E-Book, Deutsch, Band 16, 100 Seiten
Reihe: Der junge Norden
Grahl Die Ausreißerin
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7409-9070-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der junge Norden 16 - Arztroman
E-Book, Deutsch, Band 16, 100 Seiten
Reihe: Der junge Norden
ISBN: 978-3-7409-9070-1
Verlag: Blattwerk Handel GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carolin Grahl ist eine erfahrene Serienschriftstellerin, die schon in verschiedenen Romangenres tätig gewesen ist. Serien wie Der Sendlinger und Gut Waldeck tragen die unverwechselbare Handschrift der am Bodensee ansässigen Autorin. Mit der seit kurzem von uns veröffentlichten Originalserie Der junge Norden hat sie ihre schriftstellerische Meisterschaft einmal mehr unter Beweis gestellt. Der spanische Wurzeln tragende Alexander Norden, ein Neffe des berühmten Dr. Daniel Norden, wird in München Medizinstudent, von seinem Onkel aufmerksam beobachtet. Das aufregende Studentenleben des sehr und vielseitig begabten Alexander wird von Carolin Grahl auf einzigartige, spannende Weise geschildert.
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»Ich soll in der Notaufnahme aushelfen? Echt jetzt?« Stirnrunzelnd blickte Alex der Krankenschwester hinterher, die ihm, sozusagen im Vorbeilaufen, die Nachricht überbracht hatte. Er setzte ihr mit einem großen Schritt nach und zupfte sie am Ärmel ihres Schwesternkittels. »Meinen Sie das im Ernst, oder wollen Sie mich aufziehen? Ich denke, Praktikanten haben in der Notaufnahme nichts verloren?«
»Du bist eine Ausnahme, weil du nicht nur Praktikant, sondern auch Sanitäter bist. Also mach dich auf die Socken. Die brauchen dort wirklich jede helfende Hand. Es hat eine Massenkarambolage gegeben. Auf der A9 irgendwo zwischen München und der Raststätte Pippinger Forst.«
»Okay. Ich bring nur noch diese Tabletten hier, die ich gerade an die Patienten der Station verteilen wollte, zurück ins Dienstzimmer, und dann …«
»Überlass die Medikamente mir. Ich kümmere mich darum. Und sieh endlich zu, dass du in die Gänge kommst.« Resolut griff die korpulente, schon etwas in die Jahre gekommene Krankenschwester nach dem Tablett, auf dem verschiedene mit Pillen in allen Farben und Formen gefüllte Plastikbecher standen, nahm es Alex aus der Hand und rauschte davon.
Alex blieb noch einen Moment mit verdutztem Gesichtsausdruck stehen, dann machte er auf dem Absatz kehrt und rannte in Richtung Notaufnahme.
Als er dort ankam, standen in der Tat bereits mehrere Notarztwagen da, aus denen Patienten auf Tragen in die Schockräume gebracht wurden.
Alex sah eine junge Frau, die eine blutende Wunde am Arm hatte.
Nach ihr kam ein Mann, der offenbar unter Schock stand und immer wieder lautstark behauptete, unverletzt zu sein. Er unternahm heftige Anstrengungen, von seiner Trage zu steigen. Die beiden Sanitäter, die sich um ihn kümmerten, hatten Mühe, ihn halbwegs in Schach zu halten.
Auch ein Kind war unter den Verletzten. Es hatte eine große, notdürftig versorgte Platzwunde am Kopf, hielt einen Teddybären im Arm und blickte ziemlich verstört in die Welt.
»Alex!« Mit einem Ruck wandte Alex sich um, als er hinter sich Dr. Rudolfs Stimme vernahm. »Los, fass mit an, Alex!«
Eilends lief Alex zu der Trage, neben der Dr. Rudolf stand.
Auf ihr lag ein Mann, schätzungsweise in seinen Vierzigern, dem ein Bein abgetrennt worden war.
Direkt unter dem Knie war nichts mehr. Kein Unterschenkel und kein Fuß. Nur eine klaffende Wunde, die von den Sanitätern, um den Blutverslust möglichst gering zu halten, sachkundig abgebunden worden war.
Alex schluckte.
