E-Book, Deutsch, 196 Seiten
Frey Der Übergang
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95765-919-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Transition & Evolution 2.0
E-Book, Deutsch, 196 Seiten
ISBN: 978-3-95765-919-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerd Frey (* 18. Mai 1966 in Merseburg) ist ein deutscher Schriftsteller. Nach seiner Lehre im Druckgewerbe leitete er von 1986 bis 1991 den Phantastik-Literaturclub Andymon im Berliner Kulturbund, 1990 gehörte er zu den Mitbegründern von Alien Contact. Als Autor debütierte er mit zwei Kurzerzählungen in dem von Michael Szameit herausgegebenen Erzählungsband Der lange Weg zum blauen Stern. Einige seiner Kurzgeschichten wurden für den Kurd-Laßwitz- und SFCD-Literaturpreis nominiert. Seit 1996 veröffentlicht er eine jährliche Übersicht über die Computerspiele des Jahres in dem Jahrbuch Das Science Fiction Jahr. Von Anfang 2006 bis Ende 2011 betreute Gerd Frey die Sparte Games View der inzwischen eingestellten Zeitschrift Space View. Nach einer Pause erschien 2011 die Kurzgeschichte Handlungsreisende von ihm im Wurdack-Verlag. Seit 2012 betreut er die PC-Games-Sparte des Medienmagazins Geek! aus dem Panini-Verlag.
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eins
Zuerst war es nur eine Ahnung von etwas Störendem, ein Reiz, der sich lästig und beharrlich bohrend bemerkbar machte. Das Gefühl sickerte tröpfelnd durch die Schichten seines Bewusstseins, bis er das grelle Licht bemerkte, dem er ausgesetzt war. Zorn wallte in ihm auf. Das Licht war quälend und stieß ihn nach und nach aus der traumlosen Dunkelheit. Er kniff die geschlossenen Augenlider noch fester zusammen und versuchte in die Realität zurückzufinden. Seltsamerweise lieferte ihm sein Gedächtnis nicht den geringsten Anhaltspunkt. Er drehte sich auf die Seite und stöhnte vor Schmerzen auf. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, warum seine Muskeln ihn so peinigten. Ein Muskelkater erstreckte sich über die meisten Körperpartien.
Das Licht erschien ihm jetzt weniger intensiv. Er öffnete die Augen einen Spalt weit, und sein Blick traf auf eine mit winzigen Kondenstropfen überzogene Fläche, die sich über seinem Kopf wölbte. Milchiges Glas, durch das man den dahinter liegenden Raum nur erahnen konnte.
Plötzlich war ihm die Erinnerung an einen Öffnungsmechanismus präsent – ein seltsam bezugsfreies Gedankenfragment, unwirklich und fremd. Dennoch wusste er jetzt, dass sich direkt neben seiner linken Hand ein Schalter befinden musste. Er tastete mit den Fingern vorsichtig danach und traf schließlich auf eine kleine, feste Ausbuchtung. Wie von selbst löste er die Sicherungsverriegelung und berührte den freigelegten Sensor.
Ein Ruck und die Glasfläche fuhr mit leisem Summen in einen Spalt ein. Augenblicklich drang eisige Kälte an seine Haut. Reflexartig krümmte er sich zusammen, bevor heftiges, nicht zu unterdrückendes Zittern seinen Körper erfasste und die Kälte unerträglich wurde.
Er setzte sich auf,
Ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Ein leises Knacken und Rascheln. »Herzlich willkommen, Oliver Murray.«
Die warme weibliche Stimme umspülte ihn wie das zarte Plätschern eines Bachs. »Du befindest dich an Bord des Kolonistenschiffs Dali und bist soeben aus der Sprungschlafphase, in die du während des Wieckel-Rhien-Raumsprungs versetzt wurdest, erwacht.«
Während die Stimme weiterredete, machte ein stumpfer Schmerz in seinem Kopf auf sich aufmerksam. Das dumpfe Pochen ähnelte den Migräneanfällen, unter denen er gelegentlich litt.
