Gaarder | Sofies Welt | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 624 Seiten

Gaarder Sofies Welt

Roman über die Geschichte der Philosophie
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-446-24241-8
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman über die Geschichte der Philosophie

E-Book, Deutsch, 624 Seiten

ISBN: 978-3-446-24241-8
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Roman über zwei ungleiche Mädchen und einen geheimnisvollen Briefeschreiber, ein Kriminal- und Abenteuerroman des Denkens, ein geistreiches und witziges Buch, ein großes Lesevergnügen und zu allem eine Geschichte der Philosophie von den Anfängen bis zur Gegenwart. Ausgezeichnet mit dem Jugendliteraturpreis 1994. Bis zum Sommer 1998 wurde Sofies Welt 2 Millionen mal verkauft.
DEUTSCHER JUGENDLITERATURPREIS 1994

Jostein Gaarder, 1952 in Norwegen geboren, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften. Er war lange Philosophielehrer und lebt heute als freier Schriftsteller in Oslo. Sein Roman Sofies Welt (1993) wurde in über 50 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschienen von ihm Ein treuer Freund (Roman, 2017) und Genau richtig (2019). 2023 folgte Ist es nicht ein Wunder, dass es uns gibt? Eine Lebensphilosophie.
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Der Garten Eden


... schließlich und endlich musste doch irgendwann irgendetwas aus null und nichts entstanden sein ...

Sofie Amundsen war auf dem Heimweg von der Schule. Das erste Stück war sie mit Jorunn zusammen gegangen. Sie hatten sich über Roboter unterhalten. Jorunn hielt das menschliche Gehirn für einen komplizierten Computer. Sofie war sich nicht so sicher, ob sie da zustimmte. Ein Mensch musste doch mehr sein als eine Maschine?

Beim Supermarkt hatten sie sich getrennt. Sofie wohnte am Ende eines ausgedehnten Viertels mit Einfamilienhäusern und hatte einen fast doppelt so langen Schulweg wie Jorunn. Ihr Haus schien am Ende der Welt zu liegen, denn hinter ihrem Garten gab es keine weiteren Häuser mehr, nur noch Wald.

Jetzt bog sie in den Kløverveien ein. Ganz am Ende machte der eine scharfe Kurve, die »Kapitänskurve« genannt wurde. Menschen waren hier fast nur samstags und sonntags zu sehen.

Es war einer der ersten Tage im Mai. In einigen Gärten blühten unter den Obstbäumen dichte Kränze von Osterglocken. Die Birken hatten dünne Umhänge aus grünem Flor.

War es nicht seltsam, wie zu dieser Jahreszeit alles anfing zu wachsen und zu gedeihen? Woran lag es, dass Kilo um Kilo des grünen Pflanzenstoffes aus der leblosen Erde quellen konnte, sowie das Wetter warm wurde und die letzten Schneereste verschwunden waren?

Sofie schaute in den Briefkasten, ehe sie das Gartentor öffnete. In der Regel gab es darin viel Reklamekram und einige große Briefumschläge für ihre Mutter. Sofie legte dann immer einen dicken Stapel Post auf den Küchentisch, ehe sie auf ihr Zimmer ging, um ihre Aufgaben zu machen.

An ihren Vater kamen nur manchmal Kontoauszüge, aber er war schließlich auch kein normaler Vater. Sofies Vater war Kapitän auf einem Öltanker und fast das ganze Jahr unterwegs. Wenn er dann für einige Wochen nach Hause kam, latschte er nur in Pantoffeln im Haus herum und kümmerte sich rührend um Sofie und ihre Mutter. Aber wenn er auf Reisen war, konnte er ziemlich fern wirken.

Heute lag in dem großen grünen Briefkasten nur ein kleiner Brief – und der war für Sofie.

»Sofie Amundsen«, stand auf dem kleinen Briefumschlag. »Kløverveien 3«. Das war alles, kein Absender. Der Brief hatte nicht einmal eine Briefmarke.

Sowie Sofie das Tor hinter sich geschlossen hatte, öffnete sie den Briefumschlag. Darin fand sie nur einen ziemlich kleinen Zettel, nicht größer als der dazugehörende Umschlag. Auf dem Zettel stand: Wer bist du?

Mehr nicht. Der Zettel enthielt keinen Gruß und keinen Absender, nur diese drei handgeschriebenen Wörter, auf die ein großes Fragezeichen folgte.

