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Fricke | Takeshis Haut | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Fricke Takeshis Haut

Roman | »Zauberhaft, hochpoetisch ... und hemmungslos realistisch.« - Deutschlandfunk Kultur
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8437-3585-8
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | »Zauberhaft, hochpoetisch ... und hemmungslos realistisch.« - Deutschlandfunk Kultur

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-8437-3585-8
Verlag: Ullstein Ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Der ungewöhnlichste Roman der Bestsellerautorin von Töchter und Die Diplomatin Frida ist Geräuschemacherin, eine der Besten. Sie kann den Klang von Horror und Kriegsgetümmel imitieren. Alles hätte so weiterlaufen können, das Leben mit Robert in dem Haus vor der Stadt - wäre nicht plötzlich Jonas aufgetaucht, der junge Regisseur eines Films, dessen Tonspur abhandengekommen ist. Frida soll nach Japan, genauer: nach Kyoto reisen, um die verlorene Tonspur zu rekonstruieren. Dort allerdings warten mehr als nur technische Prüfungen auf sie. Die Begegnung mit dem jungen Takeshi bringt Fridas Welt ins Wanken. Und als sich ein schweres Beben ereignet, scheinen sich Ursache und Wirkung, Innen und Außen vollends zu verkehren.  »An Fridas Seite wandelt der Leser erst durch ein fremdes Land und dann durch ein ihr fremd gewordenes Leben, wobei sich weder in dem einen noch in dem anderen erahnen lässt, wie es hinter der nächsten Ecke weitergeht. So schön, das muss man sagen, hat man sich lange nicht mehr verlaufen.« FAZ.NET

Lucy Fricke wurde in Hamburg geboren und lebt in Berlin. Für ihre Arbeiten wurde sie vielfach ausgezeichnet, zuletzt war sie Stipendiatin der Kulturakademie Tarabya in Istanbul. Ihr Roman Töchter erhielt 2018 den Bayerischen Buchpreis, wurde in acht Sprachen übersetzt und fürs Kino verfilmt.
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ZATSUON


Geräusch,
Störgeräusch,
Beeinflussung
von außen

1


Auf Wunsch konnte Frida sich desinfizieren lassen. Noch vor der Passkontrolle sprühte eine Dame mit Mundschutz den Passagieren ins Gesicht, auf die geschlossenen Augen, in die offenen Münder. Ein Abendmahl. Hier glaubten sie an die Gesundheit.

Am Zoll zogen sie Frida raus. Ihr Koffer war auf den Millimeter gepackt, zwei Stunden hatte sie gebraucht, immer wieder umgepackt, bis er sich schließen ließ. Der Zollbeamte hielt ihre Unterhosen in die Luft, und sie war zu müde, um sich zu schämen, fühlte sich bloß ausgestellt in unpassender Umgebung. Er packte die Geräte aus, den Fostex FR-2, das Sennheiser-Mikro, den Kopfhörer, immerhin von Sony, das schien ihn zu freuen. Computer, Kabel, Speicherkarten, ein Windschutz, alles reihte er auf dem Tisch auf. Der Drogenhund schnaubte gelangweilt, er aber fotografierte jedes einzelne Teil und wollte wissen, was Frida hier vorhabe.

Dass sie damit Geräusche aufnehmen wolle, für einen Film, dass sie Geräuschemacherin sei, ein schöner Beruf, und der Beamte erwiderte nichts, sah sie nur regungslos an. Wahrscheinlich dachte er, Frida wolle ihn verarschen. Ganz schlecht. Sie zuckte mit den Schultern.

Er griff noch mal in den Koffer, wühlte darin herum, ein BH heftete sich knisternd an seine Gummihandschuhe, da zuckte auch er mit den Schultern, in seinen Mundwinkeln die Andeutung eines Lächelns.

Eine halbe Stunde später verließ Frida mit ihrem Koffer das Gebäude. Er war mit Klebeband umwickelt. Der Beamte hatte ihr bis zuletzt nicht erlaubt, beim Einpacken zu helfen, und schließlich aufgegeben. Interessant hier, dachte sie und stieg in den Bus nach Kyoto.

