. Er hatte den Kragen der schwarzen Lederjacke als Schutz vor der Kälte des kühlen Herbstabends hochgeschlagen. Die Temperatur war seit Tagesanbruch um fast zehn Grad gefallen.
Zum zweiten Mal seit Verlassen der Hütte blieb er abrupt stehen und lauschte. Er bildete sich ein, hinter sich etwas gehört zu haben. Ein frisches Bett aus goldenen Tannennadeln bedeckte den schmalen Pfad, den er entlangtrottete. In der bewölkten Nacht drang nur wenig Licht durch das dichte Gehölz zu der Stelle vor, an der er gerade stand.
Er zog sich an den Wegrand zurück und blickte sich langsam um. Ohne technische Unterstützung reichte die Sicht kaum drei Meter weit.
Mitch Rapp hatte bisher der Versuchung widerstanden, das Nachtsichtgerät einzusetzen. Er wollte sich ohne ein solches Hilfsmittel auf dem Gelände orientieren können. Nun verriet ihm etwas, dass er nicht allein war. Rapp zog eine 9-Millimeter-Glock aus der Tasche und schraubte behutsam einen Schalldämpfer an den Lauf. Danach griff er zu einem 10-Zentimeter-Monokular, aktivierte die digitale Restlichtverstärkung und schob die Linse vors rechte Auge.
Sofort wurde der Pfad vor ihm in ein gespenstisch anmutendes grünes Licht getaucht. Rapp sondierte das Terrain, wobei er nicht nur den Weg, sondern auch dessen Ränder kontrollierte. Dem Fernglas gelang es im Gegensatz zu seinen Augen, die dunklen Schatten zu durchdringen. Er konzentrierte sich besonders auf den wurzelnahen Bereich der Bäume, um nach einem verräterischen Schuh Ausschau zu halten, der einem heimlichen Beobachter gehören mochte.
Nachdem er fünf Minuten geduldig gewartet hatte, fragte er sich, ob nicht möglicherweise doch ein Reh oder ein anderes Tier das Geräusch ausgelöst hatte. Noch einmal fünf Minuten später ließ er sich widerstrebend auf die Schlussfolgerung ein, dass sein Verfolger vier und nicht zwei Beine besaß. Rapp schob das Monokular zurück in die Tasche, behielt die Waffe jedoch in der Hand. Immerhin hatte er es nicht durch nachlässiges, unachtsames Vorgehen zum reifen Alter von 32 gebracht. Wie jeder Profi, der etwas auf sich hielt, besaß er ein Gespür dafür, wann es sich lohnte, etwas zu riskieren, und wann man sich besser an die Regeln hielt.
Der Amerikaner folgte dem Pfad einen weiteren halben Kilometer, bis die Lichter des Hauses vor ihm sichtbar wurden. Er beschloss, die restliche Strecke durchs Unterholz zurückzulegen. Lautlos arbeitete er sich durch das Dickicht vor, bog Sträucher zur Seite und duckte sich unter Ästen. Als er den Waldrand erreichte, hörte er, wie ein Zweig unter seinem Fuß knackte. Rasch wich er nach links aus, um einen Baum in die Sichtlinie zwischen sich und das Haus zu bringen. Ein Zwinger voller Jagdhunde brach höchstens 100 Meter entfernt in lautes Gebell aus. Rapp fluchte in sich hinein, blieb aber ganz ruhig. Wegen solcher Überraschungen durfte man sich nicht blind auf Vortrupps und Satellitenaufnahmen verlassen.
Unfassbarerweise hatte ihn niemand auf die Hunde hingewiesen. Sie bellten immer lauter, einige heulten laut und dann öffnete sich eine Tür. Eine tiefe Stimme forderte die Tiere auf Deutsch zum Schweigen auf. Sie musste das Kommando zweimal wiederholen, ehe sie reagierten.
Rapp lugte mit einem Auge hinter dem Stamm hervor und sah, dass die Jagdhunde an die Kette gelegt waren, jedoch mit genug Bewegungsspielraum, um von einer Seite des Zwingers zur anderen zu laufen. Er rechnete mit Problemen. Nicht so knifflig wie bei abgerichteten Wachhunden, trotzdem durfte er ihre natürlichen Jagdinstinkte nicht unterschätzen. Er blieb am Waldrand stehen, um sich in Ruhe ein umfassendes Bild zu verschaffen. Ihm gefiel nicht, was er da sah. Viel zu viel ungeschützte Freifläche zwischen Bäumen und Gebäude.
Es gab ein paar Beete und Anpflanzungen, die sich als Deckung nutzen ließen, aber auf den Kieswegen keine verräterischen Geräusche zu machen, dürfte schwierig werden. Eine Annäherung von Süden her wurde durch die Hunde nahezu unmöglich. Die Alternativen schieden aufgrund der Überwachungskameras aus. Außerdem wartete an diesen Stellen doppelt so viel offenes Gelände auf ihn. Zu den einzigen Pluspunkten gehörte, dass er keine Anzeichen von Druck- oder Mikrowellensensoren beziehungsweise Bewegungsmeldern entdeckte.
