E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten
Reihe: Valdombra
Folena Valdombra (Bd. 2)
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-649-65272-4
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Lichter von Dunkelberg
E-Book, Deutsch, Band 2, 384 Seiten
Reihe: Valdombra
ISBN: 978-3-649-65272-4
Verlag: Coppenrath
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Martina Folena ist Theaterpädagogin und hat sich auf das Erzählen von Geschichten für Kinder spezialisiert. Ihr Roman Valdombra wurde mit dem dritten Platz des Batello-a-Vapore-Literaturpreises 2019 ausgezeichnet.
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Bevor der Schnee kommt
Es war eine sternlose Nacht, finster und wolkenverhangen, wie es nur Spätherbstnächte sein können. Weiter unten im Tal konnte man gerade noch die erleuchteten Fenster von Lichtberg sehen. Sie wirkten wie eine Nachbildung des Nachthimmels. Statt von Sternen erhellt von Kerzen oder viel wahrscheinlicher Glühwürmchenlaternen, die von den Decken der Festsäle hingen oder vor den Zimmerfenstern all jener Kinder, die sich in der Dunkelheit fürchteten. Unten in Lichtberg hatten sie es warm in ihren schönen, hell erleuchteten Häusern, wo sie warme Getränke schlürften und sich über alles Mögliche unterhielten. In Dunkelberg dagegen war schon alles still: Die alten Leutchen schliefen bereits, und ich hatte diese Gelegenheit genutzt, um mich heimlich auf den Weg zu machen.
Die Luft war schneidend kalt und die Bäume waren überwiegend kahl. Nur die Tannen, die ein wenig weiter unten standen, trotzten dem Herbst, doch der Reif auf ihren Nadeln konnte nur eins bedeuten: Bald würde der erste Schnee fallen.
Genau aus diesem Grund musste ich es jetzt tun. In dieser Nacht oder nie mehr; also zumindest bis zum Frühling.
Wenn in Dunkelberg Schnee fällt, ist es fast unmöglich, zum Gipfel zu gelangen. Ich sage »fast«, um der Wahrheit die Ehre zu geben, denn früher war das anders, und man konnte den Lichterturm über gut befestigte Pfade an jedem Tag des Jahres erreichen. Dort oben empfing man gern Besuch, ob es sich nun um einen einfachen Briefboten oder einen Kartografen aus der Hauptstadt handelte. Auch kostbare Geschenke, meist leckere Speisen, trafen hier ein; dankbare Reisende hatten sie geschickt, denen in Sturmnächten der Lichterturm von Dunkelberg wie ein strahlender Stern in der Finsternis den Weg gewiesen hatte.
Doch inzwischen genügte bereits der erste Schnee, dass man den Weg nicht mehr sah und der Steilhang zu einer eisigen Rutschbahn gefror. Dann half wirklich nur noch Warten, bis der Frühling den Weg zum Turm wieder freilegte.
Ehrlich gesagt war ich die Einzige, die sich das zu Herzen nahm. Nur ich entdeckte mit Sorge die Anzeichen, die auf ein Ende des Herbstes hindeuteten: den Wind, der aus einer anderen Richtung wehte, die Luft, die schneidend kalt wurde, die Tiere, die auf einmal fort waren. Aber dass der Schnee wirklich kommen würde, das konnten wir stets erst ein paar Stunden zuvor erahnen. Wenn diese Stille über uns herniedersank, wenn diese eisige Stille sich über das gesamte Gebirge legte, dann war der Winter da.
Bis dahin fehlte nicht mehr viel, das wussten wir, und in den vergangenen Tagen hatte ich oft den Blick zum Himmel gerichtet und ihn nach Wolken abgesucht, in der stillen Hoffnung auf ein letztes Herbstgewitter. Und in dieser finsteren, bedrohlichen Nacht sah ich meine letzte Chance gekommen.
