Ganghofer | Waldrausch | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Reihe: Classics To Go

Ganghofer Waldrausch


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-499-9
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 356 Seiten

Reihe: Classics To Go

ISBN: 978-3-98744-499-9
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Die Handlung des Romans spielt sich im Zeitalter der beginnenden Industrialisierung (Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert) ab. In einem kleinen, näher nicht definierten ? jedoch seit Jahrhunderten unberührten ? Bergtal der Bayerischen Alpen zieht die ?neue? Zeit des Umbruchs ein. Der Bau einer Talsperre und die Regulierung des unterhalb liegenden Baches, im Roman ?Wildach? genannt, sollen die unterhalb liegenden Fluren, sowie die Ortschaft und ihre Bewohner zukünftig von Überflutungen bei Hochwasser schützen. Die konservativen Talbewohner werden jäh aus ihrem ?Dornröschenschlaf? gerissen und mit nahezu unlösbaren Problemen konfrontiert.

Ganghofer Waldrausch jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Erster Band
1
In ihrem ganzen Leben waren die zwei Kameraden noch nie so weit in die Welt hinausgekommen wie an diesem Morgen. Von ihrer Heimat war nur noch die Kirchturmspitze zu sehen, die nadelfein heraufragte über den blauträumenden, das ganze Tal durchquerenden Buchenwald. Die goldene Kugel auf dem grüngestengelten Kupferdach des Turmes blinkte in der Maisonne wie ein Stern, so fern, daß ihn keine Sehnsucht zu erreichen wagt. Dennoch wanderten die beiden Kameraden noch immer weiter hinaus in die fremde, wundersame Welt. Jede neue Bergzinne, die sich mit silbernen Schneefeldern heraushob über die steilen Wälder, war ihnen wie ein unerhörtes Ding, bei dessen Anblick man Herzklopfen bekommt. Sie standen und guckten. Und schritten weiter mit jenem Mute, der ein Nieerlebtes zu erleben hofft. Da tauchte hinter hohen Wälderwogen ein mächtiger Felskoloß heraus, schimmernd in der Sonne, so steil, daß kein Schnee mehr auf ihm haftete, und so kahl, daß man kaum noch eine bläuliche Schartenschrunde in der Steinwand zu erkennen vermochte. Tief atmend fragte der eine der beiden Knaben: »Tonele, wie heißt der Berg?« »Ich weiß nimmer. Der Vater selig hat mir's gsagt amal. Jetzt weiß ich's nimmer.« Sie spähten zu dem Berg hinauf, der wie eine steinerne Riesenfaust in das Blau des Himmels griff. Und der kleinere von den zweien, ein fünfjähriges Bürschl, sagte keck: »Da möcht ich hinauf einmal!« »Und tätst abifallen! Und tot sein.« »Du vielleicht! Ich tät hinaufkommen!« Dem siebenjährigen Tonele ging ein gutmütiges Lächeln um den weichen, roten Kindermund. Wie in freundlicher Barmherzigkeit sah er den kleinen Brosi an. Das war ein feines, zierliches Bübchen mit einem lichtblonden Ringelwust um das blühende Gesicht, in dem die blauen Augen sehnsüchtig strahlten. Die Füßchen und die runden Waden waren nackt, aber nicht so von der Sonne abgebrannt wie beim Tonele. Der trug außer dem kurzen, verwachsenen Lederhöschen nur ein Hemdl, das nimmer recht sauber war, während der kleine Brosi ein Gewand von städtischem Schnitt hatte, Pumphöschen und Bluse aus braunem Samt. Unter dem blonden Geringel war ein Matrosenkragen aus blau und weiß gestreiftem Leinen über die Schultern herausgelegt. Die Sonnenwärme lockerte das Blondhaar des Bübchens, so daß sich die wirren Ringeln immer leise bewegten. Die gespreizten Füße waren eingewühlt in den Staub der Straße. Immer spähte der kleine Kerl zu der steilen Felszinne hinauf. Dann entdeckte er in der Ferne des blühenden Wiesentales wieder ein geheimnisvolles Ding, das seinen Mut reizte. Dort schlossen die Berge das Tal, und mit sanften Wogen erhob sich ein Fichtenwald; schmale Sonnenbänder flossen über das Meer der Wipfel nieder; das war anzusehen, als wäre das Schattenblau von schimmerig gezahnten Goldborten durchzogen. Flüsternd sagte der kleine Brosi: »Tonele! Da geh ich hinein. In den tiefen, dunkeln Wald!