Frank | Ginsterburg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

Frank Ginsterburg

Roman | SWR Bestenliste April 2025
3. Auflage, 2025
ISBN: 978-3-608-12397-5
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | SWR Bestenliste April 2025

E-Book, Deutsch, 432 Seiten

ISBN: 978-3-608-12397-5
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der große Roman von Arno Frank über Menschlichkeit in unmenschlichen Zeiten »Er dokumentiert in glänzend literarischem Stil den schleichenden Einfluss der Faschisten. Was trügerisch beschaulich beginnt, führt in den Abgrund.«Bernd Noack, Nürnberger Nachrichten Nach der Machtergreifung ist in Ginsterburg ein neuer Alltag eingekehrt. Manche Einwohner der kleinen Stadt leiden, andere profitieren - und die meisten versuchen, sich mit der neuen Ordnung zu arrangieren. Allmählich aber öffnet sich unter dem Alltag der Abgrund. Ein feinfühliger und atmosphärischer Roman über Liebe, Familie, Freundschaft - und persönliche Verstrickungen in den Jahren 1935 bis 1945. Lothar träumt vom Fliegen. Eben noch ein kleiner Junge, kann seine Mutter Merle nur ohnmächtig zusehen, wie sein Traum von der Freiheit ihren Sohn in die Arme der Hitlerjugend treibt. Eine neue Zeit ist angebrochen. So sehr Merle ihr auch misstraut, kann sie ihr doch nicht entkommen - nicht in ihrer Buchhandlung, nicht in den Gesprächen mit Eugen, dem Feuilletonisten der Lokalzeitung von Ginsterburg. Doch während die einen verstummen und einige sich langsam korrumpieren lassen, verstehen andere es, die neue Machtverteilung zu ihren Gunsten zu nutzen. Blumenhändler Gürckel schwingt sich zum Kreisleiter auf, Fabrikant Jungheinrich macht beste Geschäfte, und auch der Arzt Hansemann wittert völlig neue Möglichkeiten. Im Lichtspielhaus spielt weiter Heinz Rühmann, über den Nürburgring schießen Runde für Runde die Silberpfeile. Doch der Krieg, an fernen Fronten geschlagen, ist bald auch im Mikrokosmos der Stadt zu spüren, in den erschütterten Beziehungen und Seelen der Menschen. Und über allem schwebt ein britischer Bomberpilot, der sich dem einstmals beschaulichen Ginsterburg unaufhaltsam nähert.

Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden. Zuletzt erschienen von ihm die Romane So, und jetzt kommst du (2017) und Seemann vom Siebener (2023).
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Autoren/Hrsg.


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I

Zola Vovoni verliert den Verstand


Am Tag, als Zola Vovoni den Verstand verlor, waren die Kraniche zurückgekehrt. Früh am Morgen zeichneten sie ihr V an das Blau des Himmels über dem Heizkraftwerk. Über den Förderkränen am Binnenhafen schwenkte der Schwarm nordwärts und folgte dem silbrigen Pfad der Gleise in die Stadt. Hinweg über die Schindeln und Schornsteine und Blumenbeete der Vorstadtvillen. Hinweg über die Wellpappe und Fähnchen und Rhabarberbeete der Schrebergartensiedlung. Hinweg über spiegelnde Gewächshäuser, die Flachdächer des Schlachthofs und die Sägezahndächer der Papierfabrik. Ihr Erscheinen beunruhigte sogar die Krähen dort auf dem Hof. Sie unterbrachen ihr Gestocher in den gepressten Ballen aus feuchter Pappe, flogen schimpfend auf und empört davon. Hinter den Querriegeln der Mietskasernen, wo die Gleise in enger Kurve der gläsernen Doppelkuppel des Bahnhofs entgegenstrebten, orientierte der Schwarm sich schon am Fluss. Wer die Vögel entdeckte, hielt inne und freute sich an der zielstrebigen Heiterkeit ihrer unverhofften Erscheinung. Hände in die Hüften, Mütze in den Nacken. Sieh an, die Kraniche.

Auf der Kaiserstraße kam die elektrische Straßenbahn mitten auf der Kreuzung zum Stehen, weil der Fahrer einen Blick auf den Schwarm werfen wollte. Am Stadttor mit seinem Zwillingsturm liefen die Kinder ein paar Meter hinterher und versuchten, die Vögel mit Steinen zu treffen. Auf der alten Brücke über die Ginster hielt eine Dame sich erschrocken den Hut, so tief flogen die Tiere kurz vor ihrem Ziel, den verschlungenen Auen am Fuß des Wolfsbergs. Sie werden ihre Gründe gehabt haben. Immer haben die Gefiederten Gründe für alles, vom winzigsten Reflex bis zu Route und Zeit ihrer Wanderschaft. Trotzdem waren die Kraniche auffällig spät in diesem Jahr. Es war überhaupt nicht ihre Zeit.

