E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Forst Traumschaum und Sternenstaub
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7407-0271-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine phantastische Erzählung
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7407-0271-7
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. med. Harald Forst, geboren am 11.01.1945 in Breslau. Seit 1951 aufgewachsen in Oer-Erkenschwick (bei Recklinghausen), dort zwei Jahre Realschule, dann Gymnasium Datteln bis zum Abitur. Vater Bergingenieur, Mutter Drogistin/Hausfrau, beide verstorben. Jüngerer Bruder Intensivmediziner im Ruhestand. Studium der Medizin in Köln von 1964 bis 1970. Engagiert in der 68er-Studentenbewegung, später aktiv in verschiedenen politischen Zusammenhängen. Bis 1980 in Kliniken; Ausbildung und Tätigkeit als Psychiater in der psychiatrischen Klinik Düren, hier Teil der damaligen Psychiatrie-Reformbewegung. Von 1980 bis 2008 eigene psychiatrisch-psychotherapeutische Praxis in Münster, Schwerpunkt Gruppenanalyse. Supervision, Balint-Gruppen in eigener Praxis und in verschiedenen Kliniken als Ausbilder. Palästinensische Ehefrau, Architektin; zwei Söhne, vier Enkel. Als aktiver Rentner seit zehn Jahren beschäftigt mit Malen, Schreiben, Sprachen lernen. Entwurf eines Projekts, das sich mit nachhaltiger Bekämpfung von Elendals Fluchtursache befasst. Veröffentlichung eines Buchs: "Shakespeare - 44 Sonette", Neuübersetzungen durch H-W. Scharf, bildnerische Interpretationen von mir; düsseldorf university press, 2014. Ein weiteres Buch ist in Arbeit; es geht dabei um den Austausch von "Lebensspuren" zwischen vielen Menschen in einer Stadt.
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TRAUMSCHAUM
Zuerst waren es nur einige Spritzer, ein paar Flecken, Blasen, dann wurde es immer mehr. Es zischte, brodelte, man hörte ein Platzen, ein Schmatzen, es war ein riesiger Schaumteppich, ein Ozean voller Schaum, mit schmutzigen, dunklen Blasen, die ins Nichts verspritzten und sich wieder neu bildeten. Es gab keine Grenze, keinen Anfang und kein Ende, es war einfach unendlicher Schaum. In der Dunkelheit war es ein unwirtliches und unwirkliches Bild. Nichts war anzufassen, es gab keinen Widerstand, alles durchdrang alles, das blasige Geräusch wurde zum bloßen Rauschen, zum schmutzig-weißen Rauschen.
War es Sehen, war es Hören, war es überhaupt eine Wahrnehmung oder nur eine bloße Idee, ein Gedanke? Da waren doch winzige Lichtpunkte in dieser blasigen Masse. Kleine bunte Reflexe. Auf einmal wurde es immer deutlicher. Das war Leben. Gelebtes Leben. Es war nur ein Hauch davon, ein Schimmer, ein Spiegelbild, Abermillionen von Spiegelbildern, Milliarden von zerplatzenden Tropfen und Blasen. Es war der Schaum gelebten Lebens. Wo war ich nur gestrandet – selbst eine Blase, ein Nichts, hohl, eine Seifenblase? In einer Seifenoper? In einem Seifenblasentraum? Schaum.
Nur Schaum? Plötzlich merkte ich, dass ich mich selbst mitten im bereits gelebten Leben anderer Menschen befand. Nur eine hauchdünne Zwischenwand trennte mich von vielen Nachbarblasen.
Da, neben mir breitete sich Sand aus, türmte sich auf zu hohen Dünen, verwehte über rote Felsen, fegte über ein Dach aus Teppichen über einem Gerüst dünner Stangen und Hölzer. Darin, auf dem Boden sitzend, arbeitete ein junges Beduinenmädchen, verhüllt in bunt bestickte Tücher, rollte einen dünnen Teig aus über einem flachen Stein, belegte ihn mit kleinen Stücken ausgebluteten Lammfleischs vermengt mit gelblichen Gewürzen und legte alles vorsichtig auf einen anderen, zuvor erhitzten, großen Stein. Alle ihre Griffe, ihre Handlungen waren oft wiederholt und eingeübt, und so blieb viel Platz für ihre Gedanken und ihre Träume.
Durch diese dünne, schillernde Blasenwand hindurch war zu erkennen, wie sie sich in eine große Stadt träumte, voller Angst und Spannung sich in den geträumten Menschenmengen bewegte, sich angeschaut und bewertet fühlte, wie sie es aber auch als ein ihr unbekanntes Recht genoss, sich gleich und unerkannt unter anderen zu bewegen. In einer großen Moschee im Kreise anderer Frauen sitzen, Ornamente, Schriften, Licht sehen, den heiligen Gesängen der Gelehrten und Prediger lauschen, die Höhe des Raumes über sich fühlen – so musste man Gott nahe sein. Er, Allah, würde ihr ein wunderbares Leben ermöglichen an der Seite eines starken und angesehenen Mannes. Sie würde Söhne und auch eine Tochter haben, würde eine anerkannte Stellung in ihrem Stamm einnehmen und ein gottgefälliges Leben führen. Sie dachte an all das Unbekannte, von dem alle Frauen hinter vorgehaltener Hand sprachen, das, was nur ihrem künftigen Mann vorbehalten war und das sie ihm geben wollte, ohne es bereits zu kennen.