« Auch dem Tonele brannte ein neugieriger Durst in den nußbraunen Augen. Sein schlankes, kräftiges Körperchen streckte sich, als wäre auch in ihm der Wille zu einer kühnen Tat erwacht. Gleich aber huschte ihm wieder jenes gutmütige Lächeln über das sonnverbrannte Gesicht. Halb mahnend, halb scherzend sagte er: »Brosle! Das sollst lieber bleiben lassen. In dem tiefen, finsteren Wald, da fressen dich die Füchs.« Brosi blickte nachdenklich gegen den Wald mit den goldleuchtenden Wipfeln hinaus. Trotziger Eigensinn erwachte in seinen großgeöffneten blauen Augen. »Wenn du dich fürchten tust, so geh halt heim! Ich geh in den finstern Wald hinein. Ich tu's!« Er schloß die Händchen zu Fäusten und wanderte mutig die sonnige Straße hin, dem gefährlichen Wald entgegen, der mit seinem samtdunkeln, glanzgebänderten Grün im Dufte des Vormittags lag, wie das Leben mit seinen geheimnisvollen Schatten und lockenden Helligkeiten vor dem Blicke aller Jugend liegt. Der Tonele besann sich ein bißchen, schob lächelnd die Hände in die Taschen seines Lederhöschens und ging gemütlich hinter dem Brosi her. Es war bis zu dem dunkeln, tiefen Wald kein allzu weiter Weg. Ein Mann mit gutem Schritt hätte den Forst in einem Viertelstündchen erreicht. Aber auf das Maß eines festen Männerschrittes kamen drei hurtige Zappelschrittlein des Brosi. Noch ehe der Weg zur Hälfte durchschritten war, mahnte der Tonele herzlich »Geh, sei gscheit! Wir sind schon endsweit von daheim. Da kommst nimmer recht zum Essen. Und dein Mutterl wird schelten.« Brosi schüttelte das blonde Köpfl. »Die hat noch nie gescholten.« Er zappelte in der Sonne weiter. Eine Strecke ging die Straße zwischen Bretterplanken hin, die so hoch waren, daß der Brosi den Wald nimmer sehen konnte. Irgendwo hinter diesen Planken mußte der Bach sein; man hörte sein schönes Rauschen. Dann bog von der Straße ein schmaler Wiesenpfad ab. Brosi zappelte vorüber. Der Tonele rief ihm nach: »Du! Bald eini willst ins Holz, nacher mußt da ummi!« »Wo?« Der Brosi guckte. »Da!« sagte der Tonele, die Hände in den Hosentaschen, und deutete mit dem nackten, verstaubten Fuß nach einem steilen, aus drei Brettchen aufgestaffelten Überstieg der Planke. Weiter sprach er kein Wort. Er lächelte nur wieder. Das nahm der Brosi für einen Zweifel an seinem Mut. »Meinst, ich trau mich so hoch nicht hinauf?« Er fing zu kraxeln an. Als er die Höhe der Planke erklommen hatte, setzte er sich rittlings auf die Schneide des obersten Brettes und spähte mit glänzenden Augen über die sonnige, bunt durchblühte Wiese hinüber zu dem dunkeln Walde. Da schwammen linde Glockentöne über das lange Tal einher. »Brosle! Hörst? Es tut elfe läuten.« »Mir ist alles eins!« Der blonde Held auf der Bretterplanke sprang in die Wiese hinunter. Nun stieg auch der Tonele über die Planke hinauf. »Geh, Brosle, kehr um!« Da sah er auf hohem Pfahl eine weiße Tafel mit schwarzer Inschrift. Weil der Tonele sich in der Dorfschule einen langen Winter schon mit dem Buchstabieren geplagt hatte, drum konnte er lesen, was da mit dicken Zeichen angeschrieben stand: ›Verbotener Weg!