Frank | Seemann vom Siebener | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Frank Seemann vom Siebener

Roman | »Das Freibad als Glücksversprechen« ZDF aspekte
Die Auflage entspricht der aktuellen Auflage der Print-Ausgabe zum Zeitpunkt des E-Book-Kaufes.
ISBN: 978-3-608-12074-5
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | »Das Freibad als Glücksversprechen« ZDF aspekte

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-608-12074-5
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Sprung in die Untiefen eines Sommertags Brütende Hitze, ein Freibad und mittendrin sechs Menschen, deren Lebenswege sich für einen schicksalhaften Moment miteinander verbinden. Arno Franks zweiter Roman erzählt von dem Wunsch auszubrechen und von der Sehnsucht danach anzukommen, von den verborgenen Konsequenzen unserer Entscheidungen und von jenen Orten, die unvergessen bleiben. Ein Buch, so leuchtend wie der letzte Sommertag. Es ist heiß. Und die halbe Stadt im Freibad. Da ist Kiontke, der Bademeister, der noch immer am Beckenrand steht, auch wenn die Leute meinen, dass es ihn eigentlich hätte umhauen müssen, dieses Unglück damals. Da ist Renate, die hinter der Kasse sitzt und zu viel raucht und die zwei, vier, acht Sachen an Kiontke mag, was sie natürlich niemals zugeben würde. Joe hingegen versucht anzuschwimmen gegen die vielen verpassten Gelegenheiten in ihrem Leben. Lennart hat es unfreiwillig zurückverschlagen, zu den Anfängen, die seinen späteren Weg bestimmt haben. Da ist Isobel, die das Freibad schon kannte, als es das Freibad noch gar nicht gab, und da sind die beiden Geschwister, die den Seemann machen wollen, erst vom Dreier, dann vom Fünfer, und schließlich vom Siebener - aber der ist gesperrt, seit Jahren schon, seit diesem Unglück damals, das wie ein fernes Donnergrollen unter diesem flirrenden Sommertag liegt.

Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden. Zuletzt erschienen von ihm die Romane So, und jetzt kommst du (2017) und Seemann vom Siebener (2023).
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Schwer wie ein Revolver liegt der Rasierapparat in meiner Hand. Zumindest stelle ich mir einen Revolver so schwer vor. Mein Gesicht im Spiegel sieht fürchterlich aus. Gespenstisch, würde mein Bruder sagen – und hätte ausnahmsweise mal recht. Ein leichenblasses Oval mit dunklen Rändern unter den dunklen Höhlen meiner dunklen Augen. Die Wangenknochen treten hervor, aber nicht auf diese exotische Weise, wo die Leute sagen: »Oh, was für definierte Wangenknochen!«, eher so krankhaft. Als käme da etwas zum Vorschein, was nicht zum Vorschein kommen sollte. Ich weiß noch, wie meine Haare länger waren und über der Schulter eine Welle bildeten. Jetzt stehen sie strohig vom Kopf ab. Immerhin dagegen kann ich etwas tun. Ich setze den Rasierapparat an und ziehe mir einen drei Zentimeter breiten Mittelscheitel. Das tut gut. Als würde ich mit dem Radiergummi ein schlecht gezeichnetes Gesicht korrigieren.

Der Rasierer gehört Papa, er hat ihn hiergelassen. Lange habe ich mir vorgestellt, wie er langsam immer zotteliger wird. Wie jemand, der einer Sekte beigetreten ist oder einen Flugzeugabsturz überlebt hat und sich nun alleine durch die Wildnis schlagen muss. Dabei gibt es in der Stadt, in die er gezogen ist, vermutlich auch Friseure. Oder Läden mit Rasierapparaten. Das Vibrieren des Geräts hallt dröhnend in meinem Schädel nach, weil es direkt auf dem Knochen sitzt. Hoffentlich wird die Mama davon nicht wach, die schläft auch so schlecht. Wenn überhaupt, was weiß ich. Oder, schlimmer noch, mein Bruder!

»Cool, Küken, Glatze!«

Zu spät. Da ist er schon. Hätte ich mir denken können, dass der sich das nicht entgehen lässt. Im Spiegel sehe ich ihn an der Tür stehen, im Zwielicht kaum zu unterscheiden von dem Bademantel, der dort am Haken hängt. Als wäre er schon vor mir im Raum gewesen. Ich verdrehe die Augen, extra für ihn. In meinem Schädel dröhnt es, die Strähnen fallen.