Wo das Gelände des Sportfelds zum Fluss hin verwilderte, beendete Zola Vovoni gerade ihre Morgentoilette. Mit gerafften Röcken stand sie bis zu den Knöcheln im Wasser. War eben zum Pinkeln in die Hocke gegangen, als sie das Flügelflattern hörte. Ein Geräusch, als würden tausend Leinentücher ausgeschüttelt. Versonnen hob sie ihre mit Henna eingefärbte Linke und hielt sie gegen das Sonnenlicht. Der Schwarm war schon auf ihrer Höhe, da hob Zola einen Arm und schwenkte ihn in der Luft wie ein Schilfrohr im Wind, langsam und ruhig. Ein geheimer Gruß für Entfernungen, die sich nicht mehr in Metern messen lassen, geeignet, die Kluft zwischen zwei Gattungen zu überbrücken.

»Da seid ihr ja endlich«, flüsterte sie. »Habt ihr uns also wieder einmal eingeholt. Ich warte schon seit Tagen!«

Ein ermatteter Nachzügler flog so tief, dass seine herabhängenden Beine schon zarte Zeichen auf das Wasser malten. Zola blickte dem verspäteten Vogel hinterher, bis seine Kalligrafie flussabwärts verwischte und er selbst im Röhricht der Auen mit ihren verborgenen Teichen verschwand. Dann watete sie ans Ufer, setzte sich auf einen Stein, spreizte die Zehen und sah ihnen beim Trocknen zu. Manchmal fühlte Zola sich noch älter, als ihre geschundenen Füße aussahen. So alt, wie sie sich schon in jüngeren Jahren geschminkt hatte, um im flackernden Zwielicht der Öllampen in ihrem Zelt darzustellen, was sie heute war. Madame Vovoni, die Wahrsagerin.

Es hatte erst der Tanz auf dem Seil für Nándor Eötvös in Budapest und später die Wanderung durch Europa ihre Füße ermüden lassen – sie wusch sie täglich in kaltem Wasser. Es hatte das Lesen der Karten und Handflächen im Halbdunkel ihr Augenlicht getrübt – sie verlegte ständig ihre Lesebrille. Es hatte der Mistral in den Cevennen ihr Haar in Stroh verwandelt – sie färbte es mit einem Sud aus Kastanienblättern und Zwiebelschalen. Es hatten die Sonnen über Südfrankreich ihr die Haut verbrannt – sie bestrich die Leberflecken mit Süßholzextrakt. Es war die Kälte der Extremadura ihr in die Knochen gefahren – sie linderte das Rheuma mit einer Salbe aus Weihrauch und Brennnesseln. Es hatte schließlich der Landregen von Lothringen ihr ins Gemüt geregnet – und dagegen gab es kein Mittel.

Mit einem leisen »Pah!« entzündete sich das Gas. Schneller, als Merle ihre Hand zurückziehen konnte vor der blau aufblühenden Flammenkugel. Sei’s drum. Dann ging diese Runde eben an den Herd. Merle schüttelte das Streichholz aus und schnupperte an ihren Fingerknöcheln, bis sich der eigentümlich würzige Geruch versengter Härchen auf der Haut verflüchtigt hatte. Mit der anderen Hand stellte sie den Milchtopf auf das siegreiche Feuer und drehte es auf die niedrigste Stufe.

»Lolo? Raus aus den Federn! Lo! Lo!«

So rief sie ihren Lothar seit jeher, aber seit einer Weile machte es sie seltsam melancholisch. Lolo, wie kindisch das klingen konnte. Kein Wunder, dass er nicht mehr so genannt werden wollte. Sie musste es sich wohl abgewöhnen.

Durch das Fenster über dem Spülstein konnte sie unten auf dem Rasen den alten Smolka sehen. Wie er die aufgehängte Wäsche abschritt, entlang der Leine wie ein Offizier die vorderste Linie seiner Soldaten. Neuerdings bewegte der Nachbar bei seinen rätselhaften Beschäftigungen die Lippen. Lange dauert’s nicht mehr, dachte Merle, und er redet laut mit sich selbst. Oder seinen frisch gewaschenen Gespenstern. Und hoffentlich redet er dabei nichts Falsches. Sie hatte ihn gern, den Kauz. Mit der Kelle hob sie das Ei, von beiden Seiten angebraten, und ließ es auf den Teller gleiten. Vom Brotlaib schnitt sie eine Scheibe, genau wie Lolo es mochte. Nicht zu dick, nicht zu dünn.

»Lothar! Stunde schlägt!«

Aus dem Korb nahm sie einen Apfel und legte ihn gleich wieder zurück, zu schrumpelig. Griff nach seinem Nachbarapfel, prüfte auch den und zerteilte ihn auf der Anrichte. Schnitt das Gehäuse heraus und nahm mit dem Messer die Schale ab. Fürs Mittagessen würde sie bei Frau Schiller noch Gemüse besorgen müssen. Unter der Hitze im Töpfchen auf dem Gasherd stöhnte schon die Milch.