‹ Darunter standen noch drei Zeilen in kleinerer Schrift, daß der zur ›Großen Not‹ hinaufführende Jagdsteig für jeden öffentlichen Verkehr gesperrt wäre und daß Zuwiderhandelnde allerlei Unannehmlichkeiten in der Kanzlei der fürstlichen Jagdverwaltung zu gewärtigen hätten. Mit dieser klein geschriebenen Sache befaßte sich der Tonele nimmer. Es genügte ihm, die beiden groß gemalten Wörter entziffert zu haben: ›Verbotener Weg!‹ Er sprang in die Wiese hinunter und rannte, bis er den kühnen Brosi eingeholt hatte. »Geh nur zu, Brosle, ich tu schon aufpassen!« Jetzt schien die Tat, die sie unternahmen, dem Brosi erst die rechte Freude zu machen. Als der blonde Held vor den dunklen Schatten des Waldsaumes doch ein bißchen zögerte, nahm ihn der Tonele bei der Hand und sagte: »Komm! Ich laß dir nix tun!« Hand in Hand, die kindlichen Seelen durchzittert von jenem stolzen Rausch, mit dem ein Forscher ein Geheimnis der Ewigkeit entschleiert, schritten sie hinein in die träumende Mittagsstille des Waldes. Es war ein Wald, wie in den Bergen alle Wälder sind, ein Gemenge von Zerstörung und kraftvoller Schönheit, von faulendem Tod und sprossendem Leben. Man spürt da nicht die pflegende Hand, wie sie in den Wäldern der Ebene zu merken ist. Der Bergwald muß selber sorgen für die Dauer seines Lebens. Sieben Bäume schlägt der Mensch, zehn mal sieben wirft der Sturm, siebenhundert zerdrückt der Schnee und ersticken die Lawinen, und siebentausend wachsen, werden hundertjährig, altern und vermorschen, und es war ihr einziger Zweck, daß sie lebten und blühten, Samen streuten und starben. Blauduftiger Schatten wehte unter den Bäumen, und überall zwischen den hohen Wipfeln spiegelten die Sonnenlichter herein wie Grüße einer helleren Welt. Lautloses Träumen. Manchmal das leise Pispern der kleinen Vögel. Irgendwo in der Tiefe des Waldes scheitete ein Specht; wenn er sein Hämmern einstellte, klang ein langgezogener, melancholischer Ruf, als hätte der Wald in seiner grünen Freude auch einen Schrei des Schmerzes. Den hohen Bäumen zu Füßen blühte ein Wald im kleinen, der magere, hart um sein Leben ringende Urwuchs und das bunte Gewirr der winzigen Blumen – weiße Sterne, blaue Glocken, die violetten Ähren des Knabenkrautes mit den schwarz gefleckten Blättern, die zart gefärbten Katzenpfötchen und die rosigen Kelchblüten des Seidelbastes, dessen starker, herbsüßer Wohlgeruch die Waldluft würzte. Schweigend schlüpften die beiden Knaben durch die Stauden. Was sie gewahrten, das Nahe und das Ferne, wurde für sie zu einem gruseligen Erlebnis oder zu einer schönen Sache. Dann kam zu dem Märchen, das in ihren Seelen webte, auch das Geheimnis herangetreten. Sie hörten – erst leise, dann immer lauter und näher – scharfe, taktmäßige Klänge wie Hammerschläge auf hartem Gestein. Als sie der Richtung zublickten, aus der diese Töne klangen, entdeckten sie hinter dem Riesengitter der Baumstämme etwas Ungeheuerliches. Brosi meinte, das wäre eine dicke, lange, giftgelbe Schlange, die sich durch den Schatten des Waldes und durch grelle Sonnenflecke hinaufwand gegen die Höhe des Berges. Aber Tonele sagte mit klugem Lächeln: »Dös is doch bloß a Weg!« Die gelben Schleifen waren die Serpentinen des Reitweges. Brosi ließ sich durch diese Klarstellung aus seinem Waldtraum nicht ernüchtern. Er hatte schon wieder ein Geheimnis erspäht, etwas Goldrotes und Silberweißes, das sich bei jenen wunderlichen Hammerschlägen mit Geschimmer bewegte, immer wieder verschwand, immer wieder erschien. Was konnte das sein? Das Haupt der...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.