E-Book, Deutsch, 233 Seiten
Gunn DER TEUFEL IM LABYRINTH
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7487-6561-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 233 Seiten
ISBN: 978-3-7487-6561-5
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Matilda Scott, eine sehr reiche und egozentrische Dame, unterzieht ihre Erben einer seltsamen Prüfung: Derjenige, der in kürzester Zeit den Irrgarten in ihrem Park bewältigt, wird der Haupterbe ihres großen Vermögens. Doch ihr Neffe, Major Claude Pilbeam, kehrt aus dem Irrgarten nicht zurück. Und als man ihn endlich findet, ist er seit Sunden tot - ermordet. Chefinspektor Bill Cromwell und Johnny Lister von Scotland Yard übernehmen den Fall... Der Roman Der Teufel im Labyrinth von Victor Gunn (eigentlich Edwy Searles Brooks; * 11. November 1889 in London; ? 2. Dezember 1965) erschien erstmals im Jahr 1960; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte im gleichen Jahr (unter dem Titel Die seltsame Idee der Mrs. Scott). Der Apex-Verlag veröffentlicht eine durchgesehene Neuausgabe dieses Klassikers der Kriminal-Literatur in seiner Reihe APEX CRIME.
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel
Carol Beaton versuchte die Bestürzung in ihren dunklen Augen zu verbergen, als das Taxi vor dem Landsitz ihrer Großtante hielt. Sie war zum ersten Mal hier, und die hohe Mauer um das Grundstück ließ eher ein Gefängnis dahinter vermuten als Privatbesitz. Das schmiedeeiserne Tor war verrostet und reparaturbedürftig, die Auffahrt zum Haus vernachlässigt und mit Unkraut bewachsen. »Wissen Sie genau, dass Sie hier richtig sind?«, fragte der Taxichauffeur zweifelnd, als sie bezahlte. »Aber das ist doch Haus Eibengrund, nicht wahr?« »Ja, Miss.« »Dann bin ich auch am richtigen Ort. Meine Großtante, Mrs. Matilda Scott, wohnt hier.« »Na, viel Vergnügen«, sagte der Taxichauffeur mit einem verächtlichen Blick auf das alte Tor. »Ich hab’ immer gedacht, das alte Haus steht leer. Jedenfalls hat sich noch nie jemand hierherfahren lassen. Mir kommt es ziemlich unheimlich vor. Sind Sie sicher, Miss, dass hier jemand wohnt?« Carol gab keine Antwort. Der Taxifahrer zuckte die Achseln und fuhr davon. Carol zögerte, als sie vor dem Tor stand. Der grauverhangene Himmel dieses Märznachmittags trug nicht dazu bei, ihre plötzliche Mutlosigkeit und Bedrückung zu verscheuchen. Die hohen, finsteren Eiben, die auf dem Grundstück wuchsen und dem Haus seinen Namen gegeben hatten, erinnerten sie an einen Friedhof. Und die Zweifel des Taxifahrers beunruhigten sie mehr, als sie sich eingestehen wollte. Das zwanzigjährige Mädchen im eleganten Schneiderkostüm, mit roten Haaren, lebhaften, dunklen Augen und ebenmäßiger Figur passte in dieses melancholische Überbleibsel viktorianischer Zeit nicht im geringsten. Carol arbeitete als Mannequin bei Madame Rousseau in London; man hatte ihr den Nachmittag freigegeben, damit sie diesen Besuch machen konnte. Dabei handelte es sich keineswegs um einen gewöhnlichen Verwandtenbesuch. Die Einladung durch die alte Mrs. Scott war in Form eines gebieterischen Befehls erfolgt. Carol sollte sich um drei Uhr einfinden. Sie hatte noch ein paar Minuten Zeit... Sie sah, dass einer der beiden Torflügel etwas offenstand. Sie stemmte sich dagegen, und der Torflügel bewegte sich knarrend nach innen. Sie schlüpfte hinein und ging langsam die Auffahrt entlang. Vor drei wollte sie das Haus nicht erreichen. Die Aufforderung der alten Dame hatte ihr einiges Kopfzerbrechen bereitet. Sie war nie mit ihrer Großtante