»Hallo? Braucht’s eine Vorladung für den Herrn?«

Mit streifenden Bewegungen trocknete Merle ihre Hände an der Schürze, Vorderseite, Rückseite. Warf einen strengen Blick auf die Uhr über der Tür, schwarze Zeiger, weiße Emaille. Im Rahmen darunter kam er dann endlich zum Vorschein, zum Frühstück.

»Keine Minute zu früh!«, sagte Merle.

»Morgen, Mama!«, sagte Lothar und schob sich auf einen der Küchenstühle, die Robert damals viel zu hoch gezimmert hatte. Erst seit ein paar Wochen, mit dreizehn Jahren und nach einem ersten Schuss in die Höhe, kam der Junge überhaupt mit den Füßen auf den Boden. Immerhin hatte er schon seine Schuhe angezogen.

»Die Milch läuft über, Mama!«

Mit einem »Huch!« nahm sie den Topf vom Herd und schenkte ihm ein.

»Honig?«

Er schüttelte den Kopf, sie fuhr ihm durchs schwarze Haar. Ihm hatte die Natur einen Scheitel gezogen, ganz gegen ihre Art, ungewöhnlich akkurat. Seine Muskeln an den Schläfen beim Kauen. Immer dieses Schlingen und das Schnaufen beim Runterschlucken. Dazu ein nachdenkliches Gesicht.

»Eben wollte ich dir noch etwas Wichtiges sagen, Mama. Aber jetzt habe ich es vergessen …«

»Dann kann es so wichtig nicht gewesen sein!«

»Es war ganz ungeheuer wichtig!«, protestierte er.

»Du wolltest die Reifen am Fahrrad noch aufpumpen, oder? Du kennst doch Frau Kruse, wie ungemütlich die werden kann«, sagte Merle mit sanftem Tadel. »Wehe, wenn jemand sich verspätet, dann …«, und Lothar vollendete den Satz mit gespitzten Lippen: »Dann können wür keinen Kriech führen, wönn die Truppe nicht vollständig angetröten ist!«

Merle kicherte, weil die Frau des Pfarrers tatsächlich genau so redete. Lothar kicherte mit, weil er stolz auf seine gelungene Parodie war. Er aß schnell, wippte mit den Beinen. Wischte mit dem Brot das restliche Eigelb vom Teller und trank sein Glas aus. Über der Oberlippe ein milchweißer Bogen.

»Hast du mir den Apfel geschnitten?«

»Schon eingepackt. Jetzt aber los, oder?«

Lothar schob den Teller von sich fort, blieb aber sitzen: »Isst du nichts?«

»Hab’ schon«, sagte Merle und wollte ihm mit dem Daumen die Milch abwischen. Er sah es kommen, drehte den Kopf weg und wischte sich selbst mit dem Handrücken über den Mund.

»Weg?«

»Weg«, bestätigte Merle und reichte ihm den kleinen Rucksack mit der Teekanne und dem Apfel in der Blechdose. Lothar rutschte vom Stuhl, schulterte den Tornister und schlug sich plötzlich vor die Stirn.

»Jetzt fällt mir wieder ein, was ich dir erzählen wollte! Der Zirkus ist in der Stadt, Mama! Gehen wir hin?«

Merle winkte ab: »Es ist gar kein richtiger Zirkus. Nur ein Jahrmarkt.«

»Aber sie haben einen Tiger! Und ein Motorrad!«

»Ein Motorrad haben die Gebrüder Lejeune auch«, sagte Merle müde.

Lothars Wangen waren jetzt rot vor Begeisterung: »Aber die Gebrüder Lejeune können damit nicht die Wand entlangfahren!«

»Die Wand entlang?«

»Die Wand entlang!«

»Sagt wer?«

»Gesine! Und eine Wahrsagerin gibt es auch!«

Merle gähnte. »Ich kann auch wahrsagen!«

»Kannst du nicht!«, schimpfte Lothar, und fast hätte er dazu mit den Beinen aufgestampft.

»Und ob!«, sagte Merle und setzte einen entrückten Blick auf. »Ich sehe … ich sehe … ich sehe … jetzt zum Beispiel voraus, dass die Frau Kruse fuchsteufelswild wird, wenn du wieder zu spät kommst!«

Lothar verdrehte die Augen und ächzte. Auf den Arm genommen zu werden, das bereitete ihm neuerdings auch körperliche Schmerzen.

»Natürlich gehen wir zum Zirkus, Dummerchen«, sagte Merle.

»Wirklich?«

»Ein Tiger auf dem Motorrad? Das will ich nicht verpassen!«

Lothar...


Frank, Arno
Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden. Zuletzt erschienen von ihm die Romane So, und jetzt kommst du (2017) und Seemann vom Siebener (2023).

Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden. Zuletzt erschienen von ihm die Romane So, und jetzt kommst du (2017) und Seemann vom Siebener (2023).



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