E-Book, Deutsch, 442 Seiten
Hall Der Herzog und die Schöne
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-95885-666-0
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 442 Seiten
ISBN: 978-3-95885-666-0
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Constance Hall lebt mit ihrer Familie in Richmond, Virginia. Sie hat bereits zahlreiche Romane unter ihrem eigenen Namen und unter Pseudonymen veröffentlicht; unter anderem schrieb sie erfolgreiche Filmromane. Ihre große Leidenschaft gilt aber dem Historischen Roman, und ganz besonders hat es ihr das 19. Jahrhundert angetan. Bei venusbooks veröffentlichte Constance Hall ihre historischen Liebesromane »Das Verlangen des Marquis«, »Der Herzog und die Schöne« und »Das Geheimnis des Lords« - auch als Sammelband unter dem Titel »Regency Secrets« erhältlich - sowie das romantische Lesevergnügen »Der Ritter und die stolze Lady«.
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Kapitel 2
Als Kelsey die Tür schloss, wartete Watkins schon auf sie. Er wirkte ein wenig verlegen, als hätte er an der Tür gelauscht.
»Zu Ihrem Zimmer geht es hier entlang, Miss.« Er drehte sich um und ging den Korridor hinunter, steif wie eine Drahtbürste. »Ich vermute, Sie sind über die Regeln im Bilde?«
Sie folgte ihm und antwortete in ihrer üblichen unbefangenen Art: »Da Ihr Gehör ausgezeichnet ist, müssten Sie wissen, dass man mich darauf hingewiesen hat.«
Ein wenig von der Sprödigkeit in Watkins Stimme schwand, als er sagte: »Wenn wir schon so offen miteinander reden, Miss ...«
»... hoffe ich, dass Sie das ›Miss‹ fallen lassen und mich Kelsey nennen.«
»Äh ... gern, Miss Kelsey.« Er sprach ihren Namen aus, als täte es ihm weh, dann fuhr er fort: »Erlauben Sie mir die Freiheit, Ihnen mitzuteilen, dass ich Seine Gnaden seit Jahren nicht mehr lachen gehört habe. Ich möchte Ihnen dafür danken.«
»Danken Sie mir nicht. Ich wollte ihn wütend machen, wie Sie sehr wohl wissen. Und ich bin sicher, Sie wissen, wie sehr ich ihn für all den Kummer, den er meinem Vater bereitet hat, verabscheue.«
»Vergeben ist besser als strafen; das eine zeugt von einem sanften, das andere von einem unbeherrschten Wesen.«
»Nicht zu fassen! Diesen Satz hat meine Mutter auch immer gepredigt – und dazu unzählige Zitate aus der Bibel. Epiktet und Salomon haben mich durch meine ganze Kindheit verfolgt, bis ich beschloss, dass ich genug hatte, und« – sie lächelte – »meine Mutter mich dabei ertappte, wie ich meine Bibel und eine Zitatensammlung von Epiktet vergrub.«
»Was tat sie daraufhin?« Leichte Belustigung schwang in seiner Stimme mit.
»Nicht viel, als mein Vater meiner Tat Beifall spendete. Das Ganze war bei uns zu Hause häufig Anlass für Streitigkeiten. Wissen Sie, mein Vater und meine Mutter waren sich immer uneins, was meine Erziehung anging. Er lehnte ihr puritanisches Denken ab und sie konnte nichts mit seiner Logik des Künstlers anfangen. Aber sie ließ sich nicht aufhalten. Nach dem Vorfall des Bücherbegrabens fing sie an, aus Popes Aufsätzen über die Moral und dem Buch der Psalmen zu zitieren.«
»Ihre Mutter muss eine sehr feine Dame gewesen sein.«
»O ja.« Ihre Stimme wurde ernst. »Der Vater meiner Mutter war der dritte Sohn Lord Brittlewoods und er entschied sich für die geistliche Laufbahn. Der Vater meiner Großmutter war ein Gutsherr. Ich habe meine Großeltern nie kennen gelernt. Sie hielten nichts von meinem Vater und enterbten meine Mutter, als sie mit ihm durchbrannte und ihn heiratete.«
»Oh ...« Er verstummte und verfiel in ein nachdenkliches Schweigen.