Sie sah noch einmal den Briefumschlag an. Doch – der Brief war wirklich für sie. Aber wer hatte ihn in den Briefkasten gesteckt?

Sofie schloss rasch die Tür des roten Hauses auf. Wie üblich konnte die Katze Sherekan sich aus den Büschen schleichen, auf den Treppenabsatz springen und ins Haus schlüpfen, ehe Sofie die Tür hinter sich zugemacht hatte.

»Miez, Miez, Miez!«

Wenn Sofies Mutter aus irgendeinem Grund sauer war, bezeichnete sie ihr Haus manchmal als Menagerie. Eine Menagerie war eine Sammlung verschiedene Tiere und wirklich – Sofie war mit ihrer eigenen Sammlung recht zufrieden. Zuerst hatte sie ein Glas mit den Goldfischen Goldlöckchen, Rotkäppchen und Schwarzer Peter bekommen. Dann kamen die Wellensittiche Tom und Jerry, die Schildkröte Govinda und schließlich noch die gelbbraune Tigerkatze Sherekan dazu. Alle Tiere sollten eine Art Entschädigung sein, weil ihre Mutter spät Feierabend hatte und ihr Vater so viel in der Welt herumfuhr.

Sofie warf die Schultasche in die Ecke und stellte Sherekan eine Schale mit Katzenfutter hin. Dann ließ sie sich mit dem geheimnisvollen Brief in der Hand auf einen Küchenhocker fallen.

Wer bist du?

Wenn sie das wüsste! Sie war natürlich Sofie Amundsen, aber wer war das? Das hatte sie noch nicht richtig herausgefunden.

Wenn sie nun anders hieße? Anne Knutsen zum Beispiel. Wäre sie dann auch eine andere?

Plötzlich fiel ihr ein, dass ihr Vater sie zuerst gern Synnøve genannt hätte. Sofie versuchte sich auszumalen, wie es wäre, wenn sie die Hand ausstreckte und sich als Synnøve Amundsen vorstellte – aber nein, das ging nicht. Dabei stellte sie sich die ganze Zeit eine andere vor.

Nun sprang sie vom Hocker und ging mit dem seltsamen Brief in der Hand ins Badezimmer. Sie stellte sich vor den Spiegel und starrte sich in die Augen.

»Ich bin Sofie Amundsen«, sagte sie.

Das Mädchen im Spiegel schnitt als Antwort nicht einmal die kleinste Grimasse. Egal, was Sofie auch machte, sie machte genau dasselbe. Sofie versuchte, dem Spiegelbild mit einer blitzschnellen Bewegung zuvorzukommen, aber die andere war genauso schnell.

»Wer bist du?«, fragte Sofie.

Auch jetzt bekam sie keine Antwort, aber für einen kurzen Moment wusste sie einfach nicht, ob sie oder ihr Spiegelbild diese Frage gestellt hatte.

Sofie drückte den Zeigefinger auf die Nase im Spiegel und sagte:

»Du bist ich.«

Als sie keine Antwort bekam, stellte sie den Satz auf den Kopf und sagte:

»Ich bin du.«

Sofie Amundsen war mit ihrem Aussehen nie besonders zufrieden gewesen. Sie hörte oft, dass sie schöne Mandelaugen hätte, aber das sagten sie wohl nur, weil ihre Nase zu klein und ihr Mund etwas zu groß war. Die Ohren saßen außerdem viel zu nah an den Augen. Am schlimmsten aber waren die glatten Haare, die sich einfach nicht legen ließen. Manchmal strich der Vater ihr darüber und nannte sie »das Mädchen mit den Flachshaaren«, nach einer Komposition von Claude Débussy. Der hatte gut reden, schließlich war er nicht dazu verurteilt, sein Leben lang schwarze, glatt herabhängende Haare zu haben. Bei Sofies Haaren halfen weder Spray noch Gel.

Manchmal fand sie ihr Aussehen so seltsam, dass sie sich fragte, ob sie vielleicht eine Missgeburt sein konnte. Ihre Mutter hatte jedenfalls von einer schwierigen Geburt erzählt. Aber entschied wirklich die Geburt, wie jemand aussah?

War es nicht ein bisschen komisch, dass sie nicht wusste, wer sie war? Und war es nicht auch eine Zumutung, dass sie nicht über ihr eigenes Aussehen bestimmen konnte? Das war ihr einfach in die Wiege gelegt worden. Ihre Freunde konnte sie vielleicht wählen, sich selber hatte sie aber nicht gewählt. Sie hatte sich nicht einmal dafür entschieden, ein Mensch zu sein.

