E-Book, Deutsch, 40 Seiten
Gondolf / Echter / Vilain Inspiration 4/2021
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-429-06516-4
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leib
E-Book, Deutsch, 40 Seiten
ISBN: 978-3-429-06516-4
Verlag: Echter
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maria Gondolf, Dipl.-Theologin, Berufserfahrung im Bildungsbereich.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Georg Lauscher
Leibhaftige Begleitung
Geistliche Begleitung
In den vorangehenden Beiträgen zur geistlichen Begleitung ging es zuerst darum, sich als unverwechselbaren einzelnen Menschen zu erkennen; im zweiten darum, wahrzunehmen, was sich in dieser Reduktion als wahr erweist und drittens darum, dass dies nur in Beziehungen geschehen kann. Und es geschieht – die Bewegung geht wieder zurück auf uns selbst – nie ohne unsern Leib. Dieser leibliche Aspekt geistlicher Begleitung stellt Georg Lauscher nun in den Mittelpunkt.
Der Leib in Bibel und Mystik
Den biblischen Schriften zufolge ist der Mensch als Leib von Gott geschaffen: die vom Ackerboden genommene Erde wird von göttlichem Lebensatem, göttlichem Geist beatmet. In seinem Leib erfährt sich der Mensch als Bedürftiger und Angewiesener. Zugleich erfährt er in seinem Leib Heilung und Heil. Bedürftigkeit und Verwundbarkeit des menschlichen Leibes werden in der Bibel sehr ernstgenommen. Insbesondere die Heilungen Jesu weisen darauf hin, wie das Nahekommen des Gottesreiches den Menschen ganz real in seinem Leib erlöst. Sie betreffen seinen personalen Leib wie auch seinen »sozialen Leib«, in dem die Geheilten durch die Befreiung von Behinderung und Aussatz sich wieder zu Hause fühlen können. Schließlich provozieren die neutestamentlichen Schriften mit der Lehre von der Auferstehung des Leibes. Wenn der wirkliche und ganze Mensch erlöst und nach seinem Tod auferweckt wird, dann kann dies nur leibhaftig gemeint sein. »Einen Gegensatz von Körper und Seele thematisieren die Evangelien nicht.«1 Vom Auferstandenen wird mehrfach betont, dass er der leibhaftige Jesus von Nazareth ist. Nachdrücklich weist er auf seine verwundeten Hände und seine verwundete Seite zum Zeugnis seiner Echtheit und Ganzheit hin (Joh 20,20). Und als Christi sozialen (Auferstehungs-)Leib versteht Paulus die Gemeinde in ihren unterschiedlich begabten Gliedern.
Mystiker*innen erfahren, dass der Mensch in seinem Leib nicht allein mit sich ist. Für sie ist der menschliche Leib ein »sakraler Raum«2. In ihrem Leib und über ihren Leib hinaus erahnen sie die Einheit mit dem göttlichen Grund. So gegründet tauchen sie wieder auf zu einem geklärten Einsatz im »sozialen Raum« der Welt.
Biblisch finden wir diese Spur besonders bei den neutestamentlichen Mystikern Johannes und Paulus. Sie sprechen häufig vom wechselseitigen Inne-Sein göttlichen und menschlichen Lebens, von dem uns eingehauchten Gottesgeist bzw. dem in uns und mit uns lebenden, leidenden und auferstehenden Christus.
Papst Franziskus nimmt die vernachlässigte, biblische Tradition einer Mystik des sozialen Leibbewusstseins wieder auf: Es gibt »da kein Leben, wo man den Anspruch stellt, nur sich selbst zu gehören und als Inseln zu leben … Wir können von unten, bei einer Sache beginnen und für das kämpfen, was ganz konkret und naheliegend ist, bis zum letzten Winkel des eigenen Landes und der ganzen Welt weitgehen …«3
Im Leib wohnen
Unser Wort Leib kommt vom alt- und mittelhochdeutschen . Der Leib ist der allernächste, persönlichste Lebensraum eines Menschen. Spürbewusst nehme ich wahr: In meinem Leib, in meiner Haut bin ich zu Hause, zuallererst und zuallerletzt dort. Wenn ich mich in meiner Haut nicht zu Hause, nicht wohlfühle – wie soll ich mich in andere einfühlen und in einer Vielzahl unterschiedlicher Beziehungen zu Hause sein und mich frei bewegen?
Mündige Entscheidungen kann ich nur treffen, wenn ich in meinem Leib präsent bin.
Ich bin mir hier als Mensch gegeben und aufgegeben – in meiner Leiblichkeit. Ich kann mich in meinem Leib aufsuchen durch bewusstes Aufmerken und Hin-Spüren. »Ich soll sein wollen, der ich bin; wirklich ich sein wollen, und nur ich. Ich soll mich in mein Selbst stellen, wie es ist, und die Aufgabe übernehmen, die mir dadurch in der Welt zugewiesen ist.«4 Dies ist nur möglich in leibhaftiger Präsenz, in der Wachheit des Geistes im Leib und seinen Sinnen. Je nach konstitutioneller und lebensgeschichtlicher Prägung ist dies keineswegs selbstverständlich. Mündige Entscheidungen kann ich nur treffen, wenn ich in meinem Leib präsent bin. Es bedarf nicht selten eines intensiven Prozesses, nicht zuletzt in geistlicher Begleitung, das eigene Leben in diesem mir gegebenen Leib mit seinen Gaben und Grenzen zu »adoptieren«. »Wir können unser Dasein eigentlich erst im Nachhinein adoptieren«,5 war Klaus Hemmerle überzeugt. Diese wahrhaftige Adoption des mir aufgegebenen Lebens in diesem meinem Leib ist für den Dienst geistlicher Begleitung elementar und unverzichtbar. Diese geistliche Adoption gilt es immer wieder zu vollziehen, besonders in einer Zeit von Digitalisierung, Körperund Gesundheitskult.
