E-Book, Deutsch, 428 Seiten
Goodman Die Schatten von Bosco Manor
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-274-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | »Eine einzigartige Atmosphäre, ein absolut spannender Roman!« urteilt Publishers Weekly
E-Book, Deutsch, 428 Seiten
ISBN: 978-3-98690-274-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Carol Goodman ist eine amerikanische Schriftstellerin und Dozentin für Creative Writing. Schon vor ihrem Abschluss am renommierten Vassar College wurde sie mit 17 Jahren als Young Poet of Long Island ausgezeichnet. Für ihre vielschichtigen Spannungsromane erhielt Carol Goodman bereits zweimal den Mary Higgins Clark Award. Sie lebt auf Long Island. Von Carol Goodman erscheinen bei dotbooks die psychologischen Spannungsromane »Die Schatten von Bosco Manor«, »Das dunkle Geheimnis von Penrose« und »Das kalte Herz von Heart Lake«.
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Kapitel eins
Ich bin der Ruhe wegen nach Bosco gekommen.
Dafür ist es berühmt.
Jeden Tag zwischen neun Uhr morgens und fünf Uhr nachmittags herrscht hier gemäß einer hundert Jahre alten Vorschrift, die von einer tot unter den Rosensträuchern liegenden Frau erlassen wurde, Stille. Diese Ruhe wird von vierhundert Morgen Land behütet, über die der Wind durch die Kiefern streicht. Die Stille erstreckt sich bis in den milden, warmen Nachmittag hinein und verschmilzt schließlich mit dem dunkelsten Teil des Parks, wo die Spinnen ihre Netze in ein Labyrinth aus kastenartig beschnittenen Hecken weben. Kurz vor Einbruch der Dämmerung bläst der Wind in die trockenen Rohre des Marmorbrunnens, wirbelt durch die Grotte und kriecht den Hügel hinauf in die weit geöffneten Münder der Satyrn. Er streichelt die Brüste der Sphinxen, windet sich die Brunnenkaskaden hinauf und trifft auf die Terrasse, wo auf der Balustrade Gläser und Kristallkaraffen angerichtet sind.
Sogar noch wenn wir zum Aperitif auf der Terrasse zusammenkommen, gibt es einen Moment – während das Eis sich in den Silberkühlern setzt und wir die Kiefernnadeln von den Rattanstühlen fegen –, in dem die Stille unaufhebbar scheint. In dem es scheint, als würde sie sich ansammeln wie diese langen Nadeln, die auf den Wegen durch das Heckenlabyrinth und den bröckelnden Marmorstufen liegen und die Münder der Satyrn und die Brunnenleitungen verstopfen.
Dann lacht jemand, stößt mit einem Kollegen an und sagt ...
»Prost! Auf Aurora Latham und Bosco.«
»Prost, Prost«, stimmen wir alle in der Abendluft mit ein und lassen das Echo unserer Stimmen die Rasenterrassen hinunterrollen.
»Du meine Güte, ich habe noch nie so viel zustande gebracht wie hier«, sagt Bethesda Graham gedehnt, als wolle sie ausprobieren, ob die Luft einen längeren Satz oder auch zwei tragen kann.
Wir sehen sie alle neiderfüllt an. Vielleicht bin auch nur ich es, die neidisch ist, nicht nur, weil ich heute nichts geschafft habe, sondern weil einfach alles an Bethesda von Selbstvertrauen zeugt. Angefangen bei ihren schlanken, präzisen Biografien und bissigen Literaturkritiken bis hin zu ihrem glänzenden schwarzen Pagenkopf mit dem Pony, der genau über ihren schön geschwungenen Augenbrauen endet – die sie jetzt in Richtung von Nat Loomis hochzieht, wie um auf einen gemeinsamen Scherz anzuspielen – und ihre milchweiße Haut und die feinen Gesichtszüge betont. Sogar Bethesdas geringe Körpergröße – sie kann nicht größer als eins fünfundfünfzig sein – wirkt irgendwie einschüchternd, so als wäre alles Überflüssige auf das Wesentliche reduziert worden. Aber auch das liegt vermutlich nur an meinen Komplexen, weil ich sie mit meinen eins fünfundsiebzig deutlich überrage und meine an sich schon widerspenstigen Haare in der feuchten Luft von Bosco noch schwieriger zu bändigen geworden sind und von den Kupferleitungen rote Reflexe bekommen haben. Neben ihr fühle ich mich wie eine wutentbrannte Walküre.