zusammengetroffen, hatte nur von ihr gehört und sie seit ihrer Kindheit als eine Art Märchengestalt betrachtet. Mrs. Matilda Scott musste jetzt mindestens achtzig Jahre alt sein, wahrscheinlich sogar ein bisschen älter. In Carols Familie wurde sie als steinreich angesehen - auch aus diesem Grund hatte es Carol nicht gewagt, die Einladung zu ignorieren. Auf dem Weg zum Haus fühlte sie sich so einsam, als befände sie sich in einer völlig menschenverlassenen Gegend wie Dartmoor, anstatt in einer Nebenstraße von Richmond, beinahe in Hörweite einer verkehrsreichen Straße. Auch die Themse floss ganz in der Nähe vorbei. Der Weg machte eine Biegung, und sie konnte ihren ersten Blick auf Alas Haus werfen - ein massives, hässliches, vierstöckiges Gebäude, in dem vor fünfzig Jahren fröhliche Gesellschaften und Bälle stattgefunden hatten. Damals waren prächtige Kutschen vorgefahren, denen reiche und vornehme Gäste entstiegen. Aber vor nahezu einem halben Jahrhundert war Carols Großonkel gestorben, und für Großtante Matilda hatte eine Trauerzeit begonnen, die anscheinend bis zum heutigen Tage anhielt. Es gab keine Gesellschaften und keine Gäste mehr; Mrs. Scott wohnte immer noch in dem großen Haus, auch nachdem ihre beiden Kinder fortgezogen waren. Wie schade!, dachte Carol bedauernd. Langsam und unerbittlich waren Haus und Park im Lauf der Jahre verfallen. Ein leichtes Schaudern lief über Carols Rücken, als sie das nun genau in Augenschein nehmen konnte. Überall wuchernde und ungepflegte Sträucher; anstelle eines ehemals prächtigen Rasens eine Wildnis aus hohem, verfilztem Gras. Und die düsteren Eibenbäume überschatteten das ganze Grundstück, überfluteten es mit unsagbarer Melancholie. Wie bedauerlich, dachte Carol, wenn man sich erinnerte, dass dieser große Garten einmal das Prunkstück von Richmond gewesen war. Schwacher Groll gegen ihre Großtante regte sich; die alte Dame mit ihrem Reichtum hatte nicht das Recht, etwas so Schönes verkommen zu lassen. Und dieser Park war praktisch schon dem Untergang nahe, daran konnte niemand mehr zweifeln. Sie fröstelte wieder. War es klug gewesen, hierherzukommen? Sie begann sich sogar zu fragen, ob der Brief ihrer Tante, den sie über ein Rechtsanwaltsbüro erhalten hatte, als echt angesehen werden durfte. Konnte es sich nicht um einen Schwindel handeln? Sie dachte an die Worte des Taxifahrers. Vielleicht war dieses alte Haus wirklich leer, seit Jahren schon. Sie verglich das Haus mit ihrer eigenen kleinen Wohnung in der Innenstadt von London - so hell und modern, mit indirekter Beleuchtung und hübschen Möbeln. Sie wagte gar nicht daran zu denken, wie die Villa ihrer Großtante von innen aussehen würde. Lieber Himmel! Hoffentlich geht alles gut, sagte sie sich besorgt. Aber ich musste doch kommen. Sie wusste sehr wohl, warum sie kommen musste. Seit Jahren schon hatte sie die unbestimmte Vorstellung, dass ihr Großtante Matilda in ihrem Testament etwas vermachen würde. Deshalb leistete sie der Einladung Folge. Carol war nicht habgierig oder gewinnsüchtig, aber es wäre doch bedauerlich gewesen, die alte Dame in Harnisch zu bringen... Um Himmels willen! Was war denn das? Carol blieb stehen. Sie glaubte, ein leises Knacken in den dichten Sträuchern auf der gegenüberliegenden Seite der Auffahrt gehört zu haben. Es ging kein Wind. Vielleicht irgendein Tier... Carol machte einen Schritt vorwärts, dann blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen. Ein Schrei entrang sich ihr. Nur einen Augenblick lang starrte sie aus den Sträuchern ein