Es sah nicht aus wie Japan da draußen, nicht wie ihre Vorstellung davon, es sah aus wie Russland, obwohl sie auch in Russland noch nicht gewesen war. Es sah aus, wie ihre Vorstellung von Russland aussah: Plattenbauten, Schnellstraßen, alles in hellem Grau und vor den Fenstern Wäsche. Im Bus lag eine Stille zwischen Schlaf und Smartphone, man vermeldete die Rückkehr und wartete auf Freude, wenigstens am anderen Ende. Frida war die Einzige, die nach draußen schaute. Der Bus fuhr ohne Halt durch, bis zur Kyoto Station.

Vor dem Bahnhof warteten schwarze Taxen, das erste öffnete die Kofferraumklappe, als Frida darauf zuging. Sie reichte dem Fahrer den Zettel mit der Adresse, den Plan, den Jonas gezeichnet hatte, auf dem sie rein gar nichts erkennen konnte und der Fahrer leider auch nicht. Er tippte eine endlose Zeichenfolge ins Navigationsgerät ein, dann startete auf dem Monitor ein pummeliges gelbes Taxi. Sie folgten diesem Wagen, der Fahrer roch nach Rosen, er trug Mütze, weiße Handschuhe und die Rückbank eine gehäkelte Decke. Vor dem Fenster bekam Russland erste Risse, eine rot lackierte Brücke, das in der Ferne glänzende Dach einer Pagode, kleine zweigeschossige Holzhäuser an der vierspurigen Straße. An drei Seiten Berge und in der Mitte ein ruhiger, flacher Fluss. Eine umarmte Stadt, geschützt von der Landschaft.

Nach fünfzehn Minuten hielten sie vor einem hoch aufgeschossenen Apartmenthaus, das protzig wirkte und früh verblüht, eine schmutzig gewordene Erinnerung an die große Blase, in der man noch glaubte, es ginge immer weiter nach oben. Nur der Concierge hatte durchgehalten. In brauner Uniform und mit gelüpfter Mütze verneigte er sich und brachte Frida zum Fahrstuhl, trug mit stiller Leichtigkeit ihr Gepäck, als wäre es ein Kosmetikkoffer.

Sie fuhren in die vierzehnte Etage, Frida blickte in das Atrium hinunter, in dem Bambusbäume standen. Alles war, wie Jonas es beschrieben hatte, für alles hatte er gesorgt, und sie bewegte sich wie eine seiner Figuren, dachte nicht nach, folgte nur den Anweisungen. Es sei sein Apartment, hatte er gesagt, aber es verriet nichts über ihn. Frida wusste nicht einmal, warum er ein Apartment in Kyoto besaß. Sie hatte ihn nicht gefragt, hatte überhaupt gar keine Fragen gehabt, keine Antworten hören wollen.

Der Concierge zeigte ihr den Herd, vor allem die Felder für An und Aus, die sie nur berühren musste, die Strom- und Gasschalter, die sie im Ernstfall umlegen sollte. Die Klimaanlage, den Notruf, den Feueralarm, die Videoüberwachung neben dem Türöffner. Er zeigte ihr auch die Taschenlampe und den Helm im Schrank, hier alles sicher, sagte er in gebrochenem Deutsch, und bevor sie sich noch darüber wundern konnte, deutete er mit der Hand aus dem Fenster, dort, auf der anderen Seite des Flusses, sei das Evakuierungszentrum. Sie würde es finden.

Hier alles sicher, sagte er noch einmal und nickte. Nicht eine Sekunde hatte Frida vorher darüber nachgedacht, ob dieser Ort sicher oder unsicher sein würde. Sie hatte noch nirgendwo einen Helm im Schrank und auf der anderen Straßenseite ein Evakuierungszentrum gehabt. So eine Sicherheit war angsteinflößend. Der Concierge ging weiter ins Bad, zeigte ihr die Knöpfe, die sie drücken musste, am wichtigsten die Spülung für groß und für klein. Dazu die Bideteinstellungen, Strahl oder Spray, für hinten und für vorn. Er hörte nicht mehr mit dem Nicken auf, und Frida tat es ihm gleich. Immer schön nicken, auch wenn sie sich fühlte, als wäre sie gerade mit einem Direktflug aus dem letzten Jahrtausend angereist.

Den Schlüssel legte er auf den Tisch und verbeugte sich, während er rückwärts aus der Wohnung hinausging, den Hausflur entlang. Frida verbeugte sich ebenfalls, wieder und wieder, verbeugte sich sogar noch, als sie ihn schon nicht mehr sah, wusste nicht, wann sie damit aufhören durfte, ob er nicht gleich hinter einem Pfeiler erneut auftauchen würde. Schließlich schloss sie die Tür.