»Das ist die Magie des Ortes«, sagt der Dichter Zalman Bronsky und schlürft seinen Campari Soda. »Ein Traum. Vollkommenheit.« Er gibt die Worte von sich, als wären es kleine Vögel, die er tagsüber schützend in den hohlen Händen gehalten hat.
»Ich habe heute einen Scheiß zustande gebracht«, beklagt sich der Romanautor Nat Loomis. Der berühmte Romanautor. Ich musste einen Schrei der Überraschung unterdrücken, als ich ihn an meinem ersten Tag in Bosco erkannte – und wer würde dieses markante Profil nicht wiedererkennen: diese Kinnlinie, die nur ein bisschen weniger ausgeprägt ist, als sein Foto auf dem Schutzumschlag vermuten lässt, die charakteristische Brille mit den rechteckigen Gläsern, die hellbraunen Augen, die je nach Stimmung blau oder grün schimmern können (wie er mal in einem Interview verriet), die wirren Haare und das süffisante Lächeln. Ebenso wie der Rest der Welt (zumindest die Welt der Seminare für kreatives Schreiben und des lesewütigen Manhattan) hatte ich vor zehn Jahren seinen ersten Roman gelesen und mich verliebt – in das Buch, seinen jungen, harten, aber verletzlichen Helden und den Autor selbst. Und gemeinsam mit dem Rest dieser kleinen Welt, in der ich während der letzten zehn Jahre gelebt habe, frage ich mich seitdem, wo sein zweiter Roman bleibt. Doch die Tatsache, dass er sich hier aufhält, ist gewiss ein positives Zeichen und bedeutet, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis sein zweites, lang erwartetes Werk das Licht der Welt erblickt.
»Es ist einfach zu ruhig«, sagt Nat und nimmt einen Schluck von dem Single Malt Scotch, den die Direktorin der Künstlerkolonie, Diana Tate, jeden Abend in einer Glaskaraffe kredenzt.
David Fox, ein Landschaftsarchitekt, der, wie es heißt, einen Bericht über die Gartenanlage für die Gesellschaft zur Instandhaltung von Parks schreibt, hebt sein Glas mit Whisky, wobei die goldbraune Flüssigkeit einen letzten rötlichen Lichtstrahl der untergehenden Sonne einfängt, und bringt einen Trinkspruch aus: »Auf Aurora Lathams Sacro Bosco – in der Tat ein heiliger Wald.«
»Ist das die Bedeutung des Namens?«, fragt einer der Maler, die sich gerade zu uns gesellt haben. »Ich fand ihn immer ziemlich komisch für eine Künstlerkolonie. Klingt wie ein Kakaogetränk, das die Hausfrauen in den Fünfzigerjahren gemixt haben.«
Die anderen bildenden Künstler, die nach und nach von ihren weiter abseits gelegenen Ateliers herbeigetrottet kommen, lachen über den Scherz ihres Kollegen und meckern, weil die Schriftsteller wie üblich schon alle Stühle besetzt haben und sie sich mit der kalten Steinbalustrade begnügen müssen. Es ist kaum zu übersehen, dass hier so etwas wie eine Zweiklassengesellschaft existiert. Die Schriftsteller, die im Herrenhaus wohnen, dürfen die Rolle des Landadels spielen. Nat Loomis und Bethesda Graham gelingt es sogar, ihre Partnerlook-Bekleidung aus schwarzen Jeans und weißen T-Shirts wie ein exklusives englisches Jagdkostüm aussehen zu lassen. Selbst der unscheinbare Zalman Bronsky erinnert in seiner zerknitterten Leinenhose und dem aus der Hose hängenden vergilbten Anzughemd ohne Manschettenknöpfe an den exzentrischen Onkel in einem Tschechow-Stück.