»Du musst fester aufdrücken«, sagt er jetzt, »sonst sieht das schwach aus!«

Ich zucke mit den Schultern. Ich bin schwach. Und vermutlich mache ich das auch ein bisschen, um ihn zu ärgern. Was schleicht der auch so durch die Wohnung, zu jeder Tages- und Nachtzeit? Das ist doch total krank! Der Typ ist wirklich ein Opfer, das ist mal klar. Ein Idiot, ein Spast, ein Penner und ein Arschloch.

»Soll ich dir hinten helfen?«

Ich senke den Kopf, und mein Bruder rasiert mir den Nacken aus. Danach zupfe ich die Stoppeln vom T-Shirt und spüle das Becken aus.

~

Die Fernsehzeitschrift ist ihm von den Knien gerutscht und auf dem Teppich gelandet, gleich neben der leeren Pizzaschachtel. Fruchtfliegen zirkeln um die beiden leeren Bierdosen wie Schwalben um zwei Getreidesilos. Auf dem Bildschirm wühlen lautlose Nordseewellen gegen die Stützpfeiler einer Bohrinsel. Unter den Wogen schreiten die Aktienwerte deutscher Unternehmen auf ihrer ewigen Wanderung in die Zukunft. Darüber die Uhrzeit.

So spät? Er muss also doch abgerutscht sein in einen kurzen Schlaf.

Kiontke ertastet die Kerben auf seinen Fingerknöcheln, das Blut ist schon halbmondförmig getrocknet. Hat er sich also wieder angeknabbert, ist aber ausnahmsweise nicht davon aufgewacht. Da waren wieder diese Träume, ein hellrotes Plätschern, ein heiseres Flüstern, aber auch davon ist er nicht aufgewacht, diesmal. Das ist gut.

Das Sofa schmatzt, als Kiontke sich von den Polstern wuchtet und im Schritt kratzt. Dann schiebt er seinen mächtigen Bauch ins Badezimmer, um sich direktemang über die Kloschüssel zu beugen, zwei Finger schon auf dem Wipphebel der Spülung. Sofort schießen, zusammen mit dem Dosenbier und der noch späteren Thunfischpizza von gestern, die Nachbilder seines Traums in bröckeligem Strahl in das Becken aus Emaille. Gleichzeitig drückt er den Wipphebel nach unten.

Schlorch, alles weg. Kein Problem für Kiontke.

Er hievt sich wieder hoch und wischt sich mit dem Handrücken den Mund ab. Streckt sich, dass die Gelenke knacken.

Wie das Wetter wird, weiß der Kiontke schon aus der Zeitung. Trotzdem lässt er es sich gerne vom Radio erzählen, während er sich die Zähne putzt. »Hoch Hildegard hat seinen Schwerpunkt nach Osteuropa verlagert. Seinen Einfluss auf Deutschland behält es aber bis Sonntag. Die herangeführte südeuropäische Warmluft bleibt beständig und trocken. Erst zum Wochenende wird es feuchter und damit schwüler. Für den heutigen Freitag ist im Südwesten noch mit Temperaturen von bis zu 30 Grad zu rechnen. An den Küsten bleibt es böig, dort klettert das Thermometer nicht über 25 Grad. Gewitter und eine deutliche Abkühlung sind erst ab Montag zu erwarten.«

Kiontke gurgelt und ruft über die Schulter: »Guten Morgen!«, weil er gerne die Initiative ergreift. Keine Reaktion. Kiontke hält inne und lauscht. Die Kirchturmglocke schlägt zur Viertelstunde.

»Komm her, du geiler Bock!«, krächzt es schließlich aus der Küche zurück.

Kiontke schüttelt den Kopf, wäscht sich das Gesicht und lächelt seinem bärtigen Spiegelbild zu, bevor er es zaghaft aufs Neue versucht. »Guten Morgen?«

