E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Hartley Ein Sommer in Brandham Hall
19001. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96161-063-1
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
»Seit ich diesen Roman als Teenager zum ersten Mal las, begleitet mich die Atmosphäre der Sehnsucht nach vergangenen Zeiten und kindlicher Unschuld.«Ian McEwan
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-96161-063-1
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leslie Poles Hartley, 1895 in Whittlesey in England geboren, studierte neuere Geschichte in Oxford, schrieb Kurzgeschichten und machte sich einen Namen als Literaturkritiker, bevor er 1916 der Armee beitrat. Nach dem Krieg kehrte er nach Oxford zurück, wo er einen Kreis an Literaten um sich scharte und sich wieder der Buchkritik zuwandte. Nach seinem preisgekrönten ersten Roman Das Goldregenhaus(The Shrimp and the Anemone) gelang ihm der eigentliche Durchbruch mit seinem 1953 erschienenen Roman Ein Sommer in Brandham Hall, der bis heute als einer der schönsten englischen Romane des 20. Jahrhunderts gilt. Mit Julie Christie und Alan Bates in den Hauptrollen und einem Drehbuch von Literaturnobelpreistträger Harold Pinter wurde der Roman 1971 verfilmt und gewann im selben Jahr die Goldene Palme in Cannes. 1972 starb Hartley im Alter von 76 Jahren in London.
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1. KAPITEL
DER 8. JULI WAR ein Sonntag, und am darauffolgenden Montag brach ich aus West Hatch, dem Dorf in der Nähe von Salisbury, in dem wir lebten, nach Brandham Hall auf. Meine Mutter hatte mit meiner Tante Charlotte, die in London wohnte, ausgemacht, dass sie mich auf meiner Wegstrecke durch London begleiten sollte. Obwohl es mir zwischendrin in regelmäßigen Abständen den Magen umdrehte vor Aufregung, freute ich mich ganz unbändig auf diesen Besuch.
Die Einladung war folgendermaßen zustande gekommen: Maudsley war nie ein engerer Freund gewesen, was man schon daran merkt, dass ich seinen Vornamen gänzlich vergessen habe. Vielleicht wird er mir später noch einfallen: Das könnte eines dieser Dinge sein, vor denen meine Erinnerung noch zurückscheut. Aber damals redeten sich die Schüler nur selten mit dem Vornamen an. Der galt nur als lästige Bürde, wenn auch keine so schwere Bürde wie der zweite Vorname, den zu verraten schlichtweg dumm gewesen wäre. Maudsley war ein dunkelhaariger, schlanker Junge mit rundem Gesicht und hatte eine vorstehende Oberlippe, die seine Zähne entblößte; er war ein Jahr jünger als ich und tat sich weder in der schulischen Arbeit noch beim Sport hervor, aber er schummelte sich jedes Mal so mit durch, wie man so schön sagt. Ich kannte ihn recht gut, weil wir im selben Schlafsaal waren, und kurz vor der Tagebuchaffäre entdeckten wir, dass wir uns ganz gut leiden konnten, wir gingen immer nebeneinander (im Internat mussten wir nämlich in Zweierreihen gehen), zeigten einander unsere persönlichen Schätze und teilten uns sehr intime und daher prekärere Dinge mit, als Schuljungen sich normalerweise anvertrauen. Zu diesen Informationen gehörten auch unsere Anschriften; er erzählte mir, sein Zuhause heiße Brandham Hall, und ich erzählte ihm, wir wohnten in Court Place. Von uns beiden war er stärker beeindruckt, denn wie ich später entdeckte, war er ein Snob, was mir damals noch fernlag, außer in der Welt der Himmelskörper – da war ich der übelste Snob, den man sich vorstellen konnte.
Der Name Court Place nahm ihn für mich ein, und ich habe den Verdacht, dass sich auch seine Mutter davon beeindrucken ließ. Aber sie täuschten sich, denn Court Place war ein ziemlich gewöhnliches Haus, ein bisschen von der Dorfstraße zurückgesetzt, hinter girlandenartig befestigten Ketten, auf die ich ziemlich stolz war. Nun ja, so ganz gewöhnlich war es auch wieder nicht, denn ein Teil des Hauses war angeblich sehr alt. Es hieß, die Bischöfe von Salisbury hätten dort früher Hof gehalten, daher auch der Name. Hinter dem Haus hatten wir einen Morgen Garten, geteilt von einem Bach, zu dessen Pflege dreimal die Woche der Gärtner kam. Es war kein »Court« in dem volltönenden Sinne, von dem Maudsley wohl ausging.
