E-Book, Deutsch, 300 Seiten
Gunn DAS ROTE HAAR
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7487-6539-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 300 Seiten
ISBN: 978-3-7487-6539-4
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Farley, ein romantischer Urlaubsort in Suffolk, ist aus seinem Dornröschen-Schlaf erwacht: Nach zwei mysteriösen Mordfällen beauftragt Scotland Yard Chefinspektor Bill Cromwell und seinen Assistenten Johnny Lister, ihren Urlaub abzubrechen. Und Cromwell arbeitet verbissen an diesem schwierigsten Fall seiner Laufbahn... Der Roman Das rote Haar von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; ? 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1954; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1964. Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
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Erstes Kapitel
Chefinspektor Cromwell gönnte dem Green-Valley-Motel nur einen flüchtigen Blick. Aber dieser genügte. »Nein«, sagte er. Er stieß dies eine Wort mit empörter, unwiderruflicher Endgültigkeit hervor. Sein ohnehin meist übelgelauntes Gesicht war in noch grämlichere Falten gelegt als sonst. Die Mundwinkel zogen sich verächtlich nach unten. Die dichten, buschigen Augenbrauen waren über der Nasenwurzel finster zusammengezogen und bildeten ein unheilverkündendes V. Ein Bild des Unmuts, saß er in dem schnittigen Aston-Martin-Sportwagen, der gegenüber dem Motel am Straßenrand hielt. »Also hör mal, Old Iron!«, protestierte der elegante, junge Sergeant Lister, der neben ihm hinter dem Steuer saß. »Du machst ja ein Gesicht zum Fürchten! Man könnte meinen, du blicktest auf Sodom und Gomorrha. Nun verrate mir doch bloß mal, was dir an diesem idyllischen Plätzchen so missfällt?« »Alles«, knurrte Cromwell. »Es ist zu groß... zu luxuriös... zu modern. Ich ziehe es vor, meine vierzehn Tage wohlverdienten Urlaubs an einem ruhigen, naturverbundenen Ort, weitab vom Lärm und Getriebe der vielbefahrenen Straßen zu verbringen. Als du mir den Vorschlag gemacht hast, hier herauszufahren, dachte ich etwas Derartiges vorzufinden. Aber hier würde ich es ja nicht einmal aushalten, selbst wenn es mich keinen roten Heller kosten würde.« »Und der Fluss - ist der gar nichts?« »Doch, der sieht soweit schon ganz ordentlich aus... dagegen ist nichts einzuwenden«, musste der Chefinspektor widerwillig zugeben. »Er erinnert mich fast an einen Abschnitt der Themse, nicht weit von Windsor.« »Es heißt, dass es in diesem Gewässer ganz ausgezeichnete Brassen und Rotaugen geben soll. Sieh dich doch wenigstens erst einmal ein wenig um, Old Iron. Verurteile doch nicht alles von vorneherein in Bausch und Bogen.« Der hochgewachsene, hagere Beamte von Scotland Yard stieß lediglich ein unverständliches Brummen aus. Er war nicht zu Unrecht für seine Halsstarrigkeit bekannt und nicht leicht von einer vorgefassten Meinung abzubringen. Und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte er sich sein Urteil bereits gebildet. Steifbeinig kletterte er aus dem, wie er nie zu betonen vergaß, höchst unbequemen Wagen und setzte sich in Richtung auf den Fluss in Bewegung. Als passionierten Sportangler zog ihn Wasser stets unwiderstehlich wie ein Magnet an. Es war Samstagabend, Anfang Juni. Cromwell und sein stets gutgelaunter, junger Assistent hatten dienstfrei, und so hatte Johnny vorgeschlagen, diese kleine Spritztour nach Suffolk zu unternehmen. In wenigen