E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Harrison Trophy Wife - Tödliche Affäre
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98952-949-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller - Bis dass der Tod uns scheidet ...
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-98952-949-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Colin Harrison ist ein hochgelobter amerikanischer Schriftsteller und Lektor. Er studierte englische Literatur am Haverford College in Pennsylvania, arbeitete zwölf Jahre lang für Harper's Magazine und ist seit 2000 Cheflektor im Scribner Verlag. Er lebt mit seiner Familie in Brooklyn. Bei dotbooks veröffentlichte der Autor »Trophy Wife - Tödliche Affäre«, »The Lawyer - Ein Deal mit dem Tod«, »Manhattan Mafia - Alles hat seinen Preis« und »Wall Street Murder - Schmutzige Geschäfte«.
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KAPITEL 1
49. STRASSE WEST ZWISCHEN FIFTH UND SIXTH AVENUE, MANHATTAN
Am Anfang ihrer Geschichte und seiner Probleme stand Verlangen. Zügig eilte er mit Jennifer Mehraz durch die Straßen von Manhattan, nachdem er bis zum letzten Moment und dann nochmals drei Minuten länger in der Lobby der Kanzlei auf sie gewartet hatte, bis sie endlich in einem blauen Sommerkleid hereingerauscht war. »Paul, tut mir leid, ich hab kein Taxi bekommen –« Das Übliche. Wir müssen uns beeilen. Jetzt bahnten sie sich einen Weg durchs Rockefeller Center, wo es die Menschen zur Pause am Freitagmittag scharenweise nach draußen zog und das Arbeitsheer aus den Bürogebäuden von Manhattan – die Männer in Hemdsärmeln, die Frauen mit ausgestreckten nackten Beinen in der Septembersonne – jede freie Fläche einnahm und die überteuerten Sandwiches verzehrte, während man telefonierte, simste, sah und gesehen wurde. Von ihm nahmen die Leute kaum Notiz, von Jennifer umso mehr.
»Und man kann da einfach so rein?« In ihren hochhackigen Schuhen schritt sie erstaunlich weit aus, und der Wind drückte ihr das Kleid an den Körper. »Man braucht keine Eintrittskarte?«
»Nur wenn man mitbieten will.«
»Und? Bietest du?«
Paul nickte. »Aber sicher.«
»Und bekommst du den Zuschlag?«
»Will ich doch hoffen.«
Sie hatte Mühe, mit seinen zügigen Schritten mitzuhalten. »Gewinnst du immer bei Versteigerungen?«
»Nein. Aber ich verliere auch nicht oft.«
Sie überquerten die 49. Straße und gelangten, vorbei an den geparkten Limousinen und ihren Chauffeuren, die sich mit trostloser Miene rauchend die Zeit vertrieben, auf die Plaza von Christie’s.
»Bleib einfach an meiner Seite«, sagte Paul zu ihr, als sie durch die Glastür des Auktionshauses traten. Am Empfang holte er seine weiße Bieterkarte ab, bevor sie sich in einen eleganten Saal begaben, in dem er für sie beide in einer Reihe im hinteren Drittel, unweit vom Gang, zwei Plätze fand – er zog es vor, im Rücken seiner Konkurrenten zu sitzen.
