Gernhardt | Gesammelte Gedichte | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 1168 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

Gernhardt Gesammelte Gedichte

1954 - 2006
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402614-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

1954 - 2006

E-Book, Deutsch, 1168 Seiten

Reihe: Fischer Klassik Plus

ISBN: 978-3-10-402614-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sämtliche Gedichte von Robert Gernhardt in einem Band 1954 begann der Gymnasiast zu dichten, heute gilt Robert Gernhardt als einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Seine Meisterschaft: der elegante, formbewusste Balanceakt zwischen Leichtem und Schwerem, zwischen Komik und Ernst.

Robert Gernhardt (1937-2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt »Toscana mia« (2011), »Hinter der Kurve« (2012) und »Der kleine Gernhardt« (2017).
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Autoren/Hrsg.


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I Vertraute Laute


Komm, erstes Wort


Komm, erstes Wort,

langersehntes,

Geschenk du der Götter, die

den Dichter bedenken mit

herrlichen alten Weinen

wie dem von Castiglioncelli

und mit

herrlichen ersten Worten

wie

»Komm, erstes Wort.«

Schwanengesang


Was wollen die Schwäne uns sagen?

Wir leben und schweben

wir kreisen und weisen

wir finden und binden

wir ketten und retten

wir halten und walten

wir schlichten und richten

wir sind überhaupt ganz tolle Vögel -

das wollen die Schwäne uns sagen.

Paris ojaja


Oja! Auch ich war in Parih

Oja! Ich sah den Luver

Oja! Ich hörte an der Sehn

die Wifdegohle-Rufer

Oja! Ich kenn' die Tüllerien

Oja! Das Schöhdepohme

Oja! Ich ging von Notterdam

a pjeh zum Plahs Wangdohme

Oja! Ich war in Sackerköhr

Oja! Auf dem Mongmatter

Oja! Ich traf am Mongpahnass

den Dichter Schang Poll Satter

Oja! Ich kenne mein Parih.

Mäh wih!

Ein Septembernachmittag
in der Heide


Immer wieder zieht der alte

Schäfer an der Weidenflöte

Immer wieder

Immer wieder hofft er sehnlichst

endlich einen Ton zu hören

Immer wieder

Immer wieder sagt sein Weib ihm

blasen müsse er, nicht ziehen

Immer wieder

Immer wieder winkt der Alte

kreischend ab und zieht aufs neue

Immer wieder

Dringliche Anfrage


Wer hat ein Alibi für mich?

Ich brauche eins für morgen,

da soll ich es um 12 Uhr 10

der Königin besorgen.

Die Königin ist klein und rund,

der König groß und eckig.

Dem, den sein Mißtraun auch nur streift,

geht es entsetzlich dreckig.

Um 12 Uhr 10 bin ich bestellt.

Ich trau' mich gar nicht, hinzugehn.

Es sei, ich hätt' ein Alibi.

Wer sah mich morgen, 12 Uhr 10?

Doch da ist noch ein Falter


Ein Couplet

Und da wirste geborn

und da fühlste dich klein

und da ließest du alles am liebsten gleich sein

und sagtest »Tschüß Alte, tschüß Alter« -

doch dann sind da die Falter.

Und denen krabbelste nach,

denn die sind so schön bunt,

und…

Und nu biste schon größer

und nu liebste schon wen

und die, die du liebst, will nich mit dir gehn

und du sagst dir: »Mach Schluß jetzt, Mensch Walter!«

doch dann ist da der Falter.

Und dem rennste nach,

denn der ist so schön bunt,

und…

Und denn biste ein Mann

und denn läuft es nicht so

und denn biste oft traurig und nur sehr selten froh

und denn blätterste schon mal im Psalter -

doch da ist noch ein Falter.

Und dem gehste nach,

denn der ist so schön bunt,

und…

Und dann wird dein Haar grau

und dann fühlste dich alt

und dann siehste sie plötzlich, diese Gestalt

und du fragst dich: »Wo kommt die Gestalt her?

Mensch, die ist doch kein Falter!«

Und dann folgst du ihr doch

mit verstummendem Mund

und…

Folgen der Trunksucht


Seht ihn an, den Texter.

Trinkt er nicht, dann wächst er.

Mißt nur einen halben Meter -

weshalb, das erklär ich später.

Seht ihn an, den Schreiner.

Trinkt er, wird er kleiner.

Schaut, wie flink und frettchenhaft

er an seinem Brettchen schafft.

Seht ihn an, den Hummer.

Trinkt er, wird er dummer.

Hört, wie er durchs Nordmeer keift,

ob ihm wer die Scheren schleift.

Seht sie an, die Meise.

Trinkt sie, baut sie Scheiße.

Da! Grad rauscht ihr drittes Ei

wieder voll am Nest vorbei.

Seht ihn an, den Dichter.

Trinkt er, wird er schlichter.

Ach, schon fällt ihm gar kein Reim

auf das Reimwort »Reim« mehr eim.

Die Sache will`s


Ach was, es geht mir nicht um mich,

im Vordergrund steht nicht mein Ich,

es geht mir um die Sache.

Die Sache ist: Ich fühl mich krank,

ich brauche einen Besenschrank

und 99 Besen.

Sowie 200 Liter Klops

und 70 Kilometer Drops,

doch bitte handverlesen.