»Du geiler Bock! Komm heeer! Bin schon ganz feucht. Ganz feucht. Feucht!«

»Ach«, sagt Kiontke matt, »halt doch einfach den Schnabel, Heinrich.«

~

Renate mag’s ordentlich, und deswegen geht ihr das schon wieder auf die Nerven mit dem Schlüssel, der immer so tut, als würde er nicht passen, bis sie die Tür am Knauf leicht anhebt, und dann passt er eben doch. Sie tritt in die Kabine und in den vertrauten Geruch von kaltem Rauch. Seltsam, denkt sie, dass Kippen zwar stinken, aber schmecken, wobei Kaffee zwar duftet, aber, Hand aufs Herz, eher gewöhnungsbedürftig ist. Renate hat sich daran gewöhnt, sie mag ihn schwarz und möglichst bitter. Nur dann macht er wach. Sie schaltet die vorbereitete Kaffeemaschine ein und lauscht ihrem Röcheln, während sie das Puddingteilchen verputzt, das sie sich aus der Bäckerei am Markt mitgebracht hat. Sie leckt alle Finger sauber danach, das Zeug klebt wie verrückt. Dann zieht sie die klemmende Jalousie vor dem Fenster zum Kassenhäuschen hoch und wirft dem Radio einen kritischen Blick zu. Der Kasten ist auch so ein Kandidat. Sie schaltet ihn ein und … war ja klar. Finster lauscht sie dem Fiepen zwischen den Frequenzen. Es wird ihr immer ein Rätsel bleiben, wie dieses Gerät sich jede Nacht von selbst verstellen kann.

Sie dreht am ausgeleierten Knopf, nur ein paar Millimeter, und sofort ist ihr Sender wieder da. Um diese Uhrzeit befrotzeln sich immer ein Mann und eine Frau, und deren gute Laune findet Renate einfach ansteckend. Die Frau liest sogar die Nachrichten so vor, als müsste sie ein Kichern unterdrücken, als hätte sie sich die ganzen Katastrophen und die Wirtschaftsprognosen gerade eben ausgedacht. Am liebsten hört Renate, wenn der Mann danach vergnügt die Staus, Sperrungen und Umleitungen aufzählt. Er hat so ein warmes Glucksen in der Stimme und zwischen den Sätzen immer ein leichtes Schnaufen, als säße er neben ihr am Steuer, in einem Cabrio auf dem Weg in den Süden, und das Cabrio wäre rot und der Süden noch weit. All die Staus und Sperrungen und Umleitungen würden ihm, anders als damals dem Ludger, aber gar nichts ausmachen. Und ihr auch nicht. Er würde nicht einmal seine Hand auf ihr Knie legen, das fände Renate auch unangemessen. Er hätte beide Hände am Steuer, wie sich das gehört. Liegen beim Verkehr »keine weiteren Meldungen« vor, ist sie ein wenig enttäuscht.

Seufzend lässt sie sich auf dem Drehstuhl nieder, stutzt, wippt, verlagert das Gewicht … Nicht zu fassen. Kein Quietschen! Da hat der Kiontke doch glatt die Feder geschmiert. Ein Lächeln schleicht sich auf Renates Gesicht. Der Kiontke mag’s auch ordentlich. Gehört zu den zwei, vier, acht Sachen, die Renate an ihm mag. Wird aber den Teufel tun, ihm das auf die Nase zu binden. Der soll sich bloß nichts einbilden. Sagt man so was einem Mann, ist der eh gleich weg.

Sie schenkt sich den Kaffee in die rote Tasse mit dem Sparkassen-Logo, nippt und verzieht das Gesicht. Er schmeckt schwarz, aber nicht schwarz genug. Das wird schon noch, sie lässt ihn auf der Warmhalteplatte gerne eindicken. Am Nachmittag ist er dann ganz sämig, fast wie bitterer Karamell. Sie hebt die Geldkassette aus ihrem Fach, schließt sie mit diesem kleinen Schlüssel auf, der immer passt, zerbricht eine Geldrolle, lässt die Münzen in die Lade klimpern und zündet sich dann erst mal eine Zigarette an. Gezählt wird erst am Abend, wie in der Kreissparkasse.

Dort saß sie beinahe dreißig Jahre am Schalter, ohne dass je mal etwas passierte. Ihr Ludger meinte immer, sie solle doch froh sein, dass nie etwas passiert, aber Renate sah das anders. Die Leute hoben...


Frank, Arno
Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden. Zuletzt erschienen von ihm die Romane So, und jetzt kommst du (2017) und Seemann vom Siebener (2023).

Arno Frank, geboren 1971, ist Publizist und arbeitet als freier Journalist vor allem für den SPIEGEL, die taz und den Deutschlandfunk. Er lebt in Wiesbaden. Zuletzt erschienen von ihm die Romane So, und jetzt kommst du (2017) und Seemann vom Siebener (2023).



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