Gesicht an, um sofort wieder zu verschwinden. Aber ein Blick hatte genügt. Ein bösartiges Gesicht - hager und gemein«- mit einer breiten Narbe, die vom linken Auge bis zum Mundwinkel lief. Stille. Carol stand wie erstarrt. Aus dem Gebüsch drang kein Laut. Sie fragte sich, ob sie sich das Gesicht eingebildet hatte. Nein, ganz unmöglich. Sie sah es noch vor sich - aschfahl und entsetzlich. Aber wenn sich dort ein Mann verborgen hielt, warum rührte er sich nicht? Sie hätte jede Bewegung hören müssen... Sie drehte sich schnell um und starrte in die Richtung des Tores. Sie hatte jemanden laufen hören, und im nächsten Augenblick tauchte ein stämmiger junger Mann in Sportjacke und grauen Hosen auf. »He! Waren Sie das?«, keuchte er, als er herankam. »Ja.« »Das war aber ganz schön laut«, meinte er und sah sich verwundert um. »Was ist denn los?« Er hatte blondes Haar, blaue Augen und war groß und ungeschickt. »Ich sehe nichts.« »Dort. In diesem Gebüsch«, flüsterte sie. »Ein schreckliches Gesicht. Ich dachte, er würde mich anspringen.« Der junge Mann sah sie einen Augenblick zweifelnd an, dann stolperte er schwerfällig in die Sträucher. Das Ergebnis war erstaunlich. Eine Gestalt brach aus der schützenden Deckung und rannte über den Rasen davon - ein großer, schlanker Mann in einem abgeschabten Mantel und zerknautschten Hut. »Hallo! Einen Augenblick, Sie«, brüllte der junge Mann. Der Flüchtende kümmerte sich nicht darum. Der junge Mann stürzte ihm sofort nach, lief mit aller Kraft und holte langsam auf. Der Mann mit der Narbe war offensichtlich nicht in Form, weil seine Bewegungen langsamer wurden, als er die andere Seite der freien Fläche erreichte und in eine Öffnung zwischen hochgeschossenen Taxushecken hineinsprang. Die Hecken waren nahezu zweieinhalb Meter hoch und die Öffnung sehr schmal. Der Verfolger rannte gleichfalls hinein und fand sich in einem schmalen Gang zwischen den Taxushecken wieder. Er kam zu einer plötzlichen Biegung. Vor ihm erstreckte sich ein weiterer schmaler Weg. Der Boden des Pfades war mit Kies bestreut. Er erreichte eine neuerliche Öffnung in den Hecken und entdeckte zwei weitere Abzweigungen. Er blieb keuchend stehen. »Was zum Teufel...« Und dann fiel es ihm ein. Das hier war der Garten von Großmutter Scott, und er hatte schon in seiner Kindheit gehört, dass sich darin ein altmodischer Irrgarten befinden sollte. Das war er also. Und er hatte sich darin verirrt. »Verdammt!«, schimpfte George Temple. Er hörte Schritte, irgendwo im Irrgarten, und das Knacken von Zweigen. Er drehte sich um und rannte zurück. Mehr durch Zufall als durch Überlegung fand er den Ausgang - denn er war noch nicht weit vorgedrungen. Draußen wartete Carol Beaton. »Ach du meine Güte! Das ist ja der Irrgarten meiner Großtante, nicht wahr? Ich dachte schon, Sie hätten sich verirrt«, sagte sie atemlos. »Dieser furchtbare Mann kam vor ein paar Minuten heraus. Er lief dort hinüber.« Sie deutete geradeaus. »Jetzt ist er verschwunden.« »Tut mir leid«, keuchte George. »Hab’ erst gemerkt, dass ich in einem Labyrinth steckte, als es schon zu spät war. Unsere Vorfahren zur Zeit der Königin Viktoria müssen doch ein bisschen verrückt gewesen sein, so etwas in ihren Gärten anzulegen. Ich dachte, alle Irrgärten seien verschwunden - außer dem einen berühmten in London?« »Man behauptet, dieser hier sei eine genaue Nachbildung des Irrgartens im Londoner Hampton-Park - nur etwas kleiner«, erklärte Carol. »Vielen Dank übrigens, dass Sie den Mann verfolgt haben. Ich weiß nicht, wer er...