Nichtsdestoweniger fiel es meiner Mutter nicht leicht, das Anwesen zu halten. Mein Vater war ein Sonderling gewesen, so kann man es wohl ausdrücken. Er hatte einen geschliffenen, präzisen Geist, der alles ignorierte, was ihn nicht interessierte. Ohne wirklich ein Menschenfeind zu sein, war er wenig sozial und unkonformistisch. Er hatte seine eigenen unorthodoxen Theorien zur Erziehung, und dazu gehörte, dass man mich nicht auf ein Internat schicken sollte. Solange er konnte, unterrichtete er mich selbst, mit Unterstützung eines Tutors, der aus Salisbury zu uns kam. Wäre es nach ihm gegangen, ich hätte nie den Fuß in eine Schule gesetzt, aber meine Mutter hatte es immer gewollt, und ich auch, und nach seinem Tod ging ich dann, sowie es möglich war. Ich bewunderte ihn und respektierte seine Ansichten, aber vom Gemüt her ähnelte ich eher meiner Mutter.
Seine Talente ließ er in seine Hobbys fließen, nämlich seine Büchersammlung und den Garten; als Brotberuf hatte er eine Routinebeschäftigung gewählt und war ganz zufrieden mit seiner Position als Bankdirektor in Salisbury. Meine Mutter regte sich über seinen mangelnden Unternehmungsgeist auf und war ein bisschen eifersüchtig und unduldsam gegenüber seinen Hobbys, denn wie es mit Hobbys nun mal so ist, er igelte sich ganz darin ein, und so brachte er es nie zu etwas, wie sie meinte. Wie sich herausstellte, irrte sie hier, denn als Sammler besaß er Geschmack und Voraussicht, und seine Bücher brachten uns eine Summe ein, die uns bei ihrem Verkauf in Staunen versetzte; tatsächlich verdanke ich es ihnen, dass ich von dringenden Geldsorgen im Leben verschont bleibe. Aber das war viel später; damals dachte meine Mutter Gott sei Dank noch nicht daran, seine Bücher zu verkaufen: Sie hielt die Dinge hoch, die er gemocht hatte, zum Teil auch aus dem Gefühl heraus, dass sie unfair zu ihm gewesen war; und wir lebten von ihrem Geld und der Pension von der Bank und dem bisschen Ersparten, das er hatte beiseite legen können.
Meine Mutter war zwar nicht sehr weltgewandt, aber das weltliche Treiben zog sie immer an; sie dachte wohl, dass sie unter anderen Umständen durchaus ihren Platz darin hätte einnehmen können. Aber da mein Vater Gegenstände lieber hatte als Menschen, hatte sie wenig Gelegenheit dazu bekommen. Sie mochte Klatsch, sie mochte soziale Anlässe und sie mochte es, sich passend dafür anzuziehen, sie registrierte sehr deutlich die öffentliche Meinung im Dorf, und eine Einladung zu einem Fest in Salisbury versetzte sie jedes Mal in helle Aufregung. Sich auf einem gepflegten Rasen mit gut gekleideten Menschen zu unterhalten, während der Turm der Kathedrale über uns aufragte, sie zu grüßen und von ihnen gegrüßt zu werden, kleine Familienneuigkeiten auszutauschen und schüchtern ihre Meinung zu politischen Diskussionen beizutragen – bei solchen Gelegenheiten bebte sie vor Vergnügen, sie fühlte sich durch die Anwesenheit dieser Bekannten unterstützt, sie brauchte diesen sozialen Rahmen. Wenn der Landauer eintraf (es gab im Dorf einen Mietstall), bestieg sie ihn mit einem Flair von Stolz und Genugtuung, der ganz anders wirkte als ihre übliche verhuschte, ängstliche Art. Und wenn sie meinen Vater überredet hatte, sie zu begleiten, trat sie beinahe triumphierend auf.