So war einer meiner Nachbarträume. Und im gleichen Moment war klar, dass es mindestens 857.320 Beduinenmädchen im Laufe der Menschheitsgeschichte gegeben hat, die ganz ähnliche Träume hatten. Natürlich mit kleinen Abweichungen, abhängig von der jeweiligen Zeit und Situation. Ich erblickte auf einmal überall in den schier endlosen Schaumgebirgen kleine Leuchtpunkte, winzige Bläschen, in denen sich Beduinenmädchen unterschiedlichen Alters, in verschiedener Kleidung, von unterschiedlicher Gestalt, Größe und Schönheit in ihren Träumen aufhielten, beim Ziegenhüten, beim Kochen, auf dem Rücken von Kamelen, im Schlaf und Halbschlaf auf Lumpen oder unter fein bestickten Decken.
Zunächst verstand ich überhaupt nicht, was geschehen war. Ich war nicht mehr dreidimensional, konnte mich selbst nicht sehen, nicht anfassen, fühlte keine Schwerkraft, war eigentlich gar nicht mehr da, stand aber mit allem und jedem in irgendeiner Art Verbindung. Was war mit mir geschehen? Na klar! Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich mir, begeistert von meiner Erkenntnis, auf die Schenkel geklatscht. Ich war tot! Ich befand mich in einem Zustand nach dem Leben. Seit dem 14. Lebensjahr hatte ich nicht mehr an ein Leben nach dem Tod geglaubt. Sollte jetzt alles anders sein? Hatte ein ewiges Leben begonnen, befand ich mich in einer Art Himmel, in einer Art Paradies? War es diesseits oder jenseits?
Noch konnte ich diese Fragen nicht klären. Jetzt sitze ich ja lebendig am Schreibtisch und versuche, mich zu erinnern, was ich alles zwischen Tod und Leben erfahren habe.
Ich schaute also weiter und sah hinter einer anderen, hauchfeinen Zwischenwand in eine längst vergangene uralte Zeit hinein.
Das mussten meine Vorfahren sein. Zumindest sahen sie mir mit ihren dicken, fleischigen Nasen ziemlich ähnlich. War es 70.000 Jahre vor unserer Zeit? Diese Menschen hatten Angst. Sie waren auf der Flucht vor der Gewalt der Natur. Ich konnte einen Himmel sehen, der sich völlig verdunkelt hatte, sah Bäume, die brannten, Vulkane jagten ihre Glut in die Höhe, riesige Flutwellen hatten weite Teile der Erde überrollt und fast alles Leben ertränkt. Es musste eine Art Weltuntergang sein, der alles Leben erstickte.
Die Gedanken dieser ziellos fliehenden Menschen waren vom Untergang erfüllt, sie sahen die Geister ihrer Ahnen in wirbelnden Rauch- und Dampfschwaden und waren sich sicher: die Geister wollten bestrafen und verlangten Opfer. Es waren offenbar blutrünstige Geister, die über Hunger und Durst, Leben und Tod, Unglück und Freude bestimmten.
Über Jahre hinweg waren die Menschen einer bedrohlichen und bedrohten Umwelt ausgesetzt gewesen. Viele Lebewesen fanden keine Nahrung mehr, natürlich waren auch die Menschen vom Hunger bedroht. Sie mussten Feuersbrünsten ausweichen, waren dem Dunkel der Nacht ausgeliefert, und der Tag war fast zu Nacht geworden. Sie fanden nur zu kurzem, unruhigen Schlaf, immer wieder von schrecklichen Geräuschen und den Lauten erschreckter Tiere unterbrochen.
Sie träumten. In ihren Träumen gab es Hoffnungsszenen, friedliche Landschaften, gute Beute und Nahrung, frisches Quellwasser; sie wurden allerdings auch in ihren Träumen gequält, von Feinden besiegt, wurden vor den anderen ihrer Gruppe beschämt und erniedrigt, von Höhlenbären angegriffen, von herabstürzenden Felsen erschlagen.
Sie mussten Opfer bringen. Menschenopfer. Sonst würden sie alle untergehen. Einer von ihnen wurde zum Opfer erwählt. War das auch einer meiner Vorfahren? Seine Träume erfüllten sich auf schreckliche Weise: er wurde mit Steinen niedergeschlagen und dann auf glühenden Hölzern verbrannt, ein Opfer für die Geister der Vulkane und des Feuers. Ein Mann aus der Gruppe, dem besondere Fähigkeiten zugesprochen wurden, von dem man glaubte, er stünde mit den Geistern im Kontakt, leitete die Opfertod- Zeremonie. Er sprach Beschwörungsformeln und Bitten und stimmte schließlich einen heulenden Gesang an, der alle Mitglieder der Horde ehrfürchtig verstummen ließ. Die Geister waren offenbar sehr zufrieden. Die ganze übrige Gruppe überlebte und träumte weiterhin ihr ganzes kurzes Leben lang von der Macht und Grausamkeit und von der Gnade ihrer Geister.
Ich sah dieses gelb-rote Aufflammen von Feuern in dunklen Nächten, sah es millionenfach in den Traumblasen um mich herum, sah, wie in den Augen der Menschen die Flammen der Angst loderten, Angst vor Strafen, Angst vor den Qualen, Angst vor dem Tode. Jahrtausende alte Träume der Angst, Opfer zu sein. Zu brennen. Zu ertrinken. Von Felsen zu stürzen, von Tieren zerrissen zu werden.
Anfangs waren es Ängste vor den unberechenbaren Kräften der Natur, vor Unwettern, reißenden Strömen, vor gefährlichen Tieren, auch vor fremden Menschengruppen, denen man begegnete. Je mehr sich...




