E-Book, Deutsch, 1168 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Gernhardt Gesammelte Gedichte
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-10-402614-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1954 - 2006
E-Book, Deutsch, 1168 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-402614-5
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Robert Gernhardt (1937-2006) lebte als Dichter und Schriftsteller, Maler und Zeichner in Frankfurt am Main und in der Toskana. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Heinrich-Heine-Preis und den Wilhelm-Busch-Preis. Sein umfangreiches Werk erscheint bei S. Fischer, zuletzt »Toscana mia« (2011), »Hinter der Kurve« (2012) und »Der kleine Gernhardt« (2017).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
I Vertraute Laute
Komm, erstes Wort
Komm, erstes Wort,
langersehntes,
Geschenk du der Götter, die
den Dichter bedenken mit
herrlichen alten Weinen
wie dem von Castiglioncelli
und mit
herrlichen ersten Worten
wie
»Komm, erstes Wort.«
Schwanengesang
Was wollen die Schwäne uns sagen?
Wir leben und schweben
wir kreisen und weisen
wir finden und binden
wir ketten und retten
wir halten und walten
wir schlichten und richten
wir sind überhaupt ganz tolle Vögel -
das wollen die Schwäne uns sagen.
Paris ojaja
Oja! Auch ich war in Parih
Oja! Ich sah den Luver
Oja! Ich hörte an der Sehn
die Wifdegohle-Rufer
Oja! Ich kenn' die Tüllerien
Oja! Das Schöhdepohme
Oja! Ich ging von Notterdam
a pjeh zum Plahs Wangdohme
Oja! Ich war in Sackerköhr
Oja! Auf dem Mongmatter
Oja! Ich traf am Mongpahnass
den Dichter Schang Poll Satter
Oja! Ich kenne mein Parih.
Mäh wih!
Ein Septembernachmittag
in der Heide
Immer wieder zieht der alte
Schäfer an der Weidenflöte
Immer wieder
Immer wieder hofft er sehnlichst
endlich einen Ton zu hören
Immer wieder
Immer wieder sagt sein Weib ihm
blasen müsse er, nicht ziehen
Immer wieder
Immer wieder winkt der Alte
kreischend ab und zieht aufs neue
Immer wieder
Dringliche Anfrage
Wer hat ein Alibi für mich?
Ich brauche eins für morgen,
da soll ich es um 12 Uhr 10
der Königin besorgen.
Die Königin ist klein und rund,
der König groß und eckig.
Dem, den sein Mißtraun auch nur streift,
geht es entsetzlich dreckig.
Um 12 Uhr 10 bin ich bestellt.
Ich trau' mich gar nicht, hinzugehn.
Es sei, ich hätt' ein Alibi.
Wer sah mich morgen, 12 Uhr 10?
Doch da ist noch ein Falter
Ein Couplet
Und da wirste geborn
und da fühlste dich klein
und da ließest du alles am liebsten gleich sein
und sagtest »Tschüß Alte, tschüß Alter« -
doch dann sind da die Falter.
Und denen krabbelste nach,
denn die sind so schön bunt,
und…
Und nu biste schon größer
und nu liebste schon wen
und die, die du liebst, will nich mit dir gehn
und du sagst dir: »Mach Schluß jetzt, Mensch Walter!«
doch dann ist da der Falter.
Und dem rennste nach,
denn der ist so schön bunt,
und…
Und denn biste ein Mann
und denn läuft es nicht so
und denn biste oft traurig und nur sehr selten froh
und denn blätterste schon mal im Psalter -
doch da ist noch ein Falter.
Und dem gehste nach,
denn der ist so schön bunt,
und…
Und dann wird dein Haar grau
und dann fühlste dich alt
und dann siehste sie plötzlich, diese Gestalt
und du fragst dich: »Wo kommt die Gestalt her?
Mensch, die ist doch kein Falter!«
Und dann folgst du ihr doch
mit verstummendem Mund
und…
Folgen der Trunksucht
Seht ihn an, den Texter.
Trinkt er nicht, dann wächst er.
Mißt nur einen halben Meter -
weshalb, das erklär ich später.
Seht ihn an, den Schreiner.
Trinkt er, wird er kleiner.
Schaut, wie flink und frettchenhaft
er an seinem Brettchen schafft.
Seht ihn an, den Hummer.
Trinkt er, wird er dummer.
Hört, wie er durchs Nordmeer keift,
ob ihm wer die Scheren schleift.
Seht sie an, die Meise.
Trinkt sie, baut sie Scheiße.
Da! Grad rauscht ihr drittes Ei
wieder voll am Nest vorbei.
Seht ihn an, den Dichter.
Trinkt er, wird er schlichter.
Ach, schon fällt ihm gar kein Reim
auf das Reimwort »Reim« mehr eim.
Die Sache will`s
Ach was, es geht mir nicht um mich,
im Vordergrund steht nicht mein Ich,
es geht mir um die Sache.
Die Sache ist: Ich fühl mich krank,
ich brauche einen Besenschrank
und 99 Besen.
Sowie 200 Liter Klops
und 70 Kilometer Drops,
doch bitte handverlesen.