Die Erwähnung der Dali reaktivierte Olivers Erinnerungen. Er hatte sofort das majestätisch im Vakuum schwebende Raumschiff vor Augen, das viele Jahre lang direkt im Weltraum aus unzähligen vormontierten Modulkörpern zusammengebaut worden war.
Er erinnerte sich auch an die verschwommenen, grobpixeligen Fernsehbilder des neu entdeckten Planeten. Auf den schlecht aufgelösten Bilddaten sah er der Erde zum Verwechseln ähnlich. Automatische Sonden hatten mehr als zehn Jahre vor dem Start der Dali die verblüffenden Informationen über das sonnennahe Doppelsternsystem zur Erde gesandt. Prokyon A und B besaßen sechs Planeten, zwei umkreisten Prokyon A, und einer von ihnen war ein unberührter erdähnlicher Himmelskörper mit viel Wasser und einer auch für menschliche Lungen geeigneten Atmosphärenzusammensetzung.
Da ihn die Bord-KI geweckt hatte, schien das Schiff seinen Zielpunkt erreicht zu haben. Er befand sich demzufolge jetzt ganze zwölf Lichtjahre von der heimischen Sonne entfernt, genau im Orbit jenes erdähnlichen Planeten um Prokyon A. Leichter Schwindel erfasste ihn. Er schloss einen Moment die Augen und atmete in langsamem, gleichmäßigem Rhythmus. Konnte das wirklich sein?
Er erinnerte sich an ausführliche Lagebesprechungen und riesige Mengen von Informationsmaterial. Das meiste davon betraf den Planungsablauf während der ersten Wochen der Aufbauphase. Schon Monate, bevor die Schiffsbesatzung aus dem Kälteschlaf geholt wurde, sollten automatische Einheiten damit beginnen, ein großes Basismodul auf dem fremden Planeten zu errichten. In den integrierten Wohneinheiten konnten die Pioniere die ersten Wochen verbringen und die Besiedlung ihrer neuen Heimat vorbereiten.
Unter Schmerzen erhob sich Oliver und blickte sich um. Seltsam, sämtliche Cryokammern waren ausgefahren, die Liegen leer. Eigentlich hätte die gesamte Besatzung zur selben Zeit geweckt werden müssen. Er ging zur nebenstehenden Liege und berührte den Bezug. Das Material war kalt und wies keine Eindruckstellen auf. Er fuhr leicht mit der Handfläche darüber und zuckte zurück, als schwache Entladungen seine Fingerspitzen trafen.
Kira. Die Erinnerung an sie wischte augenblicklich alle anderen Empfindungen und Gedanken beiseite, und ein Gefühl der Wärme durchströmte ihn. Ihr Gesicht erschien vor seinem innerem Auge: ihr wacher, oft herausfordernder Blick, die eine Spur zu groß geratene Nase und der meist zu einem frechen Lächeln verzogene Mund. Aber in ihren Zügen standen auch Traurigkeit und Melancholie.
Sie hatten sich damals beide für den Flug ins Unbekannte entschieden, um dem sterbenden Lebensraum Erde zu entfliehen. Schon früh während des Studiums hatten sie sich kennengelernt, und es dauerte einige Zeit, bis er mit ihrer bisweilen unsensiblen Direktheit umgehen konnte. Nach dem Studium hatte Kira einen Job in der Forschung bekommen und konnte sich mit ihrem Lieblingsthema – autarken biologischen Systemen – beschäftigen. Das alles schien eine Ewigkeit her zu sein.
Oliver suchte sein Kleiderfach. Ein kleines Display über einem der grauen Schließfächer zeigte unruhig flackernd seinen Namen. Eine Berührung mit dem Finger entriegelte das codierte Schloss. Hose, Shirt, Unterwäsche und Strümpfe lagen sauber übereinandergestapelt. Das quälende Ziehen seiner Muskeln ignorierend, zog er sich an. Erst Minuten später und nachdem er monoton hin und her gelaufen war, ließ das Gefühl der Kälte langsam nach. Es dauerte noch fast eine halbe Stunde, bis sein Körper nicht mehr unkontrolliert zitterte.