Watkins bog abrupt in einen anderen Korridor ein. Hier waren die Wände mit Holzvertäfelungen und Tapeten verkleidet, ein Hinweis darauf, dass sie zu einem der neueren Flügel von Stillmore gehörten. Kelsey rümpfte die Nase über die leuchtend gelbe Tapete mit tiefrotem Paisley-Muster. Es war grauenhaft, aber sie war froh, dass sie den Schatten und dem Ächzen und Stöhnen im älteren Teil des Schlosses entkommen waren.
Der Butler bog wieder ab, und sie betraten eine Gemäldegalerie. Betroffen von der Schönheit des Raums, verlangsamte Kelsey ihre Schritte. Helles Sonnenlicht fiel durch zehn hohe Fenster, die eine Seite des Zimmers säumten. Unter jedem der Fenster stand eine Sitzbank. Ein goldbrauner Teppich erstreckte sich über die gesamte Länge des weitläufigen Raums, dessen Farben zu den goldgelben Vorhängen vor den Fenstern und den Kissen auf den Bänken passten. An der gegenüberliegenden Wand hingen in kunstvoll geschnitzten, vergoldeten Rahmen Porträts der Vorfahren des Herzogs.
Langsam ging sie an den feierlichen, gepuderten Gesichtern von Salfords Familienmitgliedern vorbei, wobei ihr Bilder von Gainsborough, Rubens, Lely und Van Dyck auffielen. Da sie kaum je Gelegenheit hatte, so hervorragende Kunstwerke zu betrachten, blieb sie vor einem Gemälde von Sir Henry Raeburn stehen, ein Künstler, der an seinen satten Farben und weiten, kraftvollen Pinselstrichen leicht zu erkennen war.
Der Mann auf dem Bild stand unter einer Eiche und hielt die Zügel seines Pferds. Sein dunkelbraunes Haar war kurz geschnitten. Er hatte ebenmäßige, aristokratische Züge mit hohen Backenknochen, die seinem Aussehen etwas leicht Adlerhaftes verliehen. Das markante Kinn unterstrich die Arroganz, die seine gesamte Haltung prägte. Die angeborene Lebhaftigkeit und Verwegenheit, die in seinen tiefschwarzen Augen funkelten, waren von Raeburn mit meisterhaftem Scharfblick erkannt und aufs Bild gebannt worden.
Neben dem Gentleman hing das Porträt einer sehr schönen Frau im Abendkleid, ebenfalls ein Raeburn. Das Leid in den Augen der Frau zog Kelsey magisch an, und sie trat vor das Bild, um die hoch gewachsene, schöne Frau näher zu betrachten. Sie war sehr jung, vermutlich in Kelseys Alter, aber die Einsamkeit und Melancholie in ihren Augen, die Raeburn eingefangen hatte, ließen sie viel älter erscheinen. Goldene Locken umrahmten ihr Gesicht. Durch die leicht herabhängenden Schultern und das züchtig gesenkte Gesicht wirkte sie zurückhaltend und unnahbar und so, als verabscheute sie jeden Moment, den sie für den Maler Modell sitzen musste. Eine zukünftige Märtyrerin.
»Wie ich sehe, haben Sie die Porträts des Herrn und der verstorbenen Herzogin entdeckt«
Kelsey zuckte zusammen, als sie Watkins' Stimme so nah bei sich hörte. Sie legte eine Hand an ihren Hals und sagte: »Sie haben mich erschreckt.«
»Das tut mir Leid, Miss Kelsey.«
Seine ausdruckslose Stimme klang nicht im geringsten zerknirscht. Sie lächelte ihn an und musterte dann wieder das Porträt des schmalhüftigen, breitschultrigen Gentleman. »Das ist also Lord Salford?«
»Ja, kurz nachdem er den Titel geerbt hatte«, sagte Watkins mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme.
»Ich hätte ihn erkennen müssen.« Sie runzelte nachdenklich die Stirn, als die Erinnerungen zurückkehrten. »Ich habe ihn früher oft mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und einer hübschen jungen Dame an seiner Seite in seinem Wagen durchs Dorf jagen sehen. Aber das ist lange her ...« Bevor es zu dem Skandal kam, bevor sie ihn hasste.