Ich hatte mir den Lederrucksack auf den Rücken geschnallt, der auch einem plötzlichen Regenschauer standgehalten hätte. Er enthielt nur wenig, aber alles davon war wichtig: eine Flasche mit gewürztem Apfelsaft, den ich kurz vor dem Aufbruch erhitzt hatte, meine ledernen Arbeitshandschuhe und eine feste Schürze aus grobem Leinen, die meinem Vater gehört hatte, eine Schutzbrille, ein Päckchen mit Proviant und dann das Wichtigste überhaupt, den Glaskolben für das Experiment.
Um mich vor der Kälte zu schützen, hatte ich meinen Umhang mit der pelzgefütterten Kapuze angezogen, die ich am Hals mit zwei Stoffbändern schloss. Rechts und links an den Seiten hatte der Umhang kleine Schlitze, das war praktisch, weil ich so jederzeit die Hände nach draußen strecken konnte, ohne dass ich jedes Mal den Umhang anheben musste und viel Wärme entwich, und die Kapuze lag so eng an den Ohren an, dass ich mir auf keinen Fall eine Erkältung holen konnte. Vielleicht sah ich nicht gerade hübsch oder modisch gekleidet aus, meine Cousine Cordelia hätte mich sicher mit einem verächtlichen Blick bedacht, aber so war ich perfekt für dieses Wetter gerüstet.
Dunkelberg ist mein Zuhause, und dort kann mich nichts schrecken, nicht einmal die schroffe Silhouette des alten Lichterturms, der hinten auf dem Bergkamm erscheint, wenn man am Ende des Weges durch den Wald so hoch oben ankommt, dass es nicht mehr höher geht. Was man dann sieht, ist eine Landschaft, wie ich sie mir auf dem Mond vorstelle: karg, mit bleichen Felsen und Steinhaufen. Und unten im Tal ein Strom aus Lichtern, das könnte die Milchstraße sein, aber es ist Valdombra, das Finstertal, das in der tiefschwarzen Nacht im hellsten Glanz erstrahlt.
Der Weg ist nicht lang, nur ist er nachts beschwerlicher wegen der Dunkelheit und wegen des Frostes, der ihn rutschig macht. Obwohl ich ihn schon Hunderte Male gegangen war, musste ich ordentlich aufpassen, und so seufzte ich erleichtert auf, als ich endlich aus dem Wald heraustrat. Dort erwartete mich mein Turm wie immer. Unerschütterlich, trotz allem.
Ich weiß nicht, welcher meiner Vorfahren den ersten Stein gelegt hat, dem dann viele weitere Steine folgten, bis schließlich der Turm in seiner ganzen Höhe über Dunkelberg thronte und vom gesamten Tal aus zu sehen war.
Er ist der einzige Ort in ganz Valdombra, an dem man über das Tal hinausblicken kann.
Lange Jahre hatte ich dort oben im Lichterturm gewohnt, zusammen mit meinen Eltern, den letzten Turmwärtern von Dunkelberg. Als ich klein war, bin ich viele Male in den höchsten Raum des Turms hinaufgestiegen, in dem große Glasscheiben die Kerzenflammen vor dem Wind schützten. Meine Mutter breitete auf diesen Fenstern ihre Karten aus: Sie zeichnete die Höhenlinie der Hügel im Osten und die der anderen Gebirgskette im Westen nach, ebenso den Verlauf des Tals, das sich nach Süden erstreckt, und schließlich die winzig kleinen Berggipfel, die man gerade noch hinter einer endlos weiten Ebene im Norden erspähen kann. »Es sieht nur aus, als wären die Berge klein«, hatte meine Mutter mir erklärt, »aber wenn du weiter in diese Richtung laufen würdest, wärst du erstaunt, wie groß sie in Wirklichkeit sind. Alles eine Frage der Perspektive.«
Die Karte war unglaublich lang, sie ging rundum über die gesamte Fensterfläche, und ich hielt sie fest, während meine Mutter mit einem Bleistift ihre Linien darauf zog. Sie hatte in der Allgemeinen Akademie in Lichtberg Kartografie studiert, aber sie liebte das Leben hier in Dunkelberg.