Bei schweren Verletzungen über den Dingen zu stehen und statt Mitgefühl den kühlen Verstand walten zu lassen, fiel ihm immer noch nicht ganz leicht, auch wenn er durch seine Sanitätsausbildung für derartige Situationen gut vorbereitet und geschult worden war.
»Der Mann hat Glück im Unglück gehabt«, sagte in diesem Moment Dr. Rudolf, dem Alex’ Schrecksekunde nicht entgangen war. »Sein abgetrenntes Bein ist noch völlig intakt. Es kann mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wieder angenäht werden.« Bei diesen Worten zeigte Dr. Rudolf das in Folie gewickelte Bein des Mannes. »Ein absolut sauberer Schnitt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass ein guter Chirurg nicht einmal allzu große Probleme damit haben dürfte.«
Alex’ anfängliches Erschrecken wich dem Interesse und der wachsenden Faszination für die anspruchsvolle Aufgabe des Chirurgen. Einem erfahrenen Operateur bei einem derartigen Eingriff über die Schulter schauen zu dürfen …
»Schockraum drei. Der Mann kommt in Schockraum drei«, kommandierte indessen Dr. Rudolf und riss Alex damit aus seinen Gedanken. »Als nächstes holen wir dann die junge Frau, die bei dem Mann im Auto gesessen ist. Die Frau bringen wir in Schockraum zwei.«
Zu Alex’ Überraschung wirkte die junge Frau, die nicht bei Bewusstsein war, äußerlich aber keine Verletzungen erkennen ließ, fast noch wie ein Kind.
Sie sah unglaublich jung aus und hatte weiche, unschuldige Züge.
War sie die Tochter des Unfallfahrers?
Sie sah ihm zwar in keinster Weise ähnlich, aber um seine Freundin oder gar Ehefrau konnte es sich rein altersmäßig wohl kaum handeln.
»Das Auto der beiden, ein schwarzer Opel Lexus, hat Schrottwert«, erklärte Dr. Rudolf auf dem Weg in den Behandlungsraum. »Es wurde zwischen zwei Lastkraftwägen regelrecht zerquetscht. Ich nehme an, dass der Fahrer des Lexus nach einem Überholmanöver zwischen den beiden Transportern eingeschert ist. Dann hat der Lenker des ersten Brummis völlig unerwartet eine Vollbremsung hingelegt, und so ist die Karambolage passiert. Es sind mehr als zwanzig Fahrzeuge in den Unfall verwickelt. Die Insassen der meisten Autos sind allerdings nur leicht bis mittelschwer verletzt. Sie hatten Glück im Unglück. Es hätte alles noch wesentlich schlimmer kommen können.«
Alex warf einen weiteren Blick auf die junge Frau, die friedlich auf ihrer Trage zu schlafen schien.
»Und warum hat der Fahrer des ersten Lastwagens so abrupt abgebremst?«, erkundigte er sich.
»Das haben wir uns beim Anblick der ineinander verkeilten Autos auch gefragt. So wie es aussieht, hat er am Steuer einen Schlaganfall erlitten«, antwortete Dr. Rudolf. »Wir nehmen an, dass der Schlaganfall der Grund für die Vollbremsung war. Der Mann ist wohl nach vorne gekippt und dabei mit beiden Füßen voll auf die Bremse gestiegen. Leider kam für ihn jede Hilfe zu spät. Als wir ihn aus der Führerkabine seines Brummis geholt haben, war er bereits tot.«
Alex schwieg betreten.
Auch der Tod eines Menschen war etwas, das ihn noch immer bis ins Innerste berührte und wohl auch immer berühren würde.
Es blieb ihm jedoch keine Zeit, seinen Gefühlen nachzuhängen.
Konzentriert und gewissenhaft erledigte er stattdessen die kleinen Handreichungen und Hilfeleistungen, die von ihm erwartet wurden, und lauschte dabei gespannt der vorläufigen Diagnose, die bei der jungen Frau gestellt wurde.