Die Wohnung war winzig, und sie roch wie ein Wunderbaum. Wände, Bettwäsche, Handtücher, alles. Sie zündete sich eine Zigarette an gegen den Gestank und schob die Fenster auf, die Fliegengitter zur Seite. Es war Anfang März und knapp unter zehn Grad. Sie war müde, sie war empfindlich, sie ging ins Bett. Nur neunzig Minuten, das war die goldene Jetlag-Regel, neunzig Minuten Pause und sich dann hineinwerfen in die Welt, die da war.

2


Durch das Fenster, von sehr weit unten, drang ein Gesang wie von vierzig Mönchen. Dazu mischten sich Megafon-Durchsagen eines vorbeifahrenden Autos. Sie wusste nicht, ob das Warnung war, Werbung, Wahlkampf oder bloß der Verkauf von Eiern. Sie würde nicht einmal verstehen, wenn das gesamte Haus rief. Frida lag auf der brettharten Matratze – ein unseliger Kompromiss zwischen Ost und West, sah aus wie ein Bett, fühlte sich aber an wie eine Matte auf dem Boden – und versuchte ihrem Zustand etwas abzugewinnen. War man erst mal verloren, ging ja meistens noch eine Menge, nicht selten ging es dann überhaupt erst richtig los.

Sie trat ins Badezimmer. In der Dusche mehrere Knöpfe, Pfeile nach oben und unten, rote und blaue Tasten, Zeichen, die sie nicht verstand, doch immerhin etwas, das einem Wasserhahn ähnlich war und auch so funktionierte. Eine zarte Frauenstimme ertönte, sprach und sprach, ließ sich nicht abwimmeln, und Frida nahm es hin, beim Duschen hatte noch nie jemand auf sie eingeredet und schon gar keine Frau. Als sie längst mit einem Handtuch vor dem Spiegel stand, redete die Stimme immer noch weiter, vielleicht waren es Lebensweisheiten, Horoskope, wahrscheinlich aber bloß die Warnung, nicht auf dem feuchten Boden auszurutschen.

Auf dem Schreibtisch breitete sie den Plan von Jonas aus. Wegbeschreibungen, Fotos, Schriftzeichen, Orte, eine Liste der wichtigsten Geräusche. Gebete und Ampelsignale, die Stimmen der Automaten und die der Verkäuferinnen. Der Shinkansen, der mit 300 km/h am Baseballstadion vorbeibrettert. Das Waten durch Reisfelder. Vierhundert Glücksspielmaschinen in einer Pachinko-Halle. Der Kamogawa an einem Regentag. Die Greifvögel über dem Fluss.

Sie war froh, etwas zum Abhaken zu haben, sah sich die Szenen noch einmal an, den Gesang im Tempel und den sprechenden Getränkeautomaten. Tagelang war der Mann durch die Sperrzone gelaufen, ohne einem Menschen zu begegnen. Die einzige Stimme, die er hört, dringt aus einem Automaten, der das Ende überlebt hat.

Noch in der Lobby startete sie das Aufnahmegerät und schob sich die OKM-Mikros in die Ohren. Es gab in der Stadt überall sprechende Automaten, doch nur der eine, hatte Jonas herausgefunden, sprach Kansai-Dialekt. Nicht dass das sonst irgendjemand merken würde, doch auch Frida war in solchen Dingen peinlich korrekt.

Die Luft war kälter, als sie erwartet hatte, die Straßen ruhiger. Die Kaiserstadt versteckte sich hinter Einkaufszentren und Wohnsilos. Wann immer Frida nach links oder rechts blickte, entdeckte sie Tempel, geduckt zwischen Technikmärkten und Fast-Food-Restaurants. In der Ferne jene glänzenden Dächer, die millionenfach abgelichtet worden waren. Sie lief weiter die Hauptstraße entlang, blieb immer wieder stehen, um eine saubere Atmo zu bekommen, frei von den eigenen Schritten und Bewegungen. Die Stromleitungen sirrten wie Zikaden, die Ampeln zwitscherten. Sie müsse immer nur geradeaus gehen, über die Brücke, danach links abbiegen, dann käme sie direkt darauf zu. Kyoto ist ein Schachbrett, hatte Jonas gesagt. Unmöglich, sich dort zu verlaufen. Diesen Satz hatte Frida bislang noch immer...



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