E-Book, Deutsch, 128 Seiten
Fukazawa Die Narayama-Lieder
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-293-31038-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein. Mit einem Nachwort von Eduard Klopfenstein
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-293-31038-4
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Shichir? Fukazawa, geboren 1914 in Isawa, Japan, war Schriftsteller und Musiker. Er lernte früh klassisches Gitarrenspiel und trat als Gitarrist in das Nichigeki-Theater in Tokio ein. Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt begann er zu schreiben. Mit seiner Erzählung Die Narayama-Lieder (1956), für die er den Ch??-k?ron-Nachwuchspreis erhielt, wurde er zu einem der berühmtesten Autoren Japans, weitere Auszeichnungen folgten. Mitte der Siebzigerjahre zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück, 1987 starb er in Sh?bu.
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Berg an Berg an Berg – so weit das Auge reicht, nichts als Berge. Im rauen Hochland von Shinshu lag ein Dorf, und am äußersten Rand dieses Dorfes lag die Hütte von Orin. Vor der Hütte lud der mächtige, ebenmäßige Wurzelstock einer Zelkove zum Ausruhen und Verweilen ein. Wer dort vorbeikam, ob groß oder klein, nutzte die Gelegenheit gern. So ergab es sich, dass die Einheimischen Orins Haus einfach nur »Wurzelhütte« nannten.
Orin lebte schon seit mehr als fünfzig Jahren in diesem Dorf. Das Dorf, in dem Orin vor ihrer Heirat gelebt hatte, hieß hier nur »Das andere Dorf« – wie auch dort das Dorf, in dem Orin jetzt lebte, »Das andere Dorf« hieß. Da beide Dörfer keinen Namen hatten, nannte man sich gegenseitig so. Zwar sagten alle »Das andere Dorf«, eigentlich aber bedeutete es »Das Dorf auf der anderen Seite des Berges«. Um hinzugelangen, musste man einen beschwerlichen Weg auf sich nehmen.
Orin war neunundsechzig. Ihren Mann hatte sie bereits vor zwanzig Jahren verloren. Die Frau ihres einzigen Sohnes Tatsuhei war im vergangenen Jahr gestorben, als sie beim Kastaniensammeln in eine Schlucht stürzte. Dass Orin sich plötzlich um vier Enkelkinder kümmern musste, war nicht so schlimm; viel mehr Kopfzerbrechen bereitete ihr die Suche nach einer neuen Frau für Tatsuhei, denn weder im eigenen noch im anderen Dorf gab es eine Witwe, die vom Alter her einigermaßen gepasst hätte.
Eines Tages hörte Orin zwei Stimmen, auf die sie lange gewartet hatte. Die erste war die eines Dörflers, der am Morgen zum Hinterberg unterwegs war und jenes Lied sang:
Kehrt das Fest vom Narayama dreimal wieder
Lassen die Kastanien ihre Blüten sehn
Das Lied sang man im Dorf zum Bon-Tanz, und da es in diesem Jahr noch nie erklungen war, hatte Orin sich schon gefragt, ob denn nicht bald jemand die vertraute Melodie anstimmen würde. Drei Jahre vom Samen bis zur Blüte – das bedeutete zugleich: Drei Jahre des Lebens sind dahin. Im Dorf gab es den Brauch, mit siebzig die Reise zum Narayama anzutreten. So war das Lied für die Älteren stets auch eine Erinnerung daran, dass der große Tag unaufhaltsam näher rückte.