»Möglicherweise innere Verletzungen«, stellte der Assistenzarzt, dem unter den strengen Augen eines Oberarztes die Erstuntersuchung überlassen worden war, fest. Er prüfte die Reaktion der Pupillen auf Licht, fühlte den Puls und maß den Blutdruck. »Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um ein Schädel-Hirn-Trauma handelt«, sagte er schließlich. »Die Patientin muss sofort ins CT und ins MRT, um abzuklären, ob zusätzlich eine Gehirnblutung vorliegt.«
»Gut gemacht«, lobte der Oberarzt. »Und falls sich wirklich eine Gehirnblutung zeigt? Wie würden Sie weiter verfahren?«
»Eine schwache Blutung würde ich vorerst beobachten, bei einer starken Blutung, die auf das Gehirn drückt, ist eine sofortige Operation erforderlich, um bleibende Schäden zu vermeiden. Dasselbe gilt auch für eine Gehirnschwellung, die gegebenenfalls eine Trepanation erforderlich macht.«
»In Ordnung«, wurde der Assistenzarzt neuerlich belobigt.
Alex konnte sich ein Grinsen kaum verkneifen, als der junge Mann sichtlich stolz seinen Kopf hob und seinen Rücken durchstreckte wie ein Zinnsoldat.
Was dem Selbstbewusstsein des jungen Assistenzarztes, vom Lob seines Vorgesetzten einmal abgesehen, derart schmeichelte, war Alex nicht so recht klar. Immerhin hätte er selbst nichts anderes gesagt und hatte doch gerade einmal das erste Semester seines Studiums hinter sich.
»Jetzt die offene Unterarmfraktur«, hörte er im selben Moment die Stimme des Oberarztes, worauf er sein Augenmerk sofort pflichtbewusst auf den neuen Patienten richtete.
Es ging noch unendlich lange so weiter, und Alex war ziemlich erschöpft, als er gegen Mittag die Notaufnahme verließ, um sich in der Cafeteria der Behnisch-Klinik eine warme Mahlzeit zu gönnen.
Zu seiner Überraschung traf er auf Sina.
»Wollen wir zusammen essen?«, fragte er sie, als er sah, dass sie lediglich ein Glas stilles Wasser vor sich stehen hatte.
Sina schüttelte den Kopf. »Iss du nur alleine«, sagte sie. »Lass dir schmecken, worauf du Lust hast. Mir ist der Magen wie zugeschnürt. Ich bekomme beim besten Willen keinen Bissen hinunter.«
Alex machte ein besorgtes Gesicht. »Geht es dir nicht gut?«, fragte er und spürte sofort, wie auch sein Appetit kleiner und kleiner wurde. »Bist du krank, Sina? Ist dir übel?«
Sina verdrehte gequält die Augen. »Mir ist speiübel. Aber krank bin ich nicht. Es ist nur diese verdammte Anatomie-Nachholklausur morgen, die mir im Magen und auf der Leber und auf den Nieren und keine Ahnung wo sonst noch überall liegt.«
Alex’ Miene entspannte sich. »Du wirst die Klausur diesmal bestehen. Da bin ich mir ganz sicher«, beruhigte er Sina. »Jedes Mal, wenn ich dich abgefragt habe, war ich erstaunt, welch großes Wissen du dir über die Semesterferien angeeignet hast.«
Sina seufzte. »Lass nur. Dein Kompliment in allen Ehren, aber ich weiß noch ganz genau, wie viele medizinische Sachverhalte du mir des Langen und Breiten erklären musstest, weil ich sie einfach nicht begriffen hatte. Es geht schließlich nicht nur darum, auswendig gelerntes Wissen niederzuschreiben. Mit Sicherheit kommen bei der Klausur auch eine Menge Fragen, bei denen man beweisen muss, dass man logisch und selbständig denken kann.«
»Das kannst du durchaus«, tröstete Alex und nahm Sinas Hände in seine. »Du hast alles, was ich dir erklärt habe, sehr schnell verstanden, wirklich. Und außerdem brauchst du die Klausur ja zum Glück nicht bei Professor Herrenbach zu schreiben. Mein Onkel hat mir im Übrigen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, dass die Reha unseres vielgeliebten Anatomieprofessors mindestens bis zur Mitte des Semesters dauern wird. Ein schwerer Herzinfarkt will schließlich auskuriert...