Mit flauem Magen stellte er sich vor die Tür zum Hauptgang, und nahezu geräuschlos fuhr die Türplatte in den Spalt der Seitenwand ein. Er trat auf den Flur hinaus, hielt jedoch gleich darauf in seiner Bewegung inne. Der Gang war nur dürftig beleuchtet. Der größte Teil der Lichtquellen war ausgefallen und der Boden mit unzähligen Splittern übersät. Einen Moment lang kehrte das Zittern in seinen Körper zurück, und seine Füße drohten wegzurutschen. Mit leisem Rasseln schloss sich die Tür hinter ihm. Jetzt war der Korridor noch dunkler als zuvor.
Oliver verharrte einige Sekunden. Es war still, nirgendwo gab es eine Bewegung. Er zwang sich zu langsamen und tiefen Atemzügen und wartete, bis er der Kraft in seinen Beinen wieder vertraute. Dann ging er widerstrebend weiter, die Anspannung wie ein fester Knoten in der Brust.
Unter einer flackernden Lichtröhre bemerkte er einen großen dunklen Fleck auf dem Boden, und nach ein paar Schritten erkannte er eine getrocknete Blutlache. An einer Seite war das Blut der Länge nach verschmiert, als hätte man einen leblosen Körper über den Gang gezogen.
Die Tür zum Kontrollraum stand offen, und heraus drang furchtbarer Gestank. Oliver wurde augenblicklich übel, sodass er sich an der Wand abstützen musste und blassrosa Schleim erbrach.
8
Er bedeckte die Leiche mit einem Tuch. Bei dem Toten handelte es sich um Ian, einen der vier Piloten. Er hatte den Namen von der ID-Card abgelesen. Der Schädel zeigte deutliche Spuren von Gewalteinwirkung, und anhand des Gesichts hätte er den hageren Piloten nicht wiedererkannt: verwüstet und aufgequollen, jedes individuelle Merkmal daraus verschwunden. Sein Tod musste schon vor Tagen eingetreten sein. Er würde die Leiche hier nicht so liegen lassen können, im Moment war er jedoch nicht in der Lage, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Ian war relativ spät zum Auswahlteam gestoßen. Jetzt erinnerte er sich an weitere Gesichter von Mannschaftsmitgliedern, und plötzlich schoss es heiß durch seinen Körper. Was, wenn sie ihn hier allein zurückgelassen hatten? Wenn die Mannschaft Hals über Kopf geflüchtet war und ihn in seiner Cryokammer vergessen hatte?
8
Oliver setzte sich vor eine Konsole, die ihm Zugang zum Schiffsbewusstsein ermöglichte, und aktivierte die Verbindung. Sein Blick wurde weiß überblendet, und sofort fand er sich im virtuellen Kontrollbereich wieder. Schnell hangelte er sich durch das Adergeflecht der Schiffskontrollen und stieß auf einen Teil stillgelegter Segmente. Entweder war das gesamte Antriebssystem außer Betrieb oder die Verbindung zum Schiffsbewusstsein fehlerhaft.
»Kommunikationskanal aktiv?«, fragte er.
»Positiv«, antwortete die weibliche Stimme des Schiffs. Sie wirkte warm und nicht wie die einer KI.
»Wie viele überlebende Besatzungsmitglieder sind an Bord?«
»Unbekannt. Keine Informationen.«
»Was ist mit dem Schiff passiert?«
»Frage bitte detaillierter.«
»Wodurch wurde ein Teil der Besatzungsmitglieder getötet?«
»Kollision mit Fremdkörper«, kam es nach einem kurzen Zögern. »Zu wenige Informationen …«
»Aktuelle Positionsbestimmung.«
Es folgten eine...