Sie waren von den üblichen Verdächtigen umringt: betuchten Leuten oder ihren wichtigtuerischen Vertretern. Seit nunmehr zwanzig Jahren kam er schon her, seit seiner Zeit als Junganwalt in einer riesigen Kanzlei sieben Blocks von hier, während der er sich jeden Tag gefragt hatte, wie lange es dauern würde, bis sie ihn wegen Faulheit oder Inkompetenz feuerten. Die Mitarbeiter des Auktionshauses hatten ihn seitdem oft genug zu Gesicht bekommen, um ihm bei seinem Erscheinen stumm zuzunicken. Dabei war er nur einer von vielen, die es immer wieder zu dieser Pilgerstätte trieb, einem Schatzhaus, wo in einem endlosen Aufgebot Weltwunder den Eigentümer wechselten, Kostbarkeiten aus dem Besitz von Kaisern und Königen, Präsidenten, Moguln, Dieben, Fanatikern und Visionären, um oftmals für den Rest des Jahrhunderts oder auch für immer in der Versenkung zu verschwinden. Sein Interesse an Picassos oder an Elizabeth Taylors Juwelen oder der gelegentlichen Stradivari hielt sich in Grenzen. Die neueste Handschrift von Leonardo oder eine Porzellanschale aus der Qing-Dynastie ließen ihn kalt. Für Paul gab es nur eins – alte Stadtpläne von New York. Er war Sammler, und das schon seit dem zehnten Lebensjahr. Wie viele Karten nannte er sein Eigen? Unzählige – die meisten von eher bescheidenem, einige wenige von beträchtlichem Wert. Und an diesem Tag kamen bei Christie’s eine Reihe exquisiter Exemplare unter den Hammer, darunter eine Karte, auf die er schon seit Jahren ein Auge geworfen hatte.
Jennifer sah zu, wie der Auktionator im Smoking sein Mikrofon zurechtrückte, während ein paar wohlhabende ältere Frauen hinter ihnen Jennifer in Augenschein nahmen. Vielleicht waren sie da, um zu sehen, wie sich ihre eigenen Erbstücke verkauften. In den letzten Jahren war so mancher große alte Familienbesitz in New York den Bach runtergegangen – für den Rest der Welt kein Grund zum Trauern. Jennifer hielt dem kritischen Blick der Damen offenbar nicht stand: eine Spur zu blond? Zu viel Bein? Zu viel Schulter? Der Diamant an ihrem Finger zu protzig und zu groß? Dies alles half bei der abschließenden Klärung der Frage, in welcher Beziehung sie zu ihrem Begleiter stand – ob sie Pauls junge Frau oder doch eher Geliebte war. In der Stadt wimmelte es von Geliebten. Vielleicht passte Paul ins Raster – ein wenig Flaneur, der charmante Bengel mit dem unverschämten Glück, noch im Besitz seiner vollen Haarpracht zu sein, sagte ihnen wahrscheinlich ihr Kennerblick. Andererseits eindeutig nicht stinkreich. Verfügte über gewisse Mittel, aber nicht das große Geld. Nicht mit diesen ausgetretenen Schuhen und dieser billig aussehenden Uhr. Überhaupt ein bisschen zerknittert und in die Jahre gekommen, definitiv über den Zenit. Aber die meiste Aufmerksamkeit zog Jennifer auf sich. Sie spürten wohl, dass sie nicht mit dem Silberlöffel im Mund geboren worden war, sondern sich nach oben gedrängelt oder geschlängelt oder geschlafen hatte. Vielleicht musterten sie Jennifer auch nur wegen ihrer Jugend so kalt.
Jennifer sah auf ihr Handy. »Ahmed lässt grüßen.«
»Wo ist er gerade?«
»Irgendwo über dem Atlantik.«
»Wann kommt er nach Hause?«
»Sonntag. Am Montag steigt unsere Benefizgala, hörst du?« »Ich hab meine Eintrittskarten gekauft.«
»Aber am liebsten würdest du zu Hause bleiben?«
Er hasste diese Partys, alles daran, von Anfang bis Ende. Aber Jennifer und ihr Mann waren nun mal in die Wohnung gegenüber eingezogen – eins von diesen zu Wohlstand gekommenen jungen Paaren, geschäftlich und gesellschaftlich gut vernetzt, mit einem vollen Programm drei Abende die Woche, wenn Ahmed nicht gerade wieder zu seinem nächsten Deal auf Reisen war.
»Stimmt’s?«, hakte sie nach.