Diese Landkarte gab es nicht mehr: Sie war verbrannt wie alles Übrige.
Die rußgeschwärzte Eingangstür des Turms begrüßte mich mit einem Kreischen. Vorsichtig betrat ich den Turm und kniff die Augen zusammen, bis sie sich besser an die Dunkelheit dort drinnen gewöhnt hatten.
Mein früheres Zuhause, in dem nun niemand mehr lebte, außer vielleicht ein paar Siebenschläfern oder Wanderratten, lag so leer und verlassen vor mir wie immer, wenn ich jetzt kam. Der Brand, dem vor fünf Jahren alles Holz zum Opfer gefallen war, hatte nur die steinernen Grundmauern und den eisernen Mast auf dem Dach verschont. Ein durchdringender Geruch nach Asche und Kälte lag in der Luft.
Vorsichtig hob ich ein paar Spiegelglasscherben auf und legte damit die Laterne aus, die ich mitgebracht hatte. Das Licht der Kerze vervielfältigte sich und wurde auch von den anderen Spiegeln zurückgeworfen, die ich schon früher an den Wänden des Turms angebracht hatte, dennoch reichte es nicht aus, um die Dunkelheit vollends zu vertreiben. Das war ein weiteres Experiment, an dem ich noch arbeiten musste.
Aber nur ein Experiment ließ sich in dieser Nacht mit dem dunkel drohenden Himmel durchführen. Das letzte in diesem Jahr, und dieses Mal würde es gelingen, das fühlte ich.
»An die Arbeit!«, rief ich freudig.
Es mag euch seltsam erscheinen, dass ich in einem verlassenen Turm auf dem Gipfel eines Berges Selbstgespräche führte, aber ihr würdet auch mit euch selbst reden, wenn ihr euer Leben in der Gesellschaft von sieben alten Leuten und einer nicht genau zu bestimmenden Zahl von Hoftieren zubringen würdet. Das muss man einfach, um mit den Füßen auf dem Boden zu bleiben. Ich konnte ein so bedeutendes Experiment doch nicht durchführen, ohne jeden meiner Schritte meiner Assistentin zu erklären … und die war in diesem Fall eben auch ich.
Damit ich nach dem alles verzehrenden Brand überhaupt noch hoch zur Spitze des Turms kam, hatte ich eine Leiter aus Seil sorgfältig von Hand geflochten und an den Wänden mehrere halbrunde Holzplattformen angebracht. Rauf- und Runtersteigen war nun ein Kinderspiel.
Ich hatte auch ein System von Seilrollen ausgetüftelt und montiert, damit ich alles, was ich brauchte, einfach nach oben oder unten befördern konnte.
Ich warf meinen Rucksack in einen der Tragekörbe und kletterte die Strickleiter hinauf, immer schön an den Plattformen vorbei. Im Nu war ich ganz oben angekommen und stieß die eiserne Falltür auf.
Der Raum in der Spitze des Lichterturms war gebaut worden, um Tausende Kerzen aufzunehmen, deshalb hatte man ausschließlich Metall und Stein verwendet und kein Holz. Das war ein großes Glück gewesen. Nur diesen Teil des Turms hatte der Brand nicht zerstört, das riesige Kohlebecken war zwar rußgeschwärzt, aber noch intakt. Einzig die großen Glasscheiben waren geborsten, nicht etwa wegen der Hitze, sondern wegen des Bebens, das ganz Valdombra erschüttert hatte. Die Kerzen waren nach unten gefallen und die Holztreppen, die Zwischenböden und das gesamte Mobiliar hatten Feuer gefangen. In jener Nacht hatte ich bei den alten Leutchen im Dorf geschlafen: Nur aus diesem Grund war ich noch am Leben.
Ich packte das Seilende des Flaschenzugs und hievte meinen...