Orin lauschte dem langsam entschwindenden Gesang. Als sie verstohlen zu Tatsuhei hinüberblickte, merkte sie an seinem vorgereckten Kinn, dass auch er gebannt der Stimme lauschte. Seine Augen leuchteten. Ah, Tatsuhei wird dich auf deiner Reise zum Narayama begleiten, dachte Orin gerührt, und unwillkürlich entfuhr es ihr aus tiefstem Herzen: »Was ist mein Sohn doch ein guter Kerl!«
Die zweite Stimme, nach der sich Orin gesehnt hatte, war die eines Eilboten. Er überbrachte die Nachricht, dass es im anderen Dorf neuerdings eine Witwe gebe. Sie sei fünfundvierzig Jahre alt, genau wie Tatsuhei. Ihr Mann sei vor drei Tagen bestattet worden. Doch das kümmerte niemanden. Wenn nur das Alter ungefähr stimmte, war die Sache so gut wie entschieden. Der Bote war hergeeilt, um von einem unerwarteten Todesfall zu berichten, und machte sich nun mit der Übereinkunft auf den Rückweg, dass die Witwe am vereinbarten Tag ins Dorf kommen und Tatsuheis neue Ehefrau werden solle. Tatsuhei war gerade in den Bergen. Doch zu sagen, Orin habe alles eigenmächtig arrangiert, wäre verfehlt; allein schon die Worte des Boten reichten, um das innig Gewünschte geschehen zu lassen. Sobald Tatsuhei nach Hause käme, würde sie ihm die Neuigkeit erzählen, und alles würde gut.
Heiratsfragen wurden ganz unkompliziert geregelt. Mann und Frau trafen sich zu einem traulichen Gespräch. Fanden beide Gefallen aneinander, zog die Frau in die Hütte des Mannes und lebte dort mit ihm. Ein Fest oder eine Zeremonie gab es nicht. Hin und wieder musste die Hilfe eines Vermittlers in Anspruch genommen werden, aber selbst dann war vor allem das Alter entscheidend. Erst besuchte die Frau den Mann zu Hause, bis sie irgendwann auch dort schlief und schließlich Teil der Familie wurde.
Abwechslung bot das Leben im Bergdorf kaum. Es gab zwar Bon und Neujahr, nur: Wohin hätte man gehen sollen, um ausgelassen zu feiern? So begnügte man sich einfach damit, an diesen Tagen nicht zu arbeiten. Üppig gekocht und geschmaust wurde einzig beim Narayama-Fest; ansonsten lebte man in bescheidensten Verhältnissen.
Orin schaute dem Boten lange hinterher. Er hatte gesagt, die Eltern der Witwe hätten ihn hergeschickt, aber sie vermutete, dass er nicht irgendein Laufbursche, sondern ein naher Verwandter der Familie war. Seit dem Tod des Mannes waren erst wenige Tage vergangen, und schon kam jemand in Windeseile, in bestimmter Absicht … Die Familie war offenbar darum besorgt, für die verwitwete Tochter so schnell wie möglich ein neues Nest zu finden. Aber für uns ist es ja auch gut, dachte Orin, erfüllt von Dankbarkeit. Nächstes Jahr würde sie siebzig werden und die Reise zum Narayama antreten. Was, wenn sich bis dahin keine Schwiegertochter findet?, hatte Orin sich immer wieder sorgenvoll gefragt. Und nun war da auf einmal eine Frau im passenden Alter, die schon bald als zukünftige Braut und Schwiegertochter mit einem Verwandten herüberkommen würde. Welch ein Glück! Orin atmete erleichtert auf, als hätte man ihr eine schwere Last von den Schultern genommen. Nicht nur die Hoffnung auf eine neue Schwiegertochter, allein die Tatsache, dass sich überhaupt eine Frau ankündigte, war Grund zur Freude. Ihre größte Sorge war wie weggeblasen.
Orin hatte vier Enkelkinder, ein Mädchen und drei Jungen. Ihr ältester Enkel, Kesakichi, war sechzehn, während das jüngste und einzige Mädchen noch keine drei Jahre alt war. Des Suchens und Wartens überdrüssig geworden, schien Tatsuhei in letzter Zeit die Hoffnung auf eine neue Lebensgefährtin verloren zu haben. Lustlos lebte er in den Tag hinein, nichts vermochte ihn aufzumuntern. Orin wie auch die Dörfler hatten das natürlich bemerkt. Die unerwartete Nachricht wird seine Fröhlichkeit, seinen Tatendrang bestimmt wiederbeleben, war Orin überzeugt und spürte, wie der Gedanke in ihr selbst frische Lebensgeister weckte.