Nach seinem Tod sank das bisschen soziale Gewicht, das wir gehabt hatten, nochmals; aber schon vorher war es nie das, was sich jemand mit einem ausgeprägten Sinn für die feinen Unterschiede erwartet hätte, wenn er den Namen Court Place hörte.
Das erzählte ich Maudsley selbstverständlich nicht – nicht, weil ich ihm etwas hätte verbergen wollen, sondern weil unser Ehrenkodex persönliche Mitteilungen dieser Art verbot. Es war nicht selten, dass jemand mit dem Vermögen und dem gesellschaftlichen Ansehen seiner Eltern angab, aber Maudsley gehörte nicht zu diesen Jungen. In gewisser Hinsicht besaß er eine frühreife Vornehmheit; er musste schon eine gewisse Schule durchlaufen haben, bevor er an unser Institut kam. Die Tiefen seiner Seele verstand ich nie, vielleicht gab es da auch wenig zu verstehen, abgesehen von einem instinktiven Gefühl für die öffentliche Meinung, ein savoir-faire, das es ihm möglich machte, auf der Gewinnerseite zu stehen, ohne den Eindruck zu erwecken, dass er dies irgendwie angestrebt hätte.
Während der Tagebuch-Episode war er neutral geblieben, und mehr hätte niemand von seinen Freunden erwarten können. (Das ist keinesfalls Zynismus – da sie zu einer jüngeren Altersgruppe gehörten, hätten sie letztlich nichts für mich tun können.) Aber als ich am Ende als Gewinner aus der Sache hervorging, machte er keinen Hehl daraus, wie er sich über meinen Erfolg freute, und hinterher erfuhr ich, dass er auch seiner Familie davon erzählt hatte. Er ließ sich von mir in Magie unterrichten, und ich weiß noch, wie ich ihm – kostenlos – bestimmte Flüche aufmalte, die er benutzen konnte, sollte er mal in Schwierigkeiten kommen – obwohl ich nicht davon ausging, dass er je in eine solche Situation geraten könnte. Er schaute zu mir auf, und ich legte wirklich Wert auf seine Anerkennung. In einem vertrauteren Moment verriet er mir, dass er nach Eton gehen würde, und er war tatsächlich wie für Eton gemacht: lässig, wohlerzogen, selbstsicher.
Die letzten Wochen des Ostertrimesters waren die glücklichsten meiner bisherigen Schullaufbahn, und auch die Ferien wurden noch von ihnen angestrahlt. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, jemand zu sein. Als ich jedoch versuchte, meiner Mutter meinen veränderten Status zu erklären, war sie ratlos. Erfolg bei der schulischen Arbeit hätte sie verstanden (und glücklicherweise konnte ich ja auch von diesem berichten) oder Erfolg beim Sport (dessen konnte ich mich nicht rühmen, aber ich hoffte auf die Cricketsaison). Aber als Zauberer verehrt zu werden? Sie schenkte mir ihr sanftes, nachsichtiges Lächeln und schüttelte beinahe den Kopf. In gewisser Hinsicht war sie durchaus religiös, sie hatte mich dazu erzogen, mir Gedanken über moralisch gutes Verhalten zu machen und meine Gebete zu sprechen. Und das tat ich auch immer, denn unser Ehrenkodex gestattete das, solange es sachlich getan wurde: Hilfe beim lieben Gott zu suchen galt nicht als Petzen. Vielleicht hätte sie begriffen, was es für mich bedeutete, unter meinen Schulkameraden ein Auserwählter zu sein, wenn ich ihr die ganze Geschichte hätte erzählen können, aber ich musste sie so redigieren und zensieren, dass vom Original nur wenig übrig blieb, und am allerwenigsten eben von diesem berauschenden Übergang vom tiefsten Tal des Verfolgtwerdens auf einen Sockel der Macht. Ein paar Jungen waren ein bisschen unfreundlich zu mir gewesen, jetzt waren sie alle sehr freundlich. Weil ich etwas in mein Tagebuch geschrieben hatte, was einem Gebet nicht ganz unähnlich war, hatten sich die unfreundlichen Jungs wehgetan, und ich konnte nicht aus meiner Haut...