Auch hätt' ich gern die Kaiserkrone,
mit der will ich mich unten ohne
am Weihnachtstag dem Volke zeigen,
dazu soll'n 100 000 Geigen
das Lied vom treuen Piephahn spielen,
und alle soll'n gen Himmel schielen,
auf dem ganz groß geschrieben steht,
daß es mir wieder besser geht;
vorausgesetzt, ich krieg' das Zeug.
Aus diesem Grunde bitt' ich euch,
euch ordentlich ins Zeug zu legen.
Nicht wegen mir. Der Sache wegen.
Der Mördermarder
Der Mardermörder hockt vorm Bau,
der Marder ist vor Angst ganz blau.
Er weiß, daß ihm vor seinem Tod
die Qual der Mardermarter droht,
wenn er nicht kurzentschlossen handelt,
sich kühn zum Martermarder wandelt
und marternd dem entgegenspringt,
der mordend in sein Reich eindringt.
Gedacht, getan, er hüpft ans Licht,
der Mardermörder sieht das nicht,
da der sich, scheinbar unbemerkt,
grad für die Mardermarter stärkt.
Der Martermarder zählt bis vier,
der Mardermörder trinkt ein Bier.
Der Mardermörder beißt ins Brot,
der Mördermarder beißt ihn tot.
Erlebnis auf einer Rheinreise
Fuhr durch's Rheinland, kam nach Kaub,
sah dort einen sitzen,
weinte der, fragt' ich: Warum?
Sagt' er, um sein Mützen.
Hatt' er gar kein Mützen auf,
fragte ich: Wie das denn?
Sagte er: Grad kam ein Pferd,
sah mein Mützen, fraß den.
Sagt' ich: Hier, nimm meinen Hut!
Sagt' er: Tut nichts nützen,
hilft mir doch kein Hut der Welt,
hilft mir nur mein Mützen.
Fragt' ich, ob ich's glauben sollt,
schrie er: Aber sicher!
Bist ja bloß Napoleon,
doch ich bin Marschall Blücher!
Der Atelierbesuch
Herrschaften, da wären wir,
das hier ist die Eingangstür.
Wenn Sie mir jetzt bitte folgen -
nein, Frau Spatz, das sind nicht Wolken,
das ist eine Hutablage.
Ja, das steht ganz außer Frage.
Bitte links zum Fenster sehn,
dort muß grad die Sonne stehn.
Doch, sie muß dort stehn, wenn nicht,
kommt der Maler vor Gericht.
Rechts dagegen steht ein Tisch,
der gemalt ist, sowie Fisch,
nicht gemalt. Nein, der ist echt.
Gell, Sie sind doch echt, Herr Hecht?
Bestens. Ferner haben wir
hier ein graues Zwergklavier,
rundherum mit Fell besetzt,
nein, es quiekt nicht. Wenn Sie jetzt -
doch, Sie haben recht, es quiekt!
Wissen Sie, woran das liegt?
Das Klavier ist eine Maus -
laßt doch mal die Maus hinaus!
Danke. Achtung! Hier geht's lang -
wir kommen jetzt zum Malvorgang!
Links der Maler, rechts das Bild,
oder umgekehrt, hier gilt
die bekannte Malerregel -
nein, Herr Ohff, der malt nicht Kegel,
der lasiert grad eine Zwiebel.
Doch, der Maler ist sensibel.
Schon das Lachen schöner Frauen
kann ihm seinen Strich versauen -
sehn Sie? Sehn Sie, wie er patzt?
Ja, jetzt patzt er und nun kratzt
er auch noch die Farbe runter,
davon wird es auch nicht bunter.
Was? Das Bild. Und unterlassen
Sie's, den Künstler anzufassen.
Da! Der Meister gibt ein Zeichen.
Gibt das Zeichen »Bitte weichen« -
ja! Er winkt uns mit den Zeh'n.
Stimmt. Die Zeh'n sind schwer zu sehn,
da sie sich – aus welchen Gründen
immer – vorn am Fuß befinden.
Also gut! Dann gehn wir mal;
denn in seiner Lust und Qual
muß der Künstler einsam bleiben.
Ja, das bitt' ich mitzuschreiben.
Gell? Wer nicht total vertiert ist,
schnallt, wie toll das formuliert ist.
So. Mir nach. Da wären wir.
Das hier ist die Ausgangstür.
Holde Herren, würd'ge Fraun -
ich empfehl' mich. Wiederschaun.
Lied
In dem Grase war ein Tier,
es saß dort, ich stand hier.
Ich ging langsam darauf zu,
fragte es: Wer bist dann du?
Bist du bräunlich
oder rot?
Bist lebendig
oder tot?
Bist ein Teufel
oder Gott?
Oder bist du ein Hase?
Wie tun es die Anderen?
Heute: Die Inselbewohner
Man tuts auf den Komoren
mit angelegten Ohren
Man tuts auf den Lofoten
mit schräggestellten Pfoten
Man tuts auf den Kykladen
mit abgespreizten Waden
Man tuts auf den...




