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E-Book

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

Frey OUTPOST

Dunkle Sonne 2 . Fantastische Erzählungen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95765-852-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Dunkle Sonne 2 . Fantastische Erzählungen

E-Book, Deutsch, 180 Seiten

ISBN: 978-3-95765-852-4
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der Erzählungsband 'Outpost' ist die Fortführung des Erzählungsbandes 'Dunkle Sonne', der im Jahr 2002 im Shayol-Verlag erschien und der 2003 den ersten Platz des Deutschen Phantastik Preises (dpp) für die beste Original-Kurzgeschichten-Sammlung belegte. 'Outpost' beinhaltet sämtliche nach 'Dunkle Sonne' in verschiedenen Büchern und Magazinen publizierten Kurzgeschichten und zudem die nicht in 'Dunkle Sonne' enthaltenen satirischen Kurzerzählungen um den Abfallverkäufer. Diese Geschichten entstammen der Zeit der ersten ernsthaften Gehversuche Gerd Freys als Autor und wurden behutsam überarbeitet, ohne den eigentlichen noch etwas rohen Charakter der Geschichten zu verändern. Inhaltlich bietet 'Qutpost' daher eine durchaus unkonventionelle Mischung aus Science-Fiction, Fantasy Horror und Erotik.

Gerd Frey (* 18. Mai 1966 in Merseburg) ist ein deutscher Schriftsteller. Nach seiner Lehre im Druckgewerbe leitete er von 1986 bis 1991 den Phantastik-Literaturclub Andymon im Berliner Kulturbund, 1990 gehörte er zu den Mitbegründern von Alien Contact. Als Autor debütierte er mit zwei Kurzerzählungen in dem von Michael Szameit herausgegebenen Erzählungsband Der lange Weg zum blauen Stern. Einige seiner Kurzgeschichten wurden für den Kurd-Laßwitz- und SFCD-Literaturpreis nominiert. Seit 1996 veröffentlicht er eine jährliche Übersicht über die Computerspiele des Jahres in dem Jahrbuch Das Science Fiction Jahr. Von Anfang 2006 bis Ende 2011 betreute Gerd Frey die Sparte Games View der inzwischen eingestellten Zeitschrift Space View. Nach einer Pause erschien 2011 die Kurzgeschichte Handlungsreisende von ihm im Wurdack-Verlag. Seit 2012 betreut er die PC-Games-Sparte des Medienmagazins Geek! aus dem Panini-Verlag.
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Handlungsreisende


Das Raumschiff besaß die Form einer Gurke und flog sich auch so. Als Martin den Fisch auf den Labortisch knallte, strahlte das blaue Licht des kosmischen Nebels, den er gerade durchquerte, durchs Bullauge. Er schnitt den Fisch mit einem schartigen Küchenmesser der Länge nach auf. Ein Skalpell wäre ihm lieber gewesen – das hätte einfach professioneller ausgesehen. Chirurgenbesteck zählte jedoch nicht zur Grundausstattung von Kleinraumschiffen.

Im Innern des Fisches, der leider schon über der Zeit war und zu stinken anfing, befand sich eine Art verzierte Akupunkturnadel – die üblichen Datenspeicher auf Ross249. Die Übergabe des Fischs war auf einem zwielichtigen Hyperraummarkt über die Bühne gegangen. Er hatte die in altes Zeitungspapier eingewickelte Sendung von einem grünlippigen Alien erhalten, der wegen seines transparenten Körpers kaum auszumachen war. Obwohl das Papier stark vom Öl durchtränkt war, konnte man den Text noch gut entziffern. Statt die Nachrichten vom Display abzulesen, informierten sich die meisten Menschen (und inzwischen auch ein größer werdender Anteil Außerirdischer) noch immer auf diese altmodische Art.

Martin hielt einen Augenblick inne und stach sich schließlich die Nadel in die Oberlippe. Sofort strömten unzählige Informationen durch seine aufnahmebereiten Synapsen. Geistige Verschnaufpausen boten allein gelegentlich eingestreute Werbeblocks. Für ihn als alten Hasen im Geschäft stellte es normalerweise keine Herausforderung dar, die zu übermittelnde Botschaft vom unnützen Datenmüll zu trennen. Er benötigte dennoch fast eine halbe Stunde, um herauszufinden, dass sich hinter den Mengenangaben eines speziellen Kochrezepts (er hatte diese Informationen zuerst als Werbung abgetan) der Dechiffrierungscode für die eigentliche Hauptnachricht auf dem Einwickelpapier versteckte.