Offiziell hatte Mitch Rapp nichts mit der US-Regierung zu tun. Inoffiziell arbeitete er seit seinem Abschluss an der Syracuse University für die CIA. Man hatte ihn für eine streng geheime Terrorabwehr-Einheit rekrutiert, das sogenannte Orion-Team. Im Rahmen der Ausbildung war es der Agency gelungen, Rapps athletische Anlagen und seine Intelligenz in tödliche Effizienz zu verwandeln.
Die wenigen Leute, die ihn näher kannten, hielten ihn für einen erfolgreichen Unternehmer, der aufgrund seiner IT-Beratungstätigkeit häufig ins Ausland reiste. Um die Legende glaubwürdig zu gestalten, wickelte er im Rahmen seiner Missionen manchmal tatsächlich Geschäfte ab, diesmal allerdings nicht. Er war geschickt worden, um einen Mann zu töten. Einen bereits zweimal vorgewarnten Mann.
Rapp observierte die Umgebung fast eine halbe Stunde lang. Nachdem er genug gesehen hatte, setzte er sich in Bewegung, jedoch nicht über den Waldweg. Sollte ihm jemand zwischen den Bäumen auflauern, lief er sonst schnurstracks in eine Falle. Stattdessen kämpfte er sich mehrere Hundert Meter weit durch das Unterholz nach Süden. Er blieb dreimal stehen, um sich per Kompass zu vergewissern, dass er in die korrekte Richtung lief. Vom Vortrupp wusste er, dass es eine weitere Schneise weiter südlich gab. Beide führten über einen schmalen Trampelpfad aufs Grundstück und verliefen grob parallel zueinander.
Beinahe hätte Rapp den zweiten Weg verpasst. Er schien weniger häufig benutzt zu werden und war an mehreren Stellen überwuchert. Kurz darauf stieß der Agent auf den gesuchten Trampelpfad, ging in die Hocke und zog erneut das Spektiv hervor, um minutenlang den Zugang zum Gelände zu inspizieren. Überzeugt davon, dass niemand in der Nähe war, orientierte er sich weiter nach Süden.
Rapp machte diesen Job seit fast zehn Jahren und wollte aussteigen. Er ging davon aus, dass dies seine letzte Mission war. Immerhin hatte er im vergangenen Frühjahr die richtige Frau gefunden. Es wurde Zeit, sich zur Ruhe zu setzen. Die CIA wollte ihn zwar nicht gehen lassen, aber was kümmerte es ihn? Er hatte genug geopfert. In seinem Metier fühlten sich zehn Jahre wie eine Ewigkeit an. Er konnte froh sein, in einem Stück aus der Sache herauszukommen, mit einem halbwegs intakten Verstand.
Etwa anderthalb Kilometer weiter stieß Rapp auf eine kleine Hütte. Die Vorhänge waren vor die Fenster gezogen und Rauch stieg aus dem Schornstein. Er trat an die Tür, klopfte zweimal, wartete eine Sekunde und klopfte drei weitere Male. In einem schmalen Spalt wurde ein Auge sichtbar. Sobald der andere sich vergewissert hatte, dass Rapp vor ihm stand, öffnete er und ließ ihn in das spärlich möblierte Innere eintreten. Während Mitch die Lederjacke aufknöpfte, schloss der andere hinter ihm ab.
Die Wände aus knotigen Kiefernholzlatten waren weiß lackiert, die breiten Bodendielen mit glänzend grüner Lasur versehen. Läufer in grellen Farben dienten als Teppichersatz, die massiven Möbel wirkten ziemlich betagt. Regionale Volkskunst und gerahmte Schwarz-Weiß-Fotos fungierten als Dekoration. Unter normalen Umständen hätte man es sich hier an einem gemütlichen Herbstwochenende mit einem guten Buch vor dem Kamin gemütlich gemacht oder ausgedehnte Waldspaziergänge unternommen. Stattdessen saß eine Frau mit Kopfhörern am Küchentisch. Auf dem Tisch vor ihr stand Überwachungstechnik im Wert von einer Viertelmillion Dollar, untergebracht in zwei ramponierten Samsonite-Koffern, die sich bei ungebetenem Besuch innerhalb von Sekunden schließen und verstecken ließen.
Rapp war dem Mann und der Frau nie zuvor begegnet. Er wusste lediglich, dass sie Tom und Jane Hoffman hießen, Mitte 40 und verheiratet waren. Vor ihrer Landung in Frankfurt hatten sie in zwei anderen Ländern Zwischenstopps eingelegt.
Ihre Tickets waren unter Decknamen mit gefälschten Kreditkarten und Pässen gekauft worden, die ihnen ihr Kontaktmann übergeben hatte. Bei dieser Gelegenheit erhielten sie auch ihr Standardhonorar von 10.000 Dollar für eine Woche ausgehändigt und wurden auf die Ankunft einer weiteren Person vorbereitet. Zum Job gehörte es, keine weiteren Fragen zu stellen.
Bei der Ankunft in der Hütte hatte ihr Equipment...