Was war ein Mensch?

Sofie sah wieder das Mädchen im Spiegel an.

»Ich glaube, ich mache jetzt lieber meine Bio-Aufgaben«, sagte sie, fast, wie um sich zu entschuldigen. Im nächsten Moment stand sie draußen im Flur.

Nein, ich gehe lieber in den Garten, dachte sie dort.

»Miez, Miez, Miez, Miez!«

Sofie scheuchte die Katze hinaus auf die Treppe und schloss hinter sich die Tür.

Als sie mit dem geheimnisvollen Brief in der Hand draußen auf dem Kiesweg stand, überkam sie plötzlich ein seltsames Gefühl. Sie kam sich fast wie eine Puppe vor, die durch Zauberkraft lebendig geworden war.

War es nicht seltsam, dass sie auf der Welt war und in einem wunderlichen Märchen herumlaufen konnte?

Sherekan sprang elegant über den Kiesweg und verschwand in den eng stehenden Johannisbeersträuchern. Eine lebendige Katze, quicklebendig von den weißen Schnurrhaaren bis zu dem peitschenden Schwanz ganz hinten am Körper. Auch sie war im Garten, aber sie war sich dessen wohl kaum auf dieselbe Weise bewusst wie Sofie.

Als Sofie eine Weile darüber nachgedacht hatte, dass sie existierte, musste sie auch daran denken, dass sie nicht immer hier sein würde.

Ich bin jetzt auf der Welt, dachte sie. Aber eines Tages werde ich verschwunden sein.

Gab es ein Leben nach dem Tod? Auch von dieser Frage hatte die Katze keine Ahnung.

Vor gar nicht langer Zeit war Sofies Großmutter gestorben. Fast jeden Tag seit über einem halben Jahr dachte Sofie daran, wie sehr sie sie vermisste. War es nicht ungerecht, dass das Leben einmal ein Ende hatte?

Sofie blieb grübelnd auf dem Kiesweg stehen. Sie versuchte, besonders intensiv daran zu denken, dass sie existierte, um dabei zu vergessen, dass sie nicht immer hier sein würde. Aber das war ganz unmöglich. Sowie sie sich darauf konzentrierte, dass sie existierte, tauchte sofort auch ein Gedanke an das Ende des Lebens auf. Umgekehrt war es genauso: Erst wenn sie ganz stark empfand, dass sie eines Tages ganz verschwunden sein würde, ging ihr richtig auf, wie unendlich wertvoll das Leben war. Es war wie die beiden Seiten einer Münze, einer Münze, die sie immer wieder umdrehte. Und je größer und deutlicher die eine Seite der Münze war, umso größer und deutlicher wurde auch die andere. Leben und Tod waren zwei Seiten derselben Sache.

Man kann nicht erleben, dass man existiert, ohne auch zu erleben, dass man sterben muss, dachte sie. Und es ist genauso unmöglich, darüber nachzudenken, dass man sterben muss, ohne zugleich daran zu denken, wie phantastisch das Leben ist.

Sofie fiel ein, dass ihre Großmutter an dem Tag, an dem sie von ihrer Krankheit erfahren hatte, etwas Ähnliches gesagt hatte. »Erst jetzt begreife ich, wie reich das Leben ist«, hatte sie gesagt.

War es nicht traurig, dass die meisten Leute erst krank werden mussten, ehe sie einsahen, wie schön das Leben war? Zumindest mussten sie offenbar einen geheimnisvollen Brief im Briefkasten finden.

...


Gaarder, Jostein
Jostein Gaarder, 1952 in Norwegen geboren, studierte Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaften. Er war lange Philosophielehrer und lebt heute als freier Schriftsteller in Oslo. 1993 erschien bei Hanser der Weltbestseller Sofies Welt, zuletzt erschien der Roman Ein treuer Freund (2017).

Haefs, Gabriele
Gabriele Haefs, 1953 in Wachtendonk geboren, lebt als Übersetzerin und Herausgeberin in Hamburg. Aus dem Norwegischen übersetzte sie u. a. Jostein Gaarder, Anne Holt und Klaus Hagerup. Für ihre Übersetzungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Willy-Brandt-Preis, dem Hamburger Literaturförderpreis und dem Königlich Norwegischen Verdienstorden, Ritter 1. Klasse. 2008 erhielt sie den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises für das Gesamtwerk.



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