Verzweifelt blickte Martin aus dem Bullauge. Zwischen den Tausenden Lichtpunkten der Sterne glaubte er, gerade noch den winzigen Reflexionspunkt eines trudelnden Papierbällchens auszumachen. Er hatte die penetrant nach Fisch stinkenden Zeitungsreste vor zehn Minuten mit der Abfallschleuder entsorgt.

Die Apparatur stammte noch aus den Anfängen der interstellaren Raumfahrt. Müll, den man einfach so ins Weltall kippte, trieb für die Zeit des Flugs, und das waren oft mehrere Monate, einfach neben dem Schiff her. Ein bisweilen recht unappetitlicher Anblick! Um dieser Problematik zu entgehen, installierte man irgendwann in allen Raumschiffen die Abfallschleuder. Unglücklicherweise beging man bei ihrem ersten Einsatz den Fehler, den anfallenden Müll direkt hinter dem Schiff hinauszuschießen. Als das Schiff einige Tage später abbremste, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten. Kurz vor Erreichen des Zielsystems brach die Funkverbindung ab. Ein tragischer Unfall, über den die BBC einen spektakulären Tatsachenbericht ausstrahlte.

Da sich Martin mit seinem Raumanzug nicht allzu weit vom Schiff entfernen konnte (mal davon abgesehen, dass ihm schon von der Vorstellung, das Schiff zu verlassen, ganz anders wurde), gab es nur noch eine Möglichkeit, wieder an das verlorene Zeitungspapier zu gelangen.

Kurz entschlossen schlüpfte er in den neuesten Schrei ingenieurtechnischer Hightechentwicklung, den er sich vor wenigen Terzines geleistet hatte: einen nagelneuen, chromblitzenden Zeitreiseanzug, der dennoch irgendwie an einen altmodischen Taucheranzug erinnerte. Eine nur auf den Randwelten erhältliche Kostbarkeit – Benutzung auf eigene Gefahr. Er drehte an ein paar Rädchen und stellte die gewünschte Zielzeit ein. Mit einem Erfrischungstuch tupfte er sich den Angstschweiß von der Stirn (gar nicht so einfach innerhalb des Anzugs) und drückte schließlich auf die grüne Auslöseplatte.

Weißes Licht … Augenblicke stillen Verharrens … schließlich ungebremstes Fallen, in eine nicht auslotbare Tiefe. Dieses Gefühl entsprach exakt Martins Horrorvorstellung, in einem abstürzenden Fahrstuhl gefangen zu sein. Augenblicke später packte etwas seinen Körper und riss ihn aus dem weißen Licht.

Er stand wieder in der Kommandozentrale seines kleinen Raumschiffs … jedoch um eine ganze Stunde in die Vergangenheit versetzt. Seltsam ernüchtert zuckte er mit den Schultern. Er hatte sich den Vorgang irgendwie … spektakulärer vorgestellt.

Martin schaute sich prüfend um. Eine Stunde zuvor hatte er für längere Zeit im beengten Vakuumsanitärmodul gesessen (ohne den hochleistungsfähigen Luftabsauger unmöglich) und Toilettenpapierlyrik gelesen. Er würde sich daher nicht selbst über den Weg laufen. Er löste die Schrauben vom Schutzblech der Abfallschleuder und versuchte, die Sicherung herauszuziehen. Das Ding klemmte, und er musste erst mit einem Schraubendreher nachhelfen, um den kleinen Zylinder zu lockern und aus der Halterung zu hebeln. Die Prozedur dauerte länger als geplant und drohte, seinen Zeitplan durcheinanderzubringen. Hektisch klappte er das Abdeckblech zurück und wollte gerade wieder in seine Gegenwart zurückkehren, als sich die Tür der Sanitäreinheit öffnete. Einige Sekunden später stand er sich selbst gegenüber.

Ganz automatisch – und ohne sich dagegen wehren zu können, als stünde er unter fremder Kontrolle – zog er seinen Reparaturlaser aus dem Halfter, stellte ihn auf maximalen Energieausstoß und richtete ihn auf sein altes Ich.

Um ein Paradoxon zu verhindern, musste er ein Paradoxon begehen. Ziemlich paradox.

Er erschoss sich und beobachtete ungerührt, wie sein Körper längs nach hinten stürzte. Ein dumpfer und wuchtiger Aufschlag. Seltsamerweise gab es kein Blut an seiner Leiche. Wie in Trance machte er die Abfallschleuder wieder scharf, lud seinen leblosen Körper hinein und entsorgte sich selbst ins Weltall. Sogar für einen abgebrühten Agenten wie ihn eine mehr als bizarre Situation. Danach entfernte er zum zweiten Mal die Sicherung. Seine Finger huschten schnell über die kaum spürbaren Sensorflächen und aktivierten die Rückkehrfunktion im Zeitreiseanzug.