Hilfreich ist hier die Unterscheidung der »dreierlei Leibgewissen«, die Karlfried Graf Dürckheim vorschlägt: »Das erste Leibgewissen meint ›Selbsterhaltung‹. Es ist bezogen auf Gesundheit, auf Funktionstüchtigkeit … Das zweite Leibgewissen ist orientiert an der Schönheit, am Ebenmaß und an der Vollendung unserer Gestalt in jeglichem Tun … Das dritte Leibgewissen aber meint die große Durchlässigkeit, die Transparenz für die uns innewohnende Transzendenz. In diesem Sinne kann ein Mensch in ›olympischer Form‹ sein … in der Vollkraft seines Körpers, auch schön, und doch fern von aller Transparenz; und ein dem Tod Geweihter noch auch in seinem Leib in höchstem Maß in Ordnung sein, durchlässig für das auf ihn zukommende und ihn im Tode verwandelnde LEBEN.«6 Diese freundliche Adoption eigener Leiblichkeit ist nicht leicht zu leben. Für einen geistlichen Menschen und erst recht für die geistliche begleitende Person jedoch grundlegend wichtig.
Ein »Das ist mein Leib«-Leben
Zentral ist dem christlichen Glauben die göttliche Präsenz im Leib und Leben des Jesus von Nazareth. Sein menschlicher Leib ist Dreh- und Angelpunkt, vermittelnde Mitte und somit göttlich-menschlicher Resonanzraum.
In der katholischen Theologie kommt der leibhaftigen Präsenz Christi in der Materie (von Brot und Wein) zentrale Bedeutung zu. Wenn Jesus uns beim Abendmahl aufträgt »Tut dies zu meinem Gedächtnis!«, so meint er dies nicht bloß im engen Sinn von »Feiert diese heilige Handlung in der Liturgie!«. »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« meint viel mehr noch: Lebt so, wie ich gelebt habe: »Das ist mein Leib für … !« Entsprechend lautet sein Auftrag bei der johanneischen »Eucharistie« der Fußwaschung: »Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.« (Joh 13,15) Jesu Auftrag annehmend bedeutet dies für die, die ihm nachfolgen, ein »Das ist mein Leib«-Leben zu führen, die Realpräsenz und Hingabe Jesu im eigenen Leib und Leben fortwirken zu lassen.
Im Begleitungsprozess begegnen zwei Menschen sich selbst und einander im »Eigenleib« wie ebenso im »Fremdleib«. Der eigene Leib nimmt den anderen wahr und wird vom anderen wahrgenommen. Dieser Resonanzraum wechselseitiger »Zwischenleiblichkeit« (Maurice Merleau-Ponty) ist ein von keinem der beiden Beteiligten vorhersehbarer, planbarer Beziehungsraum. Er ist beiden nur begrenzt zugänglich und einsehbar, da keiner um seinen eigenen Leib herumgehen kann. Der Resonanzraum der Zwischenleiblichkeit kann bildlich als »dritter Leib«, als »sozialer Leib« verstanden werden. Je authentischer die begleitende wie die begleitete Person in sich wohnen und zugleich im Gegenüber sind, desto ungehinderter kann in dieser Zwischenleiblichkeit der Geist Gottes wirken. Dabei ist der Leib immer mit im Spiel. Der Geist Gottes wirkt der Bibel zufolge erd- und leibverbunden. Nur wenn ich spürbewusst und geistesgegenwärtig im Leib bin und zugleich spürbewusst und geistesgegenwärtig beim leibhaftigen Gegenüber bin, kann im Begleitgespräch der Geist Gottes führen und wirken. Darauf vertraut, wer eine geist-liche Begleitung sucht und wer sie anbietet. In diesem Sinne ist jede geistliche Begleitung ein tastendes Kommunizieren zu dritt7 – im Eigenleib mit dem Fremdleib und über die immer begrenzt wahrgenommene eigene und fremde Leiblichkeit hinaus. Feststellbar im wörtlichen Sinne ist das Wirken des Geistes in aller Leiblichkeit und Zwischenleiblichkeit nicht. So bekennt Paulus: »Ich weiß nicht, ob es mit dem Leib oder ohne den Leib geschah, nur Gott weiß es.« (2 Kor 12,3) Die Präsenz im Eigenleib, im Fremdleib und in der Zwischenleiblichkeit bleibt unverfügbar. Nur so ist sie Gottes. Sie wirkt unverfügbar »in der Schwebe des Lebendigen«8, darum ist sie heilig, darum wirkt sie wohltuend und heilend.
Die Präsenz im Eigenleib, im...