Wochen stand der vierzehntägige Urlaub seines Chefs bevor, und Johnny hatte gemeint, das Green-Valley-Motel, kurz vor dem kleinen Marktflecken Farley, müsse genau das geeignete Domizil für Cromwell sein. Johnny hingegen plante, nach dem Festland hinüberzufahren, um wenigstens einmal reichlich Sonne aufzutanken. Die Idee, Tag für Tag am Ufer eines Flusses in Suffolk zu verbringen, womöglich noch in strömendem Regen, war nicht gerade das, was er sich unter einem Urlaub vorstellte. Irgendwann einmal hatte ein Freund das Green-Valley-Motel ihm gegenüber in höchsten Tönen gelobt. Und zumindest trug es, das konnte er schon vom Wagen aus beurteilen, seinen Namen zu Recht. Es lag inmitten einer zauberhaften, grünen Hügellandschaft. Im Lauf der letzten Jahre war es zu einem begehrten Ferienziel geworden. Vor allem in Anglerkreisen. Nach allem, was Johnny gehört hatte, musste der Besitzer ein umgänglicher und angenehmer Mann sein, der fast so berühmt und beliebt war wie sein Motel. Während Cromwell quer über die Straße auf den Fluss zu marschierte, steuerte Johnny seinen Wagen auf den riesigen Parkplatz vor dem Hauptgebäude. Das Haus war zweistöckig gebaut, grüne Fensterläden leuchteten auf der weißgekalkten Mauer. Über dem Eingang lag die große Terrasse, deren Säulen und Geländer von üppig wucherndem wildem Wein umrankt waren. Zwei, drei Wagen standen bereits in der Nähe des Portals. Die Chromteile und der gutgepflegte Lack blitzten und spiegelten im Sonnenschein, denn nur ausgesprochen wohlhabende Leute konnten es sich leisten, diesen exklusiven Ort zu besuchen. Hinter dem Hauptgebäude dehnte sich der kurzgeschorene, prachtvoll gepflegte grüne Rasen. Und beiderseits dieses parkartigen Gartens zogen sich in zwei Reihen die kleinen, individuell gebauten Bungalows hin. Jedes dieser winzigen stabil gebauten Häuschen besaß eine eigene Garage. »Tja, mein Sohn, gegen den Fluss ist nichts einzuwenden«, ertönte plötzlich hinter Johnny Cromwells sonore Stimme. »Man könnte fast sagen, er sieht verlockend aus. Tief und klar - es muss reichlich Fische geben.« »Komm, du alter Brummbär, lass uns wenigstens einen Moment hineingehen und etwas trinken«, schlug Johnny vor. »Es eilt ja nicht. Morgen ist Sonntag. Es genügt doch, wenn wir um Mitternacht zurück sind, und man fährt nicht einmal ganz zwei Stunden.« So gingen sie hinein. Und Johnny zumindest genoss die Harmonie der riesigen, gut aufgeteilten und mit wenigen Möbeln in erlesenem Geschmack eingerichteten Halle. Hier und da standen, mit wohldurchdachter Zufälligkeit, große, einladende Ledersessel. Davor kleine Tischchen mit einer Glasplatte darauf. Die Schmalseite dieses ansprechenden Raumes nahm eine lange, ebenfalls lederbezogene Bar ein, deren warme Beleuchtung versteckt oberhalb der Spiegel hinter den mit bunten Flaschen vollgesteckten Fächern angebracht war. Die vielfältigen, farbenfrohen Etiketten versprachen jeden nur erdenklichen Genuss. Eine Flügeltür stand weit offen und gab den Blick auf einen leeren Festsaal frei. Zwei der hohen Hocker vor der Bar waren besetzt. Andere Gäste unterhielten sich mit gedämpfter Stimme, gemütlich in die riesigen Sessel gekauert. Trotzdem war überall noch reichlich Platz. Es war ja auch noch früh am Abend. Ein Mann, ein wahrer Riese von ungefähr fünfzig Jahren, in sehr aufrechter Haltung, mit am Hals offenstehendem Sporthemd und beigen Gabardinehosen mit messerscharfer Bügelfalte kam hinter der Bar hervor auf sie zu. Das sonnengebräunte, freundliche Gesicht zierte ein enormer Schnurrbart. »Willkommen im Green Valley, meine Herren«, begrüßte er sie munter. »Mein Name ist Melrose. Falls Sie beabsichtigen sollten, zu bleiben - zurzeit ist genügend Platz. Die Saison hat noch nicht begonnen. Vor Mitte Juli ist hier nicht viel los.