Sekundenbruchteile später befand er sich wieder in seiner eigenen Gegenwart. Irritiert blickte er aus dem Bullauge. Er entdeckte seine langsam vom Schiff wegtrudelnde Leiche – ein immer kleiner werdender weißer Fleck – und nur wenige Meter von seinem Ausblick entfernt zwei Bällchen aus zusammengeknülltem Zeitungspapier. Irgendetwas missfiel ihm an diesem Bild, und er hatte das Gefühl, als wäre hier etwas wirklich schiefgelaufen.

Mit dem Greifarm des Schiffs fischte er eines der Papierbällchen aus der Kälte des Weltraums und begann sofort mit der Dechiffrierung der verschlüsselten Nachricht. Die Botschaft stammte von Zzreccczibrizzi, einem Doppeldoppelagenten. Zzreccczibrizzi verführte – in der jeweiligen Gestalt der auszuspionierenden Aliens – die Partner(innen) hochrangiger Regierungsrepräsentanten und gelangte so an hochbrisante Informationen, die er gewinnbringend an den Meistbietenden verkaufte. Oft war dies sogar jene Partei, von der die Informationen ursprünglich stammten. Zzreccczibrizzi war ein Ehrenmann – zumeist jedenfalls.

Als Martin die Dechiffrierung abgeschlossen hatte, überflog er den Text. Laut Zzreccczibrizzis Informationen planten die Regellaner, die Menschheit auf neuronaler Ebene auszubeuten. Seit mehr als siebzig Jahren war über die Hälfte der Menschheit der Abhängigkeit von Videospielen verfallen. Die andere Hälfte saß währenddessen vor ihren riesigen Wanddisplays und schlug die Zeit bis zur nächsten Mahlzeit mit dem Anschauen von Quizsendungen, Realityshows und Unterhaltungsserien tot. Diese seltsamen und unproduktiven Angewohnheiten der Erdenbewohner versuchten die Regellaner zu nutzen, um die Menschheit in eine riesige Bio-Supercomputer-Einheit (BSE) zu transformieren. Hunderte Handelsreisende waren schon unterwegs, um preisgünstige Virtual-3-D-Bottiche an ahnungslose Videospielefans zu verkaufen. Während des Spielens wurden in den Bottichen die ungenutzten Bereiche des menschlichen Gehirns (die in den letzten Jahren wieder größer wurden) zur Datenverarbeitung genutzt.

Martin warf den Ausdruck mit dem entschlüsselten Text und das Zeitungspapier in den Aktenvernichter. Irritiert beobachtete er eine kleine Metallmaus dabei, wie sie die Papierschnipsel verschlang und sich dann mit einem kühnen Sprung in einen offenstehenden Reparaturschacht davonmachte.

»Dave … ähhh … Martin«, hauchte die einschmeichelnde Stimme der Schiffs-KI. »Ich registrierte gerade einen unerwarteten Masseverlust.«

»Schön!«, erwiderte Martin und beobachtete durch das Bullauge, wie sich mit wachsender Geschwindigkeit ein Miniaturraumschiff in Richtung des nächstliegenden Wurmlochs entfernte.

Martin hörte es hinter sich rascheln. Er drehte sich um. Ein Klumpen grauer Materie fiel von der Decke und verwandelte sich in die monochrome Karikatur eines Menschen.

»Ich bin ein Wächter«, zischelte der Außerirdische durch seinen verkniffenen Mund. »Wir hätten euch nie die Technologie des Zeitreisens überlassen sollen. Durch dein unbedachtes Vorgehen hast du das Gleichgewicht der Dimensionen in Schwingungen versetzt, die sich nun partiell zu überlagern beginnen.«

»Ihr habt uns nie die Technologie des Zeitreisens überlassen«, stellte Martin richtig. »Zzreccczibrizzi hat sie uns für die vollständigen Rechte an der Nachnutzung der Erde – falls sich die Menschheit einmal selbst auslöschen sollte – veräußert.«

»Unwichtig!«, entgegnete der Wächter und hatte dabei sichtbare Schwierigkeiten, seine menschliche Gestalt aufrechtzuerhalten. »Und ziemlich dumm! Wir behalten dich im Auge.«

Ein kurzes Flirren der Luft und der Wächter verschwand mit einem lauten...



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