Am Abend, als Tatsuhei vom Berg zurückkam und sich auf die Wurzel setzte, rief Orin aus dem Innern des Hauses ganz erregt: »He, Tatsuhei! Im andern Dorf gibt’s eine Braut für dich! Witwe ist sie, erst seit vorgestern, kommt aber her, sobald neunundvierzig Tage vorbei sind. Ist das nicht ’ne Überraschung?« In einem einzigen Wortschwall brach die Nachricht aus ihr heraus. Orin platzte fast vor Stolz, ihrem Sohn endlich von der Braut erzählen zu können. Sie fühlte sich, als hätte sie eine Heldentat vollbracht.
Tatsuhei wandte sich um. »Was? Wirklich? Aus dem andern Dorf? Wie alt ist sie denn?«
Orin stürzte aus der Hütte und auf Tatsuhei zu. »Tamayan heißt sie. Sie ist fünfundvierzig, genau wie du!«
»Nach so langer Zeit weiß ich ja schon gar nicht mehr, wie’s geht …« Tatsuhei lachte – vielleicht auch aus Verlegenheit? – und nickte Orin halb vergnügt, halb gequält zu. Mit dem Spürsinn einer alten Frau fragte sie sich, ob Tatsuhei die Neuigkeit letztlich gar nicht so interessierte, ob ihn etwas anderes beschäftigte. Doch der Zweifel verflog schnell wieder, und Orin lächelte selig vor Glück.
Der Narayama war nicht irgendein Berg: Auf diesem Berg wohnte ein Gott. Da alle, die zum Narayama gegangen waren, ihn gesehen hatten, zweifelte niemand daran. Und da niemand an diesem Gott zweifelte, wurde das Narayama-Fest so aufwendig vorbereitet und so ausgiebig gefeiert wie kein anderes. Fast wollte man meinen, es gäbe nichts Wichtigeres – was auch daran lag, dass kurz darauf das Bon-Fest stattfand und sich die Lieder beider Anlässe vermischten und schließlich eins wurden.
Das Bon-Fest dauerte vom dreizehnten bis zum sechzehnten Tag des siebten Mondmonats. Das Narayama-Fest wurde am Abend vor Beginn des Bon-Festes gefeiert, also am zwölften Tag. Neben dem, was der Frühherbst an Essbarem hergab, wie Bergkastanien, wilde Beeren, Eibennüsse und Pilze, bereitete man zum Narayama-Fest noch etwas anderes zu: weißen Reis, das für die Bergbewohner Allerkostbarste. Wenn dann noch der milchig trübe Reiswein fertig war, schmauste man die ganze Nacht hindurch. Weißer Reis hieß in dem weit abgelegenen, unwirtlichen Dorf »Heiliger Weißer Buschklee«, da die Blütenknospen des Klees an Reiskörner erinnerten und Reis etwas ganz Besonderes war. Ebene Flecken für den Anbau gab es kaum, entsprechend mager fiel die Ernte aus. Die tägliche Nahrung bestand vor allem aus Hirse und Mais – Pflanzen, die auch an steilen Hängen angebaut werden konnten. In den Genuss von weißem Reis kam man nur beim Narayama-Fest oder wenn man mit einer schweren Krankheit darniederlag.
Zum Bon-Tanz sangen die Dörfler:
Eia ei, eia ei, wie schlau Väterchen doch ist
Drei Tag auf der Matte und kriegt schon, was er will
Das Lied geißelte skrupellose Verschwendung und verspottete die Missetäter als Heuchler, Schurken, Deppen. Als eine Art Mahnspruch erklang es auch bei vielen anderen Gelegenheiten. Wenn etwa ein Junge nur müßig herumfläzte, sangen die Eltern oder Geschwister:
Eia ei, eia ei, wie schlau Brüderchen doch ist
Drei Tag auf der Matte und kriegt schon, was er will
So wurde der Junge nicht direkt getadelt, doch die Botschaft...