« »Wir hätten gerne etwas getrunken - das wäre alles. Im Augenblick jedenfalls«, gab Cromwell vorsichtig zurück. »Ihr Fluss gefällt mir. Ich wusste bisher gar nicht, dass es hier in Suffolk ein so prächtiges Gewässer gibt.« Dem Chefinspektor war sofort klar, dass er den Besitzer Godfrey Melrose, Captain a. D., vor sich hatte. Mehr als einmal war ein Foto von ihm in der Anglerzeitung, die der Chefinspektor regelmäßig las, gebracht-worden. Denn Captain Melrose war in gewisser Weise so etwas wie eine Berühmtheit. Er war gleichermaßen als Sportfischer wie als Gastronom eine anerkannte Persönlichkeit. Die Küche im Green-Valley-Motel war einzigartig. Und so kam es, dass die Leute aus allen Teilen des Landes nach dieser stillen Ecke Suffolks strömten, um hier ihren Urlaub zu verbringen. Melrose hatte das Motel kurz nach dem Krieg erbaut. Nach und nach hatte er dann dies und jenes hinzugefügt und es so langsam vervollkommnet. Ursprünglich war es für die durchreisenden Autofahrer gedacht und für deren Bedürfnisse eingerichtet gewesen. Wie ja schon das Wort Motel besagte. Aber im Lauf der letzten fünf Jahre war die Kunde des erlesenen Komforts, der erstklassigen Verpflegung und des gepflegten Services so weit gedrungen, dass sich die Gäste mehr aus Dauer- und Ferienbesuchern als aus flüchtig einkehrenden Touristen zusammensetzten. Und nicht alle, die unter dem gastfreien Dach einkehrten, waren unbedingt begeisterte Angler. Der saure, düstere Gesichtsausdruck des berühmten Kriminalbeamten, der allgemein als Ironsides bekannt war, hatte sich erstaunlich besänftigt. Und als er schließlich einen der Barhocker erklomm, konnte man seine Miene fast als menschlich bezeichnen. Johnny Lister war über diesen auffälligen Wechsel höchst erfreut. Ein gut aussehender junger Mann stellte die gewünschten Getränke vor sie hin. »Mein Sohn Peter«, stellte Melrose vor. »Er ist mir bei der Geschäftsführung behilflich, und meine Frau hat die Küche unter sich. Sie wird auch gleich erscheinen. Nein, Sir, bitte stecken Sie Ihr Geld wieder ein. Der erste Drink geht auf meine Rechnung. Eine Sitte meines Hauses.« »Außerordentlich freundlich, Mr. Melrose«, meinte Cromwell dankend. »Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich mich etwas umsehe, bevor ich zu einem Entschluss komme? Ich angle hin und wieder auch. Und Ihr Fluss gefällt mir, muss ich schon sagen. Ich bin nämlich auf der Suche nach einem gemütlichen Plätzchen, wo ich Anfang Juli meinen vierzehntägigen Sommerurlaub verbringen kann.« Melrose lachte belustigt auf. Um seine Augen tanzten tausend Lachfältchen. »Wenn es Ihnen um das Fischen geht, brauchen Sie nicht länger zu suchen«, bemerkte er trocken. »Anfang Juli, sagten Sie?« Er lächelte bedeutungsvoll. »Das ist genau der Zeitpunkt, zu dem wir unseren jährlichen Wettbewerb abhalten. Hätten Sie nicht Lust, daran teilzunehmen? Allerdings muss ich gleich erwähnen, dass ich für Anfang nächsten Monats so gut wie ausgebucht bin.« Er verließ sie, um weitere Neuankömmlinge zu begrüßen. Offensichtlich Leute hier aus der Gegend. Denn das Green-Valley-Motel stellte auch für die sogenannten...