»In früheren Jahren bin ich zu so was gegangen.«
»Und?«
»Die Krabben sind meistens recht gut.«
Sie beugte sich zu ihm herüber, und er roch ihr Parfüm. »Paul, schon mal drüber nachgedacht, dass es ganz amüsant sein könnte? Vielleicht triffst du sogar eine alte Flamme.« Sie nahm ihm das weiße, nummerierte Bieterschild aus der Hand, betrachtete es und wedelte probeweise damit, sodass ihre goldenen Armreifen leise klirrten. »Kommt Rachel?«
»Sicher.«
»Klar, sie kann dich ja nicht unbeaufsichtigt unter die Leute lassen.«
Sie warf ihm ein schalkhaftes Lächeln zu, das ihn total vom Hocker haute. Andererseits hatten ihn Frauen schon unzählige Male total vom Hocker gehauen, und er hatte es noch immer überlebt. Nach seiner zweiten Scheidung war er mit einer Reihe von Liebschaften auf die Nase gefallen. Offenbar fand er nicht den richtigen Dreh mit der Ehe, und es hatte meist unschön geendet.
»Sieh mal, wen haben wir denn da! « Jennifer zeigte auf drei ein wenig hektisch wirkende Männer mittleren Alters, die gerade angekommen waren und in denen Paul kaltblütige Antiquitätenhändler aus Paris, Schanghai und Dubai wiedererkannte. »Die sehen gewieft aus«, sagte sie. »Und tun alles, damit es keiner merkt.«
Sie war nicht mehr ganz so blauäugig wie noch vor einem Jahr, als sie und Ahmed Paul gegenüber eingezogen waren. Sie lernte schnell, auf dem Weg nach oben eine unverzichtbare Gabe. Ahmed war ein Senkrechtstarter und hatte es schon weit gebracht. Nach dem Abschluss in Yale mit gerade mal zwanzig hatte er mit vierundzwanzig je einen Master in Betriebswirtschaft und in Jura in Harvard hingelegt und arbeitete inzwischen als Anwalt und Finanzier in Personalunion. Überflieger, keine Frage. Entsprechend war er – ein Marktbeherrscher in einer Metropole, in der es von seinem Kaliber eine Menge gab – von sich eingenommen. Drei Mal hatte Goldman Sachs versucht, ihn anzuwerben, und war abgeblitzt. Jetzt, mit zweiunddreißig, jettete Ahmed als Frontmann von einem Deal zum anderen um die Welt, für wesentlich ältere Männer, die es vorzogen, unerkannt zu bleiben. Paul hatte sich Ahmed zum heimlichen Studienobjekt erkoren. Wahrscheinlich hatte er sich zu diesem dämlichen Wohltätigkeitsabend nur breitschlagen lassen, um sich die neuesten Player auf dem Parkett der Reichen und Karrieremacher anzusehen, mit Ahmed als einem der kommenden Stars. Bei genauerer Betrachtung arbeitete Ahmed an den fließenden Grenzen zwischen Investmentbanken, Energiekonzernen und Regierung. Bei seinen Deals für mehrere Unternehmen zugleich fiel für ihn jedes Mal ein ordentlicher Batzen ab. Jennifers Mann hatte für Paul nicht besonders viel übrig; Pauls Sparte – Arbeits- und Einwanderungsrecht – rangierte auf seiner Werteskala ungefähr auf gleicher Höhe mit dem Servicepersonal, das jeden Abend seine Büroräume putzte. Lag Ahmed damit falsch? Ganz und gar nicht.
In Wahrheit kann mich Ahmed vor allem deshalb nicht leiden, dachte Paul, weil ich seine Frau besser verstehe als er. Paul wusste, wo sie herkam, wusste, was ihre letzten Sommersprossen und ihr leicht näselnder Pennsylvania-Akzent für sie bedeuteten. Er bezweifelte, dass Ahmed, Spross einer reichen iranischen Immigrantenfamilie aus Los Angeles, wo die Mehraz inzwischen eine Regionalbank sowie zahlreiche Gewerbeimmobilien besaßen, je in Jennifers Heimatstadt Reading gewesen war. Immer auf der Überholspur, hatte er bereits das etwas längerfristige Ziel im Auge, der erste iranischstämmige Senator oder Gouverneur zu werden, wofür die Ehe mit einer gebürtigen Amerikanerin unverzichtbar war. Doch bis dahin gingen sicher noch ein paar Jahre ins Land; wenn es dann so weit war, hatte er zweifellos sein stattliches Vermögen...