»Sie hat das Anwesen nach einem Park namens Sacro Bosco in Bomarzo bei Rom benannt«, erkläre ich und sage zum ersten Mal an diesem Tag etwas. Ich wundere mich, dass meine Stimmbänder noch funktionieren, aber ich muss mich einmischen. Mein Buch – mein erster Roman – ist schließlich hier in Bosco angesiedelt, weshalb ich weiß, dass es nicht nach einem Schlummertrunk benannt wurde. Ich richte meine Bemerkung an David Fox, denn die anderen Schriftsteller, vor allem Bethesda Graham und Nat Loomis, jagen mir nach wie vor Angst ein.
Denken Sie bitte daran, hatte mir die Leiterin der Kolonie am ersten Tag eingeschärft, Nat niemals Nathaniel und Bethesda nicht Beth zu nennen. Ich musste über diese kleinen Eitelkeiten lächeln, bis mir einfiel, dass auch ich beim Erscheinen meiner ersten Kurzgeschichte meinen Vornamen zu Ellis geändert hatte. Wer würde schon eine Autorin mit dem Namen Ellie ernst nehmen?
»Sie besuchte den Park auf einer der Reisen, die sie mit Milo Latham nach Italien machte«, füge ich hinzu. »Dort ließ sie sich dazu inspirieren, ihre eigene Version eines italienischen Renaissancegartens hier am Ufer des Hudson zu erschaffen.«
Wir blicken alle nach Süden, wo der Hudson fließt, der jedoch von den hohen, stämmigen Kiefern verdeckt wird. Was wir stattdessen sehen, sind verfallende Marmorterrassen und zerbrochene Skulpturen. Die Hecken und Sträucher, einst gepflegt und ordentlich beschnitten, sind ihrer geometrischen Anordnung entwachsen und breiten sich nun als wirres Dickicht über den Hügel aus. Die lange Brunnenallee mit ihren Satyrn und Sphinxen, aus deren Mündern und Brüsten früher Wasser quoll, führt zur Skulptur eines sprungbereiten Pferdes, das aussieht, als wolle es sich in das dunkle, überwucherte Buchsbaumlabyrinth am Fuß des Hügels stürzen – Aurora Lathams Giardino segreto. Irgendwo im Zentrum des Labyrinths befindet sich ein weiterer Brunnen, aber die Hecken sind mittlerweile zu hoch, um ihn von hier aus erkennen zu können.
»Eigentlich entspricht die Gestaltung des Parks eher der Villa d’Este in Tivoli«, meint Bethesda Graham und nippt an ihrem Mineralwasser. »Diese Idee mit all den Brunnen und Quellen, deren Wasser den Hügel hinunter in eine Grotte strömt, dann wieder hinaus in den Hauptbrunnen, von dort in den Fluss und schließlich ins Meer ... Aurora schreibt in ihrem italienischen Tagebuch, dass sie einen Garten anlegen will, der der Quell eines Musenbrunnens sein soll, ähnlich der heiligen Quelle auf dem Parnass.« Bethesda spricht über Aurora, als wäre sie eine Zeitgenossin, die gerade eben die Terrasse verlassen hat. Aber natürlich, sie schreibt ja eine Biografie über Aurora Latham, errinnere ich mich. Das macht sie zur Expertin auf diesem Gebiet.
»Der ganze Hügel ist praktisch ein Brunnen«, bemerkt David Fox. »Man könnte sogar sagen, das ganze Anwesen. Mehrere Pumpen förderten früher das Wasser aus der Quelle am Fuß des Hügels hier herauf, um es durch zahllose Rohre wieder hinunterzuleiten. An einem Abend wie diesem hätten wir das Wasser über die Kaskaden rauschen hören so laut wie tausend Stimmen.«
Zalman Bronsky murmelt etwas. Ich beuge mich vor und will ihn bitten, es zu wiederholen, doch dann erklingen die halb gehörten Worte, die immer noch in der fast greifbaren Stille von Bosco schweben, klar und deutlich in meinem Kopf.
»Das plaudernde Wasser überströmt den Hang«, spreche ich nach. »Wie schön. Das ist ein fünffüßiger Jambus,...