Sie wandte rasch den Blick von Salfords Porträt ab und betrachtete seine Frau. Sie berührte den unteren Rand des vergoldeten Rahmens und strich mit der Fingerspitze über die glatte Kante. »Sie sieht sehr traurig aus«, bemerkte sie, um das Thema zu wechseln.
»Es wurde an ihrem Hochzeitstag gemalt.«
»Kein sehr freudiges Ereignis, wie mir scheint.« Als sie das Elend auf dem Gesicht der jungen Frau studierte, empfand sie tiefes Mitgefühl mit ihr. Gezwungen zu sein, Salford zu heiraten, musste schlimmer gewesen sein als lebenslängliche Haft im Tower von London.
»Es war eine arrangierte Ehe.«
»Ist das eine höfliche Art zu sagen, dass es keine Liebe zwischen Lord Salford und seiner Frau gab?« Sie drehte sich zu ihm um.
Er nickte. »Leider war es so.«
Ihre Mutter hatte ihr eingeschärft, dass Damen nicht mit den Dienstboten tratschten, aber da Kelsey sich nicht als Dame sah – Damen waren reiche, privilegierte, verwöhnte Wesen, nicht Töchter armer Künstler –, zögerte sie nicht zu fragen: »Hat sich die Herzogin nach dem Skandal tatsächlich umgebracht, Watkins?«
»Dazu kann ich nichts sagen, Miss Kelsey.« Watkins richtete sich kerzengerade auf und sagte nichts mehr. Offenbar war er Lord Salford zu treu ergeben, um seine Meinung zu äußern.
»Ihr Selbstmord muss dem Klatsch und Tratsch um Clarice' Tod neue Nahrung gegeben haben«, tastete sie sich weiter vor.
»Vermutlich, aber es steht mir nicht zu, über solche Dinge Überlegungen anzustellen.«
»Ach so.« Anscheinend wollte Watkins ihr damit zu verstehen geben, dass das Thema für ihn abgeschlossen war. Der Tod der Herzogin interessierte Kelsey nach wie vor, aber ihr war klar, dass Watkins keine weiteren Informationen preisgeben würde. Im Dorf war allgemein bekannt, dass Salfords Frau Selbstmord begangen hatte, aber niemand wusste Näheres darüber. Kelsey entschied, dass es möglicherweise ganz gut war, nicht mehr zu erfahren; manche Dinge blieben besser im Dunkeln.
Plötzlich stand das Bild von Salford und Clarice vor ihrem Auge, zwei Menschen, die sich hinter dem Kohlenschuppen in den Armen lagen. Sie glaubten, niemand könnte sie sehen, aber Kelseys Zimmer befand sich im Dachboden, und sie konnte die beiden von ihrem Fenster aus klar und deutlich erkennen. Clarice küsste ihn und rieb dabei ihre Hüften an ihm, mit wilden, animalischen Bewegungen ...
Kelsey kniff die Augen zusammen, um das unerwünschte Bild zu verscheuchen. Sie hatte die beiden nur dieses eine Mal gesehen, aber der Anblick hatte sie jahrelang bis in ihre tiefsten, dunkelsten Träume verfolgt. Immer war sie es, die in ihren Träumen von Salford geküsst wurde. Und wenn sie aufwachte, war sie schweißgebadet und zitterte von Kopf bis Fuß, erfüllt von einer schmerzlichen Leere, die schnell Verachtung für sich selbst wich, weil sie es zuließ, im Traum von einem Mann liebkost zu werden, den sie verabscheute. Watkins' Stimme holte sie in die Gegenwart zurück.
»Sie sehen blass aus. Ist Ihnen nicht wohl, Miss Kelsey?«
»Doch, es geht mir gut. Nur eine unerfreuliche Erinnerung«, sagte sie. Als sie ihre Hände aneinander rieb, spürte sie den Schweiß auf ihren Handflächen. Der Butler musterte sie besorgt, und sie fügte hinzu: »Wirklich, es ist vorbei. Mir geht es gut.«
»Wenn Sie mir dann bitte folgen würden.«
Kelsey schenkte der Frau auf dem Bild einen letzten mitfühlenden Blick und beeilte sich dann, Watkins einzuholen. Sie wanderten durch ein wahres Labyrinth von...