Auch hätt' ich gern die Kaiserkrone,

mit der will ich mich unten ohne

am Weihnachtstag dem Volke zeigen,

dazu soll'n 100 000 Geigen

das Lied vom treuen Piephahn spielen,

und alle soll'n gen Himmel schielen,

auf dem ganz groß geschrieben steht,

daß es mir wieder besser geht;

vorausgesetzt, ich krieg' das Zeug.

Aus diesem Grunde bitt' ich euch,

euch ordentlich ins Zeug zu legen.

Nicht wegen mir. Der Sache wegen.

Der Mördermarder


Der Mardermörder hockt vorm Bau,

der Marder ist vor Angst ganz blau.

Er weiß, daß ihm vor seinem Tod

die Qual der Mardermarter droht,

wenn er nicht kurzentschlossen handelt,

sich kühn zum Martermarder wandelt

und marternd dem entgegenspringt,

der mordend in sein Reich eindringt.

Gedacht, getan, er hüpft ans Licht,

der Mardermörder sieht das nicht,

da der sich, scheinbar unbemerkt,

grad für die Mardermarter stärkt.

Der Martermarder zählt bis vier,

der Mardermörder trinkt ein Bier.

Der Mardermörder beißt ins Brot,

der Mördermarder beißt ihn tot.

Erlebnis auf einer Rheinreise


Fuhr durch's Rheinland, kam nach Kaub,

sah dort einen sitzen,

weinte der, fragt' ich: Warum?

Sagt' er, um sein Mützen.

Hatt' er gar kein Mützen auf,

fragte ich: Wie das denn?

Sagte er: Grad kam ein Pferd,

sah mein Mützen, fraß den.

Sagt' ich: Hier, nimm meinen Hut!

Sagt' er: Tut nichts nützen,

hilft mir doch kein Hut der Welt,

hilft mir nur mein Mützen.

Fragt' ich, ob ich's glauben sollt,

schrie er: Aber sicher!

Bist ja bloß Napoleon,

doch ich bin Marschall Blücher!

Der Atelierbesuch


Herrschaften, da wären wir,

das hier ist die Eingangstür.

Wenn Sie mir jetzt bitte folgen -

nein, Frau Spatz, das sind nicht Wolken,

das ist eine Hutablage.

Ja, das steht ganz außer Frage.

Bitte links zum Fenster sehn,

dort muß grad die Sonne stehn.

Doch, sie muß dort stehn, wenn nicht,

kommt der Maler vor Gericht.

Rechts dagegen steht ein Tisch,

der gemalt ist, sowie Fisch,

nicht gemalt. Nein, der ist echt.

Gell, Sie sind doch echt, Herr Hecht?

Bestens. Ferner haben wir

hier ein graues Zwergklavier,

rundherum mit Fell besetzt,

nein, es quiekt nicht. Wenn Sie jetzt -

doch, Sie haben recht, es quiekt!

Wissen Sie, woran das liegt?

Das Klavier ist eine Maus -

laßt doch mal die Maus hinaus!

Danke. Achtung! Hier geht's lang -

wir kommen jetzt zum Malvorgang!

Links der Maler, rechts das Bild,

oder umgekehrt, hier gilt

die bekannte Malerregel -

nein, Herr Ohff, der malt nicht Kegel,

der lasiert grad eine Zwiebel.

Doch, der Maler ist sensibel.

Schon das Lachen schöner Frauen

kann ihm seinen Strich versauen -

sehn Sie? Sehn Sie, wie er patzt?

Ja, jetzt patzt er und nun kratzt

er auch noch die Farbe runter,

davon wird es auch nicht bunter.

Was? Das Bild. Und unterlassen

Sie's, den Künstler anzufassen.

Da! Der Meister gibt ein Zeichen.

Gibt das Zeichen »Bitte weichen« -

ja! Er winkt uns mit den Zeh'n.

Stimmt. Die Zeh'n sind schwer zu sehn,

da sie sich – aus welchen Gründen

immer – vorn am Fuß befinden.

Also gut! Dann gehn wir mal;

denn in seiner Lust und Qual

muß der Künstler einsam bleiben.

Ja, das bitt' ich mitzuschreiben.

Gell? Wer nicht total vertiert ist,

schnallt, wie toll das formuliert ist.

So. Mir nach. Da wären wir.

Das hier ist die Ausgangstür.

Holde Herren, würd'ge Fraun -

ich empfehl' mich. Wiederschaun.

Lied


In dem Grase war ein Tier,

es saß dort, ich stand hier.

Ich ging langsam darauf zu,

fragte es: Wer bist dann du?

Bist du bräunlich

oder rot?

Bist lebendig

oder tot?

Bist ein Teufel

oder Gott?

Oder bist du ein Hase?

Wie tun es die Anderen?


Heute: Die Inselbewohner

Man tuts auf den Komoren

mit angelegten Ohren

Man tuts auf den Lofoten

mit schräggestellten Pfoten

Man tuts auf den Kykladen

mit abgespreizten Waden

Man tuts auf den...


Gernhardt, Robert
Robert Gernhardt (1937–2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt 'Toscana mia' (2011), 'Hinter der Kurve' (2012) und 'Der kleine Gernhardt' (2017).

Robert GernhardtRobert Gernhardt (1937–2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt 'Toscana mia' (2011), 'Hinter der Kurve' (2012) und 'Der kleine Gernhardt' (2017).



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